Gesundheit & Fitness
Chamer Klinik verliert Notfallstation

Andreasklinik: So rechtfertigt sich die Zuger Regierung

Die Andreasklinik in Cham soll zur Klinik für Wahleingriffe werden. (Bild: zvg)

Anfang Jahr ist die neue Spitalliste im Kanton Zug in Kraft getreten. Und hat der Andreasklinik die Grund- und Notfallversorgung entzogen. Jetzt erklärt der Regierungsrat die kontroverse Entscheidung.

Gegen die Petition der «IG Wahlfreiheit» und die Sorge der Zuger Ärztinnengesellschaft hat die Zuger Regierung die Spitalliste durchgesetzt. Mit der Einführung per 1. Januar verliert die Andreasklinik in Cham die Leistungsaufträge für die Grund- und Notfallversorgung. Kritiker befürchten eine deutliche Verschlechterung der Gesundheitsversorgung (zentralplus berichtete).

Bereits im letzten Sommer formte sich Opposition. Kantonsräte aus Risch, Cham und Hünenberg – viele von ihnen Mitglieder der IG Wahlfreiheit – reichten eine Interpellation ein (zentralplus berichtete). Nun, nach sieben Monaten und der bereits erfolgten Einführung der Spitalliste, hat die Regierung Stellung bezogen.

Kein Schnellschuss

Dem Entschluss sei ein jahrelanger Prozess vorausgegangen, schreibt die Regierung in ihrer fünf-seitigen Antwort auf die Interpellation. Unter anderem auch auf Basis eines Berichts über den Zuger Bedarf an stationären Notfallleistungen. Zudem hätten sich die Spitäler auf die Leistungsaufträge bewerben können, auch die Andreasklinik.

«Die neue Spitalliste stellt ein Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Konzentration her.»

Regierungsrat Zug

Die Entscheidung für eine Bündelung der Grund- und Notfallversorgung im Kantonsspital in Baar sei der Effizienz geschuldet. Zwei voll ausgerüstete Notfalloperationssäle parallel zu betreiben sei schon jetzt teuer, die Kosten würden in den kommenden Jahren weiter steigen. Ebenso die Schwierigkeiten, ausreichend Personal zu finden.

Die Konzentration auf Baar sei notwendig, «damit im Kanton Zug auch in Zukunft überhaupt noch eine Notfallstation für schwere, potenziell lebensbedrohliche Notfälle betrieben werden kann», schreibt der Regierungsrat. Zumal Baar und Cham lediglich fünf Kilometer voneinander entfernt liegen.

Das Kantonsspital muss nicht ausgebaut werden

Ausserdem: Eine Fokussierung auf elektive Eingriffe in der Andreasklinik würde an der jetzigen Ausrichtung des Spitals nur wenig ändern. Bereits heute sei nur ein Sechstel der stationären Aufnahmen ungeplante Notfälle, im Kantonsspital seien es zwei Drittel. Die Regierung rechnet vor, dass durch die neue Spitalliste nur 150 Notfall-Fälle in Cham wegfallen.

Die geringe Anzahl an Fällen könne das Kantonsspital leicht «absorbieren» und müsse daher nicht weiter ausgebaut werden. Das befürchteten die Interpellanten. Die Bündelung führe zudem zu Synergien und Mengeneffekten. Das Ergebnis? Mehr Effizienz und eine höhere medizinische Qualität, schreibt die Regierung.

Das Zuger Kantonsspital ist künftig alleine für die Grund- und Notfallversorgung zuständig. (Bild: zvg)

Gute Erfahrungen mit Spitalschliessungen

Die Erfahrung mit Spitalschliessungen im Kanton Zug sei positiv, heisst es weiter. Bis Mitte der 90er-Jahre habe es vier Akutspitäler gegeben. Die Konzentration auf zwei Kliniken habe zur guten Gesundheitsversorgung des Kantons beigetragen. Auch im Kanton Zürich habe die Regierung 1996 zehn Spitäler geschlossen und somit die steigenden Kosten in den Griff bekommen.

Aktuell gehe es nur um die Verschiebung von Leistungen, betont der Regierungsrat. Auch der innerkantonale Wettbewerb soll erhalten bleiben, etwa bei der Chirurgie am Bewegungsapparat, den Geburten und im Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Medizin. Die neue Spitalliste stelle ein «Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Konzentration her», so das Resümee.

Die Regierung betreibt Hinhaltetaktik

Die Interpellanten lassen sich von der Antwort der Regierung nicht besänftigen. Kantonsrat Jean Luc Mösch (Mitte) von der IG Wahlfreiheit hinterfragt den «politischen Stil der Regierung bei gewissen Themen.» Die Antworten auf die Fragen seien der Gesundheitsdirektion schon lange klar gewesen, sie erst jetzt nach Einführung der Liste zu veröffentlichen, sei «Hinhaltetaktik».

«Die Regierung kann den Schritt nicht erklären, es gibt keine Gründe.»

Brigitte Wenzin Widmer, Kantonsrätin SVP

Ebenfalls enttäuscht ist Kantonsrätin Brigitte Wenzin Widmer (SVP). Die Antworten seien nichtssagend und kämen zu spät. Sie bemängelt, dass die IG Wahlfreiheit trotz erfolgreicher Petition nie zu einem Gespräch mit der Regierung eingeladen wurde.

«Die Regierung kann den Schritt nicht erklären, es gibt keine Gründe», ist sich Wenzin Widmer sicher. Im Kanton Zug hätte es keine Probleme mit den Spitälern gegeben, die Kliniken hätten sogar sehr gut zusammengearbeitet. Einzig der Trend zur Zentralisierung in der Gesundheitsbranche habe die Regierung zum Leistungsabbau in Cham bewegt, meint die Kantonsrätin.

Kommen die Patienten bald nach St. Anna in Luzern?

Treibt man Zentralisierung auf die Spitze, muss man fragen, ob ein kleiner Kanton wie Zug langfristig überhaupt ein Spital mit Notfallversorgung braucht. Denn Zürich und Luzern sind nicht weit entfernt. «Ob das besser wäre, bezweifle ich stark», meint Brigitte Wenzin Widmer.

Dass die Notfallversorgung komplett gestrichen wird, ist unwahrscheinlich. Doch dass Patienten künftig häufiger nach Luzern kommen, sei nicht ausgeschlossen. Denn neben der Andreasklinik betreibt die Hirslandengruppe auch die St. Anna Klinik in der Stadt Luzern. «Wenn man wirtschaftlich rechnet, warum soll die Andreasklinik Patienten nach Baar bringen und nicht auf St. Anna?», fragt sich die SVP-Kantonsrätin.

Ob es dazu kommt, wird sich zeigen. Derzeit liegt eine Beschwerde der Andreasklinik beim Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen (zentralplus berichtete). Die Klinik will ihre Leistungsaufträge behalten, sie sei «versorgungsrelevant», schrieb die Leitung jüngst.

  • Antwort der Regierung und Interpellationstext
  • Telefonat mit Jean Luc Mösch von der IG Wahlfreiheit
  • Telefonat mit Brigitte Wenzin Widmer von der IG Wahlfreiheit
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