Besonders entlang der Reuss glänzt die Stadt Luzern nicht gerade mit besonders ansprechenden Ecken. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
Gesellschaft Stadtplanung

Besonders entlang der Reuss glänzt die Stadt Luzern nicht gerade mit besonders ansprechenden Ecken. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Stadt am Wasser: alles andere als Postkartenidylle

13min Lesezeit

Da werden nicht nur Basler und Berner neidisch: Luzern hat sowohl einen Fluss als auch einen See. Doch vielerorts am Wasser zeigt sich unsere Stadt nicht von der schönsten Seite. Eine externe Studie zeigt, wo am meisten Potenzial schlummert – und wo sogar New York als Vorbild herhalten könnte.

Sommer und Wasser – das passt. Während die Berner nur die Aare, die Basler nur den Rhein und die Zuger nur den See haben, planschen Luzerner sowohl im See als auch in der Reuss. Ein Glücksfall, um den uns so manche beneiden.

Doch wer dem Wasser entlangschlendert, kommt an einigen Stellen vorbei, die wenig Anlass zum Prahlen geben. Da wäre deutlich mehr möglich. Zu diesem Schluss kommt das Stadtraumkonzept Innenstadt Luzern, das vier Planer- und Architektenbüros kürzlich erstellt haben (siehe Box). «Die Lage Luzerns am See und Fluss ist einmalig schön und hat die grosse Bedeutung Luzerns als attraktive Wohn- und Arbeitsstadt wie auch als Touristenziel von Weltrang begründet», sagt Monika Schenk, Projektleiterin bei Hager Partner AG.

Doch an manchen Stellen könnte sich Luzern definitiv mehr herausputzen, so der Bericht. «Handlungsbedarf besteht dabei speziell entlang dem linken Seeufer», sagt Schenk. Zwar sei die Qualität der Seeufer in Luzern grundsätzlich hoch, doch sie könnten «noch stärker als zusammenhängendes Parkband entwickelt und gestalterisch aufgefrischt» werden.

Das Stadtraumkonzept

Im Auftrag der Stadt Luzern haben die vier Planer- und Architektenbüros Hager Partner AG, Urbanplus GmbH, Bosshard & Luchsinger AG und Zimraum die öffentlichen Räume analysiert. Daraus ist das Stadtraumkonzept Innenstadt Luzern entstanden, das diesen Frühling publik gemacht wurde. Auf knapp 70 Seiten legen die Experten dar, welche Ecken sich stadtplanerisch für eine Aufwertung anbieten würden.

Im ersten Quartal 2019 wird der Stadtrat dem Parlament den Bericht und Antrag Stadtraum vorlegen: Er soll aufzeigen, welche Projekte in den nächsten Jahren in Angriff genommen werden können.

Im Detail heisst das: Zugang zum Wasser schaffen, Spiel- und Sportflächen, Bänke und Stühle, Bars und Cafés. Zudem genug Platz für Jogger, Velofahrer und Spaziergänger und im Gegenzug weniger Strassen und Parkplätze. Die Ansätze sind weit weniger radikal als jene, die der Luzerner Architekt Frieder Hiss vor mehreren Jahren für eine Aufwertung der «Stadt am Wasser» präsentierte.

Auch entlang der Reuss gibt es einige hässliche Entlein. An welchen zehn Stellen am Wasser das Stadtraumkonzept am meisten Aufwertungspotenzial ortet – und wo demnächst etwas geht:

1. St.-Karli-Quai

Der St.-Karli-Quai wird zurzeit nur hin und wieder von Fischern als ideal erachtet. Für alle anderen ist es ein verschenkter Strassenabschnitt. Kaum überraschend, dass der Bericht der Quaianlage hervorragendes Potenzial attestiert.

Doch dazu bräuchte es Platz: Die Planer schlagen deshalb vor, die Parkplätze aufzuheben und ein Fahrverbot mit Zubringerdienst oder eine Begegnungszone einzuführen. Das Gewerbe, Restaurants und das Hotel dürften ihren Strassenbereich für Aussengastronomie nutzen, Bänke sollen zum Verweilen am Fluss einladen. Die Planer bringen zudem die Idee eines schwimmenden Flosses ins Spiel, um die Menschen wie am Zürcher Limmatquai näher ans Wasser zu bringen. 

Auch der St.-Karli-Quai soll neu gestaltet werden, zum Beispiel soll der Zugang zum Wasser verbessert werden.
Auch der St.-Karli-Quai soll neu gestaltet werden, zum Beispiel soll der Zugang zum Wasser verbessert werden. (Bild: Visualisierung zvg)

Bis es so weit kommt – wenn überhaupt –, wird es noch dauern. Die Behörden wissen zwar um den ungespielten Trumpf an der Reuss. Das Areal gehört zu den Schwerpunkten des Stadtrates zur Attraktivierung der Innenstadt. Doch der Kredit von 620’000 Franken für ein Nutzungskonzept gehörte zum Car-Paket – das vom Parlament Ende Juni zurückgewiesen wurde.

