Geschichte
MarieLies Birchler kam mit 18 Monaten in Waisenheim

Das sagt ein früheres Heimkind zur Zuger Aufarbeitung

MarieLies Birchler ist schweizweit bekannt als Vertreterin von fremdplatzierten Kindern. (Bild: Filmstill «Hexenkinder»)

Als Kind erlebte sie Gewalt und Misshandlung in einem Waisenheim in Einsiedeln. Selbst vor Folter und Teufelsaustreibungen seien die Ordensschwestern nicht zurückgeschreckt. MarieLies Birchler schätzt für zentralplus die aktuelle Aufarbeitung solcher Gräuel durch den Kanton Zug ein.

Bis 1981 kam es schweizweit zu Fremdplatzierungen von Kindern. Junge Buben und Mädchen kamen in Waisenhäuser, Erziehungseinrichtungen oder Pflegefamilien, in denen sie vielfach Misshandlungen, Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebten. Auch Kinderarbeit auf Bauernhöfen war üblich, wie etwa bei den sogenannten Verding-Kindern.

Im Zuge der Aufarbeitung dieses «schwarzen Kapitels der Schweizer Geschichte» veröffentlichte der Kanton Zug vor einigen Wochen einen Forschungsbericht (zentralplus berichtete). Die Regierung geht dabei einen ungewöhnlichen Weg. Nicht die Opfer werden in den Mittelpunkt gestellt, sondern das gesamte Fürsorgewesen wissenschaftlich untersucht. Man habe ein «Institutionen-Bashing» vermeiden wollen, erklärte Regierungsrat Andreas Hostettler.

«Die gesellschaftspolitische Aufarbeitung kam spät, für viele zu spät. Umso wichtiger ist es heute, darüber zu sprechen.»

MarieLies Birchler

Wird ein Ansatz, der nicht zwischen Täter und Opfer unterscheidet, den Opfern von Gewalt und Demütigung gerecht? Wir haben bei MarieLies Birchler nachgefragt. Die 72-Jährige ist schweizweit bekannt, besondere seit ihrem Auftritt im Film «Hexenkinder» aus dem Jahr 2020. Der Film erzählt von sechs Menschen, die in der Kindheit Zwangsversorgung und Gewalt in Schweizer Heimen erfuhren.

Im Interview mit zentralplus spricht MarieLies Birchler ganz offen. Wie schlimm die Zustände in den häufig christlichen Heimen tatsächlich waren. Dass der Kanton Zug in ihrem Leben eine prägende Rolle spielte. Und dass Forschung wertfrei sein muss, auch in der Aufarbeitung von Gräueln. Sie zeigt eindrucksvoll, was es bedeutet, mit Trauma umzugehen.

zentralplus: Warum beschäftigen Sie sich mit Missständen in der sozialen Fürsorge?

MarieLies Birchler: Ich bin selbst betroffen. Mit eineinhalb Jahren bin ich ins Waisenhaus in Einsiedeln gekommen. Die Gründe waren Verwahrlosung, Unterernährung und schwere Krankheiten. Mein kleiner Bruder kam mit mir. Unsere Mutter hatte für einen Erholungsaufenthalt unterschrieben, aber wir kamen vom Regen in die Traufe. Ich habe dort sehr viel Gewalt und Misshandlungen erlebt. Einfach, weil ich ich war.

zentralplus: Können Sie ein Beispiel nennen?

MarieLies Birchler: Zum Beispiel, weil ich ins Bett genässt habe. Die Ordensschwestern wendeten zur Strafe Foltermethoden an, um das Bettnässen zu stoppen. Aber sie erreichten genau das Gegenteil. Sie haben mir in Einsiedeln ausserdem immer gesagt, ich sei vom Teufel besessen und sie haben Teufelsaustreibungen bei mir gemacht. Im letzten halben Jahr hatte ich meinen Schlafplatz permanent im dunklen Estrich, in einer Kammer ohne Licht. Oft war ich auch tagelang in dieser Kammer eingesperrt und isoliert.

MarieLies Birchler hat in den 50er Jahren schwere Misshandlungen in einem Heim erlebt. Heute kann sie davon erzählen.
MarieLies Birchler hat in den 50er-Jahren schwere Misshandlungen in einem Heim erlebt. Heute kann sie darüber sprechen. (Bild: )

zentralplus: Wie lange waren Sie im Waisenheim?

MarieLies Birchler: Bis 13. Dann bin ich ins Erziehungsheim in die Burg Rebstein im Kanton St. Gallen gekommen. Dort sollte ich die Schule fertig machen, die Sekundarschule durfte ich ja nicht besuchen. In den Akten stand, ich sei sittlich verwahrlost. Diese Akten wurden von einem Heim zum nächsten geschickt. Im Erziehungsheim wurde ich zum Glück nicht mehr geschlagen und eingesperrt wie in Einsiedeln.

zentralplus: Welchen Bezug haben Sie zum Kanton Zug und seinem Fürsorgewesen?

MarieLies Birchler: Über meinen Bruder, der mit zehn aus dem Kinderheim Einsiedeln rausgenommen wurde und zu einer Pflegefamilie kam. Die ersten drei Jahre schien es gut zu funktionieren. Dann begann er, Drogen zu nehmen. Er wurde weitergereicht – von einem Ort zum anderen. Psychiatrien, Gefängnisse, Erziehungsanstalten und Arbeitserziehungsanstalten. Er war auch immer wieder im Franziskusheim in Zug in der Psychiatrie.

zentralplus: Sie haben vor dem Gespräch angedeutet, ihr Bruder sei in Zug ums Leben gekommen?

