Luzerner Regierungsratskandidaten

Reto Wyss – der schmunzelnde Digitalisierer

Reto Wyss will die Digitalisierung vorantreiben. Deshalb lädt er zum Ortstermin im Rechenzentrum der CKW, wo die Daten des Kantons Luzern zusammenfliessen. (Bild: Michael Flückiger)

Seine Wiederwahl am 2. April würde Kontinuität bei Finanzen und Hochbau garantieren. Finanzdirektor Reto Wyss (Mitte) will das Schlüsseldepartement behalten und kantonsweit elektronische Behördengänge einführen.

Sicherheit geht über alles im CKW Rechenzentrum. Verständlich: Hier bunkert der Kanton Luzern eine unvorstellbare Menge an Daten. Hochleistungsfähige Glasfasernetze erlauben den externen Zugriff via Cloud-Lösungen. Niemand kann ohne Voranmeldung und Personenidentifizierung ins Gebäude gelangen. Reto Wyss (Mitte) hat sich dieses Zentrum als Symbol für seine Kandidatur ausgewählt.

Vorab ist hier eine Kopie des Passes, der ID oder des Führerscheins einzureichen. Zu erfüllen hat diese Vorbedingungen auch der 57-jährige Finanzdirektor. Nur trägt er seinen Identitätsnachweis vor Ort nicht auf sich. Ist er wirklich der, für den er sich ausgibt? Er muss es wohl sein. Im scherzhaften Ton einigen sich die CKW-Mitarbeiter und die Besucher darauf, den Finanzdirektor passieren zu lassen.

Die kleine Panne ist ein rarer Moment für den stets wie aus dem Ei gepellten, grossgewachsenen Mann im Anzug mit Krawatte. Dem Familienvater von zwei Kindern geschieht selten ein Malheur. Doch selbst wenn: Der Finanzdirektor aus Rothenburg nimmt solcherlei sportlich und gelassen.

Ausgeprägtes Rollenverständnis und leise Emotionalität

Über die Jahre hat er eine innere Distanz zu seiner Rolle als Regierungsrat entwickelt. Entspannung von seinem Amt und der öffentlichen Dauerpräsenz findet er im Ausdauersport. Langlaufen, Rennvelofahren, Joggen und Wandern nennt er auf seiner Website. Auch der Reitsport sei ein Hobby von ihm. Er verbringt seine wenige freie Zeit mit seiner Frau Ilga und den Kindern – vorzugsweise in der Natur.

«Als Behörden müssen wir Antworten auf das steigende Bedürfnis geben, zeit- und ortsunabhängig auf Informationen zuzugreifen und mit uns elektronisch zu interagieren.»

Finanzdirektor Reto Wyss (Mitte) zu seinen Digitalisierungsplänen

Obwohl sich Reto Wyss als volksnah präsentiert, erscheint er manchen als Person wenig greifbar. So sachlich, nüchtern und geschliffen wie er argumentiert, könnte er auch als CEO eines Finanzinstituts durchgehen. Ohne ihn als Inhaber des Querschnitts- und damit Schlüsseldepartements Finanzen geht nichts im Regierungsrat. Gleichzeitig nimmt ihn das Kantonsparlament auch an die Kandare. Denn die grossen Budgetposten – allein im Hochbau investiert der Kanton jetzt und in den kommenden Jahren über eine Milliarde Franken – werden dort sehr intensiv hinterfragt und debattiert.

Reto Wyss weiss, was zu sagen ist und was nicht. Und vor allem, wie. 25 Jahre Exekutive, von 1998 bis 2011 als Gemeindepräsident von Rothenburg und seit 2011 als Regierungsrat, haben sein Rollenverständnis geprägt. Er lässt sich nicht weiter auf die Äste hinaus als nötig. Erst der Blick auf sein Profil auf Smartvote enthüllt, dass er nicht in, sondern eher rechts der Mitte politisiert.

So sieht das Profil von Reto Wyss aus: Deutlich rechts mit grosser Offenheit gegenüber aussenpolitischen Fragen.

Der Porträttermin offenbart zudem: Als Person so wenig greifbar, wie es ihm manche nachsagen, ist Wyss nicht. So pflegt er einen leisen Humor und schmunzelt öfter, als er lacht. Und sein offener Blick verrät Interesse und Neugier am Gegenüber.

Mehr Daten auf weniger Platz – bei sinkendem Strombedarf

Weshalb also hat sich Reto Wyss ausgerechnet dieses Rechenzentrum ausgesucht? Die Digitalisierung gewinne an Bedeutung in unserer Gesellschaft, hält er fest. «Als Behörden müssen wir Antworten auf das steigende Bedürfnis geben, zeit- und ortsunabhängig auf Informationen zuzugreifen und mit uns elektronisch interagieren zu können.» Kürzere Wege und folglich mehr Effizienz seien das Ziel. Sicherheit sei aber mindestens ebenso wichtig.