Die Neugestaltung des St.-Karli-Quais liegt also vorerst auf Eis – soll aber voraussichtlich unabhängig vom Car-Thema dem Parlament im ersten Quartal 2019 erneut vorgelegt werden, heisst es bei der Stadtverwaltung.

2. Pärkli bei der Geissmattbrücke

Pärkli? Jawohl, das gibt es. Doch dass es kaum einer kennt, ist nicht weiter verwunderlich, denn das Wort Park ist doch etwas hoch gegriffen. Der Flecken besteht nur aus einem Stück Rasen, einigen Bäumen und zwei Bänken. Die Entsorgungsstelle nebenan trägt nicht gerade zu einer lauschigen Stimmung bei.

Das Geissmatt-Pärkli – ein paar Bäume und Bänke nebst der Glasentsorgung.
Das Geissmatt-Pärkli – ein paar Bäume und Bänke nebst der Glasentsorgung. (Bild: jal)

Auch die Planer kritisieren, dass der kleine Park heute als «ungenutzte Restfläche» wirke. In erster Linie nutzen Fluss-Surfer den Ort, um ihrem Hobby nachzugehen. Zu prüfen wäre laut Konzept eine neue Gestaltung und allenfalls sogar eine Treppe hinunter ans Wasser.

Das Pärkli hätte ebenfalls in den Perimeter gehört, den die Stadt zusammen mit dem St.-Karli-Quai neu gestalten wollte. Die Ausgangslage ist demnach dieselbe.

3. Dammgärtli

Ein weiterer versteckter Park ist das Dammgärtli bei der St.-Karli-Brücke. Als einer der wenigen Grünräume im Quartier habe er grosse Bedeutung, steht im Stadtraumkonzept. Doch heute ist er beengt und schattig. Deshalb bringen die Planer die Idee ins Spiel, die Dammstrasse zur Begegnungszone umzuwandeln und den Park somit über die Strasse hinweg zu erweitern. Auch die Sentimattstrasse könnte einbezogen werden, sodass ein Aufenthaltsort am Fluss entsteht – vielleicht sogar mit Planschbecken.

So könnte es an der Reuss auch aussehen: Inspirationen vom Wipkingerpark aus Zürich. (Bilder: zvg)
So könnte es an der Reuss auch aussehen: Inspirationen vom Wipkingerpark aus Zürich. (Bilder: zvg)

Doch bis es so weit ist, dürfte noch einige Zeit vergehen. Die Pläne haben bei der Stadt nicht oberste Priorität.

4. Sentimattstrasse

Zwischen Autobahn- und St.-Karlibrücke sind Fussgänger und Velofahrer zwar entlang der Reuss unterwegs. Und im Sommer empfängt das Restaurant Reussfähre Gäste am Fluss. Doch auch auf dieser Strecke wäre laut den Experten mehr möglich. Als verkehrsarme Nebenstrasse hätte sie das Zeug zu einem attraktiven grünen Freiraum am Wasser, der besonders für das Quartier einen Mehrwert bieten würde. Zwar gibt es bereits aktuell Schwimmer, besonders aus dem Quartier, die an der Sentimattstrasse ins Wasser steigen. Doch auch hier könnte der Zugang zur Reuss verbessert werden, so die Planer.

Mache steigen an der Sentimattstrasse (rechts) in die Reuss, doch der Zugang könnte laut Experten noch besser werden.
Manche steigen an der Sentimattstrasse (rechts) in die Reuss, doch der Zugang könnte laut Experten noch besser werden. (Bild: jal)

Der Stadtrat hat die Prioritäten in seinem Bericht zur attraktiven Innenstadt indes ein wenig anders gelegt. Als konkrete Massnahme schlägt er vor, die Fussgänger- und Veloverbindungen am linken Reussufer Richtung Reussinsel zu optimieren. Doch auch für diese Pläne gibt es, ähnlich wie bei Punkt 3 noch keinen konkreten Zeitplan.

5. Bahnhofstrasse

Wer der Bahnhofstrasse entlanggeht und über die Reuss blickt, quert nur zu gerne die Brücke. Denn auf der anderen Flussseite sitzen die Menschen am Wasser, während die Begegnungszone an der Bahnhofstrasse vorwiegend aus einem trostlosen Trottoir und einer Reihe Velos besteht. Auch der Weg bis ans Wasser ist weiter als auf der Altstadtseite.

