Teil 1: Luzerner Unterlachen im Wandel

Bauten rund um die Gassechuchi: Reibereien oder Toleranz?

Steht seit über 20 Jahren hier: die Gassechuchi – K+A. (Bild: Jutta Vogel)

Wo früher geschuftet worden ist, wird zunehmend gewohnt. Im ehemaligen Luzerner Industriequartier entstehen neue Wohnblöcke. Und das rund um die bestehende Gassechuchi – K+A. Wie wirkt sich das auf den Treffpunkt für Suchtkranke aus?

Der mit Bannern versetzte Bauzaun verdeckt die Sicht auf den Haupteingang des Hauses. Lediglich das Schuhwerk der Menschen, die im Haus am Geissensteinring 24 ein und aus gehen, ist unter den silbernen Stahlrohren zu sehen. Nicht, weil die Trägerinnen der Schuhe hier unsichtbar gemacht werden sollen. Sondern, weil der Eingang derzeit für sie sicherer gemacht wird. Regentropfen fallen auf den mit bunten Blättern geschmückten Boden. Ein Mann eilt herbei, zieht die Kapuze seines blauen Pullovers tiefer ins Gesicht.

Seit 2002 haben Sucht- und Armutsbetroffene im Haus mit der markanten Holzfassade ihren festen Platz, nachdem die Gassechuchi jahrelang von Provisorium zu Provisorium ziehen musste. 2008 wurde die Kontakt- und Anlaufstelle (kurz K+A), der ehemalige «Fixerraum», in das Gebäude integriert.

Doch im ehemaligen Industriequartier tut sich etwas. Wohl kein anderes Quartier wandelt sich in den nächsten Jahren so sehr wie jenes um die Industriestrasse. Nicht unweit der Gassechuchi, ein paar Schritte weiter westlich, ragen die grauen Wohnblöcke am Geissensteinring 8 bis 14 in die Höhe. Entstanden sind hier 66 neue Wohnungen sowie 10 neue Gewerberäume. Vor knapp einem Jahr zogen hier die ersten Mieterinnen ein (zentralplus berichtete).

Auf dem EWL-Areal ist ein 200 Millionen Franken teures Wohn- und Geschäftsquartier geplant (zentralplus berichtete). Und auf der gegenüberliegenden Strassenseite bauen fünf Luzerner Baugenossenschaften gemeinsam ein komplett neues Quartier. Die Kooperation Industriestrasse realisiert auf dem Areal, zwischen Geissensteinring und Industriestrasse, bis 2026 rund 150 neue Wohnungen sowie knapp 3000 Quadratmeter Gewerbe- und Dienstleistungsfläche (zentralplus berichtete). 

Blick von der Industriestrasse her auf die geplanten Neubauten beim EWL-Areal. (Visualisierung: EWL Areal AG) (Bild: Visualisierung: EWL Areal AG)

EWL und Industriestrasse: Gassechuchi gehört dazu

Dutzende Luzernerinnen finden hier ihr neues Zuhause. Wie wirkt sich das auf den heutigen Standort der Gassechuchi – K+A aus? Und welche Rolle spielt die Gassechuchi – K+A überhaupt bei den Bauherren?

Bei der Kooperation Industriestrasse und bei der EWL eine grosse. Nadja Bürgi, Leiterin der Fachstelle Kooperation Industriestrasse, schreibt auf Anfrage: «Für die Kooperation Industriestrasse Luzern und für die fünf Genossenschaften war von Anfang an klar – also bereits vor Beginn des Projekts –, dass die Gassechuchi Teil des Quartiers ist und dass diese auch Teil des Quartiers bleibt.»

Auch auf dem EWL-Areal schlägt man in dieselbe Kerbe. Deswegen sieht die EWL Areal AG eine Duldungsklausel in den Mietverträgen vor, wie Geschäftsführerin Anja Kloth sagt. Damit wolle man künftige Mieterinnen frühzeitig sensibilisieren, dass in der näheren Umgebung Betriebe sind, die «mit gewissen unvermeidlichen Immissionen verbunden sind». Dazu gehören neben der Gassechuchi – K+A auch Restaurants und die Bar 59. «Diese sind Teil des heutigen Quartiers und sollen es auch nach dem Bezug der Neubauten bleiben», so Kloth.

