Stadt will nichts zahlen

Miet-Velos von Nextbike verschwinden schon wieder aus Zug

Ein Rudel Nextbikes (und Urs Raschle) am Bahnhof Luzern. In Zug kam die Idee der Leihvelos nie richtig zum Fliegen. (Bild: bic/wia)

Der Velo-Ausleihdienst Nextbike hat es in Zug schwer. Er wird wieder abgeschafft. Das liege nicht daran, dass der Service in der Kolinstadt keinen Anklang finden würde, beteuert Caritas. Der zuständige Stadtrat sieht das anders.

Erneut geht ein kurzes Gastspiel eines Mobilitätsanbieters in Zug zu Ende. Seit rund zwei Jahren geben sich verschiedene E-Trotti-Betreiber in Zug die Klinke in die Hand. Firmen gehen, neue kommen (zentralplus berichtete). Auch die E-Velo-Anbieter Smide und AirBie sind nach kurzer Zeit von der Bildfläche verschwunden.

Nun zieht sich auch Nextbike Ende März 2022 aus der Stadt Zug zurück. Betrieben wird der Service von Caritas Luzern und der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug (GGZ@Work). Nextbike wurde im September 2019 als Pilot im Free-Floating-System eingeführt. Die Bewirtschaftung vor Ort hat die GGZ@Work im Rahmen ihrer Arbeitsintegrationsprogramme für Stellensuchende übernommen.

In Luzern ist Nextbike nicht mehr wegzudenken

Obwohl in Zug ein Kommen und Gehen der Mobilitätsanbieter herrscht, erstaunt der Abgang. Nicht zuletzt, da Nextbike im Nachbarkanton Luzern mittlerweile beinah eine Institution ist. Er wird rege genützt und hat sich nicht nur in der Stadt Luzern, sondern auch in Sursee etabliert.

«Nextbike ist als Sozialfirma nicht gewinnorientiert, der Betrieb muss trotzdem kostendeckend sein.»

Oliver Rippstein, Leiter Velomobilität, Caritas Luzern

Caritas Luzern begründet den Rückzug aus Zug in einer Medienmitteilung wie folgt: «Eine dauerhafte Mitfinanzierung durch die öffentliche Hand ist nicht zustande gekommen.»

Keine Unterstützung der öffentlichen Hand

Oliver Rippstein, Leiter Velomobilität von Caritas Luzern, sagt auf Anfrage: «Nextbike ist als Sozialfirma nicht gewinnorientiert, der Betrieb muss trotzdem kostendeckend sein.» Dies sei nur möglich, wenn die öffentliche Hand mitfinanziere. Aber: «Für Nextbike gelten in Zug dieselben Bedingungen wie für die E-Trotti-Anbieter.»

Der Rückzug habe nichts damit zu tun, dass Nextbike nicht benützt worden wäre in Zug. «Im Rahmen des Pilotprojekts haben wir auch auf Partnerschaften mit Firmen gesetzt, was sehr gut funktionierte. Das Abo der V-Zug etwa lief sensationell. Ihre Mitarbeitenden alleine generierten mehrere hundert Fahrten im Monat.»

GGZ bedauert das Ende von Nextbike in Zug

Barbara Lang, die Leiterin Marketing und Verkauf bei GGZ@Work, sagt dazu: «Wir bedauern das Ende der Zusammenarbeit mit der Caritas und der damit verbundenen Aufgaben für unsere Arbeitsintegrationsprogramme.»

«Unser Kernauftrag ist die berufliche und soziale Integration von stellenlosen Menschen. Die Bewirtschaftung des Veloverleihsystems von Nextbike bietet ideale Voraussetzungen für arbeitsmarktnahe Arbeitsintegrationsplätze.» Konkret habe man dafür 600 Stellenprozente eingesetzt.

«Die Teilnehmenden übernehmen Aufgaben wie Tourenplanung, Funktionskontrollen, kleinere Reparaturen und können dank Verleihsoftware und Tableteinsatz ihre technischen Fähigkeiten einsetzen», so Lang.

Stadtrat zieht durchzogene Bilanz

Urs Raschle, der zuständige Zuger Stadtrat, erklärt auf Anfrage: «Als der beliebte Service ‹Gratis-Velo› 2018 eingestellt worden ist, entschied sich der Stadtrat, den ‹Fächer› zu öffnen und eine Bewilligung zur Benützung des öffentlichen Grundes von 500 Gefährten zu geben. Dies im Sinne von ‹Free Floating›.» In diesem Kontingent waren unter anderem auch die E-Scooter dabei.

