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Wo zum Teufel bin ich hier?
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Erste Aufgabe: Von der Dammstrasse bis zum Metalli. (Bild: zvg )

Blind durch Zug Wo zum Teufel bin ich hier?

7 min Lesezeit 13.10.2015, 10:00 Uhr

Was passiert, wenn wir mal ganz bewusst aufs Augenlicht verzichten? Kommt man ohne den stärksten Sinn überhaupt auf die Schnelle zurecht? Mit der Hilfe eines Profis hat sich eine zentral+-Reporterin auf einen blinden Spaziergang durch Zug gemacht. Und dabei gemerkt, wie anstrengend Blumenkisten und SVP-Plakate sein können.

Ich bin mächtig stolz. Selbstständig bin ich vom Bahnhof Zug ins Einkaufszentrum gelaufen, über die Strasse und rein in die Bäckerei und habe dort eigenständig ein Dinkelbrötchen gekauft. Für eine Tätigkeit, für die ich üblicherweise fünf Minuten brauche, brauchte ich fast eine halbe Stunde. Denn immer wieder musste ich anhalten. Mich orientieren. Lauschen. Mir einen Weg um etliche Hindernisse bahnen. Denn für einmal bin ich blind unterwegs.

Stock oder anhängen? Stock, bitte!

Ich treffe Claudia Friedli beim Bahnhof Zug. Sie ist Sportlehrerin in der Schule Sonnenberg in Baar und unterrichtet ausserdem «Orientierung und Mobilität» für Sehbehinderte. Das heisst, wenn es um deren Selbstständigkeit geht, bietet Friedli Unterstützung. Sie hilft, dass sich Blinde im eigenen Quartier oder auf dem Schulweg zurechtfinden oder allein einkaufen können.

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Friedli fackelt nicht lang. Es gibt zwei Optionen. Erstens: Ich hänge mich an sie an und lasse mich führen. Zweitens: Ich nehme den Stock und suche mir den Weg selbstständig. Der Stock solls sein – jedenfalls, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich’s nicht mehr aushalte. Denn das käme vor, erklärt sie. Damit ich nicht schummle, gibt’s eine Dunkelbrille dazu.

Die Brille wird aufgesetzt und wir stehen erst mal nur da. Mitten in der Bahnhofshalle. Die Sicht ist weg und sogleich werden die Geräusche viel lauter. Da telefoniert jemand auf Spanisch, hier läuft ein grosser Hund vorbei, ein Zug kommt an, einer fährt los, Türen öffnen und schliessen sich. Zum Üben sei der Bahnhof eine ideale Grundlage, erklärt Friedli. Denn kaum sonst haben Sehbehinderte das Glück, sich auf Leitlinien verlassen zu können. Erste Aufgabe. Einmal quer durch den Bahnhof bis zum Metalli.

«Hallo?»

fragt die kurzzeitig erblindete Reporterin in die Leere.

Noch darf ich mich kurz anhängen, bis wir, das rieche ich am Kebabgeruch, bei der Dammstrasse sind. Jetzt muss ich loslassen. Sobald ich mit dem Stock und ohne Körperkontakt zu Friedli im Durchgang stehe, stellt sich ein Gefühl von Verlassenheit ein. Und das, obwohl Friedli immer bloss einen Meter Abstand hält. Das merke ich nach einem schüchternen «Hallo?». Ich frage in die gefühlte Leere hinein und fühle mich sehr albern. Die Antwort folgt prompt: «Ich bin da.» Na dann kann’s ja losgehen.

Der Hall sagt mir, wo ich bin

Mit dem Stock hin und her pendelnd, im Schneckentempo vorankommend, vergesse ich schnell, dass mir die Situation ja peinlich sein könnte. Plötzlich werden Gerüche stärker. Aha, links von mir muss der Brezelkönig sein, dann eine Schwelle, das war bestimmt die automatische Tür, dem Hall nach muss ich nun in der grossen Bahnhofshalle sein.

