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«Felisch ist kein armer Siech gewesen»
  • Gesellschaft
«Er war lustig und hatte viel Kraft»: Der Luzerner Obdachlose Felisch. (Bild: zvg)

Wie der bekannte Luzerner Obdachlose lebte «Felisch ist kein armer Siech gewesen»

7 min Lesezeit 7 Kommentare 27.08.2019, 13:29 Uhr

Sie hat die letzten sechs Jahre an der Seite von Felisch, dem «Tüechlimaa», verbracht: Veronika Stofer erzählt, wie sie sich unverhofft kennenlernten, wieso sich der Obdachlose nicht helfen lassen wollte – und wie er schliesslich im Spital verstarb.

Es war im Jahr 2013, als Felisch sie um etwas Münz fragte. So wie er das täglich bei dutzenden Personen auf seinen Touren in der Neustadt und beim Bahnhof tat.

Doch dabei blieb es nicht: Ob sie mit ihm einen Kaffee trinke, fragte er. Sie wich aus, er blieb hartnäckig. So ging das eine Weile, bis sie schliesslich einwilligte und sich mit Felisch an der «Määs» traf. «Sonst hatte er ja überall Hausverbot», erzählt sie.

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So lernten sie sich kennen: Felisch, der bekannteste Obdachlose in Luzern, und Veronika Stofer, die zu seiner wichtigsten Bezugsperson der letzten Jahre wurde. «Er hat sich mit seinem Charme nicht mehr abwimmeln lassen», erzählt sie und lacht.

Er kam bei ihr auf ein Glas Wein vorbei, dann immer regelmässiger und schliesslich war Felisch Dauergast. Die letzten sechs Jahre ist er bei ihr ein- und ausgegangen, hat bei ihr gegessen und verbrachte viel Zeit mit ihr. Eine Art platonische Beziehung hätten sie gelebt.

Bis der «Tüechlimaa», wie er wegen seiner Kleidung genannt wurde, am 10. August nach einem Zusammenbruch im Spital starb, er wurde 38 Jahre alt (zentralplus berichtete). Die Anteilnahme war und ist in Luzern riesig.

Der Kampfgeist hat abgefärbt

Die Luzernerin, die gerade in den Ferien weilt, erzählt offen über die Zeit mit Felisch und hat trotz des Verlustes und schwierigen Zeiten ihren Humor nicht verloren. Es scheint, als hätte der Kampfgeist von Felisch auf sie abgefärbt. Immer wieder kam es vor, dass er ein paar Monate nicht mehr auftauchte – und plötzlich stand er wieder auf der Matte.

Dass ein Obdachloser bei ihr gelebt hat, brachte ihr Probleme ein: mit den Nachbarn, im Quartier und schliesslich mit der Vermieterin. Veronika Stofer wurde vor zwei Jahren aus der Genossenschaft, der das Haus gehört, ausgeschlossen, um ihr zu kündigen.

«Bei mir hüpfte er die Treppe rauf und fragte: ‹Was gibt’s Znacht?›»

Doch noch heute wohnt die 60-Jährige in der Wohnung in einem Luzerner Quartier und wehrt sich auf juristischem Weg gegen ihren Rauswurf. «Riesige Lämpen» habe sie gehabt. «Aber bin immer zu Felisch gestanden, das war mir wichtig.»

Er hüpfte die Treppe hoch

Veronika Stofer, die als Stadtführerin und Kartenlegerin arbeitet, schwärmt vom Menschen Felisch: «Bei mir war er ganz jemand anders als draussen: wach, klar, sehr intelligent, schnell in den Bewegungen.» Sie hätten lange und gute Gespräche geführt, er sei über alles im Bild gewesen, habe nie geflucht oder sei laut geworden. «Er war sehr intuitiv und konnte sehen, was andere denken.»

Er habe das Vertrauen zu ihr langsam aufgebaut – anfangs sprach er kaum ein Wort, hielt sich auf dem Balkon auf. Dann immer öfter in der Stube und auf dem Sofa.

«Felisch brauchte keine Hilfe, wenn schon, hat er mir geholfen.»

