Psychologin Caroline Fux nimmt kein Blatt vor den Mund. Zum Thema Sex und Liebe berät sie täglich verunsicherte Menschen. (Bild: zvg)
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Psychologin Caroline Fux nimmt kein Blatt vor den Mund. Zum Thema Sex und Liebe berät sie täglich verunsicherte Menschen. (Bild: zvg)

«Man darf den Schweizer Liebhaber nicht unterschätzen»

12min Lesezeit

Fragen zu Fetischen, Seitensprüngen und Liebeskummer – die Zugerin Caroline Fux beantwortet sie alle. Mit zentral+ spricht die «Blick»-Sexpertin und Ratgeber-Autorin differenziert über aktuelle Trends und Tabus. Und darüber, wie der Schweizer als Liebhaber ins Finale vorstösst.

Caroline Fux ist in den letzten Jahren zur einer der bekanntesten Liebes- und Sex-Expertinnen der Schweiz geworden. Die gebürtige Zugerin hat gerade ihr drittes Buch «Das Paar-Date» herausgebracht und ist als Beraterin in Sex- und Liebesfragen beim «Blick» so gefragt wie nie zuvor.

Täglich erreichen sie mehrere Mails von verunsicherten oder gar verzweifelten Lesern, die Rat suchen. Bei einer Gurkenlimo steht die 34-jährige Psychologin und Journalistin in Luzern zentral+ Rede und Antwort.

zentral+: Kann man Sie überhaupt noch schockieren?

Caroline Fux: (Sie lacht.) Jedenfalls nicht mit dem, was die meisten Leute schockierend finden. Was mich am meisten bewegt, ist selten das, was andere als grosse Aufreger empfinden. Mich berührt eine schwierige Beziehungsgeschichte wesentlich mehr, als ein ausgefallener Fetisch. Da habe ich mittlerweile auch die professionelle Distanz, dass mich so etwas nicht mehr schockiert.

zentral+: Aber bei gewissen Fragen müssen auch Sie hoffentlich lachen?

Fux: Natürlich. Lachen, Fluchen, Kopfschütteln. Das passiert automatisch beim Lesen vor dem Computer, da kann man auch nichts dagegen machen. Das können meine Arbeitskollegen auf der Redaktion bestätigen. Mir ist aber wichtig, dass ich niemanden auslache. Ich zeige auf niemanden und sage: Schau mal der arme Siech. Das tut mir auch weh für die Leute, wenn solche Reaktionen von aussen kommen. Ich weiss, dass dieses Format für viele reines Entertainment ist. Aber es soll keine Freakshow sein, in der es darum geht, die schrägste Frage zu finden. Die Fragesteller verdienen einen würdevollen Rahmen und eine ernst gemeinte Antwort.

zentral+: Aber ist es nicht manchmal deprimierend, in einer aufgeklärten Gesellschaft so unaufgeklärt Fragen gestellt zu bekommen?

Fux: Nein, gar nicht. Ich hüte mich davor, vorschnell zu entscheiden, welche Fragen eine Antwort verdient haben und welche nicht. Klar, bei Schwangerschaftsfragen, da fragt man sich dann schon – uiuiui, hat da jemand in der Biologie nicht wirklich aufgepasst? Doch die meisten Menschen in der Schweiz sind ziemlich gut aufgeklärt. Aber dann ist es immer etwas anderes, wenn es persönlich wird und dich selbst betrifft. Da tauchen die Fragen dann plötzlich wieder auf.

«Der Schweizer Liebhaber ist auf eine positive Art pragmatisch.»

zentral+: Wie sind die Schweizer – oder noch besser: die Zentralschweizer – eigentlich so im Bett?

Fux: Es existieren zwar Umfragen, wie die Nationen im Bett sind, aber wissenschaftlich sind die meist nicht. Die Sexualwissenschaft ist eine sehr junge wissenschaftliche Disziplin – sie ist erst dabei, sich aus einer Nische zu lösen. Vieles, was als ernste Studie verkauft wird, ist unwissenschaftlicher Quatsch.

Das Image des Schweizers ist nicht gerade das des Super-Liebhabers. Wir zählen eher als Gegenentwurf zum Latin-Lover. Ich würde aber sagen: Der Schweizer Liebhaber ist auf eine positive Art pragmatisch. Er hat eine gute sexuelle Bildung, viel Wissen, was als sexuelle Kompetenz nicht zu unterschätzen ist. Zudem gehen wir sehr offen mit Sex um. Wir sind gleichberechtigt, also darum bemüht, dass der Sex für beide gut ist. Man darf den Schweizer Liebhaber deshalb nicht unterschätzen – er ist der Aussenseiter, der sich dann plötzlich fürs Finale qualifiziert.

zentral+: Die Autorin Güzin Kar sagte einmal: «Wenn du einen Schweizer willst, musst du ihm an die Wäsche. Er selber rührt nämlich keinen Finger, wehrt sich zum Glück aber auch nicht.» Stimmt das denn nicht?