Sicherheitstechnisch ist das von der CKW betriebene Rechenzentrum mit Daten des Kantons auf dem allerneuesten Stand. Dank redundanter Systeme können Ausfälle von Strom oder Servern jederzeit mittels doppelt vorhandenen Kreisläufen aufgefangen werden.

Der Augenschein in den sorgfältig belüfteten und temperaturregulierten Serverräumen zeigt: Obwohl die gespeicherten Datenmengen zunehmen, benötigen sie immer weniger Platz – derart rasant entwickelt sich die Technologie. Der stetig sinkende Stromverbrauch ist ein willkommener Nebeneffekt. Nur eine Komponente wächst: der Platzbedarf für die Firewall-Infrastruktur zum Schutz vor ungewollten Zugriffen.

Heiss erwartetes E-Government-Portal

Hier soll denn auch das Herz der kantonalen wie auch kommunalen Luzerner Behördenschalter schlagen. Reto Wyss arbeitet derzeit zusammen mit dem Verband Luzerner Gemeinden (VLG) mit viel Elan am Aufbau eines kantonsweiten Service-Portals (zentralplus berichtete). «Wir wollen den Bürgerinnen die Möglichkeit bieten, möglichst viele Behördengänge online zu erledigen. Davon erhoffen wir uns wesentlich mehr Effizienz und geringere Kosten.»

Er will in Sachen Digitalisierung eine Vorreiterrolle einnehmen. «Wir planen und realisieren das Service-Portal gemeinsam mit dem Verband der Gemeinden. Das erhöht die Chancen, dass es sich kantonsweit durchsetzt und von möglichst vielen Gemeinden genutzt wird.»

Durchgesetzt hat sich Wyss auch bezüglich seines Wunschdepartements, den Finanzen. Nun tritt er bereits für die vierte Amtsperiode an. Von 2011 bis 2018 hat er als Bildungs- und Kulturdirektor gewirkt. 2019 hat das Regierungsgremium Marcel Schwerzmann (parteilos) das Finanzdepartement entrissen und Reto Wyss überantwortet. Über die Hintergründe schwieg sich Wyss aus (zentralplus berichtete). Und auch zwei Jahre danach flossen keine zusätzlichen Informationen (zentralplus berichtete). Das Gremium hielt dicht.

Unabhängig davon, wie es sich nun genau zugetragen haben mag mit diesem Departementswechsel: Reto Wyss ist es gelungen, Ruhe ins zuvor turbulente Finanzdepartement zu bringen. Mit begünstigt durch die unmittelbar darauffolgenden guten Entwicklungen in der Luzerner Wirtschaft und dem Luzerner Finanzhaushalt.

Zu diesem Amt als Finanzdirektor gehört auch der Hochbau, der ihm als Bauingenieur HTL und ehemaliger Mitinhaber eines Bauingenieurbüros sehr nahe liegt. Das Departement möchte er nach seiner ersten Legislatur als Finanzdirektor auch in der nächsten Amtsperiode behalten: «Ich konnte im Hochbau einige kantonal und für die Zentralschweiz wegweisende Projekte aufgleisen. Die möchte ich nun gerne weiterführen.»

Infrastruktur-Neubauten über Hunderte von Millionen Franken

Verständlich. Im Bereich Kantonsinfrastruktur läuft enorm viel und zudem Wegweisendes. Vieles davon hat Wyss aufgegleist. Der Neubau von Kinderspital/Frauenklinik beim Kantonsspital sollte im Jahr 2025 fertiggestellt sein (zentralplus berichtete), der Neubau Spital Wolhusen im Jahr 2027 (zentralplus berichtete). Und dann soll möglichst bald auch der Spatenstich für den Neubau des Regionalspitals Sursee erfolgen können (zentralplus berichtete).

«Wir haben in den letzten dreieinhalb Jahren viel erreicht. Mich stört einzig, dass wir uns noch auf keinen neuen Standort für das Kantonsgericht und die Luzerner Museen haben einigen können.»

Dazu kommt der Bau des neuen Verwaltungsgebäudes am Seetalplatz, für den das Stimmvolk 2021 einen 180-Millionen-Franken-Kredit gesprochen hat (zentralplus berichtete). Und: Auch der 363-Millionen-Bau Campus Horw soll 2029 bezugsbereit sein.

«Wir haben in den letzten dreieinhalb Jahren viel erreicht», sagt er zu diesen Infrastrukturprojekten. «Mich stört einzig, dass wir uns noch auf keinen neuen Standort für das Kantonsgericht und die Luzerner Museen haben einigen können.» Doch sei er zuversichtlich, dass es nach Einsetzung einer Kommission demnächst einen Schritt vorangeht.