Auf der Strasse ist Felisch in seinen Tüchern fast unbeweglich über die Strasse geschlurft und wirkte oft zugedröhnt. «Bei mir hüpfte er die Treppe rauf und fragte: ‹Was gibt’s Znacht?›», lacht Stofer.

Niemand habe ihr geglaubt: «Felisch ist mir nie vorgekommen wie ein typischer Drögeler, wie ein Ührli ist er abends zwischen acht und zehn Uhr aufgetaucht.» Er sei eigentlich ein häuslicher Mensch gewesen, auch wenn er den ganzen Tag auf der Gasse verbrachte. «Er schätzte Kerzen und schöne Musik.»

Er hatte viel Kraft

Sie betont: «Felisch ist kein armer Siech gewesen. Er war zufrieden, lustig und hatte so viel Kraft. Wenn man ihn verstanden hat, wusste man, dass in seinen Geschichten immer ein Funken Wahrheit steckt. Aber er hat sie halt spinnerisch verpackt.»

Er habe oft von seinem alten Leben als Fussballer und Snowboarder erzählt, sei sehr kreativ gewesen und habe Comics gezeichnet. «Er war ein grosser Schauspieler», sagt sie.

Auf alles eine Antwort

Veronika Stofer kämpfte selbst mit Problemen und Depressionen. «Felisch brauchte keine Hilfe, wenn schon, hat er mir geholfen», sagt sie. Er habe ihr Atem- und Körperübungen gezeigt, war bei ihr und hat ihr Tee gekocht. «Mit ihm bin ich zur Ruhe gekommen und konnte positiver denken.»

Felisch habe auf alles eine Antwort gewusst – ob bei Bagatellen oder wichtigen Themen. «Er hat mir gesagt: Schau zuerst zu dir, sonst kannst du auch nicht zu anderen schauen.» Kurz vor seinem Tod habe er ihr das nochmals eingetrichtert.

Felisch, aufgenommen 2013 für eine Fotoreportage.

100 Franken am Tag erbettelt

Sie hat ihm ab und zu neue Kleider und Schuhe gekauft. «Es hat lange gedauert, bis er sich wieder mal etwas anderes anzog», sagt sie. Aber die Schuhe seien jeweils schnell kaputt gewesen.

«Seine Tücher, der Dreck, sein Gestank sind auch ein Selbstschutz gewesen.»

Er habe sie nie übers Ohr gehauen, habe nie geklaut, obwohl Laptop, Schmuck und Geld rumlagen. «Nur wenn er mal hässig auf mich war, hat er eine 20er-Note genommen, sie aber wieder zurückgebracht.»

Mehr als 100 Franken habe Felisch an guten Tagen eingenommen und davon gut gelebt, sagt sie. Wenn sich Leute über sein Betteln nervten, sei er extra freundlich gewesen. «Er hat der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten, so wie er aufgetreten ist», sagt Stofer. Seine Tücher, der Dreck, sein Gestank seien auch ein Selbstschutz gewesen, damit ihm niemand zu nahe komme. «Er muss einmal wahnsinnig verletzt worden sein. Er hat nie erzählt, was es war», sagt sie.

Gestank störte sie nicht

Felischs Gestank und sein dreckiges Äusseres war für viele eine Zumutung, Veronika Stofer störte es jedoch nicht. «Ich habe mich so wohl gefühlt um ihn, dass ich nicht mal mehr die dreckigen Hände bemerkt habe.» Er habe die Grenzen ausgelotet, um zu testen, wie weit die Akzeptanz ging.

Mit der Zeit forderte aber auch sie, dass er öfter duscht und frische Kleider anzieht. «Wir haben lange darüber geredet, er wollte es nicht hören», erzählt Veronika. Doch er habe dann angefangen, die Haare zu schneiden, habe geduscht und die Kleider gewechselt und trug auch kein Tuch mehr auf dem Kopf.

