Illustration: sli.ch / Pascal Blaser
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12min Lesezeit

Es war ein ziemlich hektischer Dienstagvormittag auf der Polizeistation in Penlee. Überall rannten Leute die Bürogänge auf und ab und ständig klingelte irgendwo ein Telefon. Dazu hörte man aus dem Büro von Chief Hunt eine laute schrille Stimme.

Little Ben

«Ich verstehe einfach nicht, dass Sie meinen Fall nicht mehr bearbeiten wollen! Was sind denn das überhaupt für Sitten hier bei der Polizei in Penlee, Mr. Hunt?»

Die alte Witwe Mrs. Viper war völlig hysterisch und kreischte ununterbrochen. Dabei schüttelte sie immer wieder ihr streng frisiertes graues Haar, das dadurch immer mehr durcheinandergeriet.

«Bei mir ist schliesslich eingebrochen worden! Und Sie tun überhaupt nichts!» Ihre nervige Stimme überschlug sich bei jedem zweiten Wort.

«Mrs. Viper», versuchte der Chefinspektor erneut, sie mit eindringlicher Stimme zu beruhigen. «Wir
können nichts mehr für Sie tun. Schauen Sie: Es wurde Ihnen noch nicht einmal etwas gestohlen. Nichts fehlt. Niemand wurde verletzt. Es ist also lediglich ein Einbruch und eine Beschädigung an der Tür nachzuweisen. Das ist kein Diebstahl. Das ist eine einfache Sachbeschädigung. Und genau deshalb haben wir auch bereits eine Anzeige gegen unbekannt erstattet. Die Schlösser an Ihrer Tür sind ausgewechselt. Mehr können wir beim besten Willen nicht tun.»

«Ach, Sie sind genauso ein Nichtsnutz wie Ihr Officer, dieser sogenannte Big Ben. Und der hätte mich sogar beinahe erschlagen!»

Der Chefinspektor rollte mit den Augen. Das hatte sie ihm jetzt schon mindestens drei Mal erzählt. Diese Frau war einfach unerträglich. Es hatte einen guten Grund, dass niemand in der Stadt sie leiden konnte. Sie war und blieb nun mal eine alte, verbitterte Frau.

Zum Glück kam in diesem Moment ihr Enkel zur Bürotür hinein und der Chefinspektor atmete heimlich erleichtert auf.

«Mrs. Viper, ich danke Ihnen für Ihren Besuch. Aber ich glaube, Ihr Enkel Collin ist hier, um Sie abzuholen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Sie hören sofort von uns, wenn wir neue Informationen zu Ihrem Fall haben», versprach er höflich, ohne aber hinzuzufügen, dass er nicht glaube, dass es dazu kommen würde. Chief Hunt hätte die Alte am liebsten hochkant zur Türe hinausgeworfen, aber er war ein gutes Vorbild für seine Mannschaft und konnte sich deshalb auch beherrschen.

«Sie werden noch von mir hören, Mr. Hunt», keiftedie Alte zurück. «Jeden Tag werde ich Sie anrufen und nachfragen, was Sie unternommen haben. Ich lasse mich doch nicht so einfach abwimmeln!»

Mit einem energischen Kopfnicken erhob sie sich erbost aus dem Stuhl und rauschte mit ihrem
Enkel ab.

Alle Anwesenden auf der Polizeistation hatten mitbekommen, wie sich die Alte aufgeführt hatte. Mittlerweile konnten sich die meisten von ihnen das Lachen kaum mehr verkneifen.

« Vom ständigen Kopfschütteln war das Haar von Mrs. Viper mittlerweile nämlich völlig zerzaust, sodass sie aussah wie eine böse Hexe.»

Draussen auf dem Parkplatz standen Big Ben und Little Ben und vertrieben sich dort die Zeit.

«Ich sehe etwas, was du nicht siehst, und das ist weiss», neckte Little Ben seinen grossen Freund.

«Die Blumen im Beet dort?»

«Nein.»

«Dann ist es der weisse Hund von dem Mann auf der anderen Strassenseite.»

«Nö.»

«Die Wolken? – Die Zahlen von den Nummerntafeln der anderen Autos? – Die Blumentöpfe von der Gärtnerei da drüben?»

«Nein, nein und noch drei Mal nein. Ich sag’s dir lieber, sonst stehen wir noch morgen hier blöd rum.»

Big Ben schaute ziemlich verdattert drein. Er hatte keine Ahnung, was Little Ben meinte.

«Na ganz einfach: Es ist der Puderzucker. Er ist um deinen ganzen Mund herum! Eigentlich hast du ihn im ganzen Gesicht. Du siehst gerade aus wie Micky Maus. Aber wie Micky Maus mit drei grossen Donuts im Bauch.»

Little Ben kugelte sich gerade vor Lachen und hüpfte dabei ein bisschen auf seinem Parkplatz auf und ab, so sehr amüsierte er sich über das erstaunte Gesicht seines Partners.

«Das ist unfair. Das sehe ich ja gar nicht», brummte Big Ben.

«Ja, genau deswegen heisst es ja auch ‚Ich sehe etwas, was du nicht siehst‘.»

Während Little Ben sich noch vor Lachen schüttelte, worüber Big Ben wiederum gar nicht so richtig
lachen konnte, waren die immer noch keifende Mrs. Viper und ihr Enkel aus der Polizeistation herausgekommen.

«Ist das nicht die Alte?», flüsterte Little Ben seinem Partner zu.

«Ja, das ist sie. Sie ruft jeden Tag an und kommt alle paar Tage zur Polizeistation, um blöd herumzumeckern. Seltsamerweise ist laut ihrer eigenen Anzeige nichts gestohlen worden.»

