Gesellschaft
Misstrauenskultur, fehlende Wertschätzung, Überlastung

Zuger Kesb-Mitarbeitende beklagen Missstände

Mario Häfliger äussert sich zur Kritik der Kesb-Mitarbeitenden gegenüber der Leitung. (Bild: )

Es brodelt innerhalb der Zuger Kesb. Mit einem anonymen Schreiben gelangten über ein Dutzend Berufsbeistände an die Leitung. Es sind viele Vorwürfe, welche die Belegschaft vorbringt. Diese drehen sich primär um eine Person. Der Geschäftsleiter der Kesb ist alarmiert.

Es ist happige Kritik, die Zuger Kesb-Mitarbeitende im Mai an die Geschäftsleitung trugen. In einem anonymen Schreiben, das zentralplus vorliegt, äussern sich 16 von 28 Angestellten des Mandatszentrums Zug zur aktuellen Situation.

Diese sei besorgniserregend, finden die Mitarbeitenden. «Langjährige Mitarbeitende und Teamleitungspersonen haben gekündigt. Viel Wissen und Fachlichkeit sind dabei verloren gegangen. Weitere Mitarbeitende überlegen sich, ob sie noch bleiben wollen.»

Vor Kurzem veröffentliche zentralplus einen Artikel über eine Kündigungswelle bei der Zuger Kesb im Jahr 2021, die gemäss dem aktuellen Bericht der Justizprüfungskommission auf eine Reorganisation zurückzuführen gewesen sei (zentralplus berichtete). So wird neuerdings der Bereich Kindes- vom Bereich Erwachsenenschutz getrennt.

Das vorliegende anonyme Schreiben deutet jedoch auf eine ganz andere Problematik hin. Im Fokus steht dort die aktuelle Abteilungsleitung des Mandatszentrums Zug (Maz). An sie werden diverse Kritikpunkte gerichtet.

Fehlende Wertschätzung, Misstrauenskultur

Einer der Hauptpunkte: Es fehle an Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden. Mehraufwände, die aufgrund von Kündigungen oder Mandatswechseln angefallen seien, würden etwa als selbstverständlich erachtet.

«Eine Kultur des Misstrauens anstelle des Vertrauens wird unserer Ansicht nach aufgebaut.»

Mitarbeitende der Kesb in einem Schreiben

Weiter äussern sich die Kritiker: «Die Mitarbeitenden fühlen sich kontrolliert und überprüft. Die Abteilungsleiterin äusserte bereits zu Beginn, dass das Vertrauen zuerst erarbeitet werden muss, bevor es entgegengebracht werden kann.» Diese hat ihr Amt Ende September 2020 angetreten.

Es scheine, dass dem Arbeitseinsatz der einzelnen Mitarbeitenden grundsätzlich misstraut werde, heisst es im Schreiben weiter. «Eine Kultur des Misstrauens anstelle des Vertrauens wird unserer Ansicht nach damit aufgebaut.»

Quantität vor Qualität?

Weiter scheinen der Leitung die Quantität wichtiger zu sein als die Qualität, heisst es. Dies gelte insbesondere bei der Besprechung respektive Überprüfung der erfassten Aktennotizen, Listen oder Zeiterfassungen.

Von den Beistandspersonen würde zwar gefordert, dass sie Berichte und Stellungnahmen termingerecht einreichen würden. Und zwar ohne Überstunden zu generieren. Dies jedoch, obwohl einige Personen ausgefallen seien und neue Mitarbeitende eingearbeitet werden müssten.

«Mitdenkende Mitarbeitende werden als störend empfunden.»

Kesb-Mitarbeitende in einem Schreiben

«Wenn Mitarbeitende an den Anschlag kommen, werden gemäss unseren Erfahrungen keine hilfreichen, unterstützenden Prozesse vorgeschlagen, sondern es wird mit weiteren Forderungen Druck ausgeübt», heisst es im Schreiben. Es werde sogar mit Kündigung gedroht, wenn Mitarbeitende die Vorgaben nicht einhalten könnten.

Vorschnelle Änderung der Abläufe

«Mitdenkende Mitarbeitende werden als störend empfunden. Es findet kein fachlicher Austausch auf Augenhöhe statt», äussern sich diese. Ebenfalls würden bewährte Abläufe zum Teil vorschnell geändert, ohne die Konsequenzen durchzudenken.

Das führe gemäss den Erfahrungen der Mitarbeitenden immer wieder zu Fehlern in der Umsetzung und zu darauffolgenden Anpassungen in den Abläufen. «Dies wiederum führt häufig zu Verunsicherungen und Chaos.»

Mitarbeitende wünschen sich ein offenes Ohr

Auf Kritik der Belegschaft reagiere die Abteilungsleiterin oft unangemessen und werde auch mal laut. «Sie erklärt die Diskussion schnell als beendet, bevor sie die Argumente gut angehört und zumindest überdacht hat», so die entmutigten Mitarbeitenden.

«Wir wünschen uns Verständnis, wenn Mitarbeitende im Arbeitsalltag an ihre Belastungsgrenzen stossen.»

