Der Architekt Frieder Hiss hat 15 Ideen für die Stadt Luzern – und für diese braucht er einen langen Atem. (Bild: jav)
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Der Architekt Frieder Hiss hat 15 Ideen für die Stadt Luzern – und für diese braucht er einen langen Atem. (Bild: jav)

Ideen für eine attraktive Stadt am Wasser

10min Lesezeit

Der Luzerner Architekt Frieder Hiss hat 15 spannende Ideen für die Stadt entwickelt – Ideen mit Pioniercharakter für grosse Veränderungen. Nicht nur bei der Salle Modulable.

Der Luzerner Architekt Frieder Hiss hat zahlreiche Ideen für die Aufwertung der «Stadt am Wasser» entwickelt. Aktuell polarisiert besonders sein neuer Vorschlag für den Standort einer künftigen Salle Modulable, welchen er nun gemeinsam mit Walter Büchi und Markus Heggli lanciert (zentral+ berichtete).

Wir wollten von Hiss wissen, welche weiteren Ideen er in petto hat und wie realistisch diese tatsächlich sind. Schaut man sich auf seiner Webseite «Ideen für eine attraktive Stadt am Wasser» um, findet man Vorschläge für Luzern, welche ganze Quartiere verändern würden: Der Kasernenplatz fast ohne Autos. Das alte Theatergebäude weg. Ein neues Quartier unter der Autobahnbrücke. Ein Inseli, welches tatsächlich eine Insel ist. Und vieles mehr.

zentral+: Bei der Durchsicht Ihrer Ideen stellt sich als Erstes die Frage: Sind Sie ein Träumer oder ein Visionär?

Frieder Hiss: (lacht) Visionär wäre doch etwas hoch gegriffen. Aber gegen den Begriff Träumer wehre ich mich auch. Meine Ideen sind umsetzbar. Ich würde sagen: Ich bin ein realistischer Träumer mit Engagement.

zentral+: Wo liegt Ihr Fokus bei diesen 15 Projektideen?

Hiss: Es geht um städtebauliche Themen: Unsere Städte werden immer einseitiger, verlieren den Branchenmix. Sie werden entvölkert und ihre Funktion als lebendiger Marktplatz geht verloren. Sie laufen Gefahr, auswechselbar und unattraktiv zu werden. Das Hirschmattquartier zeigt glücklicherweise noch auf, wie lebendig und gut durchmischt Stadtquartiere sein können. Die Sehenswürdigkeiten der Altstadt können hingegen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich nachteilige Veränderungen ergeben. So wichtig der Tourismus ist, die Innenstadt darf nicht veröden. Wenn beispielsweise Einnahmen der Ladenflächen im Erdgeschoss dazu führen, dass Räume in den oberen Geschossen nicht mehr als Wohnungen, sondern nur noch als Lagerflächen dienen oder gar ungenutzt bleiben, ist das keine positive Entwicklung.

«Anschieben würde ich gewisse Dinge sehr gerne noch selbst.»

zentral+: Über zwölf Jahre hinweg haben Sie immer weiter an Ihren Ideen gearbeitet. Aus reiner Leidenschaft für die Stadt Luzern?

Hiss: Ich lebe seit 25 Jahren in Luzern und fühle mich dieser Stadt sehr verbunden. Das ist der Grund für mein Engagement und den damit verbundenen grossen Zeitaufwand. Die Entwicklung dieser Ideen war zudem teilweise quersubventioniert durch meine Arbeit als Spezialist für den Umbau älterer Häuser und auch für Tierheime.

zentral+: An welchen Projekten hängt Ihr Herz am meisten?

