Die Festivalverantwortlichen im Interview

10-tägiges Festival zum 10-jährigen Geburtstag des Neubads

Phillippe Weizenegger (links) und Carla Taube teilen sich die Leitung Veranstaltungen im Neubad. (Bild: jdi)

Das Luzerner Neubad wird zehn Jahre alt. Gefeiert wird das Jubiläum vom 1. bis 10. September mit einem Festival. Mit den beiden Festivalverantwortlichen blickt zentralplus zurück – und in die Zukunft.

Wertvoller als jeder Promotext von Luzern Tourismus es je sein dürfte war der Artikel der «New York Times»-Journalistin Jada Yuan. Sie empfahl 50 Destinationen weltweit, die es zu besuchen gelte. Einen Stopp machte sie auch im «malerischen, alpinen» Luzern. Der Text: ein einziges Loblied auf die Stadt am Vierwaldstättersee und die sie umgebende Natur. Auf der Rigi und auf dem Pilatus war Yuan genauso wie in der Altstadt – und von Beginn weg war sie «überwältigt». Doch, so schloss die amerikanische Journalistin: Am besten gefallen habe ihr das Neubad.

Damals war es fünf Jahre alt, doch schon im Jahr 2015 zog zentralplus ein äusserst positives Zwischenfazit (zentralplus berichtete): «Das Team hat das Haus weiter vorangetrieben, als man sich das zu Beginn des Projekts je hätte vorstellen können.» Doch nicht nur der lieben Worte der zentralplus-Redaktion und Jada Yuans wegen wurde die Zwischennutzung im Laufe der Jahre immer wieder verlängert. Auch der Luzerner Architekt Harry van der Meijs möchte auf keinen Fall, dass das «Kathedrale» der Neustadt abgerissen wird (zentralplus berichtete).

Verhandlungen mit Stadt Luzern laufen

Doch aktuell führt das Neubad Verhandlungen mit der Stadt Luzern, der Eigentümerin des ehemaligen Hallenbads. Es geht um nicht weniger als das Weiterbestehen des Kultur- und Gastronomiebetriebs, um die Verlängerung des Nutzungsvertrags.

Über den genauen Inhalt dieser Gespräche dürfen Carla Taube und Philippe Weizenegger, gemeinsam verantwortlich für sämtliche Veranstaltungen im Neubad, mit zentralplus noch nicht sprechen. Über alles andere schon.

Die Vergangenheit

zentralplus: Was hat das Neubad während des zehnjährigen Bestehens erreicht?

Carla Taube: Wir haben das Quartier belebt und ein wertvolles, spannendes Gebäude erfolgreich umgenutzt. Und dabei eine Pionierrolle eingenommen. Einerseits architektonisch, …

Philippe Weizenegger: … und andererseits in Bezug auf Zwischennutzungen im Allgemeinen. Bevor es das Neubad gab, hat Luzern nie ernsthaft über Zwischennutzungen diskutiert. Doch das erfolgreiche Projekt hat Behörden, aber auch der Bevölkerung den Horizont geöffnet. Mittlerweile gibt es eine eigene Zentralschweizer Fachstelle für Zwischennutzungen und immer wieder neue Projekte, wie der seit Juli zwischengenutzte Carparkplatz auf dem Inseli. Dabei bleibt das Neubad einmalig: Eine Zwischennutzung in einem ehemaligen Hallenbad, so etwas gibt es schweizweit sonst nirgends.

zentralplus: Das Neubad strahlt weit über die Zentralschweiz heraus.

Philippe Weizenegger: So ist es. Universitäten und Hochschulen haben sich mit dem Neubad befasst. Ob Architektur, Soziokultur, Kulturmanagement oder Städteplanung: Das Interesse an unserem Konzept war und bleibt gross. Und die Expertise wird weitergegeben. So zum Beispiel beim Dreispitz-Areal in Basel oder der Zentralwäscherei in Zürich.

Die Finanzen

zentralplus: Mit welchen Schwierigkeiten war und ist das Neubad konfrontiert?

