Gesellschaft

Luzerner Religionen stehen zusammen
«Kriegslogik der Terroristen darf uns nicht vergiften»

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Impressionen vom Begegnungstag der Luzerner Religionsgemeinschaften 2013. Aus dem Begegnungstag 2015 ist nun eine Stellungnahme auf die Terrorattacke in Paris entstanden. (Bild: zVg)

Vereint gegen den Terror: Gleich sieben Religionsgemeinschaften wenden sich in Luzern mit einer gemeinsamen Stellungnahme an die Öffentlichkeit. Doch dabei ist klar, dass es damit nicht getan ist.

«Jede religiös verbrämte Gewalt belastet das Verhältnis zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften schwer. Umso mehr bitten wir alle darum, in dieser schwierigen Situation keine pauschalen Schuldzuweisungen zu machen. Die Kriegslogik der Terroristen darf unsere Köpfe und Herzen nicht vergiften.»

Diese Aussagen stammen von Vertretern von sieben im Kanton Luzern existierenden Religionen: der Christkatholischen Kirche, der Eritreisch-Orthodoxen Gemeinde, der Hindu-Tamilischen Gemeinschaft, der Islamischen Gemeinde, der Jüdischen Gemeinde Chabad, der Reformierten Kirche und der Römisch-katholischen Kirche im Kanton Luzern sowie der der Baha’i-Gemeinde (vom Islam abgespaltene kleine muslimische Bewegung). Die Aussagen sind Teil einer gemeinsamen Stellungnahme all dieser Gruppierungen. Sie sind im Rahmen des alljährlichen Begegnungstreffens der Luzerner Religionsgemeinschaften entstanden (die ganze Stellungnahme lesen Sie in der Box). Organisiert wird dieses Treffen jeweils von der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern.

Nicola Neider leitet bei der Katholischen Kirche der Stadt Luzern den Bereich Migration/Integration und ist in dieser Funktion – gemeinsam mit Carmen Jud von der Reformierten Landeskirche – auch für das Begegnungstreffen zuständig.

zentral+: Nicola Neider, Sie haben eine gemeinsame Stellungnahme von sieben Religionen verfasst. Wie kam diese zustande?

Nicola Neider: Wir haben in Luzern seit vielen Jahren eine gute Zusammenarbeit zwischen den Religionsgemeinschaften. Das aktuelle Begegnungstreffen etwa fand bereits zum achten Mal statt. Weil Luzern relativ kleinräumig ist, sind daraus Beziehungen entstanden, die zu einer Vertrauensbasis geführt haben. Das erst hat es uns ermöglicht, eine gemeinsame Stellungnahme zu verfassen.

zentral+: Gab es bezüglich Tonfall des Statements, allfälligen Forderungen oder Schuldzuweisungen lange Diskussionen unter den Religionsvertretern?

Neider: Nein, überhaupt nicht, da waren wir uns sehr schnell einig. Jemand von uns hat einen ersten Entwurf verfasst. Dieser wurde von allen 35 Teilnehmern gelesen und schlussendlich vom Plenum verabschiedet. Das war, wie erwähnt, nur dank der jahrelangen guten Zusammenarbeit möglich.

«Der Islam darf weder von Terroristen noch von islamkritischen Menschen missbraucht werden.»

zentral+: Die gemeinsame Stellungnahme ist sicher eine schöne Geste. Sehr konkret sind die Aussagen darin aber nicht. Was möchten Sie damit bewirken?

Neider: Wir wollten damit nach den Anschlägen von Paris unsere Anteilnahme und unser Mitgefühl ausdrücken. Zudem hoffen wir, dass es keine pauschalen Schuldzuweisungen gibt. Der Islam darf weder von Terroristen noch von islamkritischen Menschen missbraucht werden. Wir möchten als Religionen zusammen für unsere gemeinsamen Werte einstehen und uns über die Religionsgrenzen hinweg engagieren. Wichtig erscheint uns, sich respektvoll zu begegnen und die vielen Gemeinsamkeiten zu betonen. Dabei sprechen wir auch alle an, die keinem bestimmten Glauben angehören. Wir möchten allen Mut machen, sich für den Frieden zu engagieren und Kontakt zu Menschen mit anderer Religionszugehörigkeit aufzunehmen.

Anteil der Religionsgemeinschaften im Kanton Luzern. Bis 2013 (neuere Zahlen gibt es bei Lustat.ch nicht) hat sich die Gruppe der Religionslosen von 13 auf 16 Prozent erhöht, dafür haben die Römisch-katholischen zwei Prozent verloren.

