Ausgesetzt und verwahrlost

«Neuer Höhepunkt»: In Luzern wächst das Büsi-Elend

Wer sich eine Katze anschafft, sollte sich über deren Bedürfnisse im Klaren sein. (Bild: zvg)

Viele Katzen leiden. Auch in Luzern. Gemäss einer Tierschutzorganisation hat das Katzenelend einen neuen Höchststand erreicht. Eine Lösung gäbe es – doch passieren tut nichts.

Die Tierschutzorganisation «Network for Animal Protection» (kurz Netap) schlägt Alarm. «Das Katzenelend in der Schweiz erlebt einen neuen Höhepunkt», schreibt sie in einer Mitteilung. Obwohl die Katze das beliebteste Haustier der Schweizerinnen sei, «wächst das Elend von Jahr zu Jahr».

Schweizweit fängt die Organisation herrenlose oder verwahrloste Katzen ein und versucht, diese an Tierheime zu vermitteln. Zudem führt sie auf Bauernhöfen Kastrationsprogramme durch. Auch in der Zentralschweiz hatten die Tierschützerinnen schon diverse Einsätze.

«Fast ein Fünftel unserer Fälle, in denen Katzen verschwinden mussten, betreffen den Kanton Luzern», sagt Esther Geisser. Die Juristin hat sich seit 2014 vollumfänglich dem Tierschutz verschrieben und Netap gegründet. «Pro Fall sind es zwischen einer und einem Dutzend Katzen. Das Problem ist meistens, dass die Katzen verwahrlost und verwildert sind und es sich im Sommer oft um Mütter mit Kitten handelt. Plätze für solche Tiere sind generell rar und in den Sommerferien fast nicht zu bekommen.»

Esther Geisser ist die Gründerin und Präsidentin von Netap. (Bild: zvg)

53 Kätzchen an 5 Orten gerettet

Die Arbeit der Tierschützer hat es in sich. «Wir haben zum Beispiel in diesem Jahr in nur fünf Luzerner Orten insgesamt 53 Kitten retten müssen», so Geisser. Bei Netap sind nur eine Handvoll Menschen dabei, die die Arbeit als Freiwillige machen.

Alles beginnt meistens mit einer Meldung. Jemand hat eine Katze gesichtet, die in ihrem Revier nicht mehr erwünscht ist. Die Tierschützerinnen schauen sich die Situation vor Ort an. Gibt es Schrebergärten oder Höfe in der Nähe, suchen sie das Gespräch mit den Eigentümern. Sie versuchen, diese davon zu überzeugen, die Tiere zu kastrieren. Sind die Leute einverstanden, fangen sie die Katzen ein, lassen sie untersuchen, kastrieren, gegen Parasiten behandeln, impfen und markieren.

Auch allfällige weitere Behandlungen oder Operationen werden durchgeführt. «Oft genug können Katzen leider nicht mehr in ihr Revier zurück oder brauchen eine lange, aufwändige Behandlung, um schliesslich gesund in ein neues Zuhause vermittelt werden zu können», so Geisser. Laut eigenen Angaben kastriert Netap jährlich zwischen 1200 und 1400 Katzen schweizweit.

Hinweis: Die Bildergalerie enthält Bilder von verwahrlosten und verletzten Katzen.

Tierheime haben kaum Platz für Katzenfamilien

Während in früheren Jahren im Notfall immer noch irgendwo ein Platz für die Tiere gefunden werden konnte, sieht es dieses Jahr anders aus. «Wir haben über 100 Tierheime und Tierschutzorganisationen angefragt, ob sie noch Platz für wilde Katzenmütter mit Nachwuchs hätten, doch leider gab es nur Absagen», so Esther Geisser.

