Leben
Aus Hochzeitskleidern

Sie schneidern Kleider der Liebe für Kinder der Liebe

Mäny Achermann (l.) und Ursina Troxler in der alten Ziegelei in Flüelen mit den Engelskleidchen (auf dem Bild fehlt Monica Wyss). (Bild: Caroline Mohnke)

Engelskleidchen liegen fein säuberlich sortiert auf einem Holztisch in einer ehemaligen Ziegelei in Flüelen. Es sind liebevoll angefertigte Einzelstücke von drei Frauen, die selber Engelskinder haben. Aus gespendeten Hochzeitskleidern nähen sie Abschiedskleidchen für verstorbene Kinder.

«Vor sieben Jahren war ich schwerkrank im Spital und hatte Zeit, über das Leben und den Tod zu sinnieren», erzählt Ursina Troxler. So kam sie auf die Idee, aus ausgedienten Hochzeitskleidern Kleider für Kinder zu nähen, die im Mutterleib oder kurz nach der Geburt gestorben sind.

Ursina Troxler hat eine 11-jährige Tochter, vor ihrer Geburt verlor sie zwei Kinder sehr früh. Dank Facebook lernte sie Mäny Achermann aus dem Entlebuch und Monica Wyss aus Büsserach kennen, die beide ebenfalls während der Schwangerschaft Kinder verloren. Schliesslich gründeten sie den Verein Engelskleider.ch.

Kein Knopf soll drücken

«Es ist uns sehr wichtig, dass die zarten Wesen in einem würdigen Abschiedskleidchen den Weg über den Regenbogen gehen können», sagt Mäny Achermann. Sie ist die Tüftlerin des Trios, alle sind Mitte vierzig.

«Anstatt Druckknöpfe verwenden wir nun Klettverschlüsse.» Auch sichtbare Nähte gibt es bei den Engelskleidern nicht. Mäny Achermann hat drei Kinder (13, 15 und 17). Das vierte ist im Mutterleib gestorben. «Wir versuchen, uns alle zwei Monate in Flüelen zu treffen», erzählt sie. Dann sitzen die drei am runden Tisch und es sei auch eine Art Seelenhygiene, miteinander zu reden und sich auszutauschen.

«Wir schenken Kleider der Liebe für Kinder der Liebe.»

Mäny Achermann

«Viele Leute stellen sich vor, dass hier eine andauernd betrübte Stimmung in der Luft liegt», sagt Ursina Troxler. Das sei bei Weitem nicht so: Es werde auch viel zusammen gelacht. Natürlich gäbe es auch mal Tränen. «Vierseitige, berührende Dankesbriefe von Eltern drücken schon mal auf die Tränendrüse», erzählt Mäny Achermann.

Jedes Kleid hat seine Geschichte

Die handgefertigten Engelskleidchen, Cocoons und Sternenbettchen.
Die handgefertigten Engelskleidchen, Cocoons und Sternenbettchen. (Bild: Caroline Mohnke)

«Das Nähen hat mir geholfen, den Verlust meines verlorenen Kindes zu verarbeiten», erzählt Mäny Achermann. Wenn sie nähe, sei sie in ihrer eigenen Welt versunken. Es könne vorkommen, dass sie bis nachts um zwei an einem Engelskleid arbeite. «Dann bin ich total im Flow», sagt sie.

Jedes Kleid habe seine eigene Geschichte. «Wenn ich ein Hochzeitskleid in den Händen halte, dessen ehemalige Besitzerin fünf Kinder verloren hat, fällt mir das manchmal schwer und ich frage mich nach dem Warum und Wieso», sagt sie nachdenklich.

Für die Eltern früh verstorbener Kinder etwas Gutes zu tun, sei ihnen sehr wichtig. «Die Kleidchen bringen wir entweder ins Spital oder nach Hause. Wir werden von Verwandten der Eltern angeschrieben wie Tanten, Schwestern oder Müttern. Die Eltern selber haben in dieser schweren Zeit selber genug mit sich selber zu tun», erzählt Ursina Troxler. Manchmal bringen sie eine Box mit verschiedenen Grössen zur Auswahl vorbei.

Kostenlose Abschiedskleidchen

Die Hochzeitskleider bekommen die drei unentgeltlich von Frauen, die das Projekt unterstützen. Dank Spenden können die Unkosten wie Zusatzmaterial wie Knöpfe, Bänder, Maschen gekauft werden und die Fahrkosten gedeckt werden. Denn die Engelskleider nähen die drei Frauen kostenlos und auch die Lieferung muss nicht bezahlt werden.

«Es kommt sogar vor, dass an Hochzeiten oder Beerdigungen Kollekten für uns aufgenommen werden», freut sich Ursina Troxler. Auch Hochzeitsgeschäfte, die ihre Kollektionen nicht mehr verkaufen können, melden sich beim Trio.

Die zarten Geschöpfe sollen in einem schönen Kleid über den Regenbogen reisen
Die zarten Geschöpfe sollen in einem schönen Kleid über den Regenbogen reisen. (Bild: Caroline Mohnke)

Ein Nähatelier haben die drei nicht. Alle nähen zu Hause. «Hier in Flüelen haben wir die Möglichkeit, die vielen Hochzeitskleider bei meinen Eltern in einem Raum in der alten Ziegelei zu lagern», freut sich Ursina Troxler.

Die Arbeit geht nicht aus. Es besteht sogar eine Warteliste für die Annahme von Hochzeitskleidern. Beide erinnern sich mit fröhlichen Gesichtern an den letzten Sommer, als sie in festlichen Kleidern in Zürich am «G&G Awards» den Preis gewannen in der Kategorie «Grenzgänger des Jahres». «Es ist immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Wir möchten den Engelskindern mit unserem Tun eine Stimme geben», sagt Ursina Troxler.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Mäny Achermann und Ursina Troxler
  • Website der drei Näherinnen
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