Wahlpodium Regierungsratswahlen Wolhusen

Im Rössli kreuzen die Kandidatinnen die Klingen zur Wahl

Die SRF-Wahlmatinée Wolhusen stellte die Regierungsratskandidatinnen für die Wahlen vom 2. April auf den Prüfstand. (Bild: Michael Flückiger)

Wie weiblich und links soll der Luzerner Regierungsrat werden? Ein Abriss mit inhaltlich pointierten Zwischentönen zur Kandidatinnen-Wahlmatinée des «SRF Regionaljournals» am Sonntag in Wolhusen.

Ins «Rössli» pilgern die Wolhusener sonntags jeweils direkt nach der Messe die Kirchhalde oder Kirchgasse hinunter. Zum Frühschoppen. Doch heute ist nichts mit Kirchgang, die Regierungsratskandidaten stellen sich hier erstmals in globo dem Publikum. Chiara Peyer, Regierungsratskandidatin der Jungen Grünen, schleppt eigenhändig einen rund 1,50 Meter hohen Karton mit ihrem Konterfei die Bernstrasse hinauf.

Von weit her leuchtet ihr beim «Rösslikreisel», notabene dem ältesten im ganzen Kanton Luzern, das Gesicht des Wolhusener FDP-Kantonsratskandidaten Nikoll Prenka entgegen. Sein Riesenplakat über der Kreiselbäckerei versperrt zwei Wohnungsfensterfronten fast komplett. Die Wohnungen stehen leer. Prenka, der Geschäftsführer eines Elektrofachgeschäfts, ist hier bei der Innenrenovation mit involviert – und nutzt laut eigenem Bekunden die Aussenfassade gleich mit dem grössten Wahlplakat im ganzen Wahlkreis Entlebuch.

Nikoll Prenka setzt beim ältesten Kreisel Luzern in Wolhusen (rechts das «Rössli») eine Duftmarke.
Nun kennen ihn auch die Regierungsratskandidaten: Nikoll Prenka (FDP, neu) setzt in Wolhusen (rechts das «Rössli») eine Duftmarke.

«60 Plakate habe ich auf der Fahrt von Büron hierher gezählt», meint SRF-Regionalredaktorin Mirjam Breu im «Rösslisaal». «Also ich musste mich aufs Autofahren konzentrieren von Hildisrieden her», entgegnet ihr Kollege Sämi Studer. Das Politmenu der beiden Radioleute für die etwa 180 Gäste im «Rössli»: drei einzelne Podien mit unterschiedlicher Kandidatenzusammensetzung.

Drei Sätze mit Humor gemeistert

Sich in drei Sätzen kurz vorzustellen, gelingt den elf Protagonisten so einigermassen. Ein Auszug: Reto Wyss (Mitte, bisher) packt neun Zahlen aus, die für ihn wichtig sind und schafft es dank ganz vielen Kommas, diese auch kurz zu erklären. Fabian Peter (FDP, bisher) stellt sich zwar gern dem Publikum. Er wäre aber auf explizite Nachfrage doch lieber an einem Schwingfest als am Podium, wenn er denn die Wahl hätte. Die beiden Bisherigen können es locker nehmen, dank ihren anerkannten Leistungsausweisen haben sie keine Abwahl zu befürchten.

Doch auch anderen glückt es, das Publikum zu erheitern: Armin Hartmann (SVP, neu) hat auf der Hinfahrt durchaus auch Plakate gesehen. «Doch ist mir noch viel mehr aufgefallen, wo überall eines von mir selber fehlt.» Und als «Frühaufsteherin, Kaltduscherin und Familienmensch» mit «Nervositätsgrad minus 1» erteilt Andrea Kaufmann (Junge Mitte, neu) dem Publikum eine Lektion in trockener Prägnanz. Mit dem kleinsten Fanclub wartet der wilde Kandidat Jürgen Peter (parteilos, neu) auf: Ihn begleiten seine Frau und eine Bekannte.

Urchige Jodelklänge aus Simone Felbers «iheimisch»-Kapelle leiten über zur Inhaltsdiskussion, die im ganzen Trubel unterzugehen droht.

Was Fanaj, Hartmann, Huser und Wyss mit 150 Millionen Franken täten

Das erste Podium bestreiten Caudia Huser (GLP, neu), Ylfete Fanaj (SP, neu), Armin Hartmann (SVP, neu) und Reto Wyss (Mitte, bisher). Was würde er, Wyss, denn anfangen, wenn die Nationalbank doch noch 150 Millionen Franken für Luzern hervorzaubern würde? «Wir haben 160 Millionen eingestellt, das Geld haben wir nötig. Es ginge mit zuerst in die Bildung, dann in die Gesundheit und schliesslich in dritter Priorität in Soziales.»

