Gesellschaft
Essens-Angebote in Luzern gefragt

Ukrainische Flüchtlinge: Geld reicht nicht fürs Essen

Im Caritas-Markt können armutsbetroffene Menschen vergünstigt Lebensmittel kaufen. (Bild: Archivbild: zentralplus)

Die finanzielle Hilfe für ukrainische Flüchtlinge liegt in Luzern weit unter dem Existenzminimum. Viele Ukrainerinnen greifen deswegen auf Angebote zurück, wo sie vergünstigt oder gar gratis Essen kriegen. Auch in Luzern ist die Nachfrage massiv gestiegen.

Viele Kantone in der Schweiz sind knausrig, wenn es darum geht, wie viel Geld sie Flüchtlingen aus der Ukraine zum Leben geben.

Der Grundbedarf variiert je nach Kanton stark. Im Kanton Zürich kriegt ein Flüchtling in einer privaten Unterkunft zirka 23.50 Franken täglich. Im Kanton Luzern sind es 13.80 Franken. Wer in einer Kollektivunterkunft lebt, kriegt in Luzern 11.20 Franken pro Tag (zentralplus berichtete).

Das ist nicht viel. Kein Wunder also, stehen schweizweit mancherorts ukrainische Flüchtlinge Schlange, um gratis Essen zu bekommen.

«Die Nachfrage ist stark gestiegen und mittlerweile etwa dreimal so hoch.»

Sabrina Munz, «Schweizer Tafel»

Auch die «Schweizer Tafel» bekommt das zu spüren. Die Stiftung sammelt jährlich rund 18 Tonnen Lebensmittel im Detailhandel ein und verteilt diese an Gassenküchen, Obdachlosenheime und andere Hilfswerke. Sie beliefert in der Region Zentralschweiz 56 Institutionen.

Auch in Luzern werden sie von ukrainischen Flüchtlingen aufgesucht. «Die Nachfrage ist stark gestiegen und mittlerweile etwa dreimal so hoch», sagt Sabrina Munz von der «Schweizer Tafel» auf Anfrage.

«Tischlein deck dich»: Sozialfachstellen klopfen vermehrt an

Auch «Tischlein deck dich» rettet Lebensmittel vor der Verschwendung. Seit 2003 führt die Markuskirche Luzern eine Abgabestelle davon. Wer Essen beziehen möchte, kann dies nur mit einer entsprechenden Kundenkarte. Deswegen kann Mediensprecherin Mina Dello Buono auch nicht abschätzen, ob mehr Bedürftige sie seit dem Krieg aufsuchen.

«Die Abgabestelle in der Markuskirche ist auch sonst schon gut besucht», sagt sie auf Anfrage. Gesamtschweizerisch spüre man aber «ein erhöhtes Interesse» am Angebot von «Tischlein deck dich». «Und wo möglich, da werden Kundenkarten durch ausgewählte Sozialfachstellen ausgestellt.»

Das Schweizerische Rote Kreuz Luzern verteilt im Rahmen der Aktion «essen+mehr» jeden Monat 200 Taschen mit Lebensmitteln an Bedürftige aller Nationalitäten. Die Nachfrage komme aber nicht vorwiegend von Ukrainern, wie es auf Anfrage heisst. Allerdings suchen viele Ukrainerinnen die Beratungsstelle Info Point auf. Seit Mitte Juni kommen pro Woche rund vier ukrainische Geflüchtete in ein Beratungsgespräch. «Telefonische Anfragen gibt es täglich eine bis zwei», so Sara Wildhaber.

Caritas-Markt in Luzern musste eine weitere Kasse in Betrieb nehmen

Auch der Caritas-Markt in Luzern erlebt einen regelrechten Ansturm (zentralplus berichtete). Im Caritas-Markt können Menschen, die an oder unter der Armutsgrenze leben, Lebensmittel zu tiefen Preisen einkaufen. Dazu stellt die Caritas Berechtigten eine Einkaufskarte aus. Bisher haben sie über 3000 Einkaufskarten an ukrainische Flüchtlinge und deren Gastfamilien abgegeben. In den letzten zwei Monaten werden sie deshalb von rund 30 Prozent mehr Kundinnen aufgesucht.

Auch in einem Positionspapier der Caritas weist diese darauf hin, dass die Existenzsicherung durch die tiefe Asylsozialhilfe nicht gewährleistet sei. «Die Caritas Luzern spürt diesen Umstand vor allem daran, dass die Caritas-Märkte stärker frequentiert werden», so Mediensprecher Reto Stalder.

«Aufgrund der zunehmenden Teuerung werden aber wohl künftig mehr Personen von Armut betroffen sein.»

Reto Stalder, Caritas Luzern

Deswegen hat die Caritas den Einkaufsladen an der Bleicherstrasse umgebaut. Um Warteschlangen zu verkürzen, hat die Caritas eine weitere Kasse in Betrieb genommen, zusätzliche Verkaufsregale aufgestellt und Tiefkühlgeräte installiert.

Wie will die Caritas die Zunahme der Kunden künftig stemmen? «Auch wenn die Zahl der Kunden und damit die Verkäufe zunehmen, werden wir unverändert genügend Artikel haben, um die Nachfrage zu decken», so Mediensprecher Reto Stalder. Was ihm jedoch Sorgen bereitet: «Aufgrund der zunehmenden Teuerung werden aber wohl künftig mehr Personen von Armut betroffen sein.» Über diese aktuellen Entwicklungen sei man besorgt.

Weiteres Angebot in Luzern geplant

Auch in Zürich stehen ukrainische Flüchtlinge Schlange. Etwa beim Zürcher Hilfswerk «Essen für Alle»: Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs kamen zeitweise bis zu dreimal so viele Menschen wie vor dem Krieg. Nanning Evenhuis von «Essen für Alle» bestätigt, dass nach wie vor viele ukrainische Flüchtlinge jeweils am Samstag anstehen.

Bei «Essen für Alle» registrieren sich die Bezügerinnen üblicherweise und erhalten dann ein Zeitfenster, wann sie vor Ort erscheinen sollen. So wollen die Organisatoren lange Wartezeiten vermeiden. Weil das die ukrainischen Flüchtlinge nicht wussten und einfach vorbeikamen, mussten sie teilweise bis zu drei Stunden anstehen. «Darauf war niemand vorbereitet. Zumal die ukrainischen Flüchtlinge aus der ganzen Schweiz angereist kamen.» Er vermutet, dass die Flüchtlinge von diesem Angebot in Telegram-Chats erfahren hätten.

Offiziell verteilt das Hilfswerk nur in Zürich gratis Lebensmittel. «Wir haben aber unter anderem auch einen Helfer aus Luzern, der jeweils mit einem Lieferwagen vorbeikommt und dem wir einen Teil unserer Lebensmittel mitgeben. Dieser Helfer verteilt dann die Lebensmittel weiter an Bedürftige in seiner Umgebung.» Laut Nanning Evenhuis will das Hilfswerk künftig aber noch mehr Bedürftigen helfen. «Wir haben die Absicht, auch andere Aussenstandorte zu schaffen – unter anderem auch in Luzern. Wenn dort die Nachfrage entsprechend ist.»

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Nanning Evenhuis, «Essen für Alle»
  • Schriftlicher Austausch mit Reto Stalder, Caritas Luzern
  • Telefonat mit Mina Dello Buono, «Tischlein deck dich»
  • Schriftlicher Austausch mit «Schweizer Tafel»
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