Luzerner SP-Regierungsratskandidatin

Ylfete Fanaj: «Migrantin und Frau zu sein ist kein politisches Programm»

Die SP-RegierungsratskandidatinYlfete Fanaj beim Bahnhof Sursee. Mit dem Ort, wo sie aufwuchs, ist sie nach wie vor stark verbunden. (Bild: mic)

Die Stadtluzerner Regierungsratskandidatin Ylfete Fanaj (SP) will mit sozialen Inhalten überzeugen und für Chancengerechtigkeit einstehen. Auf ihr Frausein und ihre Herkunft stützt sich die langjährige Kantonsrätin nicht ab.

Der Bahnhof Sursee ist an diesem Güdisdienstag in warmes Sonnenlicht getaucht. Regierungsratskandidatin Ylfete Fanaj (40, SP) hat diesen Treffpunkt ausgewählt, weil sie hier in der Schweiz aufgewachsen ist. Mit ihrem kecken schwarzen Béret ist sie schon von Weitem zu erkennen. Gutgelaunt ist sie in ein angeregtes Gespräch mit zwei bunt gekleideten Fasnächtlern vertieft.

Die beiden Herren machen trotz langer Nacht einen angeheiterten Eindruck. Der eine von ihnen hat sein Mobilephone im Zug liegengelassen. Fanaj wählt die Telefonnummer, in der Hoffnung, dass jemand den Anruf entgegennimmt. Fehlanzeige. Sie verspricht, sich zu melden, sollte sie jemand zurückrufen. Das Fasnachtduo trollt sich.

«Migrantin und Frau zu sein ist kein politisches Programm.»

Ylfete Fanaj, Regierungsratskandidatin SP

«In Sursee spüre ich eine Vertrautheit wie sonst nirgends», sagt Ylfete Fanaj gleich zum Einstieg. «Ich komme gerne hierher zurück. Hier grüssen sich alle, in Luzern ist das oft nur noch in den Quartieren der Fall.» Im Alter von neun Jahren ist die in Prizren, Kosovo, geborene Fanaj an den Sempachersee gezogen. Ihr Vater ist in den 80er Jahren als Gastarbeiter gekommen. Später zog die Mutter mit den jüngeren beiden, noch nicht eingeschulten Geschwistern in die Schweiz nach. Immer in der Annahme, dies sei vorübergehend. Als sich 1991 die heikle politische Situation in Kosovo weiter zuspitzte, kamen auch ihre Schwester und sie nach – und sind geblieben. «So wie uns ist es vielen anderen auch ergangen», relativiert Ylfete Fanaj ihre Kindheitserfahrungen beim Kaffee in der Surseer Traditionsbäckerei Weibel.

Ihr Rot ist Selbstausdruck, auf ihre Herkunft stützt sie nicht ab

Dass die Farbe Rot sie stets begleitet, fällt auf. Heute trägt sie einen roten Schal, ihre Fingernägel sind rot lackiert. Auf die explizite Frage, ob sie bewusst die Farbe ihrer Partei trage, verneint sie. «Rot passt einfach zu mir, ich trage die Farbe gerne.»

So einfach lässt sich die Mutter eines zweijährigen Sohnes nicht in eine Schublade stecken. Hinter ihrer Gelassenheit lässt sich ein reflektiertes Selbstverständnis erahnen. Wegen ihrer Herkunft als gebürtige Kosovarin macht sie nicht viel Aufhebens.

«Migrantin und Frau zu sein ist kein politisches Programm», betont sie. Die langjährige Kantonsrätin hat das auch an der Nominationsversammlung der SP vom 24. September 2022 in Wolhusen verdeutlicht. Wo sie kein Wort über ihre Herkunft verlor. Sich aber über Chancengerechtigkeit, Perspektiven für alle in der Gesellschaft und mehr Investitionen in den Klimaschutz äusserte.

Modern, sozial und zukunftsgerichtet hat sie sich präsentiert. Ihrem Gerechtigkeitssinn zugunsten von Benachteiligten hat sie deutlich Ausdruck verliehen. Mit einem kämpferischen Auftritt setzte sie sich in der internen Ausmarchung gegen die beiden SP-Mitbewerberinnen Melanie Setz (Emmen) und Yvonne Zemp (Sursee) durch.

Im Wahlkampf mit Wahlkomitee von über tausend Unterstützerinnen

Bereits seit jenem 24. September befindet sich Ylfete Fanaj im Wahlkampfmodus. Und hat gleich ein Komitee gegründet. Heute kann sie auf über tausend Personen vorweisen, die einen Beitrag zu ihrer Wahl leisten wollen. «Mich unterstützen Menschen, aus allen Gegenden des Kantons, die sich aktuell nicht in der Regierung vertreten fühlen. Sie kommen querbeet aus unterschiedlichsten Berufsfeldern, reichen vom Pflegefachmann bis hin zu Gastronominnen. Ihren Job als Bereichsleiterin Deutschschweiz und Mitglied der Geschäftsleitung beim Jugendprojekt LIFT in Bern hat sie aufgegeben, damit sie ihre Kandidatur mit aller Kraft vorantreiben kann.


