Leben
Die faszinierende Geschichte des Jörg Alois Reding

Vom Chamer Fabrikarbeiterkind zum Schweizer Botschafter

Heute lebt Jörg Alois Reding in Phuket, Thailand. Das liegt genau zwischen der Schweiz und Korea, der Heimat seiner Frau, erklärt er. Ein guter Kompromiss. (Bild: zvg)

Jörg Alois Reding hat über 130 Länder bereist. Als Botschafter beschäftigte er sich mit der nordkoreanischen Grenze, genauso wie mit dem harten Strafregiment von Singapur. Doch begonnen hat sein filmreifes Leben im zugerischen Cham – als Sohn von Fabrikarbeitern.

Mit 57 ging für Jörg Alois Reding ein Traum in Erfüllung. Nach Jahren des Reisens und tausenden Kontakten in aller Welt hatte der in Cham geborene Mann Sitzungszimmer von Brasilien bis Bangkok kennengelernt. Als Vertreter der Schweiz bei der Weltbank, der Afrikanischen und Asiatischen Entwicklungsbank, sowie in Zusammenarbeit mit einer ganzen Generation von Bundesräten. Kurt Furgler, Pascal Couchepin, Micheline Calmy-Rey, Doris Leuthard – sie alle kennen ihn.

Dann, nach über 25 Jahren Dienst im Sinne der Wirtschaftsinteressen der Schweiz, stieg Reding im Jahr 2008 in das prestigeträchtigste Amt auf, das ein Diplomat erreichen kann. Er wurde Botschafter. «Da wollte ich unbedingt hin», erinnert sich der heute 71-jährige Pensionär im Gespräch mit zentralplus. Bis 2012 war er Botschafter für Singapur und Brunei, danach weitere vier Jahre in Südkorea.

Heute lebt Jörg Alois Reding mit seiner koreanischen Frau in Phuket. Seine beiden erwachsenen Söhne studieren und arbeiten in der Westschweiz. Im Interview mit zentralplus erzählt er, wie er, ein Junge aus Cham, dessen Eltern in der Papierfabrik arbeiteten, einen Weg einschlug, der ihn in über 130 Länder und letztendlich zum höchsten Amt in der Diplomatie führte.

zentralplus: Heute leben Sie in Bangkok, doch Sie wurden im Kanton Zug geboren. Wie war Ihre Kindheit?

Jörg Alois Reding: Meine Eltern waren einfache Leute ohne höhere Ausbildung. Die Redings stammen ursprünglich aus Arth, doch mein Vater Heiri und meine Mutter Anna Rinderli lernten sich beide in der Papierfabrik Cham kennen. Ich bin daher in Cham geboren und habe dort die Primarschule besucht. Mit 13 ging ich ins Knabeninternat nach Schwyz. Später zum Studium an die Universität St. Gallen (HSG).

zentralplus: Hatten Sie schon in dieser Zeit den Traum ins Ausland zu gehen oder kam das später?

Reding: Entscheidend war mein Schüleraustauschjahr in Brasilien mit 17 Jahren. Ich lebte damals für ein Jahr bei einer Familie mit einer Kaffee- und Rinderfarm. Bis heute bin ich mit dieser Familie eng verbunden. Später, während meiner Zeit an der HSG, machte ich ein achtmonatiges Praktikum bei einer bekannten Schweizer Handelsfirma in Bangkok. Sie wurde von einem Luzerner geführt und betrieb in Thailand eine Fabrik für Seifen, Kölnisch Wasser und Sugus. Ihre Verkaufslastwagen bereisten die hintersten Winkel von Thailand.

Reding hat über 30 Jahre die Interessen der Schweiz in aller Welt vertreten. Sein Kerngebiet: Wirtschaftsanliegen.
Reding hat über 30 Jahre die Interessen der Schweiz in aller Welt vertreten. Sein Kerngebiet: Wirtschaftsanliegen. (Bild: Arirang Culture)

zentralplus: Sie mussten aber erstmal zurück in die Schweiz, richtig?

Reding: Richtig. Ich studierte weiter in St. Gallen und arbeitete parallel drei Tage die Woche als Wirtschaftsredakteur bei «Luzerner Neuste Nachrichten». Das war damals eine Art Umbruchszeit im Journalismus. Erstens kam immer mehr Investigativjournalismus auf und zweitens steckten wir mitten im digitalen Umbruch. Ich hatte zwei ausgezeichnete Chefs dort, Jürg Tobler als Chefredaktor und Rolf C. Ribi im Ressort.

zentralplus: Kurze Zwischenfrage in eigener Sache: Wie ist es Botschafter zu sein? Aufregender als Journalismus?

