Birgitte Snefstrup: Die Kämpferin für Sexarbeiterinnen geht in Pension
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Birgitte Snefstrup hat mehr als 16 Jahre lang Einblick ins das Rotlichtmilieu in Luzern. (Bild: ida)

Nach 16 Jahren tritt sie zurück Birgitte Snefstrup: Die Kämpferin für Sexarbeiterinnen geht in Pension

8 min Lesezeit 1 Kommentar 11.04.2021, 18:03 Uhr

Birgitte Snefstrup kämpfte mehr als 16 Jahre für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen. Vor acht Jahren gründete sie den Verein Lisa. Nun geht die Luzernerin in Pension. zentralplus hat sie zum Gespräch getroffen.

Sie hat Einblicke in eine Welt, die den meisten von uns fremd ist. In eine Welt, die vielen von uns schummrig erscheinen mag. Eine Welt, in der wir uns vorstellen, dass Frauen Lackleder und 25-Zentimeter-Highheels tragen.

Birgitte Snefstrup hat mehr als 16 Jahre lang Einblick ins das Rotlichtmilieu in Luzern. Sie weiss, dass das Bild weitaus heterogener ist. Hat in den Salons an den Küchentischen mit den Frauen, die Finken trugen und Lockenwickler in ihren Haaren hatten, Kaffee getrunken.

16 Jahre lang hat sich Snefstrup den Kampf für mehr Akzeptanz und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen auf die Fahne geschrieben.

Ab 2005 besuchte sie als Angebotsleiterin von Aidsprävention im Sexgewerbe (Apis) regelmässig Frauen, die auf dem Strassenstrich, in Salons, Bars und Clubs der Zentralschweiz arbeiteten. Danach gründete sie den Verein Lisa, den Luzerner Verein für die Interessen der Sexarbeitenden. Acht Jahre war sie Geschäftsleiterin, nun ist die 60-Jährige Ende März in Pension gegangen.

«Zu Beginn sah auch ich nur schwarz-weiss, ich konnte hinter der Kulisse dieses Geschäfts das normale Leben noch nicht erkennen.»

Wir besuchen Snefstrup in ihrem Zuhause im Luzerner Brambergquartier. Yuna – eine halbjährige Labradoodle-Hündin – streckt uns ihre neugierige Nase entgegen. Momentan sei sie ein wenig am Pubertieren, meint Snefstrup, während sie sich aufs lindgrüne Sofa setzt.

Junge Sexarbeiterinnen beelendeten Snefstrup

Die Sozialpädagogin arbeitete vor ihrem Engagement für Sexarbeiterinnen bei der Flüchtlingshilfe. Als sie das erste Mal im Rahmen ihrer aufsuchenden Arbeit bei der Aidsprävention den Saunaclub Zeus in Küssnacht besuchte, habe sie schon grosse Augen gemacht. «Zu Beginn war es auch für mich eine fremde Welt. Und auch ich sah erst nur schwarz-weiss, konnte hinter der Kulisse dieses Geschäfts das normale Leben noch nicht erkennen.»

Snefstrup musste erst lernen, die neuen Eindrücke und Erlebnisse einzuordnen. Mühe hatte sie zu Beginn, als der Strassenstrich aus den Wohnquartieren in den Ibach verlegt wurde. «Ich sah die jungen Frauen, die auf dem Strassenstrich froren, um anschaffen zu gehen. Dann kam ich nach Hause, sah als Gegensatz meine Tochter, wie sie wohlbehütet in ihrem Bett lag.»

Das stimmte Snefstrup, die Mutter zweier erwachsener Kinder ist, traurig. Denn hinter jeder Sexarbeiterin steht eine Mutter, die sich für ihre Kinder ein sicheres Leben gewünscht hätte. «Auch machten mir anfangs die Rollenbilder von Mann und Frau zu schaffen. In diesem Setting ist das sehr auf die Spitze getrieben.»

Der grösste Teil aus finanziellem Druck heraus

Viele der Sexarbeiterinnen haben in ihrem Heimatland wie Rumänien oder Bulgarien ihre Kinder. Sie haben keine anderen Möglichkeiten, als ihren Körper für Geld zu verkaufen, um ihren Kinder Essen, ihnen Perspektiven zu geben. «Ihre Kinder bedeuten ihnen alles», sagt Snefstrup.

«Ich habe mir selber oft auch die Frage gestellt: Wie weit würde ich gehen für meine Kinder?»