Das Tierheim an der Ron bestätigt, dass sie derzeit keinen freien Platz mehr haben für eine Katzenfamilie. Lorena Pace, Leiterin Tierpflege, erklärt, dass sie zwei separate Zimmer haben, in denen sie Mutterkatzen mit ihren Babys unterbringen. Diese trennen sie von anderen Katzen, um allfällige Ansteckungen zu vermeiden. Jungtiere können oft noch nicht geimpft oder auf allfällige Krankheiten getestet werden. Bei den Abgabekatzen – also Katzen, die von ihren Besitzerinnen abgegeben werden – haben sie derzeit einen Aufnahmestopp. «Bei den Fundkatzen müssen wir von Fall zu Fall entscheiden, in der Regel haben wir für diese jedoch noch einen Platz frei.»

«Oftmals fühlt sich bei zugelaufenen Katzen niemand zuständig.»

Lorena Pace, Tierheim an der Ron

Das Tierheim an der Ron könnte mit allen Gruppenzimmern 28 gesunde Katzen aufnehmen. Leiden Katzen jedoch an Schnupfen, Durchfall oder einer anderen Krankheit, müssen sie von anderen Katzen getrennt werden. Ergo sinkt die Aufnahmekapazität.

Wild und unkastriert

Dass das Tierheim derzeit so ausgelastet ist, führt Pace auf zwei Gründe zurück. «Die Hauptursache ist, dass extrem viele unkastrierte Katzen im Freien umherlaufen, die sich unkontrolliert fortpflanzen.» Pace geht nicht davon aus, dass es sich bei allen Katzen um ausgesetzte Tiere handelt. «Manche Katzen sind vor der Kastration ausgebüxt. Zudem gibt es sehr viele wilde beziehungsweise verwilderte, herrenlose Katzen. Auch diese sind meistens nicht kastriert. Werden diese gefüttert, kann die Population rasant wachsen.» Dies, weil eine Katze bereits im Alter von vier bis sechs Monaten geschlechtsreif ist und pro Jahr zwei Würfe aufziehen kann.

Wer einer Katze, die ihm nicht gehört, Futter gibt, meint das wohl gut. Das Problem: «Oftmals fühlt sich bei zugelaufenen Katzen niemand zuständig.» Sind diese verletzt, bringt sie niemand zur Tierärztin. Kriegen sie Nachwuchs, fühlt sich niemand für die Kastration und Impfung der Babys verantwortlich. Pace rät, bei zugelaufenen Katzen jeweils eine Meldung bei der schweizerischen Tiermeldezentrale zu machen und die Tiere auf einen Chip zu überprüfen, um die allfälligen Besitzer ausfindig zu machen.

Der zweite Grund, warum die Schweizer Tierheime voll sind: Es sind Sommerferien, viele Tierheime nehmen Ferientiere auf. «Viele Tierheime sind auf die Einnahmen von Ferienabgaben angewiesen – auch wir», so Pace. «So sind die fehlenden Plätze für Verzichtstiere und verwahrloste und herrenlose Tiere gerade jetzt in den Sommerferien akut.» Auch fehlendes Personal führe teilweise dazu, dass Tierheime keine Tiere mehr aufnehmen können. Im Tierheim an der Ron seien sie derzeit personell aber gut aufgestellt.

Gedankenlos ein Büsi besorgt

Das Problem bei den vollen Tierheimen: Gibt es keine freien Plätze, kann die Tierschutzorganisation die gemeldeten Fälle nicht mehr abarbeiten. «Wenn wir nicht wissen, wohin mit den Tieren, brauchen wir sie auch nicht einzufangen», so Geisser. Dieses «Ohnmachtsgefühl», von dem sie spricht, belaste enorm.

Auch der Schweizer Tierschutz spricht von einer «dramatischen Situation». Konkrete Zahlen zu verwahrlosten und herrenlosen Katzen kann er keine nennen. Schätzungen gehen von bis zu 300’000 Tieren schweizweit aus. 

Auch Kantonstierarzt Martin Brügger, der auch die Veterinärdienste des Kantons leitet, liegen keine konkreten Zahlen vor. «Aktuell hat der Veterinärdienst keine Hinweise darauf, dass sich die Gesamt­situation der Katzen in den letzten Jahren verschlechtert hat, es ist aber leider eine wiederkehrende Thematik, dass zur Sommerferienzeit vermehrt Tiere ausgesetzt werden», so Brügger.