Carla Taube: Wie immer und überall in der Kultur spielen finanzielle Aspekte eine grosse Rolle. Hinzu kommt in unserem Fall die teils marode Infrastruktur dieses alten Hauses: Die Bausubstanz, ins Gebäude eindringendes Wasser, Rohrbrüche, veraltete Energietechnik und der Untergrund, der rund um das Neubad herum absackt. Auch die Investitionen in den Brandschutz und in sichere Fluchtwege waren teuer.

Philippe Weizenegger: Im Pool mussten wir Storen installieren, um dort für einigermassen erträgliche Temperaturen zu sorgen. Die Kosten beliefen sich auf rund 100'000 Franken.

zentralplus: Das Neubad steht mitten im Quartier. Knatsch mit Nachbarn scheint programmiert gewesen zu sein.

Philippe Weizenegger: Tatsächlich haben wir trotz unserer exponierten Lage erstaunlich wenig Probleme mit Nachbarn, wir sind vielmehr zum Quartiertreffpunkt geworden.

Carla Taube: Was auch damit zusammenhängen dürfte, dass anfangs sehr viel ehrenamtliches Engagement aus dem Quartier heraus kam. Inzwischen ist alles etwas grösser geworden, das Neubad hat sich etabliert. Das führt zum nächsten Problem: Während wir kulturelle Arbeit fair bezahlen möchten, soll unser Angebot für alle, also auch Menschen mit kleinem Budget, zugänglich sein. Die Folge davon: Quersubventionierung durch kommerzielle Veranstaltungen wie Firmenevents oder Hochzeiten.

Philippe Weizenegger: Heute arbeiten rund 60 Personen als Festangestellte oder im Stundenlohn für das Neubad. Anfänglich gab es genau eine Stelle. Wir haben uns zu einem mittelgrossen KMU entwickelt, haben aber dennoch eine grosse Fluktuation. Die Personalsuche, insbesondere im Bereich Gastro, erweist sich mit den leicht unterdurchschnittlichen Löhnen als schwierig.

zentralplus: Das Neubad wird von der Stadt Luzern mit 150'000 Franken subventioniert. Wäre ein Betrieb nicht auch ohne diesen Beitrag möglich?

Philippe Weizenegger: Nein. Wir haben zwar einen hohen Eigenfinanzierungsgrad, auch im Vergleich mit anderen Kulturhäusern. Doch der Spagat zwischen den kommerziellen Veranstaltungen, die Carla genannt hat, und einem qualitativ hochstehenden, für möglichst viele zugänglichen Kulturprogramm wäre ganz ohne Subventionen schlicht zu gross.

Carla Taube: Zu den 150'000 Franken kommt die kostenfreie Nutzung des Gebäudes hinzu. Wir zahlen keine Miete, was viel Druck wegnimmt, müssen aber für den Unterhalt selbst aufkommen.

Das Jubiläum

zentralplus: Am Freitag beginnt euer zehntägiges Jubiläumsfestival. Seid ihr «em Seich»?

Carla Taube: Wir haben zum Glück früh genug angefangen zu planen. Und nur wenige Programmpunkte sind ganz neu. Wir wollen die ganze Bandbreite dessen aufzeigen, was wir das Jahr über im Neubad an Veranstaltungen organisieren. Herausfordernd war etwa das Zusammenstellen des Programms, sodass es dramaturgisch und thematisch aufgeht. Am kompliziertesten sind aber die Schnittstellen: Wie kommen die einzelnen Events aneinander und am Normalbetrieb vorbei? Wie läuft die Zusammenarbeit mit den vielen externen Veranstalterinnen?

Philippe Weizenegger: Wir sind zwar schon seit drei Jahren zusammen für die Veranstaltungen im Haus verantwortlich, haben aber bisher erst eine Saison ganz ohne Corona miterlebt. Doch wir sind zuversichtlich, dass alles gut kommt.

zentralplus: Auch, dass genügend Gäste vorbeischauen werden?

Carla Taube: Das ist doch die ewige Berufskrankheit aller Veranstaltenden: Die Angst davor, dass zu wenig Leute kommen.

Philippe Weizenegger: Keiner der Events ist bislang ausverkauft. Da fragst du dich schon: «Kommt der grosse Run noch – oder kommt er gar nicht?» Wir brauchen rund 1500 Gäste, damit wir rauskommen.