Und das verbindet die Frauen mit Snefstrup. Für sie sind das ganz einfach Frauen, die einer Arbeit nachgehen. «Ich habe mir selber oft auch die Frage gestellt: Wie weit würde ich gehen für meine Kinder? Für mich ist ganz klar: Wenn ich als Mutter meine Kinder nicht ernähren könnte, würde ich alles dafür tun.»

Einige denken vielleicht: Wohl keine der Frau kann das wirklich freiwillig machen. Auch ein Buch von Aline Wüest hat den Eindruck hinterlassen, dass hinter jeder Frau ein Zuhälter stehe, der von ihr profitiert und sie in irgendeiner Weise dazu zwingt. Snefstrup ist vom Gegenteil überzeugt. «Nach meinen 16 Jahren kann ich sagen: Der grösste Teil hat nichts mit Zwangsprostiutiton zu tun.» Auch wenn sie klar sagt, dass sie beides gesehen hat.

«Schwierig ist es, weil es so viele Mitverdiener hat. Und das ist nicht in Ordnung», sagt Snefstrup. «Sexarbeiterinnen bewegen sich in einem Raum, in dem ihnen überall etwas abgeknöpft wird und sie immer wieder Schulden haben, aus denen sie nur sehr schwer wieder rauskommen.» Was sich in Krisenzeiten wie Corona verstärkt hat.

Sonderbehandlung von Sexarbeiterinnen stimmt Snefstrup traurig und wütend

In den letzten 16 Jahren hat ihr eines zu schaffen gemacht: Die Stellung von Sexarbeitern in unserer Gesellschaft. «Am meisten enttäuscht mich die Sonderbehandlung, die das Gewerbe und die Menschen, die darin tätig sind, immer wieder erfahren.»

Es sind Vermieter, die teils den dreifachen Mietpreis als üblich verlangen. Oder auch der Staat. «Die Sexarbeiterinnen müssen ihren Pflichten nachkommen, erhalten aber wenig Rechte», so Snefstrup.

Wütend macht sie auch, dass Sexarbeiterinnen oft als weniger wertvoll behandelt werden. Snefstrup spricht das rechtskräftige Urteil an, das im Zusammenhang mit einer Reihe von Raubüberfällen auf dem Strassenstrich Ibach gesprochen wurde.

2017 raubte eine Bande mehrmals hintereinander Sexarbeiterinnen aus. Daran beteiligt waren zwei Frauen, welche ihre Opfer – die Sexarbeiterinnen – mit einer Pistole bedroht haben. Eine Täterin wurde vom Kriminalgericht verurteilt – aber sie muss weder ins Gefängnis noch wurde sie des Landes verwiesen (zentralplus berichtete).

Das Urteil gibt Snefstrup sehr zu denken, denn sie ist überzeugt: «Wären du oder ich überfallen worden, so wäre das Urteil für die Beschuldigten bestimmt nicht so ausgesprochen mild ausgefallen.» Für die betroffenen Sexarbeiterinnen sei ein solches Urteil demütigend. Snefstrup schüttelt den Kopf. Sie hofft, dass es die betroffenen Sexarbeiterinnen erst gar nicht mitbekommen. Ein solches Urteil zeige, dass Sexarbeiterinnen auch von der Justiz Unrecht erfahren würden.

«Zumal die Frauen auf dem Strassenstrich lange traumatisiert waren.» Denn drei Jahre zuvor verlor eine 36-jährige Frau, die auf dem Strassenstrich Ibach als Sexarbeiterin arbeitete, ihr Leben. Auch Jahre später geht die Angst im Ibach immer noch um (zentralplus berichtete).

Sie sah, wie es Sexarbeiterinnen durch den Verein besser ging

Es sind die vielen kleinen Schritte, die Snefstrup in den letzten acht Jahren mit «Lisa» erreicht hat, die sie ermutigt haben, weiterzukämpfen. Einzusehen, dass das horizontale Gewerbe eben nicht schwarz-weiss ist. Zu sehen, dass Sexarbeiterinnen aus erster Hand von ihrer Arbeit profitieren. «Und dass wir Frauen befähigen konnten, Dinge selber in die Hand zu nehmen und unabhängiger werden.»

«Ich habe gelernt, hartnäckig und kämpferisch zu bleiben.»

Snefstrups Job verlangte Biss. Letztes Jahr konnte «Lisa» ein neues Gesundheitsangebot eröffnen, bei dem sich Sexarbeiter niederschwellig und kostengünstig auf sexuell übertragbare Krankheiten testen und sich dazu beraten lassen können (zentralplus berichtete). Die ersten Verhandlungen mit dem Kanton starteten vor sieben Jahren. Auch hier brauchte es also ordentlich Schnauf.