Kesb-Mitarbeitende in einem Schreiben

Auch den Kontakt der Abteilungsleiterin mit Klientinnen schätzen die Mitarbeitenden als problematisch ein. Begegnungen würden mit direktiven Aussagen, mit Ungeduld und mit nicht adäquater Lautstärke «gelöst», weshalb sich Konflikte verhärten würden.

Viele Wünsche seitens der Mitarbeitenden

Die Mitarbeitenden des Maz wünschen sich, dass die Abteilungsleitung ihr Team stütze, ihm gegenüber eine wertschätzende Haltung einnehme und ihm grundsätzlich Vertrauen entgegenbringe, heisst es im Schreiben zusammenfassend.

«Wir wünschen uns Verständnis, wenn Mitarbeitende im Arbeitsalltag an ihre Belastungsgrenzen stossen, und eine offene Haltung, allfällige Unterstützungsmassnahmen einzuleiten.» Mit dem Thema Kündigung solle nicht leichtfertig umgegangen werden.

«Für mich war völlig klar, dass ich sofort handeln muss.»

Mario Häfliger, Geschäftsleiter der Kesb Zug

Und weiter: «Wir wünschen durchdachte Änderungen und Transparenz in der Kommunikation von Entscheiden inklusive deren Hintergründen, damit sie verstanden werden.» Man wünsche sich eine offene Fehlerkultur. Auch wünsche man sich eine Abteilungsleiterin, die sachlich und fair gegenüber allen Mitarbeitenden bleibe.

Der Geschäftsleiter ist alarmiert

Mario Häfliger, Präsident der Kesb und Amtsleiter, ist mit den Vorwürfen vertraut. Auf Anfrage sagt er: «Ich kann bestätigen, dass es diesen Konflikt gibt. Die Mitarbeitenden sind im Mai auf mich zugekommen und haben sehr differenziert ihre Unzufriedenheit geäussert.» Er spüre den starken Wunsch nach einer konstruktiven Zusammenarbeit und nach einer guten Lösungssuche. «Für mich war völlig klar, dass ich sofort handeln muss.»

Häfliger ging, nach Absprache mit dem Vorsteher der Direktion des Innern, auf die Suche nach geeigneter externer Unterstützung. Mittlerweile seien Spezialisten für Krisenbewältigung und Mediation an der Arbeit.

«In einer ersten Phase ist für uns sehr wichtig, dass diese Berater herausfinden, wo die Konflikte und allfälligen Missstände liegen. In der kommenden Woche sollten die Resultate auf dem Tisch liegen. Dann geht es darum, Lösungen zu finden», sagt Häfliger.

Nun werden die Ursachen ergründet

Der Amtsleiter betont: «Die Mitarbeitenden im Mandatszentrum leisten extrem anspruchsvolle Arbeit. »Darum sei es wichtig zu sehen, wo die Probleme aufgetaucht seien. «Liegen sie hauptsächlich im zwischenmenschlichen Bereich zwischen Leitung und Mitarbeitenden oder wurden sie durch die Veränderung der Abläufe, respektive Strukturen hervorgerufen?»

Häfliger sei sich bewusst, dass die Kritik zur Arbeitsbelastung respektive den administrativen Arbeiten mitunter an seine Adresse gehe. «Das sind Entscheide, hinter denen auch ich stehen muss.»

Die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (KOKES) empfahl noch vor wenigen Jahren 60 bis 80 Mandate pro 100 Prozent Berufsbeistand. Im Kanton Zug sei die Zahl auf 80 Mandate fixiert worden. Im Jahr 2020 seien es 85 Mandate pro 100 Prozent Berufsbeistand und im Jahr 2021 81 Mandate gewesen. Mittlerweile empfiehlt die KOKES jedoch die Betreuung von 70 Erwachsenen oder 60 Kindern pro 100 Prozent Berufsbeistand. «Das unterstütze ich zu hundert Prozent» so der Amtsleiter.

150 zusätzliche Stellenprozent

Im Jahr 2022 wurden darum zur Entlastung 150 Stellenprozent zusätzlich geschaffen. «Wir müssen abwarten, wie sich diese auswirken. Mit dem Vorsteher der Direktion des Innern habe ich abgemacht, dass wir Ende 2022 entscheiden, wie wir bezüglich der Umsetzung der Empfehlungen der KOKES weiter vorgehen.»

«Diesem Konfliktmanagement muss auch ich mich stellen.»

Mario Häfliger

Die Heftigkeit, mit der die Kritik im Mai an Geschäftsführer Mario Häfliger gelangte, hat ihn sehr überrascht. «Da habe ich mich natürlich gefragt, wieso ich dies nicht wahrgenommen habe. Dies wird im Konfliktmanagement ein Thema sein, denn das darf nicht nochmals vorkommen», sagt er.

Es sei überhaupt nicht in seinem Sinn, dass nun Kündigung auf Kündigung folge, so Häfliger. «Doch geht es nicht nur darum. Dieser Konflikt ist ein Riesenstress für die Beistände. Kündigen mehr Leute, bedeutet das für die Verbleibenden eine noch grössere Mehrbelastung. Zudem verlieren wir wertvolles Know-how.»

Dazu komme, dass das auch für die Klienten wiederum einen Wechsel der Beistandspersonen bedeuten würde. Dies soll, wenn immer möglich, vermieden werden, so Häfliger.

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