Sein Zustand verschlechterte sich

Schliesslich warf eine Verletzung am Fuss mit lang anhaltender Entzündung und Wasserstau bis ins Knie Felisch zurück. Veronika Stofer erinnert sich, wie er im Juni 2018 zu ihr gekommen sei – schlotternd und nahe an der Verwahrlosung. Sie gingen zum Arzt, doch das verschriebene Antibiotikum habe er nicht genommen. Sein Zustand verschlechterte sich weiter. «Ich vermute, dass sein Körper das nie mehr richtig verarbeitet hat.»

Im Winter darauf hatte er geschwollene Hände und Füsse – Felisch wurde immer schwächer. Er litt an einer Lungenentzündung, habe öfters gehustet und bekam Atemnot. Im Juli dieses Jahr wurde er mit der Ambulanz ins Spital eingeliefert. «Er wollte nicht bleiben und ist wieder abgehauen», erzählt sie.

«Für mich ist Felisch noch hier.»

So ging das hin und her, er landete wieder im Notfall, aber wollte sich nicht helfen lassen und ist wieder ausgebüxt. «Wenn ich dabei war, war er ruhig, sonst liess er sich nicht mal Blut nehmen», sagt sie. Das Spital sei eine Riesenbelastung gewesen für ihn. Die Situation belastete auch sie. «Er hat immer gefragt, wie es mir geht, egal wie schlecht es ihm geht.»

Das erste Mal eine Umarmung

Schliesslich ist Felisch Anfang August im Bahnhof Luzern zusammengebrochen (zentralplus berichtete). Davon erholte er sich nicht mehr bis zu seinem Tod. «Zwei Nächte vor dem Zusammenbruch musste ich bei ihm bleiben, er wollte eine Umarmung, vorher hat er sechs Jahre keine Nähe zugelassen», erzählt Veronika Stofer.

Felisch wurde ins künstliche Koma versetzt. «Er wollte sich nie helfen lassen, er hat dem Spital und den Ärzten nicht vertraut», erzählt Stofer. In der Nacht, bevor Felisch um vier Uhr morgens verstarb, war sie noch bei ihm. Ende August ist er im Kanton Obwalden, wo er aufgewachsen ist, beerdigt worden.

Das Trauern kommt noch

Wie geht’s ihr jetzt nach all dem? «Für mich ist Felisch noch hier, ich habe noch nicht getrauert. Vielleicht kommt das noch.» Überall wo sie sei, scheine auch er zu sein.

An der Beerdigung war sie nicht, sie habe ein Gesteck mit Rosen auf das Grab schicken lassen. «Er hat selbst einmal gesagt, man gehe nicht an Beerdigungen, er fand das blöd.»

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7 Kommentare
  1. Indy, 03.09.2019, 11:30 Uhr

    Felidsch war “än armä Mänsch”!
    Unsere Nicht Gesellschaft hat ihn zum “Tüächlimaa” gemacht!
    Sein Lebensstil war ein leiser Protest.
    Das System in dem wir leben, zerstöhrt den Menschen in uns. Wir sind Sklaven der Banken, Der Politik, der Reichen.
    Durch das systenatische Vorgehen, Einengen und kontrollieren der Menschen, werden wir alle (auch die Herrschenden) zu Zombis!
    Indy Walter Imfeld

    1. Marc Moser, 03.09.2019, 13:01 Uhr

      Felisch ein “armer Mensch”? Felisch war für mich kein armer Mensch. Felisch nahm sich die persönliche Freiheit anders zu sein. Dieses “Anderssein” war für ihn selbstgewählt. Er lebte das “Anderssein” mit aller Konsequenz. Er bezahlte letztendlich den Mut des “Anderssein” mit einer Existenz am “Rande” der Gesellschaft. Nun, die Gesellschaft dafür jetzt zur Verantwortung zu ziehen ist in meinen Augen zu kurz gedacht. Vielleicht galten im Leben Felischs andere Massstäbe. Ich kann es nicht beurteilen. Letztendlich sieht man bei den zufälligen Begegnungen nur immer an den Menschen dran. In ihn rein sieht man nicht.

  2. Fritz Antonenko, 28.08.2019, 15:46 Uhr

    Ein riesen Kompliment an Veronika Stofer!!!! Gerade jetzt,nach dem Ableben von Felisch, so darüber zu erzählen. Ist nicht jedermanns Sache und zeigt Stärcke. Das dies viels in Ihr bewegte von neuem, ist Erdenklich……..