Ylfete Fanaj würde die 150 Millionen in Prämienverbilligungen investieren, um die Kaufkraft derjenigen zu stärken, die es am nötigsten haben. Zudem flösse Geld zwecks Unterstützung in die Kita-Infrastruktur und damit in die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Claudia Huser würde die Wirtschaft fördern, Armin Hartmann in die Infrastruktur investieren, um die Wirtschaft zu unterstützen.

Unterschiedliche Beurteilung der Steuergesetzrevision

Die Steuergesetzrevision 2025 bewerten die Kandidatinnen unterschiedlich. Ylfete Fanaj findet, es sei alles schiefgelaufen. Nun seien die Gemeinden dazu gezwungen, die Steuersenkungen für Unternehmen mit Steuererhöhungen zulasten der Privaten auszugleichen. Wäre sie in der Regierung, wäre die Steuergesetzrevision bestimmt nicht so rausgekommen. Armin Hartmann ist sich sicher, dass die Regierung trotz unterschiedlicher Reaktionen auf dem richtigen Weg ist. Nun müsse man einzelnen Gemeinden noch mehr entgegenkommen.

Wyss schlägt in die gleiche Kerbe und verweist auf die OECD-Mindestbesteuerung, auf die der Kanton Luzern eine Antwort finden müsse. Zumal der Kanton Luzern akuell im interkantonalen Vergleich ohnehin schon am Schwanz stehe bezüglich Steuerabschöpfung. Er sagt: «Wir sind grundsätzlich gut unterwegs und konnten unser Budget um sechs Prozent erhöhen, was der ganzen Bevölkerung zugute kommt.»

Auch Claudia Huser ist von der Revision überzeugt, weil sie Mehrerträge bringe: «Nun geht es darum, wie wir die Gemeinden an diesen besser beteiligen können.»

Wie sehr sollen Geflüchtete aus der Ukraine nun integriert werden?

Was würden die einzelnen Kandidaten tun, käme in ihrer unmittelbaren Nähe ein Asylzentrum zu stehen? Die Frage führt zu engagierten Voten. Armin Hartmann kann ein wesentliches Problem benennen, das ihm viel Aufmerksamkeit beschert: «Mit dem Schutzstatus S sagt uns der Bund, dass die Geflüchteten aus der Ukraine vorübergehend da sind und wieder zurückkehren sollen.»

Hartmann folgert daraus: «Wir sollen also zurückhaltend integrieren und verhindern, dass allzu viel Bindung entsteht. Zugleich gilt auf Kantons- und Gemeindeebene der Grundsatz, dass Flüchtlinge so rasch wie möglich zu integrieren sind. Diesen Widerspruch gilt es zu klären.»

«Wenn wir den Mangel an Pflegefachleuten in den Griff bekommen wollen, müssen wir Geld investieren. Jede Massnahme ist mit Kosten verbunden.»

Christa Wenger, Regierungsratskandidatin Grüne (neu)

Auf die Publikumsfrage, was die integrationsorientierte Ylfete Fanaj dazu sagt, wenn jemandem die Wohnung gekündigt wird, damit ein Asylsuchender platziert werden kann, entgegnet sie unmissverständlich: «Das darf keineswegs passieren.»

Mehr Unterstützung und Innovation für die Landwirtschaft

Christa Wenger (Grüne, neu), Michaela Tschuor (Mitte, neu) und Fabian Peter (FDP, bisher) bestreiten das zweite Podium. Es geht zunächst um Landwirtschaft, ein heisses Thema in einem Kanton, der einen Drittel aller Schweizer Schweine mästet. Alle drei Kandidaten vermitteln Nähe zur Landwirtschaft. Michaela Tschuor will vor allem Innovationen in der Landwirtschaft fördern und nicht noch restriktivere Bedingungen schaffen.

Fabian Peter ist intensiv im Kontakt mit Landwirten und kennt deren existenziellen Ängste. Er meint, man müsse den Landwirtinnen Alternativen zur Nutztierhaltung anbieten. Sei es, um vermehrt auf Beerenkulturen zu wechseln oder die ökologischen Wertschöpfungen mit Solarenergie oder Biomasse zu erhöhen.

«Es braucht in der Pflege über Lohnerhöhungen hinaus eine Ausbildungsoffensive und Arbeitsmodelle mit einer besseren Work-Life-Balance.»

Michaela Tschuor, Regierungsratskandidatin Mitte (neu)

Christa Wenger ist klar der Meinung, dass der Kanton die Landwirte mehr unterstützen muss, damit der Umbau in eine Landwirtschaft mit weniger Nutztieren gelingen kann. Ein Betrieb müsse für seine Betreiber unbedingt als Lebensgrundlage funktionieren können.

Personalmangel in der Pflege braucht Paket an Gegenmassnahmen

Das Beheben des Pflegenotstandes erachten alle Podiumsteilnehmer als vordringlich. Christa Wenger erinnert daran, dass bereits nach drei Berufsjahren über ein Drittel des Personals aussteigt. «Wenn wir den Mangel an Pflegefachleuten in den Griff bekommen wollen, müssen wir Geld investieren. Jede Massnahme ist mit Kosten verbunden.»