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Anja Kloth vor dem Roten Haus auf dem EWL-Areal in Luzern. (Bild: zvg)

Anders sieht’s am Geissensteinring aus

Anders sieht es bei den bereits bezogenen Wohnungen etwas westlich aus, am Geissensteinring 8 bis 14. Hier wurde von Anfang an geplant, das gesamte Areal einzuzäunen. «Wir befürchteten, dass die Gartenanlage sonst dazu missbraucht würde, Drogen zu konsumieren oder Partys zu feiern», sagt Alexander Rieder. Er ist Besitzer des Grundstücks und Inhaber der Pneumatikhaus AG. Die Nähe zur Gassenküche habe bei der Realisierung des Bauprojekts jedoch eine untergeordnete Rolle gespielt und den Entscheid nicht massgeblich beeinflusst.

Auch bei Mietinteressentinnen habe die räumliche Nähe zur Gassenküche für Skepsis gesorgt. Von der Verwaltung habe Rieder vernommen, dass es deswegen während der Vermietungsphase zu Absagen gekommen sei.

«Diverse besorgte Meldungen gingen ein, wonach sich drogenabhängige Personen unbefugterweise in der Tiefgarage aufhielten und zum Teil sogar dort konsumierten.»

Alexander Rieder, Grundstückbesitzer und Inhaber Pneumatikhaus AG

Schliesslich kam es auch zu Problemen. Während der Bauarbeiten sei Handwerkern das Znüni aus den Autos gestohlen worden. Danach hätten sich auch Mieterinnen beschwert. «Diverse Meldungen – meist von Frauen, die sich um ihre Sicherheit sorgten – gingen ein, wonach sich drogenabhängige Personen unbefugterweise in der Tiefgarage aufhielten und zum Teil sogar dort konsumierten», führt Rieder aus.

Für ihn habe das Sicherheitsgefühl der Mieter oberste Priorität. «Deshalb haben wir Massnahmen von der Betreiberin der Gassenküche gefordert», so Rieder. Die Gassenarbeit zeigte sich gesprächsbereit und habe die Vorfälle nicht bestritten.

Das sagt die Gassechuchi – K+A zu den Vorfällen

Das bestätigt auch Franziska Reist, Geschäftsleiterin des Vereins Kirchliche Gassenarbeit Luzern. Den Unmut oder die Sorgen der Mieterinnen kann sie verstehen. «Auch wir dulden es nicht, wenn Besuchende der Gassechuchi – K+A sich unbefugterweise Zugang zu den Garagen verschaffen oder Postpakete aus den Briefkästen entwenden.»

«Wir erhoffen uns künftig, proaktiv Gespräche mit allen involvierten Parteien zu führen, gerade wenn ein ganzes Quartier neu besiedelt wird.»

Franziska Reist, Geschäftsleiterin Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern

Sie betont, dass es eine Minderheit war, die das getan habe. «Jedoch leiden dann alle anderen Besuchenden, die sich an die Regeln halten. Das finde ich jeweils schade.» Sie sagt weiter, dass die Gassenarbeit bereits vor der Gesprächsrunde die Grundstückbesitzer darauf aufmerksam gemacht habe, dass die Garage offen sei und dies ein Problem werden könnte. «Künftig erhoffen wir uns, Dinge zu klären, bevor sie brennen. Und proaktiv Gespräche mit allen involvierten Parteien zu führen, gerade wenn ein ganzes Quartier neu besiedelt wird.» Bei der Gassenarbeit seien sie offen für den Dialog – und sensibilisierten auch die Besuchenden.

Franziska Reist, Geschäftsleiterin des Vereins Kirchliche Gassenarbeit Luzern. (Bild: ida)

Treffen schuf Abhilfe

Auch Rieder sagt, dass sie «grundsätzlich immer gesprächsbereit» seien. So setzte er sich gemeinsam mit den Betreibern der Gassechuchi zum Gespräch zusammen an einen Tisch – mit Stadt, Polizei und SIP. Gemeinsam beschlossen sie Massnahmen. Konkret: Das Tor zur Einstellhalle, das vorher tagsüber offen war, ist nun permanent geschlossen. Türfallen zu den Kellerabteilen wurden durch Knäufe ersetzt. Gleichzeitig hat auch die Leitung der Gassenküche ihre Gäste sensibilisiert.

