Sex, Drugs & Soja-Milch
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Eine lebendige Passage: Die Eisengasse in der Luzerner Altstadt. (Bild: cha)

Strassen und Gassen Luzerns – die Eisengasse Sex, Drugs & Soja-Milch

3 min Lesezeit 10.08.2015, 17:15 Uhr

Zuerst Prostitution, dann Drogen: An der Eisengasse mitten im Zentrum der Luzerner Altstadt haftet eine dunkle Vergangenheit. Mittlerweile hat die Gasse ihre Altlasten abgelegt. Zumindest oberflächlich.

Wo einst Prostitution Alltag war, gibt’s heute lokales Bio-Fleisch, Demeter-Lebensmittel und eine gehörige Portion Musik. Die Eisengasse mitten in der Luzerner Altstadt hat Sex und Drogen miterlebt. Zwar ist es mittlerweile ruhiger um die kleine Gasse geworden. Doch die Stimmen der Vergangenheit hallen noch bis heute nach.

Unscheinbar verbindet die Eisengasse die Kapellgasse und die Weggisgasse. Holprige Pflastersteine und alte Gebäude, die die Eisengasse säumen, zeugen noch immer vom mittelalterlichen Charakter. Es ist gar nicht so lange her, als es in der kleinen Gasse «unsittlich» zu und her ging.

«Ochsen»: «Stätte des Unsittes»

Denn bis in die 1940er-Jahre war die schmale, zentrale Eisengasse Knotenpunkt des Luzerner Rotlicht-Milieus. Damals reihten sich noch zahlreiche Gaststuben und Restaurants an dieser Strasse. «Stätte des Unsittes» soll damals laut eines Artikels von Evelyne Bösch das Gasthaus «Ochsen» an der Eisengasse 16 gewesen sein (zentral+ berichtete). Besucher hätten sich immer wieder über das «Treiben in der Wirtschaft Ochsen» beschwert, so dass es 1856 gar zu einem Prozess kam.

Die Stadt Luzern reagierte damals auf Klagen, worauf das Wirtepaar Müller verurteilt wurde. Die Müllers mussten eine dreimonatige Arbeitshausstrafe leisten sowie die Wirtschaftsberechtigung für immer abgeben. Zudem wurden auch sieben Frauen zu Arbeitshausstrafen oder gar Gefängnisstrafen verurteilt.

Magd «Burri» aus Luzern fortgewiesen

Ein Restaurant, das diese Geschichte noch an eigenem Leibe miterlebt hat, ist das Restaurant «St. Magdalena» – oder auch «Magdi». Bereits in den 1850er-Jahren geriet der Gasthof in Verruf. Die Magd «Burri» wurde «wegen notorischer Unsittlichkeit» aus Luzern fortgewiesen, weil sich der Stadtpfarrer über ihr Verhalten empört hatte. Die damaligen Wirte hingegen kamen ohne Strafe davon. Bestraft wurde damals lediglich die «liederliche» Frau.

Für die Situation der Frauen interessierte sich damals niemand. Es war schliesslich die Aufgabe der Kellnerinnen, sich für das damals fast ausschliesslich männliche Publikum herzurichten und diesem zu gefallen. Angeblich mussten die «Servierdüsen» 1916 im «Magdi» «unten ohne» servieren. Selbst bis in die 1980er-Jahre gab es in der «Beiz» zwei Zimmer, die gewisse Damen nutzen konnten. Dies weiss der heutige Wirt Carlos Eichmann vom Hörensagen, der seit 1988 das Wirtshaus führt.

«Im Laufe der 80er-Jahre etablierte sich in der Eisengasse eine offene Drogenszene.»

Dr. med. Hans Ulrich Bühler

Bis 800 Opiatabhängige in Luzern

Kaum hatte das konservative Luzern die Prostitution in der besagten Gasse im Griff, verbreiteten sich dort die illegalen Substanzen. «Im Laufe der 80er-Jahre etablierte sich im Zentrum der Luzerner Altstadt, der Eisengasse, eine offene Drogenszene», schrieb Dr. med. Hans Ulrich Bühler Anfang der 90er-Jahre zur Drogensituation in Luzern. Damals rechnete der Arzt mit 600 bis 800 Opiatabhängigen in Luzern. «Als Höhepunkt der anarchistischen Entwicklung wurde im April 1992 auf Geheiss des Stadtpräsidenten im Luzerner Stadthaus eine Fixerstube eingerichtet», echauffierte sich Bühler damals. Damit habe sich die offene Drogenszene auch auf dem linken Ufer der Stadt, dem Neustadtquartier, angesiedelt.

Luzern: Zweithöchste Zunahme von Drogentoten

Im gleichen Jahr hatte Luzern hinter Solothurn die zweithöchste Zunahme von Drogentoten zu verzeichnen. Der Luzerner Arzt Ulrich Bühler wütete damals gegen die «Uneinsicht» der verantwortlichen Luzerner Politikern und setzte sich folglich als Unterstützter der Volksinitiative «Jugend ohne Drogen» von 1997 für eine auf Abstinenz ausgerichtete Drogenpolitik ein. Die eidgenössische Vorlage wurde jedoch vom Volk abgelehnt.

Wer heute durch die Eisengasse spaziert, riecht weder Cannabisdunst noch sieht er Prostituierte. Die Eisengasse hat ihre Altlasten abgelegt. Wo früher im «Magdi» Dirnen ein und aus gingen, wird heute lokales Bio-Fleisch oder Vegetarisches serviert. Wo einst Drogen gekauft wurden, gehen heute Kunden hin, um Demeter-Tomaten und Soja-Milch zu kaufen.

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