Stadt Luzern: «Abschied fällt mir besonders schwer»

Verlust für das ganze Quartier: «Kiosk Carmen» macht zu

Nach 27 Jahren schliesst Maria de Carmen San José-Otero ihren Kiosk an der Moosmattstrasse. (Bild: jdi)

Nach 27 Jahren ist Schluss: Carmen San José-Otero schliesst am Freitag ihren Kiosk – dieses Mal für immer. Die Bewohner des Luzerner Moosmatt-Quartiers werden die 73-jährige Kioskbetreiberin vermissen. Mit zentralplus spricht sie über den Abschied, der ihr besonders schwerfallen werde.

Eigentlich möchte Carmen San José-Otero ihren Kiosk gerade schliessen, als zentralplus sie um ein letztes Interview bittet. Die 73-Jährige steht nach fast drei Jahrzehnten kurz vor dem allerletzten Arbeitstag im Häuschen an der Moosmattstrasse.

«Jeder Abschied ist traurig», sagt Carmen San José-Otero und ein trauriges Lächeln huscht über ihr Gesicht. «Aber dieser Abschied fällt mir besonders schwer.» Nicht weniger als 27 Jahre lang hat San José-Otero den Kiosk betrieben.

«Ich habe meinen Vorgänger immer Fluchen gehört und dachte mir: ‹Der wird hier nicht mehr glücklich.›»

Carmen San José-Otero, Betreiberin des «Kiosk Carmen»

Am Freitag können sich die Bewohner des Moosmatt-Quartiers ein letztes Mal mit Zigaretten, Zeitschriften und «Schläckzüüg» eindecken. Doch dann ist Schluss – und zwar für immer. «Der Kiosk gehört der Stadt», erklärt San José-Otero. «Sie werden ihn abreissen.» Auch, weil das Schulhaus Moosmatt erweitert werden soll (zentralplus berichtete).

Vorgänger fluchte immer

zentralplus möchte von Carmen San José-Otero wissen, wie sie zu ihrem Kiosk gekommen ist. «Ich habe meinen Vorgänger immer Fluchen gehört – schlimme Dinge, die ich an dieser Stelle nicht wiedergeben werde – und dachte mir: ‹Der wird hier nicht mehr glücklich.›»

Weil sie keine in der Schweiz anerkannte Ausbildung hatte, habe sie sich nach rund 20 Jahren im Service und später als Reinigungskraft ein Herz genommen und den Kiosk 1996 gekauft. Eine Entscheidung, die sie nie bereut habe.

Schulkinder retteten Kiosk mit Petition

Doch dass sie den Kiosk 27 Jahre lang betreiben konnte, sei alles andere als selbstverständlich, erzählt sie weiter. Die Stadt Luzern plante, das Häuschen an der Moosmattstrasse abzureissen. Verhindert haben dies unter anderem die Kinder des angrenzenden Moosmatt-Schulhauses, die Unterschriften gesammelt und sich mit einer Petition an den Stadtrat gewandt hätten.

«Carmen war eine Institution im Quartier.»

zentralplus-Leser aus dem Moosmatt-Quartier

«Dass ich den Kiosk behalten durfte, verdanke ich nur den Schulkindern», zeigt sich Carmen San José-Otero dankbar und ist ob der Erinnerung sichtlich gerührt. Sie hat eine Kopie des damals in der «Luzerner Zeitung» erschienenen Artikels auf dem Tresen liegen.

Die Schulkinder scheinen ausschlaggebend zu sein für Carmen San José-Oteros Zufriedenheit. «Ich liebe Kinder. Darum war ich mit diesem Kiosk über all die Jahre so glücklich», sagt sie – und fügt hinzu: «Aber nicht die Pubertierenden, die machen nur Stress.» Umso mehr habe sie sich jeweils gefreut, wenn sie die Kinder Jahre nach ihrer Zeit an der Moosmattschule wieder getroffen habe und diese ihr gesagt hätten, dass sie es zu etwas gebracht hätten. «Das sind meine schönsten Erinnerungen. Das hat mich immer glücklich gemacht», meint San José-Otero lächelnd.

Carmen, die ehrenamtliche Sozialarbeiterin

Doch nicht nur für die Schulkinder hatte San José-Otero während ihrer 27 Jahre im «Kiosk Carmen» ein offenes Ohr. Ein zentralplus-Leser meldete sich bei der Redaktion und erzählte von der 73-jährigen Frau, die nicht nur Kioskbetreiberin gewesen sei: «Carmen war eine Institution im Quartier. Sie war Zuhörerin, teilte Sorgen, nahm Anteil und war wohl auch ein bisschen Sozialarbeiterin.»

«Wir holten manchmal Salz oder Öl für alte Menschen aus der Nachbarschaft. So haben wir als Kinder ein paar Rappen verdient.»

Carmen San José-Otero

Carmen San José-Otero möchte das gar nicht abstreiten: «Es stimmt, ich habe mir für alle Menschen Zeit genommen.» Darum sei es ihr über all die Jahre nie langweilig geworden. «Ich habe hier viele gute Leute kennengelernt. Es war eine schöne Zeit.»

Kinder gehen ein letztes Mal «chrömlen»

Eine Zeit, die nun zu Ende geht. Einige Regale im «Kiosk Carmen» sind bereits leer. Es gibt, was noch da ist. Die Rollladen hat San José-Otero schon halb runtergelassen, als zwei Kinder noch etwas «chrömlen» wollen.

Carmen San José-Otero nimmt das Münz der Schulbuben für die Coca-Cola-Bonbons entgegen, bevor sie sich von zentralplus ein letztes Mal in ihrem Kiosk fotografieren lässt. Das Foto will sie nicht sehen – sie sei nicht fotogen. Nicht mehr, fügt sie an und kramt eine alte Schwarz-weiss-Aufnahme hervor. «So sah ich früher aus.»

Der Traum vom Leben zwischen Italien, Spanien und der Schweiz

Ab Freitagabend wird auch der «Kiosk Carmen» der Vergangenheit angehören – und Maria de Carmen San José-Otero, wie sie mit vollem Namen heisst, wird sich der Zukunft zuwenden. Sie möchte mit ihrem sizilianischen Partner nach Taormina auswandern. Im Sommer soll es so weit sein. Ein Leben zwischen der Schweiz, Sizilien und Spanien steht der Kioskbetreiberin bevor – ein Traum, den sie seit Jahren hegt.

Ihr Weg wird sie also auch dorthin zurückführen, wo alles begann: nach Galizien. «Einen Kiosk hat es dort, wo wir aufgewachsen sind, nicht gegeben», schlägt San José-Otero den Bogen zurück zu ihrer Kindheit. «Aber wir Geschwister – wir waren zu siebt – holten manchmal Salz oder Öl für alte Menschen aus der Nachbarschaft. So haben wir als Kinder ein paar Rappen verdient», sagt sie in Erinnerungen schwelgend. «Das war wohl der Beginn meiner Karriere», fügt sie lachend an, bevor sie die Rollladen des Kiosks verschliesst.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Treffen mit Maria de Carmen San José-Otero, Betreiberin des «Kiosk Carmen»
  • Schriftlicher Austausch mit einem zentralplus-Leser
  • Schriftlicher Austausch mit einem ehemaligen Schüler des Moosmatt-Schulhauses
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