Neue Haltekante als Sicherheitsrisiko

Kriegen Cars am Bahnhof Luzern die Kurve? Jurist übt Kritik

Wo heute Autos stehen, sollen bald Cars ihre Gäste ausladen. (Bild: mst)

Die Cars vom Inseli sollen künftig um den Bahnhof Luzern stehen. Doch der Standort bei den heutigen «Kiss and Ride»-Parkplätzen gibt zu reden. Ein Luzerner Jurist erwägt wegen Sicherheitsbedenken eine Beschwerde.

Ab Juli kurven nicht nur Taxis, Busse, Autos und Velos um den Luzerner Bahnhofplatz, sondern auch Cars. Dort, wo heute Luzernerinnen ihre Mitfahrer am Bahnhof absetzen, sollen künftig Cars ihre Passagiere aussteigen lassen (zentralplus berichtete). Der entsprechende Streifen wird im Juni und Juli für rund 300’000 Franken umgebaut (zentralplus berichtete). Unter anderem verbreitert die Stadt das heute eher schmale Trottoir. Was für die Stadt eine Lösung für die ehemaligen Inseli-Carparkplätze ist, ist für FDP-Politiker «ungenügend» und für den Luzerner Juristen Loris Mainardi gar eine Bedrohung für Velofahrer und Fussgängerinnen.

Kurve ist sehr eng

Er hat dem Luzerner Mobilitätsdirektor Adrian Borgula (Grüne) eine Reihe von kritischen Bemerkungen zur neuen Haltekante geschickt. Seine Hauptkritik bezieht sich auf Sicherheitsbedenken, wenn die Cars nach rechts in Richtung Inseli abbiegen. Um die Kurve zu schaffen, müssten Chauffeurinnen den Car relativ stark einlenken, wobei die Räder um rund 45 Grad gedreht werden.

In der Praxis sei die Kurve für Reisecars kaum zu schaffen, ohne dass diese die Trottoirs befahren oder zumindest das Heck darüber schwenken würden. Das Heck schwenke sogar so massiv aus, dass auch Autos und Velofahrerinnen getroffen werden könnten. Weiter befänden sich Fussgänger, die vom Bahnhof her über den Fussgängerstreifen zum KKL laufen wollten, im toten Winkel der Reisebusse.

Biegt der Carfahrer nach rechts ab, könnte er einige Velofahrer und Fussgängerinnen übersehen, wie im Schreiben Mainardis aufgezeigt wird. (Bild: zvg)

Die Ausführungen würden jedoch nicht von Mainardi selbst stammen, wie er auf Anfrage ausführt. Die Fachperson dahinter sei ein Ingenieur, der jahrelang an Verkehrsthemen gearbeitet hätte. Da er unter anderem mit Behörden zusammenarbeite, möchte er anonym bleiben. Mit seiner Kritik sei er deshalb auf ihn zugekommen, so Mainardi. In seinem Namen verlangt der Luzerner Jurist innert Monatsfrist eine Stellungnahme des Stadtrats. Sollte diese unbefriedigend sein, wolle er aufsichtsrechtliche Schritte einleiten, droht er in einer E-Mail, die zentralplus vorliegt.

Nur zwei «vollwertige» Haltekanten

Mainardi ist nicht die einzige Person, die spezifisch die neuen Carhaltekanten vor dem Bahnhof Luzern kritisch beäugt. Die FDP-Grossstadträte Rieska Dommann und Marija Bucher-Djordjevic stellen dem Stadtrat in einer kürzlich eingereichten Interpellation eine Reihe von kritischen Fragen zu dieser «ungenügenden Lösung». Denn: Von den sechs neuen Haltekanten um den Bahnhof Luzern sind aus ihrer Sicht nur zwei «vollwertig». Bei der Haltekante Z (beim Seebistro Luz) und bei der Haltekante Y (vor dem Bahnhof) könnten Passagiere nur aussteigen. Zudem fahren dort weiterhin Bahnersatzbusse der SBB.