In den nächsten Jahren wird sich das allerdings ändern. Die Bevölkerung hat 2013 dem Projekt für eine autofreie Bahnhofstrasse zugestimmt. «Walk on the bright side» heisst das Siegerprojekt, welches das Flair vom Schweizerhof- und Nationalquai an die Bahnhofstrasse bringen will (zentralplus berichtete). Es wird zurzeit überarbeitet. Im Herbst 2019 sollen die Arbeiten zum Vorprojekt starten, dann folgen Bau- und Auflage­projekt. Der Baubeginn ist momentan für Mitte 2021 geplant, die Bauphase dauert voraussichtlich anderthalb Jahre, wie Deborah Arnold, Leiterin Stadtplanung, sagt. Auch eine Sommerbar wie beim Inseli und am Reusszopf soll es an der Bahnhofstrasse geben.

An diesen zehn Standorten sieht das Konzept Aufwertungspotenzial am Wasser:

Quelle: Stadtraumkonzept Innenstadt, Bearbeitung: zentralplus

6. Inseli

Nicht nur entlang der Reuss, sondern auch am See könnte es noch schöner sein. Während die rechte Seeseite mit Quai, Gastrobetrieben und Badis belebt ist, hat es am linken Seeufer noch einige Stellen, die mehr hergäben. Dazu gehört das Inseli.

Das sieht die Stadtluzerner Bevölkerung bekanntlich ähnlich. Die Stadtluzerner haben im September 2017 die Inseli-Initiative angenommen. In voraussichtlich fünf Jahren werden die Carparkplätze aufgehoben und der Park vergrössert. Das deutliche Ja an der Urne zeigt, dass die Luzerner schöne Plätze am Wasser schätzen. Doch bevor das Inseli wächst, will die Stadt den Horizont öffnen und einen Ersatz für die Cars finden (siehe Punkt 10).

7. Europaplatz und Schiffanlegestelle

Der Europaplatz vor dem KKL lässt sich sehen – nicht nur bei Anlässen wie zum Beispiel dem baldigen Blue Balls Festival. Doch die Wege dorthin lassen diesen Glamour vermissen. Besonders der Abschnitt zwischen Seebrücke und Europaplatz.

Zwar halten die Planer im Stadtraumkonzept fest, dass mit dem Seebistro Luz bereits ein Gastroangebot besteht, davon dürfte es aber noch mehr haben. So könnte auch die Schiffanlegestelle nebenan Teil einer begrünten Quaianlage werden. Das ist allerdings noch ganz ferne Zukunftsmusik.

8. Alpenquai

Unattraktives Trottoir, viele Parkplätze und veraltete Ausstattung: Das Gebiet am Alpenquai kommt im Stadtraumkonzept nicht gut weg. Es könnte durch eine Aufwertung in einen Flanier- und Aufenthaltsbereich verwandelt werden.

Unattraktiver Fussgängerweg und veraltete Anlagen am Alpenquai. (Bilder: zvg)
Unattraktiver Fussgängerweg und veraltete Anlagen am Alpenquai. (Bilder: zvg)

Auch hier geht in den nächsten Jahren wohl kaum viel. Doch auf mittelfristige Sicht sind beim gesamten linken Seeufer Verbesserungen geplant (siehe Punkt 10).

9. Hafenareal und Werft

Wer am linken Seeufer entlangschreitet, kommt irgendwann zur Werft. Diese «unzugänglichen Anlagen» besetzen laut den Planern einen als Verbindungsstück wichtigen Teil des linken Seeufers. Zwar würdigen sie, dass der Fussgängersteg eine interessante Aussicht auf Schiffe und Panorama biete. Dennoch gibt es Verbesserungspotenzial: Der Steg soll zu einer breiten Terrasse ausgebaut werden – im Sinne einer «High Line», wie man das etwa aus New York kennt (siehe Bild).

Die heutige Hafenanlage mit Fussgängersteg (links) und als Vision eine «Highline» aus New York. (Bilder: zvg)
Die heutige Hafenanlage mit Fussgängersteg (links) und als Vision eine «High Line» aus New York. (Bilder: zvg)

10. Linkes Seeufer

Der gesamte Uferbereich vom Inseli bis zum Tribschenhorn soll als zusammenhängender Uferpark mit durchgehender Promenade entwickelt werden. Die Planer sehen Potenzial zur Aufwertung, indem Parkfelder aufgehoben werden.

Im April 2017 hat das Stadtparlament einen Kredit von 775’000 Franken für die weiteren Pläne gesprochen. Im Frühling 2019 startet eine Testplanung für das gesamte linke Seeufer vom Europaplatz bis zum Richard-Wagner-Museum. Die Resultate sollen aufzeigen, wie das Gebiet künftig aussehen könnte. Dabei werden auch die Ideen aus dem Stadtraumkonzept vertieft, etwa die Idee, Parkfelder und Bootsplätze zugunsten eines neuen Uferparks aufzuheben. Oder das Areal zu beleben – etwa mit Kinos, Konzerten oder Sportevents.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft