Kultur
Angeschlagenes Kino erlebt Solidaritätsschub

Stattkino Luzern: «Kommerz steht nicht zur Diskussion»

Setzt sich seit 30 Jahren für Arthouse-Filme ein: Geschäftsführer Peter Leimgruber. (Bild: cbu)

Schwindendes Interesse am Programm und die Pandemie haben dem Stattkino in Luzern hart zugesetzt. Um die höchsten Wogen zu glätten, läuft nun ein Crowdfunding. Ausserdem will das Kino vermehrt Junge in den Saal locken.

Die Kinos haben es nicht leicht. Seit dem Siegeszug von Streaminganbietern wie Netflix, Disney+ und Amazon Prime kommen traditionelle Lichtspielhäuser immer weiter in Bedrängnis. Zwei Corona-bedingte Schliessungen waren für die angeschlagenen Betriebe ein weiterer Dämpfer.

Während sich grössere Multiplex-Kinos wie das Maxx in Emmenbrücke oder das Pathé in Ebikon dank Fokus auf publikumswirksame Blockbuster und zusätzliche Angebote wie Gamezones und Einkaufsmöglichkeiten über Wasser halten, sieht es für kleinere Betriebe düster aus.

Das jüngste Opfer im anhaltenden Kinosterben ist das Kino Moderne. Das einstige «Grand Cinema» schloss nach rund 100 Jahren Betrieb als ältestes Kino der Stadt Luzern im Spätsommer seine Türen. Es soll dereinst als Eventbar neu auferstehen (zentralplus berichtete). Das Kino Capitol ist dem Teufel noch einmal vom Karren gesprungen. Der Betrieb wird nach einer Einigung mit der Mieterschaft bis voraussichtlich 2027 weitergeführt (zentralplus berichtete).

Die Solidarität fürs Stattkino ist gross

Eng wird es auch fürs Stattkino, das im Untergeschoss des Bourbaki-Panoramas mit einem Saal und 104 Sitzplätzen angesiedelt ist. «Corona und schon die zwei Jahre davor haben an unseren Reserven und Rückstellungen gezehrt», sagt Geschäftsleiter Peter Leimgruber (75) gegenüber zentralplus. Die Bilanz des Arthouse-Kinos steht damit in ziemlicher Schieflage. «Natürlich haben wir wegen Corona Ausfallentschädigungen und Kurzarbeitsgeld erhalten. Aber das reicht nur ungenügend.» Den Löhnen, Mietkosten, Verleihkosten und der Ticketsteuer stehen Besucherschwund und wachsende Konkurrenz gegenüber.

Das Stattkino befindet sich im Untergeschoss des Bourbaki-Panoramas.
Das Stattkino befindet sich im Untergeschoss des Bourbaki Panorama. (Bild: cbu)

Nun sollen ein Crowdfunding und verschiedene Stiftungen für eine kurzfristige Linderung sorgen (zentralplus berichtete). Innert wenigen Tagen kamen nun über die Crowdfunding-Plattform «Funders» 15'000 der angestrebten 50'000 Franken zusammen. «Wir kämpfen ums Überleben und diese Solidarität ist sehr erfreulich», sagt Leimgruber. Wird das Funding-Ziel erreicht, könnte der Betrag genutzt werden, um die schiefe Bilanz auszubügeln und den Betrieb wieder zu normalisieren.

Klappt das nicht, wird es in Zukunft für das Kino noch schwieriger. Im Gegensatz zu anderen Kinos in der Stadt wird das Stattkino subventioniert. Der Bund und die Stadt Luzern sprechen jeweils Beiträge, auch die Regionalkonferenz Kultur (RKK) leistet mit 14'500 Franken einen nicht unwesentlichen Zustupf. Dieser könnte ab nächstem Jahr aber wegfallen, weil die RKK ab 2023 durch den Gemeindeverband Luzern Plus abgelöst und somit die Vergaben neu beschlossen werden. Auch die Stadt Luzern hat ein Ultimatum gestellt. Sie hat das Kino aufgefordert, seine Finanzen in Ordnung zu bringen, bevor weitere Subventionen gesprochen werden.

