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Frauen an die Macht! Die CVP macht’s vor. Und trotzdem harzt es
  • Politik
CVP-Frauenpower-Plakate hat die Partei bei den nationalen Wahlen drucken lassen. In Luzern ist der Slogan mit Franziska Bitzi (Mitte oben), Andrea Gmür und Mirjam Fries Tatsache.

Historisch: Stadt-CVP wird von Frauen geführt Frauen an die Macht! Die CVP macht’s vor. Und trotzdem harzt es

8 min Lesezeit 02.12.2016, 04:57 Uhr

Frauen sind in der Politik eine Minderheit. Doch in der Stadt Luzern geben nun die Frauen den Takt an – nicht nur, aber vor allem bei der CVP. Und zwar in einmaligem Ausmass. Nur scheint dieser Zustand eher dem Zufall geschuldet.

Wie schnell sich das verändern kann. Noch vor Kurzem sassen an den prominentesten Stellen der städtischen CVP nur Männer. Stefan Roth war Stadtrat, Ivo Bühler Parteipräsident und Thomas Gmür Fraktionschef.

Jetzt sieht das Bild komplett anders aus, jetzt herrscht Frauenpower: Franziska Bitzi Staub wurde vergangenen Sonntag als neue Stadträtin gewählt, Nationalrätin Andrea Gmür präsidiert die Stadtpartei und Mirjam Fries ersetzt Bitzi Staub als Fraktionschefin. Drei Frauen für drei Männer. Dass diese drei wichtigsten Chargen der städtischen CVP von Frauen besetzt sind, gab es noch nie in der Geschichte der Partei. Und es dürfte auch kantonsweit sehr selten sein.

Die CVP-Leaderinnen Andrea Gmür (links), Franziska Bitzi und Mirjam Fries.

Die CVP-Leaderinnen Andrea Gmür (links), Franziska Bitzi und Mirjam Fries.

(Bild: zVg)

Frauen, wohin das Auge reicht

Doch damit nicht genug. Das CVP-Vizepräsidium ist mit Letizia Ineichen mit einer Frau besetzt; an der CVP-Nominationsversammlung für die Stadtratswahl traten gleich vier Frauen an – und kein Mann; die städtische Jung-CVP wird mit Karin Stadelmann von einer Frau geführt; bei der kantonalen CVP amtet Yvonne Hunkeler als Vizepräsidentin.

Ähnlich viele Frauen in hohen politischen Ämtern hatte wohl nur noch die SP zu Zeiten, als Prisca Birrer-Heim Nationalrätin, Yvonne Schärli Regierungsrätin, Ursula Stämmer Stadträtin und Felicitas Zopfi Kantonalpräsidentin waren.

CVP-Frauen auf wichtigen Posten (v. l.): Letizia Ineichen, Karin Stadelmann und Yvonne Hunkeler.

CVP-Frauen auf wichtigen Posten (v. l.): Letizia Ineichen, Karin Stadelmann und Yvonne Hunkeler.

(Bild: zVg)

Und wo wir gerade am Aufzählen sind: Im Stadtparlament wurden dank ihres Engagements noch viel mehr Frauen auch aus anderen Parteien in wichtige Positionen gewählt. Katharina Hubacher (Grüne) präsidiert das Stadtparlament, Luzia Vetterli (SP) die Geschäftsprüfungskommission, Laura Grüter (FDP) die Baukommission, Lisa Zanolla (SVP) die Bildungskommission und Noëlle Bucher (Grüne) die Sozialkommission.

Geben in der Politik den Ton an (v. l.): Katharina Hubacher, Luzia Vetterli, Laura Grütter, Lisa Zanolla und Noëlle Bucher.

Geben in der Politik den Ton an (v. l.): Katharina Hubacher, Luzia Vetterli, Laura Grütter, Lisa Zanolla und Noëlle Bucher.

(Bild: zVg)

Und wer jetzt noch immer Zweifel am Durchstarten der städtischen Politikerinnen hegt: Mit Sonja Döbeli Stirnemann (FDP) und Korintha Bärtsch (Grüne) amten seit Jahren auch zwei Frauen als Fraktionschefinnen – mit Bitzi Staub resp. neu Mirjam Fries von der CVP sind es sogar drei.

