Politik
Zuger Regierung lässt Kritik nicht auf sich sitzen

IG lanciert Petition gegen den Abbau von Spitalleistungen

Wird die Andreasklinik den Auftrag für die Grund- und Notfallversorgung verlieren? Nun wird die Politik aktiv. (Bild: Hirslanden AndreasKlinik Cham)

Die Zuger Regierung will die Leistungen der Andreasklinik in Cham reduzieren. Politiker fürchten deshalb um die Existenz des Spitals und lancieren eine Petition. Und der Gesundheitsdirektor? Der wehrt sich vehement gegen die Kritik.

So geht das nicht, finden mehrere Zuger Kantonsräte und Unternehmer dezidiert. Sie befürchten, dass durch die geplante Anpassung der Spitalliste in der Andreasklinik Arbeitsplätze verloren gehen, in Cham Arztpraxen schliessen, Steuereinnahmen flöten gehen sowie Patientinnen in die Spitäler anderer Kantone abwandern.

Doch Moment mal. Worum geht's eigentlich? Nun, die aktuelle Spitalliste stammt aus dem Jahr 2012. In dieser ist festgelegt, welche Spitäler welche Eingriffe übernehmen dürfen. Diese Liste hat der Zuger Regierungsrat nun überarbeitet. Künftig soll laut diesem das Zuger Kantonsspital für die Grundversorgung zuständig bleiben, während die Andreasklinik in Cham ein Angebot an Wahleingriffen anbieten kann.

Dies insbesondere in den Bereichen Orthopädie, Wirbelsäulenchirurgie, Gynäkologie, HNO und Urologie. Mit der Bündelung dieser Angebote erfolge laut Gesundheitsdirektion eine gewisse Rollenteilung zwischen dem Zuger Kantonsspital und der Andreasklinik.

Ein gefährlicher Schachzug der Regierung?

Das passt den Kritikern überhaupt nicht. Die Regierung beabsichtige, «der Andreasklinik in Cham ab 2023 den Auftrag für die Grund- und Notfallversorgung zu entziehen. Dieses Vorgehen der Regierung ist nicht nur unverständlich und gefährlich, sondern auch schweizweit einmalig.» Das schreiben die verschiedenen Kritikerinnen in einer gemeinsamen Medienmitteilung.

Sie sind derart empört, dass sie nun die IG Wahlfreiheit Zug gegründet haben. Gleichzeitig haben sie eine Petition lanciert, welche die geplante Anpassung der Liste verhindern soll. Denn, so beteuert IG-Mitglied Jill Nussbaumer bei einer entsprechenden Medienkonferenz, «es ist wichtig zu sehen, dass die Regierung die Entscheidungsmacht in der Angelegenheit hat. Wir sehen die Petition als einziges Mittel, um zusätzlichen Druck auf sie auszuüben».

«Ein Erfolgsmodell soll nun, ohne jede Not, geändert werden.»

Josef Huwiler, Chamer Unternehmer

Auch der Chamer Unternehmer Josef Huwiler ist ein dezidierter Gegner der angepassten Liste. Der Co-Leiter der IG dazu: «Die Grund- und Notfallversorgung der Andreasklinik ist ein Erfolgsmodell, dass man nun, ohne jede Not, ändern will.»

Die IG Wahlfreiheit (v.l.):Jean Luc Mösch, Brigitte Wenzin Widmer, Josef Huwiler, Jill Nussbaumer, Adrian Risi. (Bild: zvg)

Wo sollen denn künftig die Gebärenden hin?

Er ist überzeugt, dass der Regierungsrat trotz steigendem Bedarf einen Leistungsabbau durchführen werde. «Fakt ist, dass das Spital 400 Mitarbeiter, darunter 30 Lernende und Studierende anstellt. Die Existenz der Andreasklinik wird durch die Anpassung gefährdet.»

Huwiler weist darauf hin, dass in der Andreasklinik jährlich 500 Geburten durchgeführt werden. «Es ist nicht anzunehmen, dass das Zuger Kantonsspital diese zusätzliche Anzahl von Geburten stemmen kann. Vor allem nicht ohne zusätzliche Baumassnahmen.»