«2019 durften wir dann Nextbike ebenfalls einen Teil dieses Kontingentes geben. Dies war für uns umso erfreulicher, da sie eine Zusammenarbeit mit den GGZ anstrebten, welche für den Service verantwortlich war», sagt Raschle.

Er zieht jedoch eine durchzogene Bilanz der letzten zweieinhalb Jahre Nextbike: «Das Angebot lief nicht so gut wie gedacht respektive wie erwartet.» Möglicher Grund: «Es könnte sein, dass in Zug viele Zugerinnen und Zuger ihr eigenes Velo benützen und deshalb nicht gross auf das Angebot von Nextbike angewiesen waren.» Dennoch bedauere man den Rückzug von Nextbike, respektive die Entscheidung von Caritas.

Die Zuger Zahlen stehen in keinem Vergleich zu anderen Orten

Ein Blick auf die Nextbike-Nutzungszahlen unterstützt Raschles Aussage: Während im Jahr 2020 in Zug 5'828 Ausleihen gemacht wurden, waren es im Jahr 2021 schon 6'865 Ausleihen. Im Rekordmonat September wurden 873 Ausleihen verzeichnet. Das klingt zunächst nicht schlecht, steht aber in keinem Verhältnis zu den Zahlen anderer Orte. In der Region Sursee (inklusive Nottwil) wurden im letzten Jahr knapp 18'000 Fahrten getätigt. Im Spitzenmonat September waren es dort 2'421 Nutzungen.

*Diesbezüglich muss jedoch festgehalten werden: Im Gebiet der Stadt Zug gibt es gemäss Caritas Luzern zehn Velostationen, insgesamt stehen 60 Velos zur Verfügung. In der Region Sursee seien es 35 Stationen mit insgesamt 130 Velos.

«Es war nie die Absicht, solche Angebote finanziell zu unterstützen.»

Urs Raschle, Zuger Mitte-Stadtrat

Zur Finanzierung erklärt Raschle dezidiert: «Es war nie die Absicht, solche Angebote finanziell zu unterstützen, sondern ‹nur› kommerziellen Anbietern eine Möglichkeit zu geben, ihre Angebote im – aus unserer Sicht – attraktiven, öffentlichen Raum der Stadt Zug anbieten zu können.»

Im letzten Jahr habe man zur Kenntnis genommen, dass Caritas mit ihrem Angebot Nextbike finanzielle Schwierigkeiten gehabt habe. Darauf habe die Stadt einen Austausch mit den anderen Gemeinden am See organisiert, um das Angebot attraktiver zu machen. «Daraus wurde leider nichts, was wir bedauern. Das Kontingent für Velos ist nun aber wieder offen und interessierte Unternehmen können sich bei uns melden», so der Mitte-Stadtrat.

GGZ würde sich über neue Partnerschaft freuen

Auch die GGZ würde sich freuen, wenn ein neuer Velo-Verleih die Integration stellenloser Menschen fördern könnte.

«Wir haben die Bewirtschaftung seit jeher im Auftrag ausgeführt. So durften wir vorher viele Jahre im Auftrag des Vereins für Arbeitsmarktmassnahmen (VAM) und der Gemeinde Baar Veloverleihstationen betreiben. Sollte in Zukunft ein ähnliches Angebot ins Leben gerufen werden, stehen wir als Partner gern zur Verfügung», erklärt Barbara Lang.

Verwendete Quellen
  • Ausleih-Statistik von Nextbike 2019 – Januar 2022
  • Medienmitteilung Nextbike
  • Telefongespräch mit Oliver Rippstein
  • Schriftliche Korrespondenz mit Urs Raschle
  • Schriftliche Korrespondenz mit GGZ

*Besagter Absatz wurde nach der Veröffentlichung dieses Artikels eingefügt.

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3 Kommentare
  • Profilfoto von Richard Scholl
    Richard Scholl, 21.02.2022, 19:33 Uhr

    Ja, auch in der kleinen Stadt Zürich produzierten die elektrischen Veloanbieter nur Verluste. grüne Träume sind Schäume. Dumm nur, dass immer wieder die Verluste dem Steuerzahler aufgebürdet werden. Caritas lebt von Steuersubventionen.

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    Oli Kunz, 21.02.2022, 12:19 Uhr

    Schwieriges Business. Die Post hat eben auch ihr Millionengrab Publibike verkauft. Dass da Zug den deutschen Anbieter Nextbike nicht subventionieren kann / will, leuchtet ein.

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    Conrad Wagner, 21.02.2022, 12:10 Uhr

    … super Journalismus … konkret und lokal bedeutend.
    Danke.

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