Strehle: So half Rohstoffhändler Marc Rich der CIA aus der Patsche
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Res Strehle hat eingehend zur Steinhauser Verschlüsselungsfirma Crypto und die nachrichtendienstlichen Verwicklungen recherchiert. (Bild: Montage zvg/mam)

«Operation Crypto»: Neues Buch über Zuger Firma Strehle: So half Rohstoffhändler Marc Rich der CIA aus der Patsche

8 min Lesezeit 2 Kommentare 26.07.2020, 05:03 Uhr

Erneut befasst sich der Journalist Res Strehle mit der Verschlüsselungsfirma Crypto AG, die jahrzehntelang im Besitz von ausländischen Geheimdiensten war. In seinem neuen Buch analysiert er die Rolle der Schweiz in der Affäre – und wartet mit zusätzlichen Überraschungen auf.

zentralplus: Sie zitieren in Ihrem neuen Buch über die Crypto AG aus dem Minerva-Bericht. Wie sind Sie zu diesem gekommen?

Res Strehle: Ich hatte vor über einem Jahr zwei Treffen in Zug und Zürich mit den ZFD-Autoren Peter F. Müller und Ulrich Stoll, denen der Bericht zugespielt worden war. Dabei haben sie mich über die wichtigsten Inhalte des Berichts informiert und mir in Aussicht gestellt, dass ich den Bericht mindestens auszugsweise bekommen würde. Das ist über die Kollegen der «Rundschau» dann auch geschehen.

zentralplus: Sie haben bereits vor über 25 Jahren ein Buch zum Thema geschrieben. Was hat sich seither geändert?

1994 schrieb Res Strehle mit «Verschlüsselt» ein Buch über die Erlebnisse des Crypto-Mitarbeiters Hans Bühler, der im Iran wegen Spionageverdacht festgehalten wurde.

Strehle: Der grosse Unterschied ist, dass mit dem Minerva-Bericht nun der Beweis vorliegt, dass die Crypto AG der CIA und dem BND gehörte. Wir haben das damals vermutet – und sind dabei vom BND ausgegangen. Dass Geräte für den Export in nicht befreundete Länder beabsichtigt knackbar waren, wussten wir zwar, aber es war mangels schriftlicher Unterlagen schwer zu beweisen.

zentralplus: Halten Sie den Minerva-Bericht denn für echt?

Strehle: Das ist unbestritten. Das einzige Medium in der Schweiz, welche die Authentizität in Frage gestellt hat, war die «Weltwoche». Aber man kennt die Autoren und die Echtheit des Berichts wird von den Akteuren und der Firma selbst nicht angezweifelt.

zentralplus: Wem nützt die Crypto-Affäre? Warum ist sie aufgeflogen?

Strehle: Es gibt die Spekulation, dass der Bericht mit einer bestimmten Absicht geleakt worden sei. Dahinter steht oft eine Abwehrstrategie, die besagt, der Bericht solle der Schweiz schaden oder dem Crypto-Valley Zug. Ich glaube das nicht, kann auch nicht nachvollziehen, wem der Leak nützen soll.

Die Motivation ist laut Peter F. Müller, der die Dokumente erhalten hat, vielmehr der Stolz von BND-Veteranen. Diese deutschen Ex-Agenten sind heute noch stolz auf das Programm. Es soll zeigen, dass der BND neben Pannen in der Vergangenheit auch grosse Erfolge vorzuweisen hatte. Und dies wollten sie öffentlich machen.

zentralplus: Für Ihr Buch haben Sie Interviews geführt – zum Beispiel mit Michael Grupe, der Anfang der 1990er Jahre CEO der Crypto war und verhinderte, dass im Gefolge der Affäre Bühler die Spionagetätigkeit der CIA und des BND aufflog. Wie haben Sie ihn zum Reden bewegt?