In einem kurzen Video erzählen die Regierungsratskandidaten, was sie motiviert und weshalb sie gewählt werden sollen.

Das Integrations- und Präventionsprogramm für Jugendliche mit erschwerender Ausgangslage an der Nahtstelle zwischen Schule und Beruf hätte ihr zu wenig Raum dazu gelassen. Fanaj weiss, dass sie als Kandidatin der SP viele Stimmen in der Stadt Luzern holen kann, dass die Regierungsratswahlen aber auf dem Land gewonnen werden.

«Dafür musste ich aber verstärkt mit pragmatischen Argumenten und Zugeständnissen überzeugen und zudem wiederholt hartnäckig nachfragen.»

Ylfete Fanaj zu ihrer Politik im Luzerner Kantonsrat

Sie hofft auf Unterstützung aus ihrem Ursprungswahlkreis Sursee. Zudem hat sie über die Jahre in verschiedenen kommunalen und kantonalen Parteileitungsgremien Beziehungen zur SP-Basis im ganzen Kanton geknüpft und ist mit den Bedürfnissen in einzelnen Wahlkreisen vertraut.

Zur Politik motiviert hatte sie nicht nur ihre Geschichte, sondern auch ihr Umfeld an der Hochschule für Soziale Arbeit. Erstmals in ein politisches Amt hat sie im 2007 nicht die Stadtbevölkerung gewählt, sondern die SP. Rücktrittsbedingt war damals ein Sitz der Sozialdemokraten freigeworden und es war niemand da, der hätte nachrutschen können. Also prüfte die Mitgliederversammlung der SP mögliche Kandidatinnen und besetzte den Sitz im Grossen Stadtrat mit Fanaj.

Lehrreiches Politisieren als Minderheit im Kantonsrat

Das Politisieren im Stadtparlament, dem sie bis 2011 angehörte, erlebte die linke Regierungsratskandidatin ganz anders als die spätere Arbeit im Kantonsrat. «Im Grossen Stadtrat waren wir zusammen mit den Grünen nahe an der Mehrheit. Je nach Thema konnten wir – mit jeweils bürgerlicher Unterstützung – die politische Agenda massgeblich bestimmen», erinnert sie sich.

Als Ylfete Fanaj im Sommer 2011 erstmals im Kantonsrat Einsitz nahm, erlebte sie mit 16 SP- und 9 Grünen-Sitzen gegenüber einem Total von 120 Sitzen einen kleinen Kulturschock. Die bisherigen Rezepte, auf die sie im Stadtrat zählen konnte, funktionierten nicht mehr: «Als Minderheit sind wir mit unseren Vorhaben und Vorstössen im Kantonsrat oft nicht durchgekommen. Also mussten wir unsere Anliegen immer und immer wieder vorbringen, wenn sich die Gelegenheit dazu bot.»

«Nach dem Sitzverlust 2015 ist es jetzt höchste Zeit, dass wir mit dem erneuten Einzug der SP in der Regierung wieder Konkordanz herstellen.»

Mit der Zeit habe sie dann aber auch bemerkt, dass sich für bestimmte Anliegen der SP durchaus Verbündete bei den bürgerlichen Parteien finden lassen. «Dafür musste ich aber verstärkt mit pragmatischen Argumenten und Zugeständnissen überzeugen und zudem hartnäckig nachfragen.» Für politische Erfolge müsse man trotz klarer Haltung auf andere Parteien zugehen können. Ihr Engagement wusste die SP zu schätzen. Die Partei wählte sie von zur Fraktionspräsidentin während der Legislatur 2015-2019.

Kantonsratspräsidentin als landesweit erste Seconda

2020 sorgte Ylfete Fanaj dann über den Kanton Luzern hinaus für Aufmerksamkeit: Als erste Seconda überhaupt wurde sie zur Präsidentin eines Schweizer Kantonsparlaments gewählt. Ylfete Fanaj lässt immer wieder ihr jugendliches und aufgestelltes Naturell durchblitzen, wenn sie über ihre politische Arbeit berichtet. Nichts lässt erahnen, dass sie verschiedentlich besonders viel Einsatz hat leisten müssen.

So war sie beispielsweise nach der Sekundarschule in Sursee dazu genötigt, rund 200 Bewerbungen zu schreiben, alle von Hand, bis sie bei einer von Migrantinnen geleiteten Sprachschule in der Stadt Luzern eine kaufmännische Lehre anfangen konnte (zentralplus berichtete). Danach hat sie die Berufsmatura absolviert und ein Studium an der Hochschule für Soziale Arbeit mit dem Master abgeschlossen.

