Geschichte
Staatsarchivperlen offenbaren Erstaunliches

Postkarten entführen in das Zug von gestern

Ein sehr ungewöhnlicher Blick in Richtung Gotthardhof und Kiosk. Dieser besteht noch immer, ist einfach weniger charmant. (Vermutlich anfangs der 1960er) (Bild: Zuger Staatsarchiv)

Für Zugerinnen gibt es neu eine sehr bequeme Möglichkeit, in die Untiefen der Zuger Geschichte abzutauchen. Wir haben sie getestet, ein paar Bijous aus dem Netz gefischt und die Vergangenheit mit einem Experten zurückgeholt.

Vor Kurzem präsentierte das Zuger Staatsarchiv seinen «digitalen Lesesaal». Neuerdings können nicht nur historische Karten und Pläne eingesehen werden. Auch alte Postkarten und Fotografien von Zug sind nun ebenfalls online abrufbar. Damit reagiert das Staatsarchiv auf veränderte Nutzerbedürfnisse.

Der Selbsttest offenbart: Das Durchklicken durch die Unmengen von historischem Bildmaterial macht ein wenig süchtig. Es ist leicht, sich in den Tiefen des digitalen Archivs zu verlieren.

Einige Funde haben uns besonders beeindruckt. Mitunter, da sie eine Stadt Zug zeigen, die heute überhaupt nicht mehr vorstellbar ist. Mithilfe von Oskar Rickenbacher (83), einem waschechten «Hiesigen» und passionierten Sammler alter Zuger Postkarten, konnten wir viel über die Hintergründe der Sujets erfahren.

Das zweigeteilte Seeliken

Wir gönnen uns zunächst etwas Übersicht. Vom Flugzeug aus blicken wir in Richtung Seeliken-Badi, in der an diesem Tag nicht besonders viel los ist.

Blick vom Flugzeug in Richtung Seeliken-Badi (1963). Diese war damals geschlechtergetrennt. (Bild: Zuger Staatsarchiv)

Noch in den 1960ern war die Badi Seeliken zweigeteilt. So gab es einen Frauenteil (im Bild links) und einen für Männer. Oskar Rickenbacher erinnert sich selber an diese Zeit. «Ganz strikt war die Trennung nicht. In der Mitte konnten sich Männer und Frauen treffen.»

Bis heute stehen die Herrenumkleidekabinen noch. Jene der Damen wurden im Zuge des Casinoneubaus in ebendiesen verlegt, das frühere Gebäude wurde abgerissen.

Im Hintergrund rechts im Bild sieht man das alte Theater Casino aus dem Jahr 1909. Bis 1904 stand das Stadttheater am Postplatz und war mehrheitlich aus Holz. Nach einer Feuersbrunst in einem Theater in Chicago fürchtete man, dass dies auch hier passieren könnte. Aus diesem Grund wurde das Theater Casino gebaut.

Das Kino Gotthard wurde bereits in den 1920ern erstellt

Nun tauchen wir ab in die Stadt. Nämlich an die Alpenstrasse. Ganz zuhinterst im Bild sieht man den ehemaligen zweiten Zuger Bahnhof, der 2003 durch den dritten und aktuellen ersetzt wurde. Bis in die späten 1950er verkehrten auf den Zuger Strassen zwei Bahnen, nämlich die Zuger Bergbahn (ZVV) und die Elektrische Strassenbahn des Kantons (ESZ). Die Schienen sind auf dem Bild klar ersichtlich.

Blick in Richtung Norden, der Alpenstrasse entlang. Klar zu erkennen sind die Schienen der Strassenbahn. (Bild: Zuger Staatsarchiv)

Rickenbacher sagt ohne zu zögern und ohne einen Blick in seine vielen Akten zum historischen Zug: «Das Haus Mitte rechts, das Christoferushaus, wurde vom Konditor Speck 1944 erstellt, am 6. Januar 1945 wurde die Konditorei eröffnet.»

Rechts davon zu sehen ist das Kino, das seit 1923 besteht und seither der Familie Hürlimann gehört. «Das Gebäude wurde erst im Nachhinein, nämlich 1936, um drei Stockwerke aufgestockt, um Wohnraum zu schaffen.»

Der Schuhverkäufer mit dem Röntgengerät

Wir gehen ein paar virtuelle Schritte zurück in Richtung Bahnhofstrasse und wenden uns, auf dem heutigen PKZ-Gebäude stehend, in Richtung Norden.

Blick gegen Norden in Richtung Baar. Davor der heutige Bundesplatz. Die (erneuerte) Eisenbahnbrücke der SBB besteht noch heute. (Bild: Zuger Staatsarchiv)

Das obige Bild entstand vermutlich während der 1940er-Jahre. Es zeigt links von den Geleisen das Haus, das damals bereits der Familie Grau gehört hatte. Noch heute ist am selbigen Standort, in einem neueren Bau, das Foto-Optik-Geschäft derselben Familie zu finden.

«Neben dem Fotogeschäft stand früher der Schuhladen Hug, der über ein Röntgengerät verfügte. Die Füsse inklusive Schuhe wurden durchleuchtet, um zu sehen, ob die Schuhe genügend gross seien», erinnert sich Rickenbacher. Ohne strahlenschützende Massnahmen, versteht sich.

«Das war mein Revier.»