Höhere Ansprüche an Frauen

Aber zurück zum historischen Zustand der städtischen CVP mit den drei Top-Frauen in den wichtigsten Positionen. Der Luzerner Politologe Olivier Dolder von Interface Politikstudien sagt dazu: «Alle drei CVP-Frauen verfügen neben hervorragenden Hard Skills – berufliches Know-how, politische Erfahrung, Führungskompetenzen – auch über ausgezeichnete Soft Skills wie Kommunikationsfähigkeit, Auftreten, Erscheinungsbild.» Diese Soft Skills müssen laut Dolder bei Frauen vorhanden beziehungsweise ausgeprägt sein, damit sie gewählt werden – im Gegensatz zu Männern (ganzes Interview am Textende).

«Frauen können vielleicht eher andere Frauen für die Politik motivieren.»

Andrea Gmür Schönenberger, Präsidentin CVP Stadt Luzern

Die neue CVP-Stadträtin in spe, Franziska Bitzi Staub, sagt zu diesem Thema: «Ich freue mich, wenn Frauen in Beruf, Politik und Gesellschaft Einfluss nehmen, weil sie von den Entscheiden ja auch betroffen sind.» Es brauche Mut, sich zu exponieren. «Es ist aber schon schwierig genug, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Ein zusätzliches Engagement liegt für viele Frauen dann nicht drin.» Vorbilder helfen laut Bitzi Staub, dass «man/frau» eine bestimmte Funktion anstrebt.

«Frauen sind progressiver»

Auch wenn die aktuelle Konstellation Zufall ist, wie alle Beteiligten einräumen, hofft Parteipräsidentin und Nationalrätin Andrea Gmür auf einen positiven Effekt für die CVP: «Frauen können vielleicht eher andere Frauen für die Politik motivieren.» Männer wolle man aber selbstverständlich weiterhin dabeihaben. «Denn Politik ist nicht einfach eine Frage des Geschlechtes, sondern in erster Linie der Themen.» Trotzdem erkennt Gmür gewisse Unterschiede in der Art des Politisierens: «Zu gewissen Themen wie etwa Familienpolitik haben Frauen einen anderen Zugang und sehen oft andere Lösungen vor.» 

«Viele Frauen betreiben eher Sachpolitik und nehmen sich als Personen zurück.»

Mirjam Fries, neue CVP-Fraktionschefin

Olivier Dolder ergänzt: «Frauen sind in der Tendenz linker oder anders ausgedrückt progressiver und etatistischer als Männer. Das heisst aber nicht, dass alle Frauen links sind.» In der Regel sei die Parteizugehörigkeit relevanter als das Geschlecht. Ein SP-Mann setze sich beispielsweise eher für sogenannte Frauenanliegen ein als eine FDP- oder SVP-Frau.

«Männer sind öfter Machtpolitiker und geübt, im Vordergrund zu stehen. Viele Frauen betreiben eher Sachpolitik und nehmen sich als Personen zurück», macht die designierte CVP-Fraktionschefin Mirjam Fries einen weiteren Unterschied aus. Und sie fügt an: «Allerdings gibt es auch Frauen, die sich männlich verhalten, etwa in der Wirtschaft. Die besten Ergebnisse entstehen meiner Meinung nach aus der Zusammenarbeit von Mann und Frau.»

Frauenanteil stagniert seit 20 Jahren

Doch bei aller Freude über die vielen Frauen zuoberst in politischen Ämtern: Der Anteil an Frauen in der Luzerner Politik stagniert seit 20 Jahren. Sowohl in der Stadt als auch im Kanton. Relevantere Grösse ist diesbezüglich der Kantonsrat. Auf mehr als 31 Prozent Anteil sind die Frauen seit 1995 nie gekommen. Aktuell sitzen im 120-köpfigen Kantonsrat nur 35 Frauen (29 Prozent). 

Auf die Parteien im Kantonsrat aufgedröselt, engagieren sich aber nicht bei der CVP mit 29 Prozent am meisten Frauen. Sondern bei den Grünen (57 Prozent) und der SP (44 Prozent).

 

 

Pirmin Jung ist Präsident der kantonalen CVP. Zum hohen Frauenanteil in politischen Chefetagen der «Stadtfiliale» sagt er: «Wir haben zwar nie explizit auf Frauen gesetzt, diese Ausgangslage freut uns aber riesig.» Jung ist «schwer davon überzeugt, dass mehr Frauen in solchen Ämtern andere Frauen motivieren können, sich auch politisch zu engagieren».

Dass Frauen in der Politik noch immer krass untervertreten sind, hat laut Jung auch biologische Gründe: «Frauen kriegen bis mit 40 Jahren Kinder – genau in diesem Alter fängt man oft an, sich für Politik zu interessieren.» Und beides zusammen sei nun mal eine grosse Belastung.