«Darf einfach gesetzlich darüber bestimmt werden, dass freilebende Tiere kastriert werden?»

Martin Brügger, Kantonstierarzt Luzern

Dass das Büsielend wächst, führt Esther Geisser von der Tierschutzorganisation Netap darauf zurück, dass sich viele keine Gedanken darüber machen, was die Bedürfnisse von Katzen sind – und was sie kosten können. «Katzen gelten leider nach wie vor als anspruchslos und pflegeleicht, was nicht zutrifft.» Wenn sich Besitzerinnen bewusst würden, dass die Vierbeiner eben doch einiges mehr als bloss Futterkosten verursachen oder die schlechte Haltung die Tiere verhaltensauffällig werden lässt, wollten manche von ihnen sie schnell wieder loswerden. «Findet man nicht umgehend eine Lösung, ist Aussetzen das bequemste und billigste Mittel, auch wenn es strafbar ist.»

Kastrationspflicht könnte Katzenelend eindämmen

Die einzige Lösung, das wachsende Katzenelend einzudämmen, sieht sie in der Kastrationspflicht. «Die Kastration ist das einzige tiergerechte Mittel, um die Überpopulation nachhaltig in den Griff zu bekommen.»

Kantonstierarzt Brügger erachtet eine Kastrationspflicht zwar als «fachlich durchaus sinnvoll», sie würde das Problem aber nicht lösen. «Da man den weiblichen Katzen nicht ansieht, ob sie kastriert sind, müsste die Kastration der Tiere vom Tierarzt oder von der Tierärztin in einer Datenbank registriert werden.» Somit wäre die Kastration von Katzen nur in Kombination mit einer Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht sinnvoll. Ein «grosses Fragezeichen» sieht er jedoch in der Umsetzbarkeit. Insbesondere in Bezug auf den Ressourcenbedarf und inwiefern die Tiere eingefangen werden können. Im Weiteren stellt er sich auch ethische Fragen. «Darf einfach gesetzlich darüber bestimmt werden, dass freilebende Tiere kastriert werden?»

«Das Elend wird wachsen, und irgendwann kommt es zu grossen Tötungsaktionen.»

Esther Geisser, Netap

Laut Esther Geisser würden sich weder Politiker noch Behörden für eine Kastrationspflicht starkmachen. Die Veterinärämter würden solche Massnahmen, wenn überhaupt, viel zu spät aussprechen. «So müssen wir oft zusehen, wie laufend weitere Katzenkinder in eine ungewisse Zukunft geboren werden, die dann regelmässig an Vernachlässigung sterben oder sogar aktiv getötet werden.» Den Tierschützern geht das natürlich nahe. «Wenn Sie an der Front sterbende Katzen bergen müssen, mischt sich in den Schmerz um das Tier regelmässig auch die Wut auf jene, die das verursachen und nicht verhindern. Das Elend ist unnötig und wäre so leicht zu vermeiden.»

Blickt sie ins Ausland, nach Griechenland, Rumänien und Australien, so kommen bei ihr noch mehr Sorgenfalten auf. «Das Elend wird wachsen, und irgendwann kommt es zu grossen Tötungsaktionen. Zudem wächst die Abneigung gegen Katzen parallel zur Anzahl der Tiere, was immer mehr auch zu aktiver Quälerei führt.»

Verwendete Quellen
  • Medienmitteilung von Netap – Network for Animal Protection
  • Schriftlicher Austausch mit Esther Geisser, Präsidentin Network for Animal Protection
  • Telefonat mit Lorena Pace, Leitung Tierpflege beim Tierheim an der Ron
  • Schriftlicher Austausch mit Martin Brügger, Kantonstierarzt und Leiter des Veterinärdiensts des Kantons Luzern
  • Schriftlicher Austausch mit Arlette Niederer, Fachstelle Heimtiere beim Schweizer Tierschutz STS
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