Hiss: Am Inseli, das wieder zur Insel wird, und der Mole in der Reuss. Die Wiederherstellung der Mole würde der Stadt rund 700 Quadratmeter öffentliche Nutzfläche bringen, umgeben vom Fluss. In meinen Studien finden sich zahlreiche Informationen über die historische Entwicklung der Stadt Luzern. Die Stadtgeschichte spielt daher eine wichtige Rolle bei den Projekten und dient als historisches Entwurfsinstrument für städtebauliche Entwicklungen. Dabei geht es aber – um bei der Mole zu bleiben – nicht einfach um ein Nachbauen des im 19. Jahrhundert inmitten der Reuss entstandenen Industriebaus, der später zur geschlossenen Warmwasser-Badeanstalt – im Volksmund «Mississippi-Dampfer» genannt – umgebaut wurde. Ideen wie Kulturbauten oder «Flussbädern» in der Reuss dürfte zudem kaum ein Erfolg beschieden sein, da ein Baurecht im Fluss schon vor langer Zeit aufgehoben wurde.

zentral+: Haben Sie auch gleich Ideen dazu, wie ein solches Projekt finanziert werden könnte?

Hiss: Im Zusammenhang mit dem Parkhaus Musegg ergeben sich vielleicht Möglichkeiten für die erwähnten Beiträge an eine Aufwertung des öffentlichen Raumes. Auch eine Trägerschaft wäre eine Idee und ein Crowdfunding kann ich mir ebenfalls vorstellen. Man spendet 1000 Franken und der Spendername wird im Handlauf der Mole eingraviert. Ich bin überzeugt, dass es in Luzern viele Menschen gibt, die gerne einen Beitrag zur Aufwertung ihrer Stadt beisteuern würden, um anschliessend mit Namen darauf verewigt zu sein. Neben der Mole ist mir aber auch die Wiederentstehung des Inselis ein besonderes Anliegen.

zentral+: Welche Ideen haben Sie denn für das Inseli?

Hiss: Das gesamte linke Seeufer aufzuwerten, ist schon länger ein Bestreben der Stadt. Dazu gehörte auch die Freilegung des Inselis. Es würde im Interesse der Bevölkerung und der zahlreichen BesucherInnen der Stadt Luzern liegen. Das Inseli übt eine wichtige Funktion als Erholungsraum aus, dient aber auch für kurzzeitige Anlässe wie die Määs, Freiluftkonzerte, Tanzanlässe. Luzern ist eine Stadt am Wasser und mit einer Freilegung des Inseli durch die Wiederherstellung eines schmaleren Kanales würde Luzern zu Recht als die «italienischste Stadt nördlich des Gotthardes» bezeichnet. Das sind Projekte, in welche ich gerne noch etwas mehr an Zeit und Kopfarbeit investieren würde. Denn beschäftigt man sich mit dem Inseli, muss man sich auch mit dem Stadtluzerner Carproblem beschäftigen.

zentral+: Welche Ideen hätten Sie zur Carproblematik?

Hiss: Man muss es subtil angehen, Radikallösungen bringen gar nichts. Das Parkhaus Musegg wäre schon mal eine gute Zwischenlösung – erstmal für den Schwanenplatz und auch eine deutliche Entlastung beim Inseli. Und etwas später könnte man auch den Carparkplatz beim Inseli ganz auflösen.

Frieder Hiss

Frieder Hiss (70) wuchs am Bodensee auf und absolvierte nach seiner Ausbildung zum Architekten an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart eine Zusatzausbildung in Film- und Foto-Dokumentation. Darauf folgten stadtplanerische Arbeiten in Deutschland und kurze Studienaufenthalte in Wien und Berlin. 1980 erfolgte der Umzug nach Luzern und die Tätigkeit als selbstständiger Architekt. In den letzten Jahren konzentrierten sich die Aufgaben seines Büros arch-idee auf die Bereiche Analysen, Konzepte, Ortsbild, öffentlicher Raum, Projektentwicklung und Beratung.

Daneben engagierte er sich im Schweizerischen Werkbund OG Zürich und Luzern als Vorstandsmitglied, im VR der Wohnkommission beider Hochschulen Zürich, in der Kultur-Stiftung «Polis», als Prüfungsexperte für Hochbauzeichner und seit 2008 als Vorstandsmitglied und Fachberater beim Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee.