Die vierfache Mutter Andrea Gmür vermutet noch andere Gründe für das Abseitsstehen der Frauen in der Politik: «Frauen stellen sich immer zuerst die Frage, ob sie das überhaupt können, und hegen Zweifel an sich; oder dann sind sie beruflich und familiär schon so stark absorbiert, dass kein politisches Mandat mehr drinliegt – wie sie meinen.» Männer hingegen trauen sich laut Gmür viel öfter jedes Amt zu: «Ohne zu überlegen – die beiden Stadtratskandidaten Rudolf Schweizer und Thomas Schärli sind der beste Beweis dafür.»

Im Nationalrat sieht’s bei den Luzernern übrigens ganz ordentlich aus: Vier Frauen (darunter Gmür), sechs Männer. Anders im Ständerat, wo beide Luzerner Sitze in Männerhand sind.

Frauenanteil in Luzerner Regierung: null Prozent

Grund zum Feiern gibt es für die Frauen folglich nur bedingt. Vor allem, wenn man bedenkt, wie gross der Frauenanteil seit den Wahlen 2015 in der fünfköpfigen Luzerner Regierung ist. Dieser liegt nämlich bei genau null Prozent.

Und um die Relation bei der städtischen CVP wieder herzustellen: Weil für Bitzi Staub mit Thomas Schärli ein Mann in die CVP-Fraktion nachrutscht, beläuft sich der Frauenanteil dort künftig auf 29 Prozent (fünf Männer, zwei Frauen). Getoppt wird dies nur noch durch die SVP, wo bloss eine Frau in der siebenköpfigen Mannschaft sitzt. Nach dem Wechsel von Bitzi Staub sitzen im 48-köpfigen Stadtparlament noch 13 Frauen, was einen Anteil von 27 Prozent ausmacht. Es gibt folglich auch in der progressiveren Stadt noch viel zu tun.

«Parteien bevorzugen systematisch Männer»

Nach der Wahl von Franziska Bitzi Staub zur ersten weiblichen CVP-Stadträtin vergangenen Sonntag haben die CVP-Frauen in der Stadt das Zepter gänzlich übernommen.

zentralplus: Olivier Dolder, wie «historisch» ist dieser Moment für die CVP?

Olivier Dolder: Die Tatsache, dass es ein Interesse gibt, darüber zu berichten, zeigt, dass diesem Ereignis eine gewisse Bedeutung zukommt. Es zeigt aber und vor allem auch, dass Frauen in der Politik noch immer stark untervertreten sind, dass Frauen in der Politik noch immer als etwas Spezielles wahrgenommen werden und dass wir in diesem Bereich noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind.

zentralplus: Was könnte das neue Führungstrio Bitzi, Gmür, Fries bewirken?

Dolder: Die Frauen können einerseits parteiintern ganz konkrete Frauenförderung betreiben. Hier ist aber vor allem die Parteipräsidentin gefordert. Andererseits, und das ist für die Politik und Gesellschaft grundsätzlich relevant, können die drei Frauen eine Vorbildfunktion wahrnehmen und aufzeigen, dass selbstverständlich auch Frauen politisieren können und dass es «normal» ist, dass Frauen politische Ämter innehaben.

«Es gilt, Strukturen zu schaffen, die Frauen fördern.»

zentralplus: Die neue Konstellation ist auf Zufall und nicht auf gezielte Frauenförderung zurückzuführen. Geht’s Ihrer Meinung nach trotzdem in Richtung mehr Frauen in der Politik?

Dolder: Es muss weitergehen. Es gibt kein stichhaltiges Argument gegen eine angemessene Vertretung der Frauen in der Politik. Und angemessen heisst: durchschnittlicher Frauenanteil von 50 Prozent. Argumentiert man, dass Frauen und Männer gleich sind, dann können nur strukturelle Hindernisse dazu führen, dass Frauen untervertreten sind. Argumentiert man, dass es Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt, dann ist es umso wichtiger, dass beide Geschlechter in der Politik vertreten sind. Entsprechend gilt es, Strukturen zu schaffen, die Frauen fördern.

zentralplus: Wo sehen Sie konkrete Gründe für den kleinen Frauenanteil?

Dolder: Ein Grund für die Untervertretung der Frauen liegt darin, dass die Parteien dazu neigen, bei Nominationen den Status quo abzubilden und somit Männer systematisch zu bevorzugen. Frauen schaffen es gar nicht erst auf den Wahlzettel. Grundsätzlich sind die Gründe struktureller Natur: Sei es die Sozialisierung der jungen Frauen und Männer oder die Hürden in Bezug auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Hinweis: Mehr interessante Grafiken zum Thema Frauen in der Luzerner Politik finden Sie hier:

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