Zur Erinnerung hier die Übersicht zur Kantonsverwaltung am Seetalplatz:

Weichenstellung Kantons- und Gemeindeaufgaben hallt nach

Wie beurteilt er die Umsetzung der Aufgaben und Finanzreform (AFR 18), die per Volksabstimmung angenommen worden ist? Insbesondere wegen der anfänglich unüberhörbaren Kritik seitens diverser Gemeinden (zentralplus berichtete)? Wyss gibt sich zuversichtlich: «Mir ist bewusst, es hat grosse Verwerfungen gegeben, schliesslich haben wir 200 Millionen Franken umgeschichtet. Aber viele Gemeinden haben nach anfänglichen Unsicherheiten den Nutzen bald realisiert.» Dem Wirkungsbericht, der in einem Jahr erscheint, schaut er mit Gelassenheit entgegen.

«Wir sind gegen aussen stets geeint aufgetreten und hatten eine gute Arbeitskultur.»

Dass der wesentlich am AFR-Projekt beteiligte und anerkannte Finanzexperte Armin Hartmann (SVP) für den Regierungsrat kandidiert, ficht Reto Wyss Position als Finanzdirektor nicht an. «Mir gefällt meine Arbeit, wir werden uns auf eine gute Verteilung der Departemente einigen können.»

Wyss will die Arbeitskultur im Regierungsrat fortführen

Reto Wyss schaut auf eine Legislatur zurück, in der die Regierung seiner Meinung nach sehr gut funktioniert hat: «Wir sind gegen aussen stets geeint aufgetreten und hatten eine gute Arbeitskultur.» Diese Kultur will Reto Wyss als Amtsältester auch in Zukunft im Regierungsrat pflegen.

Dass der Service public grosses Empörungs- wie auch Konfliktpotenzial hat, ist dem Finanzdirektor bewusst. Da braucht es Fingerspitzengefühl. Beispielhaft für sein Verständnis, was vorzukehren ist, damit die Bevölkerung nicht unnötig vor den Kopf gestossen wird, ist seine Haltung zur bevorstehenden kantonsweiten Reduktion der Polizeiposten (zentralplus berichtete).

Wyss weiss, dass die Regierung den Tatbeweis zu erbringen hat, dass mit diesem Vorhaben kein Abbau bei der Sicherheit einhergeht. «Um dem Sicherheitsbedürfnis gerecht zu werden, wollen wir in jeder Region zuerst die Polizeikorps aufstocken und deren Präsenz mit Patrouillen erhöhen, das ist wichtig. Erst im zweiten Schritt sollen Polizeiposten aufgelöst werden.»

In einem kurzen Video erzählen die Regierungsratskandidaten, was sie motiviert und weshalb sie gewählt werden sollen.

Neue Fahrzeuge für erhöhte Polizeipräsenz auf den Strassen

Diese erhöhte Polizeipräsenz auf der Strasse sei kein leeres Versprechen, unterstreicht Wyss. Und kommt auf die Beschaffung zahlreicher neuer elektrischer Polizeifahrzeuge zu sprechen, mit denen die Polizei diese Präsenz gewährleisten will. «Wir hatten Mühe, geeignete E-Fahrzeuge zu finden, die täglich so viele Kilometer mit Volllast, also mitsamt gewichtiger Polizeiausrüstung, absolvieren können.» (zentralplus berichtete)

«Gerade dann, wenn alles an und für sich gut läuft, bleibt die Kommunikation gerne als einziges übrig, woran Kritik geübt werden kann. Da gilt es manchmal auch etwas zu relativieren.»

Was sagt Reto Wyss zum oft gehörten Vorwurf, der Regierungsrat könnte besser in die Fläche hinaus kommunizieren? Zuerst unterstreicht er, dass die Regierung einiges unternimmt: «Der Kommunikationsbedarf hat enorm zugenommen, wir stellen dafür zunehmend Ressourcen bereit. Die Bevölkerung und die Gemeinden sollen sich gut informiert fühlen.»

Kritik gelte es stets ernst zu nehmen. «Doch weiss ich auch: Gerade dann, wenn an und für sich alles gut läuft, bleibt die Kommunikation gerne als einziges übrig, woran Kritik geübt werden kann. Da gilt es manchmal auch etwas zu relativieren.»

Den Dreh des Werbespots zur eigenen Kandidatur schafft Reto Wyss im ersten Anlauf. Diese Tatsache zaubert ein leises Schmunzeln auf seine Lippen. Wieder eine kleine Herausforderung, die ihm sein Amt bietet, geschafft. Einmal mehr stellt er an diesem Vormittag seinen Sportsgeist unter Beweis.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Treffen mit Reto Wyss im Rechenzentrum der CKW
  • Medienarchiv von zentralplus
  • Website Reto Wyss
6 Kommentare
Apple Store IconGoogle Play Store Icon