Seit 2004 ist Hiss Initiant und Verfasser der «Ideen für eine attraktive Stadt am Wasser», unterstützt von Enea De Nuccio und seit 2013 von Architekt Markus Heggli.

Müssen Carfahrten beispielsweise an den Christkindlimarkt nach Nürnberg oder zu einem Wochenende nach Rom zwingend vom Zentrum der Stadt aus gehen? Wären da nicht alternative Lösungen gefragt? Die Allmend und der Mattenhof sind gut erschlossen und zudem näher an der Autobahn – eine sehr schnelle Verbindung per S-Bahn im 7,5-Minuten-Takt ist gegeben. Schneller als in vielen anderen Städten.

Wir müssen die Stadt grosszügiger denken. Alles im Zentrum beim Bahnhof zu konzentrieren ist ein aussichtsloses Unterfangen. Es braucht dringend ein übergeordnetes Carkonzept. Lösungsansätze dazu sind in den «Ideen für eine attraktive Stadt am Wasser» ebenfalls enthalten.

zentral+: Welche Ihrer Projekte haben tatsächlich Chancen auf Umsetzung?

Hiss: Sicher nicht alle 15 Ideen, das ist klar. Aber wenn einige davon irgendwann umgesetzt werden, wäre das natürlich schön. Anschieben würde ich gewisse Dinge sehr gerne noch selbst. Beispielsweise einzelne Ideen und Projektvorschläge in Zusammenarbeit mit weiteren Fachleuten zu Machbarkeitsstudien ausarbeiten. Diese könnten dann Grundlage für weitere Planungen und/oder Investoren-Architekten-Wettbewerbe sein.

Beim Lehnen-Viadukt – einer Gewerbe- und Atelierfläche unterhalb der Autobahn an der Reuss – wird in Zusammenarbeit mit den Bauart-Architekten eine Weiterbearbeitung der vorhandenen Projektstudie zu einer Machbarkeitsstudie geprüft. Das Projekt stösst bei Kanton und Stadt auf reges Interesse.

zentral+: Wie würde das Projekt genau aussehen?

Hiss: Unter der Brücke, direkt an der Reuss, liegt viel ungenutzte Fläche, die für Atelierbauten, Büros, Schulung genutzt werden könnte. Dem Reusstal kommt im Zusammenhang mit der Stadtentwicklung Nord nebst der Funktion als Verkehrsachse auch weitere Bedeutung zu. Das Projekt hätte zudem Pioniercharakter.

zentral+: Wie fallen die Reaktionen auf Ihre Projekte aus? Gerade jetzt, wo Sie besonders mit dem Thema Salle Modulable viel Aufmerksamkeit erhalten?

Hiss: Spontan finden die Ideen Gefallen. Nebst Begeisterung gibt es aber auch vereinzelt skeptische Kommentare. Gerade jetzt auch nach der Idee für einen angepassten Standort der Salle Modulable dürfte die Diskussion darüber vermutlich intensiv werden.

zentral+: Ist es nicht deprimierend zu wissen, dass das meiste wegen der politischen Prozesse oder der Finanzen niemals zustande kommen wird?

Hiss: Nein. Daran ist man als Architekt ein Stück weit gewohnt. Gerade bei Wettbewerben investiert man oft viel Geld und Zeit und viele Ideen und Projekte verlaufen ergebnislos. Man kennt es, dass entwickelte Ideen nicht umgesetzt werden. Umso wichtiger ist es, dass die Parameter für öffentliche Bauvorhaben auf gut fundierten Grundlagen basieren.

zentral+: Haben Sie ein Lieblingsgebäude in der Stadt Luzern?

Hiss: Ich kann kein Gebäude nennen, nur einen Platz. Denn Zwischenräume sind meiner Meinung nach die Qualitäten einer Stadt – Plätze, Ecken. Und mein Lieblingsplatz wäre dann wohl der lang besonnte Mühlenplatz. Den mag ich sehr.

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