Anteil der Religionsgemeinschaften im Kanton Luzern. Bis 2013 (neuere Zahlen gibt es bei Lustat.ch nicht) hat sich die Gruppe der Religionslosen von 13 auf 16 Prozent erhöht, dafür haben die Römisch-katholischen zwei Prozent verloren.

zentral+: Verstärkt die Kirche nun ihre Anstrengungen für einen besseren Dialog unter den Religionen?

Neider: Das Attentat in Paris hat viel Wut und Angst ausgelöst. Auch Wut von Leuten in der Schweiz, die Vorurteile gegenüber Muslimen schüren. Mit solchen Pauschalisierungen aber ist den Opfern und Angehörigen des Attentats und des Krieges auf der Welt nicht gedient. Die Frage an uns als Kirche ist nun, wie wir diese Angst überwinden und sie in Mut und Hoffnung umwandeln können. Hier sind wir überzeugt: Wir können der Angst nur etwas entgegensetzen, wenn wir positive Erfahrungen mit Menschen aus anderen Religionen schaffen.

zentral+: Wie möchte die Kirche das erreichen?

Neider: Wir engagieren uns seit sieben Jahren für diese Aufgabe und werden damit fortfahren. Neu spüren wir aber, dass in der Bevölkerung eine grosse Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen wächst. Doch uns fehlen derzeit noch Gefässe, wie wir diese Unterstützung umsetzen können. Hier sind wir gefordert, nach Lösungen zu suchen.

«Es wäre wichtig, dass die Islamische Gemeinde ein Sprachrohr hätte und dadurch in der Lage wäre, offensiver zu kommunizieren.»

zentral+: Dieser Dialog, den Sie anstreben, beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn aber etwa wir von den Medien versuchen, jemanden von der Islamischen Gemeinde Luzern zu erreichen, ist das oft schwierig. Wie erleben Sie das?

Neider: Unter uns Religionsvertretern klappt der Dialog sehr gut, auch mit der Islamischen Gemeinde. Die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Frau, Izeta Zaric, ist gerade im Mutterschaftsurlaub. So trifft es zu, dass speziell bei der Islamischen Gemeinde derzeit niemand offiziell als Auskunftsperson bestimmt werden konnte. Dieser Zustand ist nicht ideal, wir wissen jedoch um die Hintergründe: Jemanden für die Öffentlichkeitsarbeit anzustellen, braucht finanzielle und personelle Ressourcen. Die sind kaum vorhanden in der Islamischen Gemeinschaft. Wir würden es aber sehr begrüssen, wenn diese wichtige Brückenfunktion aufgebaut werden könnte. Es wäre wichtig, dass die Islamische Gemeinde ein Sprachrohr hätte und dadurch in der Lage wäre, offensiver zu kommunizieren und so für die Bevölkerung fassbarer wäre.

«Grosse Koalition der Menschlichkeit»

Anbei die vollständige Stellungnahme der Teilnehmenden am Begegnungstreffen der Religionsgemeinschaften im Kanton Luzern vom 19. November 2015.

«Mit dieser gemeinsamen Stellungnahme, die wir diskutiert und verabschiedet haben, äussern wir uns zu den aktuellen Herausforderungen und drücken die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden und Respekt für jeden Menschen aus. Wir sind tief betroffen vom Leid, das die Terrorangriffe in Paris angerichtet haben.

Wir trauern um die unschuldigen Opfer und fühlen uns ihren Angehörigen und der ganzen Pariser Bevölkerung verbunden. Die politische Entwicklung der letzten Zeit beschäftigt uns alle.

Wir trauern in gleicher Weise um alle unschuldigen Opfer, die in den letzten Wochen und Monaten beim Terror in Syrien und anderen Ländern, aber auch auf der Flucht vor Krieg und Terror ums Leben gekommen sind. Mit ihren Angehörigen fühlen wir uns verbunden.

Jede religiös verbrämte Gewalt belastet das Verhältnis zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften schwer. Umso mehr bitten wir alle darum, in dieser schwierigen Situation keine pauschalen Schuldzuweisungen zu machen. Die Kriegslogik der Terroristen darf unsere Köpfe und Herzen nicht vergiften.

Als Religionsgemeinschaften im Kanton Luzern setzen wir seit Jahren immer wieder Zeichen der Verbundenheit und des gemeinschaftlichen Engagements für den Frieden. Vor Kurzem wurde dies in der ‹Woche der Religionen› an verschiedenen Orten im Kanton Luzern lebendig und sichtbar.

Wir wollen heute mit klarem Kopf und offenen Herzen und über alle Religionsgrenzen hinweg zusammenstehen. Wir setzen uns gemeinsam für die Grundwerte der Gerechtigkeit, der Solidarität, des Friedens, der Freiheit und der Sicherheit für alle Menschen ein.

Lasst uns miteinander und mit allen Menschen guten Willens eine grosse Koalition der Menschlichkeit bilden.»

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