Reding: Ich vergleiche die Arbeit als Botschafter gern mit dem Journalismus. Ein Journalist klopft an alle möglichen Türen. Doch die Menschen wollen häufig nicht mit Journalisten reden. Als Botschafter ist es das genaue Gegenteil. Alle Türen öffnen sich. Das ist natürlich sehr viel angenehmer. Man hat hochinteressante Begegnungen und trifft spannende Menschen. Doch auch eine klare Funktion: Die Interessenvertretung der Schweiz im politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und heute immer mehr auch im wissenschaftlichen Bereich.

zentralplus: Wann haben Sie den Entschluss gefasst, zu einer internationalen Karriere?

Reding: Nach meiner Tätigkeit als Journalist folgte eine spannende Zeit. Ich flog alle sechs Wochen von Kanada in die Schweiz und zurück. In Vancouver hatte ich ein Stipendium der kanadischen Regierung, um mein Studium fortzusetzen. An der HSG war ich als Lehrbeauftragter tätig. Eines Tages sah ich im Flugzeug eine Annonce. Das Bundesamt für Aussenwirtschaft in Bern suche nach Unterstützung, stand dort. In diesem Moment begann meine Karriere für die Schweiz. Schon nach zwei Jahren wurde ich nach Brasilien geschickt, um auf dem Generalkonsulat in São Paulo als Konsul für Wirtschaftsfragen zu arbeiten.

«In Asien muss man mit unserem Humor vorsichtig sein.»

zentralplus: Sie hatten es geschafft und doch war es noch ein weiter Weg zum Botschafter. Korrekt?

Reding: Korrekt. Den Botschafter-Titel bekam ich vom Bundesrat bereits 1999, da ich die Schweiz auf vielen internationalen Tagungen und im Kontakt zu hohen Regierungsstellen vertreten musste. Ich war zum Beispiel Vertreter der Schweiz, der nordischen Staaten und Indiens im Verwaltungsrat der Afrikanischen Entwicklungsbank. Ab der Jahrtausendwende begann ich den Bundesrat auf seinen weltweiten Wirtschaftsreisen zu begleiten und stellte für ihn die begleitende Wirtschaftsdelegation zusammen.

zentralplus: Welcher dieser zahlreichen Jobs war der Sinnhafteste?

Reding: Ich denke bei der Afrikanischen Entwicklungsbank. Dort sind verschiedene Kulturen aus aller Welt aufeinandergetroffen und man hat auf sehr hohem Niveau mit hochinteressanten Leuten zusammengearbeitet. In Afrika ist ausserdem immer viel Humor mit dabei. In Asien muss man mit unserem Humor vorsichtig sein.

zentralplus: Doch genau dort wurden Sie Botschafter, richtig?

Reding: 2008 wurde ich Botschafter für Singapur und Brunei. Das war ein Traum. Da wollte ich immer hin. Singapur, die Schweiz Asiens, kann uns ein Vorbild und ein Partner sein. Ist natürlich aber auch ein Konkurrent, besonders im Finanzsektor. Auch meine Arbeit als Botschafter in Korea war spannend. Das Schweizer Militär hat noch immer ein kleines Kontingent an der Grenze zu Nordkorea stationiert, das den Waffenstillstand beobachtet und unterstützt. Meine Frau, mit der ich heute in Thailand lebe, stammt aus Seoul.

zentralplus: Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis als Botschafter?

Reding: Es gab viele. Als ich in Singapur war, gab es einen jungen Schweizer, der Graffiti an Züge malte. Als er festgenommen wurde, standen schwere körperliche Disziplinarmassnahmen im Raum. Ich musste damals den Behörden erklären, dass eine solche Strafe bei uns nicht geht. Denn in unserer Kultur ist der Körper unantastbar. Er bekam das Minimum, also vier Stockschläge, dann durfte er ausreisen.

zentralplus: Und in Korea?

Reding: Kurz nachdem ich in Korea angekommen war, bedrohte Nordkorea Südkorea mit einem militärischen Angriff. Unter hohem Zeitdruck und beängstigenden Momenten planten wir Evakuationspläne für alle Schweizer Bürger und ihre Angehörigen in Südkorea. Zum Glück kam es nicht so weit.

Reding steht gemeinsam mit Vertretern koreanischer Medien auf dem Dach der Schweizer Botschaft in Seoul.
Reding steht gemeinsam mit Vertretern koreanischer Medien auf dem Dach der Schweizer Botschaft in Seoul. (Bild: Arirang Culture)

zentralplus: Heute sind Sie nicht mehr im Amt, doch viel ist ins Rutschen geraten. Wie geht es Ihnen damit?