Strehle: Ich habe ihn angerufen – das ist meine Pflicht bei einer solchen Recherche. Er sagte erst, er wolle nichts dazu sagen, weil die Erinnerung an lang Vergangenes sehr selektiv sei. Er sicherte mir aber zu, wenn sich dies ändere, würde er mich zurückrufen. Was er zu meiner Überraschung auch getan hat. Das finde ich ehrenwert und unterscheidet ihn auch von gewissen Schweizer Politikern, die sich bis heute einer Auseinandersetzung mit dem Thema nicht stellen wollen.

Das ist Res Strehle

Res Strehle (69) ist ein Zürcher Ökonom, Journalist und Buchautor. Er promovierte an der Hochschule Sankt Gallen, gehörte zu den Gründern der «WoZ – die Wochenzeitung» und war unter anderem 2009 bis 2015 Chefredaktor des «Tages-Anzeigers». Daneben veröffentlichte er zehn Bücher, darunter auch einen Roman.

zentralplus: Mit dem Untertitel Ihres Buchs stellen Sie die Frage, ob sich die Schweiz durch die Crypto AG in den Dienst von CIA und BND gestellt hat. Gibt es eine Kurzantwort dazu?

Strehle: Die kürzeste Antwort lautet: Ja. Die zweitkürzeste Antwort: Ja, aber… Ja, aber die Schweiz hat selbst auch von den geknackten Informationen profitiert.

zentralplus: Seit Bekanntwerden der Minerva-Papiere streitet man sich, seit wann die Schweiz von der Eigentümerschaft ausländischer Geheimdienste wusste.

Strehle: Nach meiner Recherche bin ich überzeugt, dass die Schweiz schon sehr früh über dieses Konstrukt im Bilde war. Als Boris Hagelin 1958 dem Druck der USA nachgab, stand ihm mit Oskar Stürzinger ein Schweizer Vizedirektor zur Seite, der gleichzeitig eine wichtige Figur bei den Übermittlungstruppen der Schweizer Armee war. Hagelin hat ihn bewusst und wiederholt in wichtige Gespräche miteinbezogen.

Hagelin war vorsichtig und hat sich abgesichert. Die Aufenthaltsbewilligung hatte ihm ein Partner verschafft, mit dem er sich später überwarf. Ausserdem musste er damit rechnen, wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit zum Schaden der Schweiz angeklagt zu werden. Also hat er dafür gesorgt, dass neben seinem Heimatland Schweden auch die Schweiz gut informiert war über die Crypto AG. Dies geschah lange Zeit über diesen Vizedirektor. Ab 1978 hatte die Schweiz dann einen eigenen Mann in Steinhausen, der ein Büro direkt neben der Geschäftsleitung belegte.

Ab 27. Juli ist «Operation Crypto» im Buchhandel erhältlich.

zentralplus: Aus Zentralschweizer Sicht stellt sich die Frage: Wussten der Luzerner alt Bundesrat Kaspar Villiger, der ehemalige Zuger Stapi Walther A. Hegglin und die beiden Zuger alt Nationalräte Georg Stucky und Rolf Schweiger von der Verwicklung der Crypto AG?

Strehle: Stucky und Hegglin haben es im Mai 1994 erfahren. Damals haben sie mit dem Geschäftsführer Michael Grupe zum Mittagessen abgemacht und wollten von ihm ultimativ wissen, wer der Eigentümer von Crypto sei. Sonst würden sie aus dem Verwaltungsrat zurücktreten. Das wäre nach der Affäre Bühler für die Crypto sehr ungünstig gewesen, denn dies hätte unsere Buchthese und einen Bericht der «Rundschau» über die nachrichtendienstliche Verwicklung der Crypto bestätigt. Also sagte Grupe ihnen, dass die Crypto den Amerikanern gehört. Das zeigt, dass sie es zuvor nicht wussten.

zentralplus: Und Bundesrat Kaspar Villiger?