Interesse an Arthouse-Filmen nimmt ab

Erschwerend hinzu kommt, dass das Interesse an Arthouse-Filmen, auf die das Stattkino seit seiner Gründung setzt, in den vergangenen Jahren nachgelassen hat. Schon vor der Pandemie. Ist die Zeit für Arthouse-Filme vorbei? Mitnichten, findet Leimgruber: «Das Angebot an solchen Filmen ist nach wie vor riesengross.» Auch die Nachfrage sei da – allerdings vor allem bei einem älteren Publikum. Dieses komme dafür in Scharen. «Wir haben bei einzelnen Filmen über Wochen hinweg ausverkaufte Säle.»

Nur die jungen Leute bleiben tendenziell weg. Hier will das Stattkino-Team ebenfalls ansetzen. So betreibt das Stattkino im Verbund mit dem On-Demand-Dienst «Filmingo» ein kuratiertes Streamingangebot, das vor allem in der Pandemie sehr gut lief. Hinzu kommen spezifische Veranstaltungsreihen wie «Pink Panorama» mit LGBTQ-Filmen. Auch die Werke junger Filmemacher werden immer wieder ins Programm aufgenommen. «Wir sind auch auf den gängigsten Social-Media-Plattformen aktiv unterwegs.» Nur fruchten tun diese Massnahmen – noch – nicht so, wie sie sollten. «Ich bin jederzeit offen für Ideen», sagt der Geschäftsleiter.

Streaming-Giganten verändern unsere Sehgewohnheiten

Warum Arthouse-Filme beim jungen Publikum weniger gefragt sind, kann sich Leimgruber nicht genau erklären: «Vielleicht sind die Filme zu anstrengend oder nicht interessant genug», mutmasst er. «Arthouse-Werke bieten meistens eine andere Filmsprache, abseits von Bekanntem.» Da müsse man sich drauf einlassen können. Ein weiterer Grund dürften die Streaming-Anbieter sein, bei denen grosse Filmstudios teilweise ganz auf eine Kinoauswertung verzichten und den neusten Blockbuster lieber als Kaufargument für ihren Dienst anbieten. Das Kino als «Vermittler» fällt weg. Gut für die Kasse der Studios, schlecht für jene der Kinos.

«Ich bin der Meinung, dass die Kinopreise in der Schweiz zu hoch sind. Ich würde die Preise eher senken.»

«Die Streamingdienste sind durchaus eine Konkurrenz für uns, selbst wenn sie ein anderes Programm anbieten.» Nicht nur wächst durch sie das Angebot – und damit die Qual der Wahl – sondern auch die Art und Weise, wie Filme geschaut werden. Statt als «Event» ins Kino zu gehen, schaut man sich neue Filme auf dem Heimweg bequem auf dem Handy an. Hinzu kommt, dass Monatsabos von Netflix, Sky und Co. in der Regel günstiger sind als ein einzelner Eintritt ins Kino.

Eine grundsätzliche Neuausrichtung des Programms, um etwa ein Mainstream-Publikum anzusprechen, kommt für Peter Leimgruber aber nicht infrage. «Eine Ausrichtung auf Kommerz steht nicht zur Diskussion. Wir wollen nicht machen, was alle anderen schon tun.» Stattdessen suche man derzeit nach anderen Ansätzen, um attraktiver zu werden. Einer davon ist der Ticketpreis: «Ich bin der Meinung, dass die Kinopreise in der Schweiz zu hoch sind. Ich würde die Preise eher senken.» Eine Massnahme, die Leimgruber demnächst mit dem Stattkino-Vorstand diskutieren will.