«Die Effizienz muss im Vordergrund stehen. Anstelle von Intensivstationen brauchen wir mehr IMC-Stationen, also solche mit intensiver pflegerischer und gleichzeitig nicht intensive medizinische Betreuung.»

Fabian Peter, Regierungsratskandidat FDP (bisher)

Auch für Michaela Tschuor ist es mit einer besseren Bezahlung der Jobs nicht getan: «Es braucht in der Pflege über Lohnerhöhungen hinaus eine Ausbildungsoffensive und Arbeitsmodelle mit einer besseren Work-Life-Balance.» Fabian Peter sieht viel Potenzial in der Digitalisierung und Automatisierung von Administrativprozessen, damit die Pfleger sich vermehrt den Patienten widmen können.

Auch das Spital Wolhusen ist ein Thema. Die Lösung mit einer medizinischen Grundversorgung in Luzern, Sursee und Wolhusen unterstützen alle drei Kandidaten. Nur fragt sich, ob die Definition, was Grundversorgung überhaupt umfasst, ins Gesetz geschrieben werden soll. Fabian Peter hält das für falsch: «Die Effizienz muss im Vordergrund stehen. Anstelle von Intensivstationen brauchen wir mehr IMC-Stationen, also solche mit intensiver pflegerischer und gleichzeitig nicht intensive medizinische Betreuung.»

Auch Christa Wenger erachtet die gesetzlich festgeschriebene Definition als unnötig. Und für Michaela Tschuor ist es vor allem wichtig, Rechtssicherheit und Vertrauen zu schaffen.

Die pfiffigen jungen Kandidatinnen und der seniore Quereinsteiger

Das dritte Podium mit den weniger favorisierten Kandidaturen macht den Abschluss. Der parteilose Kandidat Jürgen Peter (61, neu), präsentiert ein umfangreiches Programm auf seiner Website.

«Der Weg der dualen Bildung braucht sehr viel mehr Unterstützung gegenüber dem akademischen Bildungsweg. Wir brauchen mehr Handwerkerstolz.»

Andrea Kaufmann, Regierungsratskandidatin Junge Mitte (neu)

In erster Priorität will Jürgen Peter Unterwasserturbinen im Vierwaldstättersee zur Stromproduktion realisieren, um das Energieproblem zu lösen. Zudem will er für Familien mit Kindern, sofern beide Elternteile wieder arbeiten wollen, einen Zustupf an die Kitakosten leisten und so den Fachkräftemangel beheben.

Zoé Stehlin (Juso, neu) ist Co-Präsidentin der Juso Luzern und arbeitet am Luzerner Kantonsspital wie auch am Unispital Zürich. Die Studentin der Humanmedizin ist täglich mit dem Pflegealltag konfrontiert. Sie stört es, dass bürgerliche Politiker von mehr Unterstützung für Pflegeberufe sprechen, gleichzeitig aber die Pflegeinitiative abgelehnt haben. «Ich will mich für bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen und einen Ausbau der Prämienverbilligung einsetzen.»

Die gelernte Kauffrau Andrea Kaufmann (Junge Mitte, neu) arbeitet als Sachbearbeiterin Liegenschaft und Bau in der Gemeinde Neuenkirch. Sie ist überzeugt: «Der Weg der dualen Bildung braucht sehr viel mehr Unterstützung gegenüber dem akademischen Bildungsweg. Wir brauchen mehr Handwerkerstolz.»

Die gelernte Kauffrau Chiara Peyer (Junge Grüne, neu) ist politische Sekretärin für die kantonale Jung- und Mutterpartei der Grünen. Ihr ist der Klimaschutz ein zentrales Anliegen, doch auch bei Finanzthemen hat sie eine klare Haltung: «Die mit der Steuerrevision angestrebten Steuersenkungen halte ich für unnötig, weil davon zu 75 Prozent die Unternehmen und die Vermögenden profitieren. Das Geld muss da investiert werden, wo es benötigt wird.»

Was bleibt vom Wahlpodium?

Obwohl schon über zwei Stunden verstrichen sind, erhält das Schlusspodium mit den peppigen Voten der jungen, kämpferischen Frauen auch noch nach 12 Uhr mittags ungeteilte Aufmerksamkeit. Trotzdem: Chiara Peyer hätte ihren grossen Karton nicht unbedingt mitzunehmen brauchen. An die Parteistände mit Plakaten, Wahlunterlagen und Goodies ganz hinten im Saal verirrt sich kaum jemand.

Alle Zeichen sehen jetzt auf Aufbruch: Kaum hat die Kapelle «iheimisch» ihr letztes lüpfiges Schmankerl an die Schlussworte angehängt, zerstreuen sich die Kandidatinnen und das Publikum in alle Winde und überlassen dem «SRF», dem Servicepersonal und den Parteihelfern das Aufräumen. Der Sonntag geht anderswo weiter.

Verwendete Quellen

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