Unmissverständlich formulierter Anspruch auf SP-Regierungssitz

Ylfete Fanaj nimmt zu ihren Ambitionen auf einen SP-Sitz in der Regierung unmissverständlich Stellung: «Nach dem Sitzverlust 2015 ist es jetzt höchste Zeit, dass wir mit dem erneuten Einzug der SP in der Regierung wieder Konkordanz herstellen.» Sie erhalte auch «von nicht wenigen bürgerlichen Vertreterinnen» klare Signale: Die SP soll als wählerstärkste linke Partei und viertstärkste Kraft mit 19 Sitzen im Kantonsrat, wieder in der Exekutive mitregieren.

2015 erreichte die neu kandidierende Lehrerin Felicitas Zopfi (SP) nicht das absolute Mehr. Und 2019 blieb auch die Kandidatur des Adligenswiler SP-Kantonsrat Jörg Meyer, Direktor von XUND Bildungszentrum Gesundheit Zentralschweiz, erfolglos. Nun hilft ihr ein achtköpfiges im Wahlkampf, um den bürgerlichen Block im Regierungsrat aufzubrechen und den Frauenanteil in der Luzerner Exekutive zu erhöhen. Der heutige Stand: Noch immer regiert keine einzige Frau in der fünfköpfigen Luzerner Regierung mit.

Smartspider Ylfete Fanaj 2023
Ylfete Fanaj (SP) positioniert sich mit ihrem Smartspider sehr klar links.

Thematisch ist Ylfete Fanaj breit aufgestellt, sie hat sich auch in nicht ausgeprägt sozialen Bereichen engagiert, weil sie im ganzen politischen Spektrum mitreden will. So war sie auch in der Staatspolitischen Kommission, Vizepräsidentin der Justiz- und Sicherheitskommission und derzeit Vizepräsidentin der Aufsichts- und Kontrollkommission. Ihre Schwerpunkt liegen nebst sozialen sowie gleichstellungspolitischen auch bei staatspolitischen Fragestellungen.

Kaufkraft stärken und Lebensbedingungen für Familien verbessern

«Weil die Lebenskosten gegenüber den Löhnen überproportional steigen, müssen wir alles daran setzen, die Kaufkraft der breiten Bevölkerung zu erhalten», sagt sie zu den akuten Herausforderungen für mehr soziale Gerechtigkeit. Neben anderen Faktoren wie den stetig steigenden Krankenkassenprämien falle die Mietpreisentwicklung besonders ins Gewicht. Die Umverteilung von 78 Milliarden Franken von der Mieter- zur Vermieterseite, wie sie eine Studie des Mieterverbandes aufdeckt, ist ihr ein Dorn im Auge. «Unsere Regierung tut nichts dagegen», ernerviert sie sich (zentralplus berichtete).

«Asylsuchende müssen vom ersten Tag an von Integrationsmassnahmen profitieren können. Auch in ihrem Herkunftsland werden erlernte Kompetenzen gebraucht, das ist die wohlhabende Schweiz diesen schuldig.»

Zu wenige und zu teure Kita-Plätze stellen ebenfalls ein Problem dar. Weil nach ihrer Ansicht auch hier dringender Handlungsbedarf besteht, ist sie verärgert darüber, wie der Regierungsrat auf die Initiative der SP Luzern «Bezahlbare Kitas für alle» reagiert (zentralplus berichtete). Nämlich mit Hintanstellen des Gegenentwurfs. Dies obschon diese Misere schon länger bekannt ist und Handlungsbedarf besteht. Dass Luzern im Gegensatz zu anderen Kantonen noch über kein Kinderbetreuungsgesetz verfügt, erachtet sei als «grosses Versäumnis».

Verbesserungsbedarf in sozialen Fragen sieht sie vielerorts. So tue der Kanton zu wenig für die psychische Gesundheit von Jugendlichen, die im Zug von Corona starken Belastungen ausgesetzt waren. Die Berufsbildung will sie generell stärken vermehrt Möglichkeiten schaffen, damit junge Leute bessere Chancen auf eine gute Grundausbildung erhalten.

Entschlossenere Integration von Geflüchteten

Wegen dem Krieg in der Ukraine kommen derzeit viele Geflüchtete in die Schweiz und auch in den Kanton Luzern. «Geflüchtete müssen vom ersten Tag an von Integrationsmassnahmen profitieren können», sagt sie. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass viele je nach Lageentwicklung wieder zurückkehren werden. «Auch in ihrem Herkunftsland werden erlernte Kompetenzen gebraucht, das ist eine der effektivsten Formen von Entwicklungshilfe», meint sie.

Sollte Ylfete Fanaj in den Regierungsrat gewählt werden, kann sie sich jedes der frei werdenden Departemente vorstellen. «Als langjährige Kantonsrätin habe ich verschiedene Dienststellen kennengelernt und war als Fraktionschefin und Kantonsratspräsidentin nahe an Regierungsarbeit dran», sagt sie.

Verwendete Quellen
34 Kommentare
Apple Store IconGoogle Play Store Icon