Sie fragen deshalb den Stadtrat, ob seiner Sicht nach zwei Haltekanten für das Ein- und Aussteigen genügen würden. Und ob er damit der Forderung der Määs-Initiative, dass genügend Haltekanten für Cars in Bahnhofsnähe gebaut werden, wirklich nachkomme.

Auch für Mainardi scheint die Stadt Luzern die Haltekante Y nicht durchdacht zu haben. Beispielsweise findet er zwar die Integration der Carhaltekanten in die «iParkiere Bus»-App begrüssenswert. Doch Busfahrer dürften während der Fahrt keine Handy-Apps benutzen – weshalb die Carfahrer die Haltekanten anfahren dürften, auch wenn sie gemäss der App besetzt wären. Ebenfalls befürchtet er, dass weiterhin Luzernerinnen ihre Mitfahrer beim Bahnhofsplatz absetzen würden. Was zu riskanten Manövern führen könnte.

Stadt versichert: Relevante Themen wurden überprüft

Auf Anfrage schreibt der zuständige städtische Projektleiter Ullrich Pickert, die Stadt nehme Mainardis Schreiben zur Kenntnis und werde die einzelnen Sachverhalte prüfen. Die genannten Sicherheitsbedenken habe die Stadt im Rahmen ihrer Planung jedoch «intensiv geprüft».

«Hierzu wurde auch eine unabhängige Verkehrssicherheitsanalyse durchgeführt, um die Sicherheitsrisiken zu identifizieren und zu bereinigen.» Das Projekt sei in Zusammenarbeit mit Vertretern der Carunternehmen, der SBB und der VBL entstanden.

Im Rahmen der Planauflage zu den Haltekanten sei eine Einsprache eingegangen, die die Stadt derzeit behandle, schreibt Pickert weiter. Worum es darin gehe, dürfe die Stadt noch nicht sagen. Diese stammt jedoch nicht von Mainardi, eine solche war für ihn keine Option. Beschwerdelegitimation hätten meist nur Anwohnerinnen – bei einem Bahnhof schwer zu finden, führt er aus. Zudem gehe es bei einer Baueinsprache um baurechtliche Fragen, weniger um Sicherheitsfragen, die sich mit der Nutzung der Baute stellen würden.

Die «Kiss and Ride»-Parkplätze am Bahnhof konnten für Velofahrer zum Teil gefährlich werden.
Die «Kiss and Ride»-Parkplätze konnten für Velofahrer zum Teil gefährlich werden. (Bild: Archivbild: kap)

Die Carhaltekanten am Bahnhof seien jedoch nur eine «Pflästerilösung» für ein Grundproblem: «Die Stadt Luzern hat das Carproblem über Jahrzehnte nicht gelöst», kritisiert er. Bereits in den 90er-Jahren hätten sich die Parteien um die Cars auf dem Schwanenplatz gestritten.

In jüngster Zeit gab es zwar zwei Lösungsvorschläge von privater Initiative ­– das Parkhaus Musegg und die Stadtpassage –, die der Stadtrat letztlich verworfen hat (zentralplus berichtete). Jedoch ohne, dass er selbst einen besseren Vorschlag parat hätte, moniert Mainardi. «Wenn man das Stadtluzerner Carproblem lösen möchte, bräuchte es ein übergreifendes Konzept, nicht so ein Gebastel.» Er hoffe darum, dass die Stadt die Sicherheitsbedenken ernst nehme und die Haltekanten am Bahnhof nochmals überdenke.

Verwendete Quellen
  • E-Mail von Loris Mainardi an die Stadt Luzern
  • Telefonat mit Loris Mainardi
  • Schriftlicher Austausch mit Ullrich Pickert, Projektleiter bei der Stadt Luzern
  • Interpellation von Rieska Dommann und Marija Bucher-Djordjevic
  • Forderungen der Määs-Initiative
  • Medienarchiv zentralplus
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