Strehle: Es war ein Betriebsunfall, dass Georg Stucky darauf direkt zu seinem Innerschweizer FDP-Parteikollegen im Bundesrat ging. Die allerhöchste politische Ebene wird in solchen Fällen nie ausdrücklich eingeweiht, damit sie, wenn etwas schiefläuft, glaubhaft versichern kann, sie habe nichts gewusst. Auch der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl soll nichts Detailliertes über die Crypto und den BND gewusst haben. Das ist bei solchen Konstrukten so üblich. Wegen des Treffens mit Stucky tut sich heute Kaspar Villiger schwer damit, Stellung zu nehmen.

zentralplus: Als letzter Würdenträger kam alt Nationalrat Rolf Schweiger in den Verwaltungsrat der Crypto.

Strehle: Was er gewusst hat, kann ich nicht beurteilen. Er kam ja auch zu einem späteren Zeitpunkt zur Crypto, als das Programm an Wichtigkeit für die Geheimdienste eingebüsst hatte. Er scheint heute zu krank, um mit den Medien zu sprechen.

zentralplus: Schweiger war als Anwalt auf Immobilienangelegenheiten spezialisiert. Und die Crypto bereitete damals den Verkauf des Werkgeländes vor.

Strehle: Das mag sein. Dennoch bleibt die Frage: Darf ein Verwaltungsrat in eine Firma eintreten, ohne zu wissen, wem sie gehört?

zentralplus: Über die letzten Jahre der Crypto AG ist wenig geschrieben worden. Denken Sie, dass die Firma ganz der CIA gehörte, als sie verkauft wurde?

Strehle: Das sagen zumindest die Kollegen vom ZDF und der «Washington Post». Ich kann das nicht beurteilen. Aber es ist sicher einfacher, in einem Mal auszusteigen, weil so etwas immer Spuren hinterlässt. Also gehen wir davon aus, dass dies 2018 geschah. Dies scheinen auch die Dokumente zu bestätigen.

zentralplus: Sie schreiben in Ihrem Buch aber auch, dass der Rohstoffhändler Marc Rich in den 1990er Jahren bei Crypto einstieg?

Strehle: Ja, das ist eine Aussage des US-Geheimdienstexperten Wayne Madsen. Der sagt mit Verweis auf eine sichere Quelle im amerikanischen Geheimdienst, dass die zehn Millionen Franken für die Crypto-Aktienkapitalerhöhung 1995 von Marc Rich kamen.

zentralplus: Warum soll das plausibel sein?

Strehle: Die CIA tat sich immer schwer mit Zahlungen, weil die Spuren hinterlassen und den Argwohn misstrauischer Prüfer wecken können. Die Amerikaner haben deshalb im Fall Bühler die Deutschen davor gewarnt, eine Million Lösegeld zu zahlen. Dass die CIA wenige Jahre später gleich zehn Millionen Franken nachschiesst, scheint mir vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich.

«Die «Operation Crypto» ist aus meiner Sicht ein krasser Verstoss gegen den Geist der Schweizer Neutralität.»

Für Marc Rich indes war der Betrag einfach aufzubringen. Er erhielt Zugang zu einer interessanten Branche, wo viele auch für den Rohstoffhandel wichtige News anfallen. Und er machte damit den USA einen grossen Gefallen, indem er ihnen aus der Patsche half.

Möglicherweise hatte dies ja einen Einfluss auf seine überraschende Begnadigung durch Bill Clinton im Jahr 2001. Ins Bild passt, dass Georg Stucky, der eine Vertrauensperson von Marc Rich war, dann Verwaltungsratspräsident bei der Crypto wurde.

zentralplus: Warum brauchten die Amerikaner überhaupt diesen Gefallen?

Strehle: Die Crypto hatte einige schlechte Jahre hinter sich. Wenn eine Firma Schulden hat, welche die Hälfte des Aktienkapitals übersteigen, muss sie die Bilanz deponieren. Das hätte die Fortsetzung der Geheimdienstoperation gefährdet.

zentralplus: Waren die 10 Millionen Franken von Marc Rich denn eine Spende an die Amerikaner?