Carla Taube: Auch unsere Gratisevents sind ressourcenintensiv. Wir sehen sie als Geschenk des Neubads für die Menschen aus dem Quartier und Menschen, die sich den Eintritt nicht leisten könnten.

zentralplus: Was sind eure persönlichen Highlights im Programm?

Philippe Weizenegger: Wir beginnen exklusiv und einzigartig: Die grosse Neubad-Jubiläumsshow von Valerio Moser, musikalisch untermalt von Haubi Songs, kommt im Format einer Late-Night-Show mit vielen Überraschungsgästen daher und markiert am 1. September den Festivalauftakt. Gross ist die Vorfreude auch auf das von der Luzernerin Ziska Staubli extra für unser Jubiläum konzipierte und komponierte Stück Musik für zehn Gitarren. Sie werden den Pool mit einer Wand aus zehn Verstärkern beschallen. Wer weiss, ob das Stück danach je wieder irgendwo aufgeführt wird.

(Bild: jdi)

Carla Taube: Auch bei mir sind es zwei Highlights. Das erste: Die Kollaboration mit dem befreundeten Kulturhaus Heitere Fahne aus Bern. Sie feiern ebenfalls ihr 10-Jähriges und touren durch die Schweiz. Am Nachmittag präsentieren sie ein Kindertheater, während sie am Abend im Rahmen einer inklusiven Dating-Show Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringen. Schön wird auch das Solo-Duo-Trio-Festival, das die ehemalige Neubad-Veranstaltungsleitung kuratiert hat.

Philippe Weizenegger: Dort mit dabei auch Crème Solaire oder das Trio Heinz Herber, die hier im Bistro das erste Konzert im Neubad überhaupt gespielt haben.

Die Zukunft

zentralplus: Das Jubiläumsfestival verspricht Spektakel. Was braucht es aber, damit sich das Neubad auch die nächsten zehn Jahre weiterentwickeln kann?

Carla Taube: Planungssicherheit. Die Verhandlungen mit der Stadt Luzern zur Vertragsverlängerung laufen noch.

Philippe Weizenegger: Wir sind aber auch hier zuversichtlich. Die Absichtserklärung der Stadt Luzern steht. Es wird wohl weitergehen. Wir hoffen, dass wir weiterhin auch finanzielle Unterstützung bekommen.

zentralplus: Inwiefern befasst sich das ganze Neubad-Team mit den Entwicklungen rund um die IG Kulturachse? Welchen Einfluss wird die IG Kulturachse auf das Neubad haben?

Carla Taube: Wir sind Teil des Kulturachsenfests vom 2. September und auch im Vorstand der IG vertreten.

Philippe Weizenegger: Die Stadt Luzern kann die ganze Arealentwicklung mit Inputs aus dem Quartier vorantreiben. Der Perimeter ist riesig, vom Neubad bis zum Südpol. Ideal wäre es, wenn die IG bei der Stadtentwicklung aktiv mitgestalten und -entscheiden könnte.

zentralplus: Könnt ihr euch eine Stadt Luzern ohne das Neubad vorstellen?

Carla Taube: Sie wäre sicher sehr viel langweiliger, weniger divers und bunt. Wir versuchen, aufs Quartier, die Stadt und die Kulturszene positiven Einfluss zu nehmen. Das ist uns beispielsweise mit der Einführung des Awareness-Konzepts gelungen. Es ist inzwischen in der Klublandschaft bekannt. Immer mehr Akteure ziehen nach.

Philippe Weizenegger: Ohne das Neubad würde es auch für Musikschaffende ziemlich eng. Es gibt in Luzern weniger Konzertbühnen als früher. Und keinen Ort, der so kreativ und kulturell vielfältig ist und gleichzeitig so zentral liegt. So etwas wie das Neubad kannst du auch nicht von Grund auf nochmal neu erschaffen. Es war ein organischer Prozess. Jetzt lebt das Haus. Bis es von der Gentrifizierung verdrängt wird.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Carla Taube und Philippe Weizenegger vom Neubad Luzern
  • Webseite des Neubad Luzern
  • Artikel in der «New York Times»
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