Lesebühne-Verantwortliche kritisieren Regierung

«Das Publikum fragt uns: Hat die Regierung etwas gegen euch?»

Michael van Orsouw und Judith Stadlin auf ihrer Lesebühne. (Bild: zvg)

Der Zuger Regierungsrat wollte die Lesebühne nicht finanziell unterstützen. Das kam in der Kulturszene schlecht an. Jetzt erklärt sich die Exekutive – und muss heftige Kritik von den betroffenen Künstlern einstecken.

«Wir sind nach wie vor irritiert, enttäuscht und haben viele Fragen.» Das sagen Judith Stadlin und Michael van Orsouw, welche die Stadtzuger Satz-&-Pfeffer-Lesebühne leiten. Hintergrund: Die Zuger Regierung hat soeben bekannt gegeben, weshalb sie der Kulturinstitution 2022 die finanzielle Unterstützung verweigerte – entgegen den Empfehlungen der Kulturkommission und dem Amt für Kultur.

Doch von vorne: Die Betreiber der Lesebühne wollten während Corona die engen Platzverhältnisse im «Oswalds Eleven», wo sie ihre Veranstaltungen durchführen, verbessern (zentralplus berichtete). Das Amt für Kultur und die Kulturkommission des Kantonsrats unterstützen die Institution dabei. Entsprechend gingen Stadlin und van Orsouw davon aus, dass die Zuger Regierung den Umbau – ein sogenanntes Transformationsprojekt – ebenfalls gutheissen und Gelder sprechen würde. Also führten sie den Umbau durch.

Lesebühne stand vor dem Aus

97’000 Franken erhoffte sich die Lesebühne vom Regierungsrat. Dieser hätte den Betrag zu einer Hälfte dem Lotteriefonds entnehmen können, die anderen 50 Prozent hätte der Bund finanziert. Doch die Regierung stellte sich gegen das Vorhaben und verwehrte Stadlin und van Orsouw das Geld. Die Folge: Die Lesebühne stand vor dem finanziellen Ruin. Schliesslich sprangen Private ein. Mehr als hundert Privatpersonen und mehrere Institutionen spendeten zwischen 50 und 10’000 Franken und retteten im Januar 2023 die Bühne (zentralplus berichtete).

Das Nein der Regierung erzürnte die Kantonsratsfraktion der Alternative – die Grünen (ALG). Sie reichte im November 2022 eine Interpellation beim Regierungsrat ein. Sie wollte von diesem Antworten darauf, weshalb er den Antrag der Lesebühne abgelehnt hatte. Nun – gut anderthalb Jahre später – liefert die Regierung ihre Stellungnahme. Zur erwähnten Hauptfrage schreibt die Regierung einen einzigen Satz: «Für den Regierungsrat qualifizierte sich das Projekt nicht als Transformationsprojekt, weil nicht schlüssig war, dass das Publikum ohne die angestrebten baulichen Massnahmen grösstenteils ausbleiben würde.»

Direktion soll sich nicht auf Regierungsrat verlassen

Die Exekutive hält weiter fest, sie entscheide über eine grosse Zahl von Geschäften in den unterschiedlichsten Fachgebieten. «Der Regierungsrat nimmt diese Verantwortung kompetent wahr.» Die antragstellende Direktion könne sich nicht darauf verlassen, dass ihre Anträge vom Regierungsrat gutgeheissen werden. Dieser berücksichtige die Meinung seiner Fachleute, könne sich aber darüber hinwegsetzen.

«Dafür, dass bei diesen Antworten nichts Neues herausschaut, brauchte die Regierung schon sehr lange.»

Judith Stadlin, Satz-&-Pfeffer-Lesebühne

Die ALG wollte auch wissen, was die Regierung zur Rettung der Lesebühne unternahm. Der Regierungsrat schreibt, dass seit 2016 10’000 Franken pro Jahr vom Kanton an die Lesebühne fliessen würden, 2017 zusätzlich 5000 Franken für das 10-Jahr-Jubiläum der Bühne. Während der Pandemie hätten die Verantwortlichen zudem für ein anderes Transformationsprojekt rund 4500 Franken erhalten. Auch Ausfallentschädigungen seien geleistet worden.

Vorwürfe an Regierung

Judith Stadlin und Michael van Orsouw wehren sich auf Anfrage von zentralplus gegen diese ihrer Meinung nach «offensichtlichen Falschangaben» der Regierung. So habe Stadlin, anders als von der Exekutive nun in ihrer Antwort festgehalten, nie Gelder für ein Transformationsprojekt erhalten. «Diese 4500 Franken waren reine Ausfallentschädigungen während der Pandemie – so, wie sie andere Kulturschaffende auch erhalten haben.»

Generell kommt die Interpellationsantwort der Regierung bei den beiden sehr schlecht an. «Dafür, dass bei diesen Antworten nichts Neues herausschaut, brauchte die Regierung schon sehr lange», spielt Stadlin auf die anderthalb Jahre an, die seit der Einreichung der Interpellation ins Land gezogen sind.

Doch nicht nur das. «Wenn die Regierung behauptet, sie würde die Arbeit kompetent machen, wäre der erste Schritt, sich mal mit den Gegebenheiten vor Ort auseinanderzusetzen und sich die engen Platzverhältnisse anzuschauen», sagt Stadlin. Doch es habe ausser einem einzigen kein Regierungsrat ihr Theater je besucht. «Sie konnten die Situation also gar nicht richtig einschätzen – und haben sie prompt falsch beurteilt.»

Michael van Orsouw fügt an, er habe ein gewisses Verständnis dafür, dass die Regierung nicht überall vorbeikommen könne. «Aber dann muss man sich doch auf die Fachleute abstützen, also auf die Kommission und das Amt für Kultur, von denen Vertreter vor Ort waren. Aber das hat die Regierung nicht gemacht.»

Nach schwierigen Zeiten wieder Mut gefasst

«Dass die Regierung uns nicht unterstützen wollte, verstehen wir nach wie vor nicht. Auch unser Publikum versteht es nicht, kürzlich wurden wir sogar in Berlin darauf angesprochen», sagt Judith Stadlin. Es sei ja nicht einmal um Geld des Kantons gegangen, sondern um solches des Lotteriefonds und des Bundes. «Das Publikum fragt uns deshalb immer wieder: Hat die Zuger Regierung etwas gegen euch?»

Die beiden Zuger Künstler schauen aber mittlerweile nach vorne. «Während dieser Zeit, als die Lesebühne vor dem Aus stand, hatten wir so etwas wie eine Depression. Aber der Zuspruch des Publikums half uns sehr», sagt Stadlin. Nun seien die Rechnungen für den Umbau beglichen, die Lesebühne vorläufig gerettet. «Wir haben wieder Mut gefasst, aber ein schales Gefühl gegenüber dem Kulturengagement der Regierung bleibt bestehen.»

Verwendete Quellen
  • Antwort der Zuger Regierung auf eine Interpellation der ALG
  • Telefongespräch mit Judith Stadlin und Michael van Orsouw, Leitung der Zuger Lesebühne
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