Ich bin ganz erstaunt, dass ich mich trotz Dunkelheit nicht unwohl fühle. Dazu gibt es irgendwie keinen Grund. Ich profitiere enorm davon, dass ich die Gegend gut kenne. Sie ist offenbar viel stärker in meinem Gehirn eingebrannt, als ich es je geahnt hätte. Ausserdem gibt mir der weisse Stock Halt. Ich weiss, dass ich auffalle, dass mir die Menschen Platz machen. «Mit dem weissen Stock signalisierst du, dass du Vortritt hast. Auch im Verkehr. Damit kannst du überall die Strasse überqueren, auch ohne Fussgängerstreifen», erklärt Friedli. Das Kapitel Strasse überqueren sollte noch früh genug folgen.

Sie riechen zwar gut, aber …

Zuerst gilt es jedoch, heil bis zur Bushaltestelle Metalli zu gelangen. Ginge es den Leitlinien nach, wäre es ein Leichtes. Aber diese hören auf, sobald ich den Bahnhof hinter mir gelassen habe. Nach einer Kollision mit einem Plakat – eine SVP-Werbung, so lasse ich mir sagen – finde ich offenbar die richtige Richtung, denn irgendwann rieche ich Blumen. Genau. Da war doch dieser Blumenladen.

So schön es auch sein mag, den Duft der Pflanzen wahrzunehmen (der Geruch fällt mit Sehsinn fast komplett weg), umso anstrengender ist das Vorbeikommen: Unzählige Blumentöpfe und Tische versperren mir den Weg, ich verheddere mich, muss mir neue Lösungen ausdenken. Das gelingt nach ein paar Anläufen.

Ein ganz neues Selbstbewusstsein drängt sich da auf. Erstaunlich, wie das geht! Ich bin ja gar nicht so schlecht im Blindsein. Die Euphorie verschwindet schlagartig, als ich realisiere, dass die Strasse viel näher ist, als mir das lieb wäre. Und jetzt? Geht es laut Friedli darum, die Stange mit dem Fussgänger-Knopf zu drücken und mit der Hand unter dem Kästchen zu warten, bis es grün wird. Aber wie findet man diesen verflixten Kasten bloss?

«Blinde bräuchten hier einen kleinen Absatz, um zu merken, wo die Strasse beginnt. Rollstuhlfahrer möchten aber möglichst hürdenlos über die Strasse.»

Claudia Friedli, Lehrerin für «Orientierung und Mobilität»

Ich taste mich dem Strassenrand entlang, ach so, hier wird das Trottoir tiefer, fast ebenerdig zur Strasse. «Das ist ein problematischer Punkt. Blinde bräuchten hier einen kleinen Absatz, um zu merken, wo die Strasse beginnt. Rollstuhlfahrer möchten aber möglichst hürdenlos über die Strasse.» Irgendwann finde ich den besagten Pfosten, berühre die runde Fläche unter dem Kästchen die mir die Querrichtung mit einem Pfeil angibt, es surrt, ich laufe. Und laufe.

«Auf der Mittelinsel müsste man eigentlich am Kästchen kontrollieren, ob noch immer grün ist», so Friedli. Mittelinsel? Die habe ich vollends verpasst. Und wegen meines Seniorentempos bin ich tatsächlich noch auf der Strasse, während die ersten Autos wieder Gas geben. Sehr unangenehm. Ich komme heil davon. Nun gut, das Pièce de Resistance ist überwunden.

Bin ich nun beim Tabakhändler oder in der Bäckerei?

Dinge, die man erst merkt, wenn man blind durch Zug läuft:

-Im Metalli, beim Café Speck hat’s einen Brunnen.

-Die Migros im Metalli hat beim Eingang Teppichboden.

-Auf glattem Boden hört man Hunde gehen.

-Gerüche helfen der Orientierung plötzlich ungemein.

-Die Neustadt-Passage macht einen irritierenden Knick.

-Die Pfosten mit den gelben Kästchen bei den Fussgängerstreifen sind nicht immer am gleichen Ort angebracht.

-Mittelinseln sind im Kanton Zug hürdenlos und damit für Blinde schwer zu finden.

-Der Seifenladen Lush riecht noch viel penetranter, wenn man nichts sieht.