Oskar Rickenbacher, Stadtzuger

Am linken Rand des Bildes befand sich die Villa Weber. «Das Land hatten die Webers für 2.50 Franken pro Quadratmeter von der Mosterei Weiss gekauft.» 1974 wurde die Villa abgerissen, auch der Park wurde entfernt. 1976 wurde am selben Ort die EPA eröffnet. Heute steht dort der Coop City.

Die Guthirt-Kirche, ein ziemlich mutiger Bau

Wieder geht's in die Höhe. Der Bergliweg, wo das Bild vermutlich geschossen wurde, ist heute stärker bewaldet.

Blick nach Nordwesten auf die Zuger Neustadt. (Bild: Zuger Staatsarchiv)

Rickenbacher wirft einen Blick aufs Bild, sagt: «Das war mein Revier.» Er wuchs in einem von Bäumen verdeckten Haus an der Metall- und an der Industriestrasse auf.

«Die Häuser an der Metallstrasse verfügten damals, wie viele andere auch, noch nicht über eine Waschküche. Die Wäsche brachten die Bewohner ins sogenannte Waschhaus am Ende der Metallstrasse, hier schaute Frau Gehrig zum Rechten.»

An den Hang hat er viele gute und weniger gute Erinnerungen. Von einem Schlittelabenteuer kehrte Oskar Rickenbacher als Kind mit zerschnittenem Gesicht zurück. Sein Schlitten war, mitsamt dem Fahrer, im Stacheldrahtzaun gelandet.

Das obige Foto entstand zwischen 1938 und 1948 und beweist, wie stark die Stadt im Norden in den letzten rund 70 Jahren gewachsen ist. Bemerkenswert: Die Guthirt-Kirche, die rechts oben im Bild zu sehen ist, wirkt, verglichen mit ihrer Umgebung, äusserst modern.

Ein Industrieklotz, umgeben von Grünflächen

Apropos mutige Bauten: Auch der ehemalige Bau der Landis & Gyr – heute nennt man es Stadthaus – fiel zu seiner Zeit, Mitte der 40er-Jahre, ziemlich auf.

Allein auf weiter Flur: Das heutige Zuger Stadthaus, das früher der Landis & Gyr gehörte. (Bild: Zuger Staatsarchiv)

Hinter dem Bahnhof erstreckten sich damals nur Felder und Schrebergärten. Noch immer besteht die Kreuzung fast in ihrer ursprünglichen Form. Ausser, dass daraus ein Kreisel gemacht wurde. Und mit dem Unterschied, dass heute daneben das 80 Meter hohe Hochhaus «Uptown» steht. «Dessen Fassade aus China kommt», ergänzt Rickenbacher lakonisch.

Söldner werden? Dann ab in den Hirschen

China? Wir wollen mehr Zug und bekommen die geballte Ladung in der Altstadt. Genauer gesagt an der Zeughausgasse, von wo aus wir auf die untere und obere Münz blicken. Wir schreiben das Jahr 1940.


Die untere und die obere Münz nahe des Hirschenplatz. Links das altehrwürdige Restaurant Hirschen. Das heutige Gebäude empfinden viele als deutlich weniger chic.
(Bild: Zuger Staatsarchiv)

Rechts daneben das zweistöckige, niedliche Gloriettli, das bis heute Bestand hat. «Die obere Münz wurde 1580, die untere 1600 gebaut. Auch diese Häuser gibt es noch. Einst war dort die Stadt- und Kantonskanzlei angesiedelt», erzählt Rickenbacher.

Links im Bild ist das Hotel Hirschen zu sehen. Es handelt sich um den zweiten Hirschen-Bau. Der erste brannte 1795 beim Geissweidbrand nieder, der neue wurde ein Jahr später errichtet, wie der Zug-Kenner erzählt.

«Es war schweizweit das schönste Hotel. 1910 kostete ein Zweibettzimmer hier drei bis sechs Franken die Nacht», weiss Rickenbacher. «Hier befand sich dazumal übrigens nicht nur das Postbüro, sondern auch das Anwerbebüro für ausländische Kriegsdienste.»

Das ausgelagerte Spital

Wenn wir schon auf dem Weg nach Süden sind, machen wir einen Abstecher an die Artherstrasse, genauer gesagt zum Bürgerspital, das 1858 gebaut wurde.

Das ehemalige Bürgerspital. Es trug seinen Namen nicht zufällig. (Bild: Zuger Staatsarchiv)

«Das erste Spital, Spittel genannt, befand sich im heutigen Burgbachschulhaus. Das genügte jedoch nicht mehr.» Darum hat man ausserhalb der Stadt ein neues Krankenhaus errichtet. «Den Namen ‹Bürgerspital› erhielt es, weil es von der Bürgergemeinde der Stadt Zug gebaut worden war», so der 83-Jährige.

Noch heute sind Teile davon existent. Hiervon soll aus Denkmalschutzgründen auch weiterhin ein Teil bestehen bleiben, wenn das Areal des alten Kantonsspital neu überbaut wird (zentralplus berichtete).

Nicht nur die Sonnenuntergänge sind spektakulär

Die Seesicht aus dem Spital dürfte ab und zu ziemlich spektakulär gewesen sein. Dies beweist das folgende Bild, das 1905 aufgenommen wurde und eine Wasserhose auf dem Zugersee zeigt.

Wasserhose über dem Zugersee im Jahr 1905. (Bild: Zuger Staatsarchiv)
Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Oskar Rickenbacher
  • Ansichtskartensammlung im Zuger Staatsarchiv
  • Medienmitteilung Zuger Staatsarchiv
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.