«Ich habe gelernt, hartnäckig und kämpferisch zu bleiben», sagt Snefstrup. Hat sie das von den Frauen gelernt, an denen sie ihren Lebensmut bewundert hat? Oder war es der Job, das Unrecht, an dem sie sich auch mal die Zähne hat ausbeissen müssen? «Ich weiss es nicht», sagt Snefstrup und lächelt. «Vermutlich beides.»

Geht mit 60 Jahren in die Pension: Birgitte Snefstrup. (Bild: ida)

Zu den Highlights gehört die Eröffnung des Containers

Als Snefstrup und der Vorstand mit dem Verein Lisa begannen, haben sie mit einem Stift ein «Lisa»-Haus aufs Papier gezeichnet, sie haben die Räume mit ihren Visionen gefüllt. «Acht Jahre später haben wir das alles realisiert, was mich sehr glücklich macht. Unser Ziel ist es, dass wir zentralschweizerisch zur Fachstelle von Sexarbeitenden werden – und wir sind auf bestem Weg dazu.»

Snefstrup blickt zurück. Alles begann 2013 mit dem Beratungscontainer im Ibach. Dieser hat sich als ein Ort etabliert, an dem sich die Frauen wohl fühlen – an dem gelacht, geweint und diskutiert wird. Die Eröffnung des Containers war einer der schönsten Momente für Snefstrup. Und das, obwohl vieles am ersten Abend schiefgelaufen ist: Denn die Stadt vergass damals, den Strom anzuschliessen.

Es war Mitte Dezember und furchtbar kalt. Die Frauen sassen im Container, ohne Wärme, ohne Licht oder warmen Kaffee. Etwa 50 Rechaudkerzen hätten sie dann angezündet. «Die Frauen freuten sich wahnsinnig und sagten, wie romantisch es doch sei.»

Der Abschied fällt ihr nicht leicht

Der Abschied fällt Snefstrup nicht leicht. Es seien viele Begegnungen, die ihr fehlen. «Beeindruckt hat mich an den Frauen immer ihr Lebensmut und dass sie – trotz schwieriger Arbeitsbedingungen – stets solidarisch und empathisch waren.»

«Ich habe schnell gelernt, Sexarbeit als Arbeit zu sehen.»

So kam es, dass nicht nur Snefstrup am Leben der Frauen teilnahm, sondern auch umgekehrt. Wie es ihren Kindern gehe, der Mutter in Dänemark, wurde sie gefragt. Snefstrup wurde mit Tragetaschen voll mit Gewürzen beschenkt, als sie sich um eine komplizierte Steuererklärung einer Frau kümmerte.

Die Frauen hatten zu Snefstrup Vertrauen. «Unvergesslich sind die Momente, in denen mir Frauen gesagt haben: ‹Du verstehst unsere Situation. Du verstehst uns.› Ohne dass ich je in ihre Fussstapfen getreten bin.»

Aus Schwarz-Weiss-Bildern wurde differenziert

Der Kampf für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen und dafür, dass Sexarbeiterinnen «normal» behandelt werden, wird für den Verein weitergehen.

Auch wenn der Verein in den letzten acht Jahren viel erreicht hat, gebe es immer noch Strukturen, die es den Sexarbeiterinnen schwer machen. «Die Schere zwischen dem, was Sexarbeiterinnen verdienen und dem, was sie ihren Mitverdienern abgeben müssen, geht immer weiter auf», sagt Snefstrup. «Viel besser geht es ihnen heute nicht.» Nicht zuletzt seien dafür wohl eine Doppelmoral und Vorurteile verantwortlich, die nach wie vor fortbestehen.

Snefstrup muss sich erst noch an ihre leere Agenda gewöhnen. Auf Trab halten wird sie sicherlich Hündin Yuna. Bald will sie für längere Zeit nach Dänemark, um für ihre Mutter da zu sein. «Und wenn ich dann etwas in meiner Pension angekommen bin, möchte ich mich bestimmt wieder für etwas Neues engagieren.» Und Menschen etwas zurückgeben.

Von den Frauen hat Snefstrup gelernt, nicht aufzugeben, wenn einmal harte Zeiten kommen. Und durch den Job Dinge differenzierter anzuschauen. «Ich habe schnell gelernt, Sexarbeit als Arbeit zu sehen. Ich hoffe, dass das eines Tages normal wird.»

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1 Kommentare
  1. Fränzi, 12.04.2021, 12:01 Uhr

    Wahnsinn Frau! Toll gibt es solche Leute, welche diese Szene unterstützen.

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