Gesellschaft
Transmenschen mit Behinderten gleichgesetzt

Die «All-Gender-WCs» der Hochschule Luzern sorgten zu Beginn für Unverständnis

So sind die «All-Gender-Toiletten» in der Hochschule Luzern am Departement Soziale Arbeit beschriftet. (Bild: ida)

Die Hochschule Luzern weihte am Departement Soziale Arbeit drei sogenannte «All-Gender-WCs» ein. Insgesamt waren die Reaktionen darauf positiv – doch es gab auch Unverständnis. Denn an der Tür prangte sowohl ein Transgender-Symbol als auch eines für Behinderte.

«Es gibt ein paar Dinge, die wir alle brauchen», sagte der kanadische Schriftsteller und LGBT-Anwalt Ivan Coyote in einem Ted-Talk. Luft zum Atmen, Wasser, Essen, Liebe. «Und wir alle brauchen einen sicheren Ort zum Pinkeln.»

Für viele ist es nur das stille Örtchen, für andere kann es da ziemlich unangenehm werden. Als Transmensch sei Coyote am ehesten in öffentlichen Toiletten und Umkleiden ausgefragt oder belästigt worden. «Ich wurde schon mehrmals hinter ihren Türen verbal angegriffen, von der Security rausgezerrt, während meine Hose noch halb herunterhing, ich wurde angestarrt, angeschrien, es gab Getuschel.» Und selbst die Handtasche einer älteren Dame bekam er einmal ins Gesicht gedroschen.

Coyote äusserte den Wunsch nach geschlechtsneutralen Toiletten. Auch die Hochschule Luzern setzt auf diese. Letztes Jahr wurden am Departement Soziale Arbeit insgesamt drei «All-Gender-Toiletten» eingeweiht und explizit als solche beschriftet. Diese stellen den Versuch dar, «der Vielfalt von geschlechtlichem Erleben Rechnung zu tragen», sagt Daniel Kunz. Er ist Diversity-Beauftragter des Departements Soziale Arbeit der Hochschule Luzern. Alle Studierenden und Mitarbeitenden sollen sicher und geschützt auf die Toilette gehen können, sagt Kunz.

Ein weiteres Zeichen für die Anerkennung

Für Daniel Kunz sind die geschlechtsneutralen Toiletten selbstverständlich. «Nicht alle Menschen fühlen sich in den Kategorien Frau oder Mann repräsentiert. Geschlecht stellt ein vielfältiges Spektrum dar.» Er würde es begrüssen, wenn das auch beim Planen von neuen Gebäuden berücksichtigt würde. Bei Neubauten liessen sich beispielsweise die Option von Toiletten in einem «Universal-Design» realisieren. «Das hiesse, dass alle Toiletten als Einzelkabinen mit eigenem WC und Lavabo realisiert werden», so Kunz.

«Menschen mit einer Behinderung wollten nicht mit Transmenschen, Transmenschen nicht mit Menschen mit einer Behinderung gleichgesetzt werden.»

Daniel Kunz, Diversity-Beauftragter Hochschule Luzern – Soziale Arbeit

Die Hochschule Luzern setzt sich schon seit längerem für die Anerkennung von Transmenschen ein. Seit April 2019 ist sie Mitglied der Aktion «trans welcome» des Transgender Network Switzerland. Und eigentlich sind alle Toiletten in den Gebäuden der Hochschule Luzern, die als barrierefrei beschriftet sind, geschlechtsneutrale Toiletten.

Auch im Gebäude der Universität Luzern gibt es mehrere Einzel-Toiletten, die nicht geschlechtsspezifisch angeschrieben sind. Diese können von allen benutzt werden, wie es auf Anfrage heisst.

Beschriftung gab zu reden

Insgesamt sei das Echo von Studierenden auf die Toiletten positiv gewesen. Aber einige schüttelten über die stillen Örtchen ihre Köpfe. Auf der Tür prangt ein Transgender-Symbol und eines für Barrierefreiheit: Das führte bei einigen zu Unverständnis und Einwänden.

«Menschen mit einer Behinderung wollten nicht mit Transmenschen, Transmenschen nicht mit Menschen mit einer Behinderung gleichgesetzt werden», sagt Kunz. Inzwischen hat man eine Lösung gefunden. Man einigte sich mit Studierendenorganisationen bei der Beschriftung auf eine grafische Lösung, «mit der die wahrgenommene Verbindung von trans und Behinderung entkoppelt werden konnte». Nun steht an den Türen der geschlechtsneutralen Toiletten: «All-Gender-WC» und «Barrierefrei» mit dem Piktogramm des Rollstuhls.

Die Toiletten sind auch Zündstoff an anderen Unis

Auch an anderen Hochschulen sorgten Diskussionen rund um Diversität für Zündstoff – beispielsweise an der ETH, wo erst in neuen Gebäuden geschlechtsneutrale Toiletten eingeplant sind. Die ETH bekannte sich in einer Ausgabe zur Diversität. Darin kamen Gehörlose, Homosexuelle zu Wort – nicht aber Vertreter von Trans-Menschen. Wie der «Tagesanzeiger» vor drei Monaten berichtete, hatte das einen triftigen Grund.

Der Verein queer*z, der Trans-Menschen vertritt, sei zwar angefragt worden. Laut der ETH habe sich dieser aber nicht konstruktiv geäussert. Man habe keinen Kompromiss gefunden, woraufhin der Verein seine Aussagen zurückzog.

Der Verein wiederum warf der ETH Zensur vor. Sie wollten sich über «diskriminierende Strukturen» an der ETH äussern, forderten unter anderem geschlechtsneutrale Toiletten. Die ETH habe diese Kritik allerdings nicht zulassen wollen. Ein Vorstandsmitglied des Vereins kritisierte: «Die ETH betreibt Schönfärberei und würde uns gerne als Diversitätstrophäen herumzeigen, um sich progressiv zu geben. Aber Transmenschen, die ihre Rechte einfordern? Das ist etwas viel verlangt.»

Gibt's bald nur noch Unisex-Toiletten?

Die geschlechtsneutralen Toiletten der Hochschule Luzern sind aber nicht die ersten. Ähnliche WCs gibt es im Restaurant Anker, welches die ersten Unisex-Toiletten Luzerns einführte.

Das Unisex-WC im «Anker». (Bild: Gabriel Ammon/Aura)

Das Symbol im «Anker» zeigt zur Hälfte eine Frau und einen Mann. Rund um diese Toiletten entfachte ein politischer Streit. Die Luzerner Regierung passte daraufhin die Gastgewerbeordnung an. Wirte müssen ihre Toiletten nicht mehr nach Geschlechtern trennen (zentralplus berichtete).

Auch auf nationaler Ebene wurde das Thema aufgenommen – ein Vorstoss ist noch hängig. Der Luzerner FDP-Nationalrat Albert Vitali reichte vor zwei Jahren einen Vorstoss ein, in dem er die Einführung von Unisex-Toiletten forderte. Getrennte Toiletten «fussen im viktorianischen Zeitalter mit seinen rigiden Vorstellungen» und würden nicht zu einer modernen Lebensweise passen, kritisierte Vitali (zentralplus berichtete).

Im Rat wurde der Vorstoss noch nicht behandelt, der Bundesrat beantragte die Ablehnung. Unisex-Toiletten könnten «das Dilemma von intersexuellen Personen kaum nachhaltig lösen», schrieb der Bundesrat in seiner Stellungnahme.

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