Fux: Nun ja. Beim Flirten ist es noch mal etwas anderes. Darin sind wir bestimmt keine Weltmeister. Dafür machen wir aber auch keine Show. Man kann sich beim Schweizer darauf verlassen, was angepriesen wird. Es gibt vielleicht nicht gleich von Beginn an das grosses Feuerwerk, aber: What you see is what you get – wenn nicht mehr! (lacht)

«Die Städter tun sich mit Körperlichkeiten oft schwerer als die Menschen vom Land.»

zentral+: Existiert ein sexueller Stadt-Land-Graben?

Fux: In der Stadt wird sicher mit der grösseren Kelle angerührt. Man will ein offenes, wildes Bild von sich vermitteln. Und Städte sind auch Ballungszentren für extravagantere Formen der Sexualitäten. Doch die Städter tun sich mit Körperlichkeiten oft schwerer als die Menschen vom Land, die der Natur oft näher stehen. Denn Sex ist nicht sauber – er hat einen Geschmack, macht Geräusche.

zentral+: Die Fasnacht ist in vollem Gange – eine «sexuelle Hochzeit», haben Sie mal gesagt.

Fux: Die Gelassenheit und die Offenheit der Leute fliesst auch in die Sexualität ein. Es wird viel Alkohol konsumiert, man ist enthemmt – da trifft man nicht immer glorreiche Entscheidungen. Deshalb ist diese Zeit gerade aus Paarberatungssicht schwierig. Aber grundsätzlich ist es so, dass wir offener sind, nichts darstellen müssen. Man braucht keinen guten Job, keine Statussymbole, hat einfach Party zusammen. Was ich aber auch bitter finde – man könnte ja auch unter dem Jahr mal den Finger aus einer gewissen Köperöffnung rausnehmen.

zentral+: Es gibt einige Paare, die sich für die Fasnacht gegenseitig einen Freibrief geben.

Fux: Nicht nur an der Fasnacht, sondern auch bei längeren Reisen. Es gibt einen Trend hin zur offenen Beziehung. Natürlich hat die jetzige Generation das nicht erfunden – das wäre die freie Liebe gewesen. Es ist aber so, dass heute wieder mehr darüber gesprochen wird. Doch ich glaube nicht, dass tatsächlich mehr Menschen dieses Beziehungskonzept leben. Ich sage immer: Unterm Strich ist eine Beziehung wie Jonglieren. Die meisten haben schon mit zwei Bällen Mühe und lassen sie fallen. Dann davon zu träumen, einen dritten und vierten dazu zu nehmen, ist illusorisch. Die meisten haben diese Kompetenz noch gar nicht.

Eine offene Beziehung ist extrem viel Arbeit: Es braucht viele Gespräche, Mut, man muss loslassen und sein Ego überwinden. Aber ich bin dankbar dafür, dass überhaupt darüber gesprochen werden kann. Dass die Lust auf jemand anderen kein Tabu mehr ist. Dass man formulieren kann: Ich will diese Beziehung, aber ich will vielleicht sexuell noch andere Dinge erleben können. Das heisst ja nicht, dass man seinen Partner weniger gerne hat.

«Bei Pornos ist so viel Beschiss dabei.»

zentral+: Sind wir heute wirklich so viel offener, was Sex angeht?

Fux: Wir werden in den Medien, der Werbung und in Filmen bombardiert mit Sex. Er scheint so wichtig zu sein, immer und überall. Aber grundsätzlich brauchen wir keinen Sex, um zu überleben. Die Menschheit ja, aber wir als Individuum doch nicht. Und wir müssen auch mehr mit Enttäuschungen leben lernen. Denn es funktioniert gar nicht so wie im Film, ohne Dellen, ohne Haare. Es ist nicht alles clean. Es gibt Geräusche, Pannen, Geschmäcker. Da muss man sich von den Bildern abgrenzen können. Ein super Beispiel ist die Selbstbefriedigungszene im Film Black Swan. Sie macht es sich selbst, fasst sich zwischen die Beine, dreimal auf und ab und kommt zum Orgasmus. Da hab ich auch gedacht: Na, guter Griff. Wie geht das denn?

Grundsätzlich ist es aber so, dass wir erst einmal die eigene Sexualität entdecken und kennenlernen müssen. Und das geht nicht ruckzuck. Wichtig ist sich, wohl zu fühlen mit der eigenen Sexualität und dem eigenen Körper. Und auch zu entscheiden: Das ist mir zu viel, das will ich nicht. Will ich mich als Frau auf diesen Fleischmarkt schmeissen, will ich diesen Leistungskatalog erfüllen als Mann? Das gehört auch zur sexuellen Kompetenz. Nicht nur das Wissen.

