Geschichte
Verbrechen der Sozialen Fürsorge in Zug

Gräuel der 60er-Jahre: Mutter musste uneheliches Kind weggeben

Viele uneheliche Kinder landeten in katholischen Waisenhäusern. Andere kamen in Pflegefamilien. (Bild: zvg)

Jede Woche kommen an dieser Stelle Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen im Kanton Zug zu Wort. Heute geht es um Ruth B., die sich auf Spurensuche begibt. Ihre Tante musste in den 1960er Jahren ihr uneheliches Kind abgeben – gegen ihren Willen. Sie litt noch Jahre später.

Dass ihre Tante in den 1960er-Jahren ein aussereheliches Kind geboren und dieses zur Adoption freigegeben hatte, wurde in ihrer Familie verschwiegen. Ruth B. selbst erfuhr es erst, als sie Ende der 1980er-Jahre per Zufall auf alte Akten stiess. Das aussereheliche Kind war demgemäss im Monikaheim in Zürich, einem katholischen Mütterheim für unehelich Schwangere, zur Welt gekommen und vom Seraphischen Liebeswerk Solothurn bei Pflegeeltern platziert worden.

Die Kindsmutter wie auch deren Eltern hatten schriftlich erklärt, «auf die Elternrechte zu verzichten». Die Abklärung der Vaterschaft durch die Bürgergemeinde als zuständige Vormundschaftsbehörde verlief ergebnislos. Der Wahrheitsgehalt der Aussagen der unehelich Schwangeren wurde vom eingesetzten Beistand, einem Bürgerrat, angezweifelt, und die Kindsmutter wurde bezichtigt, mit verschiedenen Männern Geschlechtsverkehr gehabt zu haben.

«Ich weinte bitterlich.»

Ruths Tante, in ihrem Tagebuch

«Die Bürgergemeinden hatten ein Interesse daran, diese Kinder irgendwo in Pflegefamilien zu geben oder adoptieren zu lassen, damit es keine Kosten gibt», vermutet Ruth B. Mit der Entdeckung der Akten konfrontierte Ruth B. ein Familienmitglied, das sich jedoch weiterhin sehr bedeckt hielt und lediglich meinte, die Mutter der unehelich Schwangeren habe sich «nicht in der Lage gefühlt, nochmals ein
Kind aufzuziehen». Ohne die familiäre Unterstützung war es für die Betroffene damals nicht möglich, ihr aussereheliches Kind alleine grosszuziehen. Ruth B. vermutet, dass man es der Kindsmutter auch «nicht zutraute» und die Adoptionsfreigabe auf Drängen der Familie geschah.

Das Tagebuch zeigt, wie sehr die Tante litt

Als Ruth B. Jahre später das Tagebuch ihrer inzwischen verstorbenen Tante fand, bestätigte sich ihre Vermutung, dass diese «das Kind gerne behalten hätte». Aus den Tagebucheinträgen war auch ersichtlich, dass ihre Tante eine sehr religiöse Frau war, die mehrmals wöchentlich die Messe besuchte. Sie strickte in ihrer Freizeit gerne Pullover, unterhielt Brieffreundschaften und las in Büchern mit Titeln wie «Zwischen Mensch und Gott» oder «Brigittes Mutterglück». Die junge Frau war offenkundig hoffnungsvoll und träumte davon, einen netten Mann zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Erst mit etwas Abstand schrieb sie über die Zeit, als sie schwanger wurde, vertraute ihrem Tagebuch jedoch nichts Genaueres dazu an, nur dass «vieles mein Geheimnis bleibt und nur der liebe Gott weiss». Sie hielt weiter fest, dass es an ihrem Arbeitsort Probleme gab, worauf sie diesen abrupt verliess. Die genauen Gründe, die sie zu diesem Schritt bewogen, bleiben ungeklärt. Sie notierte nur:
«Ich war verzweifelt und mit den Nerven fertig.»

«Die Doktoren wussten es sicher, dass ich ein Kind erwarte. Sie haben mir nichts gesagt.»

Ruths Tante

Als sie auf Anraten der Fürsorgerin des Sozialmedizinischen Dienstes in Zug wegen «nervöser Störungen» in der Heil- und Pflegeanstalt Littenheid versorgt wurde, vermerkte sie in ihrem Tagebuch: «Ich weinte bitterlich.» In der Anstalt wurde ihr gesagt, sie dürfe nur nach Hause schreiben und sonst niemandem. Während ihres Klinikaufenthalts arbeitete sie in der Wagnerei und half bei Putzarbeiten. In der Freizeit unternahm sie Spaziergänge, und jeden Freitag besuchte sie die Messe. Sie erholte sich und war «frohen Mutes», wie sie schrieb.

Für ihre Schwangerschaft schämte sie sich

In der Klinik in Littenheid begann sie zu ahnen, dass sie schwanger war. Die Ärzte schwiegen jedoch darüber. «Die Doktoren wussten es sicher, dass ich ein Kind erwarte. Sie haben mir nichts gesagt.» Nach einigen Wochen durfte sie die Institution verlassen und ging mit zwiespältigen Gefühlen zurück in ihr Elternhaus. Die Eltern wussten nun von ihrer Schwangerschaft. «Ich verlor den Mut», vertraute sie ihrem Tagebuch an. «Ich freute mich auf das Kind, aber auch nicht immer.» Sie wurde schwermütig, lag viel im Bett und «fing an zu studieren».

