Harte Fragen an… Luzerner Klimaaktivisten

«Unsere Bewegung ist äusserst lebendig und stark»

Bruno Gysin, Mediensprecher von Klimastreik Zentralschweiz, will Klimathemen in die Mitte der Gesellschaft tragen. (Bild: Bruno Gysin)

Rund um Zentralschweizer Klimastreikende ist es still geworden. Ist die Bewegung tot oder bloss ruhiger geworden? Aktivist Bruno Gysin erklärt im Interview, anlässlich des globalen Klimastreiktags, wie es um die Bewegung steht.

Der globale Klimastreiktag steht an. Auf der ganzen Welt ziehen Demonstranten durch die Städte und machen sich für das Klima stark. Auch in Luzern werden am Freitag Aktivisten anzutreffen sein. Die Bewegung Klimastreik Zentralschweiz organisiert die hiesige Lokalaktion. Die Gruppierung existiert seit 2019 und wurde im Januar 2023 von der «Luzerner Zeitung» als «praktisch tot» erklärt. Bruno Gysin (21), Mediensprecher Klimastreik Zentralschweiz, erzählt im Interview mit zentralplus, wie es um die Lebensgeister der Bewegung steht, was die Klimakrise mit dem Nahostkonflikt zu tun hat und wie schwierig es ist, neue Mitglieder zu finden.

zentralplus: Bruno Gysin, die Bewegung Klimastreik Zentralschweiz wurde schon totgesagt, wie tot ist sie wirklich?

Bruno Gysin: Mit der Demo am kommenden Freitag haben wir innerhalb von zwei Monaten zwei Demonstrationen durchgeführt – unsere Bewegung ist äusserst lebendig und stark.

zentralplus: «Lebendig und stark» wirkten die vergangenen Monate nicht, oder täuscht der Eindruck?

Gysin: Wir mussten uns weiterentwickeln. Wir sind jetzt eine intersektionale Bewegung. Klimastreik Zentralschweiz setzt sich nicht mehr nur für Klimaschutz ein, sondern für Klimagerechtigkeit. Wir sind Teil des «Strike for Future»-Projekts und engagieren uns in der Bildung.

zentralplus: Erwarten Sie denn kommenden Freitag viele Teilnehmer?

Gysin: Wir rechnen mit ungefähr 150 Personen.

zentralplus: Läuft abseits der Demonstrationen noch mehr?

Gysin: Neben diversen internen Anlässen nehmen wir demnächst an einem Workshop der Hochschule Luzern zum Thema  «Nachhaltiges Konsumentenverhalten» teil. Im Juli sind wir an ein Podium von den «Eltern fürs Klima» unter dem Titel «Wege aus der Klimakrise – ganz konkret» eingeladen. Eine Vertretung vom Klimastreik diskutiert dort mit Henrik Nordborg (Professor für Physik an der Ostschweizer Fachhochschule) und Regula Rytz (ehemalige Präsidentin Grüne Partei Schweiz).

zentralplus: In der öffentlichen Debatte scheinen Klimathemen in den Hintergrund gerückt zu sein. Der Krieg in der Ukraine oder der Nahostkonflikt beschäftigen mehr als das Klima. Ist es schwieriger geworden, von Ihren Anliegen zu überzeugen?

Gysin: Das kann ich so nicht sagen. Aber es ist auf jeden Fall wichtiger denn je. Weil die Verstrickungen vom Ukrainekrieg sowie des Nahostkonflikts mit der Klimakrise der Gesellschaft bewusst werden müssen.

«An unseren monatlichen Plenumsdiskussionen haben wir durchschnittlich zehn Teilnehmerinnen.»

Bruno Gysin, Mediensprecher Klimastreik Zentralschweiz

zentralplus: Das hängt zusammen?

Gysin: Das tut es. Russland wie auch der Iran schöpfen einen Grossteil ihrer finanziellen Mittel aus der Produktion fossiler Brennstoffe. Diese geopolitischen Aggressoren profitieren davon, wenn fossile Infrastruktur ausgebaut wird und die Welt weiterhin von Öl und Gas abhängig ist. Wenn wir ernsthaft auf erneuerbare Energien setzen, hilft das nicht nur dem Klima. Es würde gleichzeitig bedeuten, dass diese Länder langfristig weniger Geld zur Verfügung haben. Ohne Geld können sie keine Kriege führen oder extremistische Milizen unterstützen. Zudem würde daraus folgen, dass die Schweiz nicht Milliarden für fossile Energien ins Ausland zahlt, sondern in lokale erneuerbare Energien investieren könnte.

zentralplus: Finden Sie noch genügend Personen, die sich engagieren wollen?

Gysin: Es ist überhaupt nicht schwierig, neue Mitglieder zu finden. Wir haben einen konstanten Zulauf an Interessenten. Sehr viele Menschen haben Lust, bei uns mitzumachen. Wir machen dafür auch Infoanlässe. Dort sehen wir stets neue Leute, von denen sich auch einige für ein längeres Engagement im Namen unserer Klimastreikbewegung entscheiden. Wir nehmen wahr, dass die Menschen nicht müde werden, sich für das Klima und die soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Um eine repräsentative Zahl zu nennen: An unseren monatlichen Plenumsdiskussionen haben wir durchschnittlich zehn Teilnehmerinnen.

«Uns selbst ist es aber wichtig, dass über den Inhalt unseres Aktivismus anstatt über dessen Form gesprochen wird.»

Bruno Gysin, Mediensprecher Klimastreik Zentralschweiz

zentralplus: Auch in der Politik haben sicherheitspolitische Themen Aufwind, das Klima weniger als auch schon. Ist das falsch?

Gysin: Bei Klimastreik Zentralschweiz möchten wir diese Themenfelder nicht werten und sagen, dass das eine wichtiger ist als das andere. Diese Themen hängen zusammen, sie getrennt zu betrachten, wäre irreführend. Unsere Forderung zeigt zudem, dass mit einer durchdachten Strategie mehrere verschiedene Probleme gleichzeitig angegangen werden können.

zentralplus: In jüngster Zeit machte die Klimabewegung vor allem mit Klimaklebern und anderen Aktivisten, die beispielsweise berühmte Gemälde mit Farbe beschmierten, Schlagzeilen. Es werden aggressive Methoden verwendet, um vom Anliegen zu überzeugen. Was halten Sie davon?

Gysin: Wir befürworten alle Aktionen, welche zur Sensibilisierung der Klimakrise beitragen. Uns selbst ist es aber wichtig, dass über den Inhalt unseres Aktivismus anstatt über dessen Form gesprochen wird. Deshalb wählt Klimastreik Zentralschweiz nur friedliche Aktionsformen, wie die bewilligte Demo diesen Freitag.

zentralplus: Was ist denn nach dem Freitag geplant? Wann gehen Sie das nächste Mal wieder auf die Strasse?

Gysin: Ein Datum für eine nächste Demonstration sowie ein Thema dazu kommunizieren wir aktuell noch nicht.

Verwendete Quellen
  • Telefonisches Gespräch mit Bruno Gysin, Mediensprecher Klimastreik Zentralschweiz
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