Strehle: Ob Rich selber Aktionär war, weiss ich nicht. Die Spuren sind zu gut verwischt. Vordergründig gehörten die Aktien der Europäischen Handelsgesellschaft, die Kapitalerhöhung wurde von einem Liechtensteiner Treuhandbüro vermittelt. In solchen Fällen werden Stiftungen und Tarnfirmen zwischengeschaltet.

zentralplus: Wie werten Sie die Crypto-Affäre in neutralitätspolitischer Hinsicht?

Strehle: Es ist aus meiner Sicht ein krasser Verstoss gegen den Geist der Schweizer Neutralität, eine massive Verletzung unserer Grundhaltung.

Schauen Sie, in welch marginalen Fragen heute Bedenken wegen der Schweizer Neutralität vorgebracht werden. Etwa, dass die Schweiz deswegen nicht Einsitz in den UNO-Sicherheitsrat nehmen dürfe. Was meines Erachtens kein Verstoss gegen die Neutralität sein kann, denn die UNO ist eine universelle Organisation. Oder wenn es darum geht, Schweizer Entwicklungshelfer in Afghanistan zu schützen oder unsere Botschaft in einem gescheiterten Staat zu bewachen.

Wenn ich die Tragweite dieser Fragen mit der Operation Crypto vergleiche, wo man über Jahrzehnte einer Seite in Konflikten und Kriegen mittels Täuschung und Betrug an über hundert Ländern geholfen hat, dann ist dies meiner Meinung nach eine ganz andere neutralitätspolitische Dimension.

Hinweis: Am Montag folgt bei zentralplus eine Buchbesprechung von «Operation Crypto».

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2 Kommentare
  1. Kurt Flury, 30.07.2020, 15:30 Uhr

    Der gleiche Schlag macht uns (heute) Vorschriften, was als Geldwäscherei zu behandeln und zu verfolgen ist. Und wir befolgen sie, als ob es kein Recht auf Selbstbestimmung geben würde.

  2. Hans Peter Roth, 28.07.2020, 11:32 Uhr

    Die These von Res Strehle, dass Marc Rich 1995 die zehn Millionen Franken bei der Erhöhung des Aktienkapitals eingeschossen hat, erscheint glaubwürdig. Marc Rich verdankte seinen kometenhaften Aufstieg nicht nur seinem ausgezeichneten Geschäftssinn und Verhandlungsgeschick. Früh erkannte er, dass geheimdienstliche Informationsbeschaffung sehr nützlich für sein Business ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Rich auch den israelischen Geheimdienst Mossad sponserte. Dieser wiederum arbeitet nicht nur eng mit dem CIA zusammen, sondern soll gerüchtehalber Rich mit wertvollen Informationen versorgt und auch gewisse Hilfeleistungen übernommen haben.

    1984 weilte Niklaus Meienberg in Zug und recherchierte für eine grössere Reportage über die verschwiegene Geschäftswelt der Kolinstadt. Die Reportage löste ein riesiges Medienecho aus (Zentralplus berichtete darüber: https://www.zentralplus.ch/wie-meienberg-einst-zug-erzuernte-749053/ ). Für seine Recherchen benutzte Meienberg auch das umfangreiche SAP-Archiv, für welches ich damals zuständig war. Im Gespräch erzählte ich ihm auch eine Geschichte, die mir von einem Mitarbeiter eines schwedischen Rohstoff-Konkurrenten zugetragen worden war. Gemäss dieser kolportierten Geschichte soll ein mit Kupfer beladenes Frachtschiff der schwedischen Firma kurz vor dem Einlaufen in algerische Gewässer gesunken sein. Kurz darauf habe die algerische Bestellerin der Fracht eine Offerte von Marc Rich erhalten haben, der «zufällig» auch ein mit Kupfer beladenes Schiff in nahen Gewässern gehabt habe und sofort einspringen konnte. Als Ursache für den Untergang des schwedischen Frachters habe man ein durch Sprengstoff verursachtes Loch im Schiffsrumpf gefunden.

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