Die Scham über die gesellschaftlich geächtete aussereheliche Schwangerschaft sass tief. «Ich
schämte mich vor allen Leuten. Ich versteckte mich immer. Gott alleine weiss, wie es mir zu Mute war.» Nur einmal schrieb sie, dass sie Unterstützung fand: beim Pfarrer während einer Beichte. Sie «erzählte ihm alles» und «weinte im Beichtstuhl».

Er zeigte sich trotz ihres Fehltrittes aufmunternd und riet ihr, immer zu «denken, der liebe Gott habe das Kind gegeben. Ich werde schweren Stunden entgegengehen. Er gratuliere mir, dass ich es gebeichtet habe. Er bete auch für mich, und ich soll dem Kind eine gute Mutter sein.» Sie fühlte sich nach der Beichte besser und freute sich, als sie zum ersten Mal die Kindsbewegungen wahrnahm.

Die Geburt verläuft gut - dann wird ihr das Kind genommen

Aus dem Tagebuch erfuhr Ruth B. weiter, dass ihre Tante kurz vor dem Geburtstermin von der Mutter und der Schwester ins Monikaheim gebracht wurde. Ihre Tante vermerkte: «Ich musste fort ins Monikaheim nach Zürich. Das war ein schwerer Gang für mich, ich hatte Angst.» Im Mütterheim waren einige der anderen jungen Frauen, die sie antraf, ebenfalls schwanger, andere hatten ihr Kind bereits geboren. «Die Mädchen waren nett zu mir, die hatten ja das gleiche Los.»

Bei ihrer Ankunft wurde sie von einem «Fräulein» in den kleinen Schlafraum geführt. Es war Mittagszeit, und nach dem gemeinsamen Essen half sie «schon flicken». Am Abend gab die Hebamme Schwangerschaftsturnen, am Morgen danach musste sie putzen, «jedes hatte sein Ämtli». Um 7 Uhr 15 gingen alle gemeinsam in die Kapelle für das Morgengebet. Am Sonntagnachmittag durften sie fernsehen. Einmal, so berichtet sie, hatte sie «einen ganzen Nachmittag» frei und ging spazieren.

Am Tag, als die Wehen einsetzten, war ihr am Morgen «nicht recht wohl», sie musste aber trotzdem
aufstehen. Nach der Geburt blieb sie zehn Tage im Wochenbett. Das Kind, dem sie den Namen Miriam* gegeben hatte, wurde ihr täglich um 14 Uhr gebracht, fast immer für eine Stunde, und sie durfte ihm die Flasche geben. «Ich hatte Freude und ich war traurig, dass ich es bald verlassen musste.» Eine andere
junge Mutter, die im gleichen Zimmer lag, sprach ihr «immer Mut zu». Im Gegensatz zu ihr durfte diese das Kind mit nach Haus nehmen.

Die Hebamme, eine Ordensschwester, riet ihr, sie solle für ihr Kind «immer beten», dann sehe sie es «wieder in der Ewigkeit». Bevor ihr Kind von den Pflegeeltern abgeholt wurde, schrieb sie: «Heute öffnete meine Miriam* lange die Augen und schaute mich an.» Der Verlust ihres Kindes verkraftete Ruth B.s Tante nicht. Zwei Jahre später erwähnte sie in ihrem Tagebuch: «Es ist [...] sehr schwer für mich, ich denke jeden Tag an meine liebe Miriam* und bete auch für sie.» Zwei Jahrzehnte nachher vertraute sie sich in einer Beichte einem Vikar an: «Ich sagte ihm alles, was mich bedrückte.»

Es geht auch anders

In einem anderen Familienzweig von Ruth B. gab es zu Beginn der 1980er-Jahre erneut eine aussereheliche Schwangerschaft. Diesmal jedoch durfte die Kindsmutter ihr Kind behalten, wohnte mit diesem in ihrem Elternhaus und wurde von ihrer Mutter unterstützt, die das Kind ab und zu hütete. Die Verwandtschaft, die «sehr katholisch» war, hatte sich gleichwohl über ihren «Fehltritt» «das Maul zerrissen».

Als Ruth B. einmal zu Besuch war, erlebte sie, dass sich die damals noch Schwangere beim Eintreffen einer streng katholischen Verwandten in ihrem Zimmer versteckte. Das Lästern verstummte jedoch nach der Geburt: «Als das Kind auf der Welt war, wurde es von der ganzen Verwandtschaft verzogen.»

Ab jetzt jede Woche eine weitere Geschichte

zentralplus hat sich entschieden, die Geschichten der mutigen Betroffenen zu veröffentlichen. Wir wollen dafür sensibilisieren, was im vergangenen Jahrhundert im Namen der Fürsorge geschah und welche Verbrechen begangen wurden. In diesem Winter veröffentlichen wir daher jede Woche ein weiteres Kapitel aus dem Zuger Forschungsbericht «Fürsorgen, vorsorgen, versorgen». Wir danken der Beratungsstelle für Landesgeschichte und der Regierung des Kantons Zug für die Erstellung des Berichts. Die bisher erschienen Artikel findest du hier.

Verwendete Quellen
  • Forschungsbericht «Fürsorgen, vorsorgen, versorgen» des Kantons Zug
  • Artikel zur Pressekonferenz der Veröffentlichung des Berichts auf zentralplus
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