«Aber ich habe doch den Dieb mit der gestohlenen Rolle selbst gesehen!», empörte sich Little Ben.

«Na ja, mein Kleiner, das heisst ja auch nichts anderes, als dass dieser schrecklichen Mrs. Viper noch nicht einmal aufgefallen ist, dass ihr diese Schriftrolle fehlt.»

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Dabei zog sich Big Ben seinen Polizeihelm ein wenig tiefer ins Gesicht. Er wollte auf keinen Fall von der Alten entdeckt werden. Ihre übellaunigen Beschimpfungen konnte kein Mensch brauchen.

Little Ben war das egal. Obwohl es hell war, leuchtete er die Alte und ihren Enkel mit seinen grossen Augen an und inspizierte alles haargenau.

Der Enkel hielt ihr sogar die Tür auf, obwohl sie ihn die ganze Zeit nur anmeckerte. Dann startete Collin sein altes Auto und fuhr los.

«Ich sehe was, was du nicht siehst», flüsterte Little Ben und startete ebenfalls seinen Motor.

«Wovon redest du denn jetzt?», fragte Big Ben.

«Komm schon, steig ein, ich erklär dir das alles im Auto.»

Big Ben quetschte sich schon ziemlich geübt hinter das Lenkrad seines Partners, der sofort mit einem Affentempo lossauste. Obwohl Little Ben ziemlich oft seine Steuerung selbst übernahm, hatte sich der grosse Polizist noch immer nicht daran gewöhnt.

«Was weisst du eigentlich über diese alte Frau?», wollte Little Ben wissen, während er die Verfolgung aufnahm.

«Ich verstehe zwar nicht, was du so genau wissen willst, aber die Alte, nun ja, sie ist ein richtiger Giftzwerg. Sie mischt sich überall ein, mag keine Kinder, keine Feiertage, keine Süssigkeiten, mag keinen Lärm, kein Nichts! Das Einzige, was sie wirklich über alles liebt, ist ihr Kater Cäsar. Der ist so ein richtig fettes Katzentier, sag ich dir. Der bekommt den ganzen Tag das beste Futter, was man sich überhaupt vorstellen kann. Und einmal in der Woche geht sie mit ihm sogar zum Frisör! Unglaublich, oder?»

«Ja, das ist es schon. Aber mich interessiert weniger der fette Kater als ihr eigener Enkel. Was weisst du über den?»

«Collin Viper», antwortete Big Ben, «ist ein armer Kerl, der einzige Verwandte, der ihr aus der Familie noch geblieben ist. Er arbeitet in der Fischfabrik. Unten am Hafen. Er hat zwei kleine Kinder und eine sehr nette Frau. Aber was soll das eigentlich alles? Was hat Collin mit dem Überfall zu tun?» Sein Partner klang ein bisschen verwirrt.

« Na ja, jedenfalls trägt er einen Ring, der genauso aussieht wie das Zeichen auf der gestohlenen Schriftrolle. Ich habe es genau gesehen», sprudelte es aus Little Ben heraus.»

«Collin Viper trägt einen Ring mit demselben Zeichen darauf. Eine Schlange, die sich in den Schwanz beisst.»

«Mein Gott, wie hast du das auf diese Entfernung denn noch erkennen können?»

«Ich hab halt extrem scharfe Augen», grinste Little Ben.

In der Zwischenzeit war das Auto vor ihnen in die Lane Street zum Haus der alten Mrs. Viper gefahren. Die beiden konnten noch beobachten, wie Collin seiner Oma aus dem Auto half und sie zum Haus brachte. Dabei würdigte sie ihren Enkel keines Blickes und schlug ihm die Haustür vor der Nase zu.

Illustration: sli.ch / Pascal Blaser
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«Ein Wappen. Es ist ein Wappen!», murmelte Big Ben gedankenverloren.

«Ein was? Was ist ein Wappen?» Little Ben hatte so etwas noch nie gehört.

«Nun ja, ein Wappen ist eine Art Erkennungszeichen. Ein Zeichen, das für etwas Besonderes steht. Zum Beispiel als Wappen einer Stadt, einer Landschaft oder einer Familie.»

Little Ben war ganz aufgeregt: «Dann gibt es also auch Familienwappen?» Big Ben nickte.

«Dann ist es das Familienwappen der Vipers. Eine Viper ist eine Schlange. Und das Symbol ist auch eine Schlange. Also ist es das Familienwappen der Vipers. Es muss etwas in dieser Schriftrolle gewesen sein, das die gesamte Familie Viper betrifft.»

«Ja, das wird genau so sein», schloss sich Big Ben seiner Meinung an. «Jetzt müssen wir allerdings nur noch herausfinden, was es mit dem Wort AMEN auf sich hat!»

Little Ben hatte seine Spürnase entdeckt und war immer noch ganz aufgeregt. «Weisst du, wo dieser Collin Viper wohnt? Wir sollten ihn ein bisschen beobachten.»

«Na klar weiss ich, wo der wohnt. Die Gegend ist schliesslich bekannt für Raufereien und ständigen Ärger. Ihn zu beobachten, ist eine prima Idee! Aber vorher holen wir uns noch etwas zu futtern. Schliesslich kann es sein, dass wir die ganze Nacht wach bleiben müssen. Und das sollte man auf keinen Fall mit leerem Magen tun!»

Darüber mussten beide ziemlich laut lachen und steuerten gemeinsam die nächste Tankstelle an.

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Aus dem zentralplus Blog «Little Ben – ein unglaubliches Polizeiauto»

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