Seit 30 Jahren «freaky»

Entstanden ist das Stattkino auch aus dem Bedürfnis heraus, den Arthouse-Film salonfähig zu machen. «Damals gab es zahlreiche Gruppierungen in Luzern, die Vorstellungen mit Filmen aus allen Ländern durchgeführt haben. Eine ziemlich verzettelte Angelegenheit», erinnert sich Leimgruber. Schliesslich hat man sich 1990 zusammengetan und den Verein Filmhaus gegründet mit der Idee, ein kommunales Kino in Luzern aufzubauen.

«Wir haben uns dann beim Bourbaki Panorama eingemietet. Zuerst mit einem Kinosaal im Erdgeschoss, im ehemaligen Bierlager des Restaurant Old Swiss House», so Leimgruber. Er selbst war mehr oder weniger von Anfang an dabei. «Ich war als freischaffender Schauspieler im Stadttheater tätig, als mir die Stelle als Geschäftsleiter angeboten wurde.»

Nach kurzer Bedenkzeit sagte er schliesslich zu und organisierte Filme, die es sonst nirgendwo zu sehen gab. «Wir waren damals schon alternativ und freaky, aber die Idee kam gut an.» Früh vernetzte man sich mit der alternativen Filmszene und konnte auch die Unterstützung der Stadt Luzern gewinnen. Das Stattkino füllte eine Nische aus, die bis anhin kaum bedient worden war.

Film über Massenmörder wird Kassenschlager

Mit Orson Welles Meisterwerk «Citizen Kane» flimmerte am 6. November 1992 der erste Film des Stattkinos über die Leinwand. «Wir haben die Filme gezeigt, die es nirgendwo sonst zu sehen gab.» Darunter den deutschen Thriller «Der Totmacher» mit Götz George in der Rolle als Massenmörder Fritz Haarmann. «Kein Kino wollte sich an dem Film die Finger verbrennen. Bei uns lief er wochenlang mit vollem Haus», erinnert sich Leimgruber.

«Ich bin zuversichtlich, dass wir diese Hürde schaffen.»

Während das Bourbaki-Gebäude 1996 umfassend renoviert wurde, zog das Stattkino für rund drei Jahre an die Baselstrasse – in die Liegenschaft des ehemaligen Kino Madeleine. Passend zum Millennium wechselte das Stattkino im Februar 2000 zurück ins Bourbaki Panorama, jetzt aber ins Untergeschoss – und da ist es seither geblieben und feiert diesen November sein 30-jähriges Jubiläum.

«The Show must go on»

Obwohl sich Leimgruber fürs Jubiläumsjahr sicher entspanntere Zustände gewünscht hat, lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen: «Ich bin zuversichtlich, dass wir diese Hürde schaffen.» Er ist überzeugt, dass es in Zukunft weiterhin einen festen Platz für Arthouse-Kinos wie das Stattkino gibt. «Genau, wie es auch immer einen Platz für Gedichte oder aussergewöhnliche Musik geben wird.»

Mit Zukunftsgedanken beschäftigt sich Leimgruber auch im Hinblick auf seine eigene Rolle: «Ich bin jetzt 75 Jahre alt. In den nächsten zwei, drei Jahren möchte ich die Geschäftsleitung weitergeben.» Eine Nachfolge sei bereits im Gespräch, noch ist aber nichts spruchreif. Leimgruber aber liegt viel daran, das Stattkino in einem guten Zustand zu übergeben. «Damit ich mich zurücklehnen und die Pension geniessen kann.» Ob er dem Kino ganz den Rücken kehren wird, weiss er indes noch nicht: «Ich könnte mir vorstellen, vielleicht noch kleinere Aufgaben zu übernehmen.»

So oder so, für Peter Leimgruber ist klar: «The Show must go on.»

Verwendete Quellen
  • Telefongespräch und persönliches Treffen mit Peter Leimgruber
  • Crowdfunding-Seite
  • Medienmitteilung Stattkino
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.