«Es wird sich sicher hie und da ein Besuchender der Gassechuchi in das Areal verirren.»

Nadja Bürgi, Kooperation Industriestrasse

«Die Massnahmen haben Wirkung gezeigt, und die Situation hat sich entschärft. Es gab seither keine Meldung mehr zu obigen Problemen», so Rieder.

Eingezäunt – oder offen

Er fände die Gassenküche an einem anderen Ort besser aufgehoben. Rieder sagt: «Auch wenn sich viele Gäste der Gassenküche anständig verhalten, würden wir es begrüssen, wenn der Standort der Gassenküche an ein weniger dicht besiedeltes Gebiet verlegt würde.» In erster Linie seien sie jedoch froh darüber, «dass die getroffenen Massnahmen Wirkung zeigten und sich unsere Mieterinnen und Mieter wieder sicher fühlen können».

Ganz zufrieden ist er dennoch nicht. Für ihn sei es «befremdlich», dass die Nachbarschaft zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen treffen müsse. Er sieht die Verantwortung bei den Verursachern – und verweist auf ein Bundesgerichtsurteil aus dem Jahr 1993. Damals hielten die Richterinnen aus Lausanne fest, dass Betreiber von Fixerstübli für Schäden, welche Nachbarn erleiden, haftbar gemacht werden können. So musste die Betreiberin eines Gassenzimmers in Basel die Kosten für die Überwachung durch einen Securitas-Wächter mit Hund übernehmen. Und hälftig auch andere bauliche Massnahmen wie die Beleuchtung. «Wenn sich solche kostspieligen Massnahmen auch in der dicht besiedelten Umgebung der Gassenküche als nötig erweisen sollten, müsse der Standort der Gassenküche überprüft werden», findet Rieder.

Sanftere Töne gibt es seitens Industriestrasse und EWL. Während bei der Wohnüberbauung am Geissensteinring das gesamte Areal eingezäunt wurde, setzt die Kooperation Industriestrasse auf Offenheit. Nadja Bürgi sagt: «Das Areal beziehungsweise der Aussenraum wird öffentlich zugänglich sein; also offen und nicht geschlossen sein. Das ist unser Konzept und soll auch zukünftige Bewohnende ansprechen, die gemeinschaftlich denken.» Diese sollen die Industriestrasse beleben, das Quartier animieren – und einander helfen.

Die Basis für gute Nachbarschaft

«Es wird sich sicher hie und da ein Besuchender der Gassechuchi in das Areal verirren», fährt Bürgi fort. «Auch können wir uns gut vorstellen, dass es Rückmeldungen und Reklamationen geben wird. Unser Wunsch ist aber auf jeden Fall, dass wir einen gemeinsamen Dialog sowie konstruktive Lösungen mit der Gassechuchi suchen, angehen und pflegen.»

Anja Kloth von der EWL Areal AG sieht das gleich. Ihnen sei es wichtig, bereits in der Planung den Austausch mit den Parteien zu suchen und dies auch weiterzuführen. «Inwiefern es zu Reibereien kommt, kann ich nicht abschätzen. Ich bin aber überzeugt, dass eine frühzeitige gegenseitige Sensibilisierung die Basis für den gemeinsamen Dialog und eine gute Nachbarschaft sein wird.»

Im zweiten Teil liest du, was die Betreiber der Gassechuchi – K+A zur Standortfrage sagen – und warum sie am Luzerner Geissensteinring bleiben wollen. Der Artikel erscheint am Sonntagmorgen.

Verwendete Quellen
  • Schriftlicher Austausch mit Alexander Rieder, Grundstückbesitzer Geissensteinring 8–14 und Inhaber Pneumatikhaus AG
  • Persönlicher Austausch mit Franziska Reist, Geschäftsleiterin Gassenarbeit Luzern
  • Schriftlicher Austausch mit Nadja Bürgi, Leiterin Fachstelle Kooperation Industriestrasse
  • Schriftlicher Austausch mit Anja Kloth, Geschäftsführerin EWL Areal AG
  • Bundesgerichtsurteil vom 22. Dezember 1993
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