Allround-Humoristin aus Luzern

Julia Steiner: «Ich will die neue Hazel Brugger werden!»

Julia Steiner hat kürzlich das prestigeträchtige Oltener Kabarett-Casting gewonnen. (Bild: zar)

Die Stadtluzerner Slam-Poetin und Kabarettistin Julia Steiner hat einen veritablen Lauf. Ein Gespräch über die Kraft von leisen Tönen, über erreichte Höhepunkte und grosse Zukunftspläne.

Wie gewinnt man das prestigeträchtige Oltener Kabarett-Casting? In jungem Alter und mit verhältnismässig wenig Erfahrung, dafür gleich im ersten Anlauf? Für die 23-jährige Luzernerin Julia Steiner ist die Sache klar: «Eine Frau sollte man auf jeden Fall sein, ansonsten aber bitte doch ziemlich normal. Denn allzu bunt mag es die Schweizer Kabarettszene noch nicht.»

Die Frau hat Humor – und muss es wissen, denn genau dieses Kunststück hat sie unlängst vorgeführt. Gegen nicht weniger als zwölf Nachwuchstalente aus der gesamten Deutschschweiz hat sich Steiner in mehreren Runden durchgesetzt. Viele weitere haben es gar nicht erst in die engere Auswahl geschafft. «Ganz offensichtlich habe ich mit meinen Darbietungen den Zeitgeist getroffen», schiebt Steiner etwas ernsthafter nach, während sie sich entspannt in die knallrote Bank am Alpenquai Luzern zurücklehnt, die Beine überschlagen. Es quaken paarungswillige Enten, summen Motorboote.

Statt auf platte Gags setzt Steiner auf «Soft-Kabarett»

Und ernsthaft ist denn auch gleich ein wichtiges Stichwort, das ihr Schaffen im Ganzen charakterisiert. Steiner ist keine, die den billigen Gag sucht, die klassisches, ja verstaubtes Kabarett vorträgt («Verkleidet auf der Bühne Witz um Witz zu reissen und dabei ordentlich die SVP zu bashen»). Was sie macht, das hat ein Jurymitglied in Olten als «Soft-Kabarett» bezeichnet. Eine leise Form des Kabaretts, eine sehr persönliche, gefühlsbetonte und eben auch ernsthafte.

«Meine Acts sind zu 50 Prozent Traumaverarbeitung.»

Julia Steiner

«Meine Acts sind zu 50 Prozent Traumaverarbeitung», bringt es Steiner selbst ebenso unverblümt wie prägnant auf den Punkt. Der Comedyteil beschränke sich des Öfteren auf subtile Pointen und vor allem auf die ihren Texten unterliegende Botschaft: Egal wie tief du im Gefühlsschlamassel steckst, es gibt einen Weg nach oben. Sie wolle Menschen primär ein gutes Gefühl vermitteln, Hoffnung. «Mein Humor geht nicht auf Kosten anderer.»

Sondern zehrt ausschliesslich von eigenen Erlebnissen – und eben Traumata. Und davon hat Steiner in ihrem jungen Leben schon einige angesammelt. Da gibt es zum einen das absolute Schlüsselerlebnis, der frühe Tod ihres Vaters. Was hätte ein romantischer Kinoabend mit der Gattin werden sollen, endete für den zweifachen Familienvater, Kantilehrer und Theaterregisseur mit einem Herzstillstand an der Tankstelle. Sechs Jahre alt war da Steiner.

Stand am Anfang: Das abrupte Ende eines jungen Lebens

Mit 17 dann nahm sich ihr bester Freund das Leben, liess einen Abschiedsbrief zurück, bodenlose Trauer und noch viel mehr Unverständnis. Für Steiner selbst begann damit eine sehr schwierige Phase. Angst- und Panikattacken suchten sie heim. Unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund. Zittern, Atemnot und die immer wieder von Neuem aufsteigende Überzeugung, jetzt, genau in diesem Moment sterben zu müssen, machten ihr Leben zur Hölle. Gegen aussen aber wahrte sie den Schein, mimte den lebensfrohen und unbekümmerten Teenager – nur um sich zu Hause wieder komplett in Tränen aufzulösen.