Reding: Was momentan passiert, ist eine Katastrophe. Erst Trump, dann Covid, jetzt Krieg in Europa und die Verwerfungen in Asien. Doch ein Lichtblick gibt es. In meiner Jugend galt Südamerika mit seinen schrecklichen Militärdiktaturen als Schwarzes Schaf der Landkarte. Seit Jahren ist die Lage dort, mit wenigen Ausnahmen, wesentlich besser. Dasselbe gilt für Vietnam heute nach dem Krieg.

zentralplus: Wie schaut die Welt dieser Tage auf die Schweiz?

Reding: Die Schweiz hat nach wie vor bei allen ein gutes Image. Man weiss, dass wir zwar ein relativ kleines Land sind, aber weltweit erfolgreich. Auch im wichtigen Wissenschaftsbereich. Wir sind ein Land und eine Gemeinschaft, der man vertrauen kann und in der das Wort gilt. In Asien ist die Schweiz sehr beliebt. Wir gehören zu den kleineren Ländern wie Singapur, dürfen aber in einer höheren Liga mitspielen.

zentralplus: Jetzt leben Sie in Thailand, warum sind Sie nicht zurück in die Schweiz?

Reding: 2016 wurde ich pensioniert. Doch ich hatte einen Sohn, der bis zur Matura noch vier Jahre in die Schule gehen musste. In Thailand gibt es eine Schweizer Schule, die vom Kanton Luzern als Patronatskanton in den Fachbereichen überwacht und begleitet wird. Also sind wir dort hin. Als ich dann dort war, wurde ich in die Maturakommission des Kantons Luzern bestellt, für die Belange in Bangkok. Ich habe das Niveau der Abschlüsse geprüft und bei mündlichen Prüfungen als Beisitzer daneben gesessen. Das Engagement des Kantons Luzern wird in Bangkok wirklich stark geschätzt. Alle Maturafragen werden zwischen Luzern und Bangkok im Detail diskutiert und das Fachpersonal segnet die Fragen mit ab.

zentralplus: Vermissen Sie die Schweiz nicht manchmal?

Reding: In der Schweiz ist die Lebensqualität natürlich unglaublich. Wenn ich in der Schweiz bin, bin ich meist am Genfersee. Denn meine Söhne studieren an der EPFL in Lausanne. Dort ist es, wie in Luzern und Zug, wunderschön, besonders im Sommer. Doch nach einer Zeit fehlt einem Weltenbummler das Kribblige. Ich will dann wieder raus ins eher Chaotische. In Asien fühle ich mich ausserdem als älterer Mensch sehr sicher. Man schaut auf uns. Bis eine ältere Person ins Altersheim gesteckt wird, braucht es wirklich viel.

«In ‹Chom› ist und soll jeder ein ganz normaler Mitbürger sein.»

zentralplus: Wann waren Sie das letzte Mal an Ihrem Geburtsort Cham?

Reding: Meine Primarschulkollegen organisieren seit Jahren unsere Klassenzusammenkünfte sehr gut. Einmal im Monat treffen sie sich zum Bier. Alle drei, vier Jahre zu einem ganztägigen Ausflug. Ich versuche immer am Ausflug teilzunehmen. Das letzte Mal war Ende Mai dieses Jahr.

zentralplus: Und Ihre Kollegen von früher sind heftig beeindruckt von ihrem Chamer Botschafter?

Reding: Nein. Ganz und gar nicht. In «Chom» ist und soll jeder ein ganz normaler Mitbürger sein.

zentralplus: Zum Abschluss. Viele sagen, Luzern sei der schönste Ort der Welt. Sie haben über 130 Länder bereist, was sagen Sie?

Reding: Luzern ist überall bekannt. Die Schönheit mit See und Bergen bleibt in Erinnerung. Luzern und Interlaken – das muss man gemacht haben, heisst es in Asien. Ich fühle mich an vielen Orten wohl. In Thailand, in Korea, in Kanada und in Brasilien. Eben bei den grossen Stationen meines Lebens.

Verwendete Quellen
  • Skype-Call mit Jörg Alois Reding, ehemaliger Botschafter der Schweiz
  • Linkedin Jörg Alois Reding
  • Website der Dienstelle Gymnasialbildung Kanton Luzern, Aktuell
  • Website des Bundesrats zu Ernennungen im EDA 2008
  • YouTube Video von «Arirang Culture»
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