MarieLies Birchler: Mit 27 lebte mein Bruder in Zug. Er war drogenabhängig und war wieder mal im Untersuchungsgefängnis. Dort nahm er sich das Leben.

Patienten im ummauerten Hof des «Franziskusheims» um 1909.
Patienten im ummauerten Hof des «Franziskusheims» um 1909. (Bild: zvg)

zentralplus: Machen Sie die Behörden dafür verantwortlich?

MarieLies Birchler: Nein, es hatte nichts mit den Leuten vom Gefängnis zu tun. Nachdem er sich das erste Mal die Halsschlagadern aufgeschnitten hatte, wurde er in die Psychiatrie eingewiesen. Doch er wollte zurück ins Gefängnis, denn er wusste, er hat dort mehr Freiheiten. Als die Behörden seiner Bitte nachkamen, geschah es dann. Er hat das bewusst gemacht. Ich wollte ihn kurz vorher noch besuchen, habe es aber nicht mehr geschafft.

zentralplus: Der Kanton Zug hat vor Kurzem seinen Forschungsbericht zum Fürsorgewesen veröffentlicht. Haben Sie ihn gelesen?

MarieLies Birchler: Es hat mich sehr interessiert, von den Betroffenen zu hören. Der Bericht zeigt einmal mehr, dass viele Betroffene Gewalt und Missbrauch erfahren haben. Der Bericht zeigt aber auch positive Erfahrungen. Ich habe ebenfalls beides erlebt. Das zeigt, dass es auch früher anders möglich gewesen wäre – auch schon vor 50 Jahren.

zentralplus: Warum haben sich die Schwestern in Einsiedeln auf Sie eingeschossen?

MarieLies Birchler: Ich war eine Wilde. Je länger die Misshandlungen gingen und je älter ich wurde, desto weniger Respekt hatte ich vor den Klosterfrauen. Es steht und fällt mit der Leitung, also der Oberin. Mit 26 bin ich noch einmal mit einem Therapeuten und einer Mitbetroffenen zurück und habe die Schwestern konfrontiert. Die Oberin hat erst alles abgestritten. Die zweite Schwester sagte, ich sei der Teufel gewesen. Ich dachte, nach so vielen Jahren müsste man reflektieren können, aber das war für sie nicht möglich.

zentralplus: Finden Sie, der Zuger Forschungsbericht trifft den richtigen Ton?

MarieLies Birchler: Im Forschungsbericht geht es um historische Einordnung. Ich finde, alles ist hervorragend recherchiert. Die damalige Zeit war anders, aber das rechtfertigt nicht, dass man den Kindern die Kindheit stiehlt. Im Forschungsbericht muss das nicht speziell betont werden. Der Bericht ist wertfrei. Es kommen Betroffene zum Zug. Es kommen aber auch viele anderen Akteure vor. Ich finde den Bericht insgesamt sehr gut.

MarieLies Birchler schnitt den Kopf der Schwester im Nachhinein aus, sie habe es nicht mehr ertragen.
MarieLies Birchler schnitt den Kopf der Schwester im Nachhinein aus. Sie hat den Anblick nicht mehr ertragen. (Bild: zvg)

zentralplus: Müsste man nicht die Täter und deren Verbrechen mehr in den Mittelpunkt stellen?

MarieLies Birchler: Ich versuchte zweimal mit den Ingenbohler Schwestern ins Gespräch zu kommen. Sie leiteten in meiner Kindheit das Waisenhaus in Einsiedeln. Leider waren beide Treffen enttäuschend. Die gesellschaftspolitische Aufarbeitung kam spät, für viele zu spät. Umso wichtiger ist es heute, darüber zu sprechen.

zentralplus: Sollte sich der Kanton Zug bei den Opfern entschuldigen?

MarieLies Birchler: Eine Entschuldigung bringt nicht viel, wenn sie dahergeredet ist. Wichtig ist, dass man hinschaut und das Kapitel aufarbeitet. Ich finde, der Kanton Zug hat sich sehr viel Mühe gegeben. Jetzt muss man fragen: Was brauchen die Betroffenen? Viele sind aufgrund der Misshandlungen heute psychisch oder physisch erkrankt. Die schlechte Ernährung und die Kinderarbeit sind beispielsweise dafür verantwortlich.

zentralplus: Wie geht es Ihnen heute?

MarieLies Birchler: Mir geht’s heute ganz gut. Ich habe einige körperliche Schäden davongetragen, aber ich bin zufrieden. Trotzdem werde ich immer wieder getriggert. Ich kann zum Beispiel nicht wach im Bett liegen. Da kriege ich Angstzustände, Panikattacken und Unterleibschmerzen. Auch die Pandemie war für mich schwer, als wir nicht hinausgehen durften. Ich bin wie ein Löwe durch die Wohnung getigert. Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich löse mich auf.

zentralplus: Was bewegt sie zurzeit?

MarieLies Birchler: Wenn ich höre, wie andere Betroffene von ihren Erfahrungen erzählen. Wie bei «Gesichter der Erinnerung». Das ist eine Onlineplattform, an der ich beteiligt bin. Wir haben mit 32 Betroffenen, Angehörigen und Sozialarbeitern Interviews geführt. Es gibt elf verschiedene Themen auf der Seite, in die man sich vertiefen kann. Zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen. Wir bekommen so grossartige Rückmeldungen. Wir haben auf der Webseite auch Schulmaterial aufgeschaltet, damit Lehrpersonen im Unterricht damit arbeiten können. Das Thema darf nicht vergessen werden, es muss in die Schulen kommen.

Notiz: Die Überschrift des Artikels wurde nachträglich angepasst.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit MarieLies Birchler
  • Artikel auf SRF
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