    Einmal mehr: Engel auf dieser Erde sind rar. Ich erinnere mich oft daran,mit wieviel Felisch als Gentleman sich gegenüber Veronika zeigte!!! Er trug ihr ihren Einkauf ans Busperron,sicher sogar nach Hause…… Veronika und Felisch steht es absolut zu,dass sich niemand den Mund zerreist,was die Beiden an Wertvollem leben konnten. Und Felisch soll weiterleben,in u seren Gedanken an ihn. Erst vor zwei Tagen erzählte mir jemand,dass er von ihm geträumt hat. Ja er fehlt,dr ” TÜECHLIMA “

  3. Joseph de Mol, 28.08.2019, 12:23 Uhr

    Ich finde diese Romantisierung und Heroisierung auch widersprüchlich. Diese Phänomen konnte man auch schon beim Hinschied von Stadtoriginal Emil Manser sel. feststellen. Er wurde flux zu einer Art Lichtgestalt emporgehoben, seine Verdienste gewürdigt und seine Unnachahmlichkeit und Originalität besungen. Dabei gab es auch die ganz unspektakuläre, ungeschönte Seite: Tagtäglich dem Suff erliegen und rumbrüllen (nicht als Kunstform!), dass es einem Angst und Bang hätte werden können. Scheinbar treffen diese Randständigen mit ihrer ambivalenten Daseinsform einen wunden Punkt unserer Gesellschaft. Erst im Tod können sie so eine Art Zuneigung erfahren.

    1. Redaktion Jonas Wydler, 28.08.2019, 13:43 Uhr

      Diesen Aspekt finde ich tatsächlich auch sehr spannend: Anscheinend machen sich viele Leute erst richtig Gedanken über die Menschen, die im öffentlichen Raum präsent sind, wenn sie fehlen. Dass man im Nachhinein eher zur Romantisierung neigt, ist wohl auch menschlich.

  4. Wiegand Remo, 27.08.2019, 19:16 Uhr

    Auch mich hat der Tod von “Felisch” bewegt. Auch ich hatte immer wieder kurz mit ihm zu tun, allerdings je länger je kürzer, weil ich ihm statt Münz stets etwas zu Essen anbot, was er nicht wollte.

    Zunehmend allerdings beschäftigt mich etwas anderes: Die Nachrufe über ihn, inbesondere die Zeitungsberichte, haben eine überschwängliche Tonalität, die mich befremdet. Reihenweise werden Aussagen über ihn zitiert, die Felisch fast zu einem Heiligen stilisieren: Er schaute nur zu den anderen, durchschaute die Welt, konnte in die Zukunft sehen… Dass Menschen, die ihm wirklich nahgestanden sind (wenn es die denn gab), Felischs Leben rückblickend in hellem Lichte erscheinen lassen, verstehe ich voll und ganz. Dass hingegen ein seriöses Online-Medium in den Lobgesang miteinstimmt, verstehe ich nicht. Ich würde erwarten, dass Zentralplus hier distanzierter und nüchterner bleibt und sich nicht scheut, Wegbegleitern auch kritische Fragen zu stellen. Letztlich, denke ich, wollte Felisch auch ein irritierender Störefried sein, einer, der herausforderte, aber sicher keiner, den alle gern haben. Wenn nun im Nachhinein dieser Eindruck erweckt wird, scheint mir etwas in Schieflage geraten zu sein.

    1. Redaktion Jonas Wydler, 28.08.2019, 09:50 Uhr

      Danke Remo für deine Anmerkung. Mir ging es mit diesem Bericht darum, die andere Seite von Felischs Leben zu thematisieren. Jene neben der öffentlich bekannten Figur. Ich denke, jeder hat sein eigenes Bild des Obdachlosen. Dass er provozierte und aneckte, will ich auch gar nicht verleugnen. Aber durch das Gespräch mit seiner Wegbegleiterin der letzen Jahre habe ich überraschende Einblicke erhalten – das ist noch keine Heiligsprechung.