Kritikerinnen fordern klare Antworten der Regierung

Brigitte Wenzin Widmer, SVP-Kantonsrätin, dazu: «Es geht ums Thema Zentralisierung und darum, die Leute umzuerziehen respektive ihnen vorzugeben, in welches Spital sie zu gehen haben.» Sie selbst bekomme immer wieder Zuschriften von besorgten Bürgern. Der Kanton – ihm gehört das Zuger Kantonsspital – wolle eine Monopolstellung erreichen, ist die IG überzeugt.

Und: Der Regierungsrat habe sich mit seiner Idee verrannt, könne nun jedoch nicht mehr aus der selber kreierten Einbahnstrasse heraus. Plausible Antworten auf die Bedenken der IG habe die Exekutive im Übrigen bis heute nicht liefern können.

Das klingt tatsächlich dramatisch. Aus diesem Grund fragen wir bei Gesundheitsdirektor und Landammann Martin Pfister nach. Diesem scheint es ein grosses Anliegen zu sein, uns die Beweggründe darzulegen.

Veränderungen sind noch nicht in Stein gemeisselt

Zunächst erklärt er: «Die Veränderungen sind noch nicht in Stein gemeisselt. Bis Ende August konnten die Spitäler ihr rechtliches Gehör wahrnehmen. Aufgrunddessen wird der Regierungsrat definitiv entscheiden.» Dies soll vor Ende Jahr passieren. «Die Spitalplanung ist unsere gesetzliche Pflicht, die Spitalliste unser Instrument.»

«Ambulante Notfälle sollen auch weiterhin an beiden Standorten angeboten werden.»

Martin Pfister, Zuger Gesundheitsdirektor

Grundsätzlich müsse man sehen, dass zwischen den beiden Spitälern nur gerade fünf Kilometer Luftdistanz liege. Aber: «Ambulante Notfälle sollen auch weiterhin an beiden Standorten behandelt werden. Jedoch werden schwere medizinische Notfälle direkt nach Baar gebracht. Das passiert zum aktuellen Zeitpunkt bereits in den meisten Fällen», denn «in der Andreasklinik ist man nicht ausgerüstet, um Patienten in schwereren Fällen notfallmässig 24/7, also auch nachts und an Wochenenden, zu operieren».

Martin Pfister Zug Gesundheitsdirektor Landammann
Der Zuger Gesundheitsdirektor Martin Pfister (Die Mitte). (Bild: jal)

Es braucht Routine, um den Qualitätsansprüchen zu genügen

Weiter gibt Pfister zu bedenken, dass es eine gewisse Fallzahl brauche, um die Qualität der Behandlungen zu gewähren. «Ansonsten fehlt es den Fachkräften an Erfahrung.» Daher mache es durchaus Sinn, gewisse Fachgebiete zu zentralisieren. «Insbesondere wenn man bedenkt, dass die Distanz zwischen der Andreasklinik und dem Zuger Kantonsspital nur gerade fünf Kilometer beträgt.»

«Ich bedauere, dass die IG die Bevölkerung von Cham und die Mitarbeitenden völlig unnötig aufschreckt.»

Martin Pfister

Trotzdem, so betont er, «ist die Existenz der Andreasklinik in keiner Weise bedroht. Wir wollen beide Spitäler erhalten, beide sind gut verankert in der Bevölkerung. Ausserdem tut dieser gegenseitige Wettbewerb den Einrichtungen gut». Und dann ergänzt Pfister scharf: «Ich bedauere, dass gerade die Andreasklinik und die von ihr organisierte IG die Bevölkerung von Cham und die Mitarbeitenden völlig unnötig aufschreckt.»

Auch weiterhin sollen Kinder in Cham geboren werden

Und wie steht es ums Pièce de Résistence, die Geburten? «Es ist klar, dass wir die jährlich 500 Geburten nicht von der Andreasklinik ins Kantonsspital verlagern möchten. Dazu müsste man ja ausbauen.»

Vielmehr sei die Idee, dass diese auch weiterhin in der Andreasklinik durchführbar seien. Aber: «Dafür müssen mitunter medizinische sowie Fragen zur Sicherheit geklärt werden. Die Anforderungen im Bereich Geburten sind gestiegen.»

Dass sich durch den Abbau gewisser Leistungen in Cham womöglich mehr Patientinnen in ausserkantonalen Spitälern behandeln lassen, beunruhigt Martin Pfister nicht. «Gehört das nicht eben genau zur Wahlfreiheit der Patienten?», fragt er lakonisch.

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