-Vom Steinhof fahren freundlicherweise alle Busse ins Metalli.

Und jetzt? Und jetzt zur Bäckerei, um dort etwas zu kaufen. Ich habe Glück und weiss, welchen Laden sie meint. Zwischendurch brauche ich eine Pause, muss mich mittels Geräusche orientieren. Aha, rechts von mir ist noch immer die Strasse, links ist die Gebäudewand plötzlich weg. Da muss ein Durchgang sein. Irgendwann stehe ich offenbar mitten in der Einkaufsallee und weiss nicht, wie weiter. Merke, dass sich vor mir eine Schiebetür öffnet und wieder schliesst. Ist das die Bäckerei oder nicht? Gibt es hier auch Läden, die ich nicht kenne?

Dann solle ich halt jemanden fragen, findet Friedli. Das ist leicht gesagt. Die Leute, die vorbeischlendern, sind alle furchtbar weit weg und ich geniere mich, wie ein verlorenes Schaf zu wirken und einfach in die Halle zu rufen. Irgendwann öffnet sich die Schiebetür neben mir wieder, ich nehme dezenten Brotgeruch wahr. Aha! Und mache mich auf in den Laden. Dort frage ich zur Sicherheit nach, wo ich bin. Nicht, dass ich im Tabakladen nach einem Dinkelbrötchen verlange. Alles bestens, ich bekomme mein Brötchen. Relativ schmerzlos, da ich stets ein paar Münzen in meiner Hosentasche trage und nicht nach meinem Portemonnaie suchen muss. Erst später realisiere ich, dass ich keine Ahnung habe, wie viel Geld mir die Verkäuferin retour gegeben hat.

Den krönenden Abschluss macht eine Busfahrt vom Steinhof bis ins Metalli. Friedli lässt mich für ein paar Minuten, vielleicht auch nur eine, stehen und kauft sich ein Billett. Einfach nicht bewegen, ist meine Devise. Und dann kommt irgendwann der Bus. Irgendein Bus. Steht man mit Blindenstock an der richtigen Stelle, hält er einem vor der Nase. Das klappt. Ich steige ein.

«Die Haltetaste ist in allen Busmodellen an unterschiedlichen Orten angebracht.»

Claudia Friedli, Lehrerin für «Orientierung und Mobilität»

Ich frage den Chauffeur, welchen Bus ich betreten habe. 7, aha. Suche mir einen Platz hinter dem Fahrer. Und wo genau drücke ich jetzt, wenn ich aussteigen will? Friedli hilft mir, die Haltetaste zu finden. «Die ist in allen Bussen an unterschiedlichen Orten angebracht», erklärt Friedli etwas verwundert. Beim Aussteigen will ich wissen, ob der Bus vor oder hinter dem Fussgängerstreifen gehalten hat. Vor. Aha. Kenn ich ja schon, den Fussgänger, kein Problem. Oder doch? Das ominöse Wasserrauschen deutet darauf hin, dass hier irgendwas nicht stimmt. Ach so. Ich habe den Fussgängerstreifen weiter vorne passiert und habe es nicht einmal gemerkt. Würde ich die Gegend nicht kennen, wäre ich komplett orientierungslos.

Wir beenden den Spaziergang nach zwei Stunden – ohne zu Schummeln – wieder in der Bahnhofshalle. Das Licht, das beim Ausziehen der Brille zum Vorschein kommt, ist viel zu grell. Zwei Stunden Sinnreduktion, das hat richtig gutgetan. Fokus zu finden, dem Gehör für einmal den nötigen Respekt zu erweisen, zu merken, dass es irgendwie, mit viel Geduld, auch ohne Augenlicht gehen kann. Jedenfalls für den Moment und mit dem Wissen, dass ich mir den Sehsinn innert Sekunden zurückholen kann.

Ich habe nun, nach dieser homöopathischen Dosis Blindheit, zumindest eine leise Ahnung, was das für Betroffene bedeuten könnte. Beim Verlassen der Halle schaue ich mir die Leitlinien am Boden nochmals an und finde, es hätte auch noch eine Stunde mehr sein dürfen.

 

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