Gleichzeitig war dieses einschneidende Ereignis auch der Startschuss für ihr künstlerisches Schaffen, denn so fand Steiner zum Schreiben – auch wenn erst aus rein therapeutischen Gründen. Zusammen mit Medikamenten, Psychotherapie und einem Tapetenwechsel (Studium in Germanistik und Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich) erlangte Steiner so erst eine gewisse Stabilität zurück und dann auf einer Slam-Poetry-Bühne die Erkenntnis: «Diese Texte haben auch für andere einen Wert!»

«Und ich wünschte, ich hätte nach dem ersten ‹Wie geht's dir?› und dem zweiten ‹Wie gehts dir wirklich?› nicht aufgehört nachzufragen …»: Auftritt von Julia Steiner am grossen Einzel-Finale der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften im Wiener Burgtheater:

Eine Prophezeiung erfüllt sich

Was sich Steiner in den dunkelsten Stunden so sehnlichst gewünscht hatte, konnte sie nun für andere sein: eine Person, die hinter die Fassade blicken lässt, die kein Hehl aus ihren psychischen Leiden macht, die ihr Abweichen von der Norm mutig zur Schau stellt. Das setzte ungeahnte Kräfte frei und war die Initialzündung für ihren rasanten Aufstieg. Nicht weniger als 50 Slam-Poetry-Texte sind in bloss einem Jahr zusammengekommen.

«Sie wird einmal auf der Bühne stehen.»

Auszug aus dem Tagebuch ihres verstorbenen Vaters

Von einer Bühne hangelte sie sich zur nächsten. Allenthalben trifft sie auf Lob und Begeisterung. Bald schon steht Steiner im Wiener Burgtheater auf der Bühne, übersteht Vorrunde um Vorrunde und slamt sich als Newcomerin vor Tausenden Livezuschauern gar in den Final. Bald schon gewinnt sie das Oltener Kabarett-Casting, handelt ein Engagement mit dem Casinotheater Winterthur aus und bandelt gar mit dem «SRF» an.

«Sie wird einmal auf der Bühne stehen.» Dieser Auszug aus dem Tagebuch ihres verstorbenen Vaters ist zur Prophezeiung geworden.

Nach einem halben Jahr Slam-Erfahrung schaffte es Julia Steiner auf Platz 4 der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft und holte sich im Januar den Titel «Zürcher Poetry Slam Meisterin 2023». (Bild: zvg)

Trotz Zweifeln wagt sich Steiner auf neues Terrain

So sehr Steiner dieser Erfolg und diese Bestätigung schmeicheln, manchmal äussern sich auch Zweifel. Habe ich das alles verdient? Ist das nicht alles Glück? Und habe ich nicht zu wenig dafür arbeiten müssen? In diesen Momenten aber lässt sie sich einfach wieder von der momentanen Erfolgswelle mitreissen, vertieft sich in die anstehende Arbeit. Den Teilzeitjob als Lehrerin hat sie bereits an den Nagel gehängt, es gilt nun, ein Soloprogramm auszuarbeiten, das bereits im nächsten Jahr Premiere feiert. «Denn dazu sind die 10’000 Franken Preisgeld aus Olten schliesslich gedacht.»

Daneben will sich Steiner auch auf neues Terrain wagen, andere Kunstformen erkunden, nebst ihrer Homebase, dem Poetry-Slam, und ihrer zweiten Liebe, dem Kabarett. Humor auf Social Media? Sehr gerne! Seit zwei Wochen ist Steiner auf Tiktok aktiv. Vor Stand-up-Comedy scheut sie nicht zurück – auch wenn diese Szene nach ihrem Geschmack noch viel zu sehr billigen Profit aus Rassismus und Sexismus zieht. «Wenn sich Leute wie mich dorthin nicht vorwagen, wird sich nie was ändern.»

Und selbst vor grossen Träumen hat Steiner keine Angst. Ja, sie teilt diesen gar mit der ganzen zentralplus-Leserschaft: «Ich möchte dereinst gerne die neue Hazel Brugger werden!»

Julia Steiner beim Gespräch mit zentralplus.
Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Julia Steiner
  • Medienmitteilung vom Oltener Kabarett-Casting
  • Website von Julia Steiner
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