Das neue Buch von Carolin Fux

Gemeinsam mit dem Luzerner Psychotherapeuten Joseph Bendel hat Caroline Fux im Januar das Buch «Das Paar-Date – miteinander über alles reden. Mit Tagebuch fürs Update-Gespräch» herausgebracht.

Mit dem Paar-Update stellen die beiden Autoren eine bewährte Gesprächsmethode vor, die sicherstellt, dass Paare langfristig miteinander im Gespräch bleiben, sich immer wieder neu entdecken und sich weiterentwickeln. Die Methode erklären sie im Ratgeber «Das Paar-Date» inklusive Tipps und Tagebuchvorlagen für die Gespräche.

Co-Autor Joseph Bendel führte über 36 Jahre eine Praxis für Paar- und Familientherapie, Männerarbeit und Supervision in Luzern. Er war der erste Leiter der Gewaltberatungsstelle in Luzern, ist vierfacher Vater, sechsfacher Grossvater und seit 44 Jahren verheiratet.

zentral+: Wie problematisch sind Pornos?

Fux: Dazu gibt es mittlerweile wirklich gute Studien. Man weiss daraus: Menschen können gut mit Pornos umgehen, wenn es nicht ihr Erstkontakt mit Sexualität ist. Ist man vorher gut aufgeklärt und weiss darüber Bescheid, dass es eine Inszenierung ist und der Konsum im Rahmen bleibt, sind Pornos kein Problem. Wenn das aber fehlt, dann nimmt man Pornos als Referenz. Warum sollte man dann nicht davon ausgehen, dass es normal ist, dass jeder Mann der Frau am Schluss ins Gesicht ejakuliert? Wenn dir niemand sagt, dass es vielleicht nicht jede Frau so toll findet.

Zudem ist da so viel Beschiss dabei. Es wird beispielsweise sehr viel Zeit in die Vorbereitungen investiert, um beispielsweise Analsex so zu zeigen, wie man es dann im Porno sieht. Und diese ganze Vorbereitung, die bräuchte es ja dann zuhause auch. Die wird aber natürlich nicht gezeigt. Das ist ein Aufruf zur Aufklärung, denn diese Filme sind da und sie werden von den Jugendlichen und Kindern gefunden.

zentral+: Was sind heute die grössten Tabus?

Fux: Das Urtabu, welches sich wahrscheinlich auch nie ändern wird, ist das «Nicht-Genügen», die Unsicherheit. Doch der Begriff hat sich in den letzten Jahrzehnten entwertet. Man hat immer nach noch grösseren Tabus gesucht. Aber wenn du mir 100 Extreme an den Kopf knallst, dann verliert das einzelne automatisch an Bedeutung. Ich glaube, die Bünzligkeit ist heute das grösste Tabu. Der neue heisse Sex ist vielleicht bald Blümchensex. Denn ein Trend löst immer einen Gegentrend aus. So ist es bei allem – auch beim Thema Sex.

«Wenn beide etwas gut finden, weshalb soll man sie dann in die perverse Ecke stellen?»

zentral+: Ist Sex besser, wenn man darüber spricht?

Fux: Man kann grossartigen Sex mit jemandem haben, ohne jemals ein Wort gewechselt zu haben. Aber will man längerfristig eine gemeinsame Sexualität aufbauen, dann geht’s nicht ohne. Man muss seine Wünsche und Ideen mitteilen können. Aber bitte nicht gleich live und parallel. Analysieren oder kritisieren hat beim Sex nichts verloren. Denn nackt ist man sehr verletzlich. Allgemein sollte man Gespräche über Sex nicht im Bett führen, sondern zum Beispiel am Küchentisch mit etwas Distanz. Man wartet das Schwimmbad auch dann, wenn keine Besucher drin schwimmen.

zentral+: Wann ist jemand pervers?

Fux: Pervers kann erstens eine Auszeichnung sein, wie «geil» zum Beispiel. Oder pervers kann abartig bedeuten: ungut aus dem Rahmen fallen, krankhaft. Ich finde die Definitionen jedoch allgemein auch heute noch sehr heikel. Homosexualität ist zum Beispiel erschreckend spät aus dem WHO-Katalog für krankhaft gestrichen worden.

Ich finde, man sollte hier eine wichtige Unterscheidung machen: Bedeutet das, was die Person macht oder möchte, ein Problem für jemanden anderen? Wenn nicht, dann ist es doch völlig egal. Es gibt Paare, die mögen es, gegenseitig aufeinander zu urinieren. Wenn das beide gut finden, weshalb soll man sie dann in die perverse Ecke stellen?

zentral+: Welche Information würden Sie gerne allen Menschen in den Kopf pflanzen?

Fux: Sex ist etwas Lebendiges und Veränderliches. Man soll und darf und kann ihn immer wieder neu entdecken.

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