«Die Aggressionen haben sich aufgestaut»
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Sicherheitschef Marcel Hodel (von links), Präsident Ruedi Stäger und Stadionmanager Reto Mattmann vor der Swissporarena. (Bild: Luca Wolf)

Jetzt spricht der FCL «Die Aggressionen haben sich aufgestaut»

6 min Lesezeit 26.05.2015, 20:44 Uhr

Der FCL verurteilt die Randale nach dem FCZ-Spiel entschieden. Dass es drei Zürcher Schlägern gelang, im Luzerner Sektor einen Streit im Faustrecht auszutragen, sei laut Präsident Ruedi Stäger nicht zu verhindern gewesen. Doch die Täter dürften nicht ungeschoren davon kommen. Derweil erhebt der FCZ-Fanarbeiter schwere Vorwürfe an die Adresse der Polizei.

Das kommt nicht oft vor, und wenn doch, ist es dem FC Luzern sehr wichtig: Nach den Ausschreitungen vom Pfingstmontagabend zwischen FCL- und FCZ-Chaoten (zentral+ berichtete über die Randale sowie über die Haltung der Polizei) hat der Verein spontan von sich aus Medienvertreter ins FCL-Stadion gebeten.

Man wolle den Journalisten im direkten Gespräch die Haltung des FCL erklären, so die Begründung. Anwesend war dann nicht etwa die zweite Garnitur, sondern Präsident Ruedi Stäger höchstpersönlich, sowie Stadionmanager Reto Mattmann und Sicherheitschef Marcel Hodel.

«Aggressionen haben sich aufgestaut»

Ruedi Stäger macht gleich zu Beginn klar: «Wir verurteilen diese Randale aufs Schärfste. Das hat nichts mit Fussball zu tun und schadet uns enorm.»

«Wir verurteilen diese Randale aufs Schärfste. Das hat nichts mit Fussball zu tun und schadet uns enorm.»

Ruedi Stäger, FCL-Präsident

Schaden, sowohl in Bezug auf das Image des sportlich zuletzt überraschend erfolgreichen Clubs, als auch finanziell. Denn im Juni entscheidet der Kantonsrat darüber, wie viel mehr der FCL künftig an die Sicherheitskosten beisteuern muss. Die neusten Krawalle haben kaum zu mehr Verständnis für die Lage des FCL beigetragen.

Als Ursache für die Schlägereien macht der FCL-Präsident drei Punkte aus: «Die Aggressionen haben sich schon im Vorfeld aufgestaut, etwa mit dem Überfall von Luzerner Chaoten letzten Sommer auf den Bus der FCZ-Fans.» Diesbezüglich, weiss der Sicherheitschef Marcel Hodel, habe es sich wohl auch um eine «offene Rechnung» der Zürcher mit den Luzernern gehandelt.

Zudem war das Fanlokal «Zone 5» am Bundesplatz laut Stäger wegen des Feiertags geschlossen, so dass sich viele FCL-Fans dezentral in der ganzen Stadt aufgehalten haben. «Es zeigt sich hier klar, was ein geöffnetes Fanlokal für Vorteile hat.» Und weiter habe auch der bewilligte Marsch der FCZ-Fans zu den Problemen beigetragen.

Nach dem Spiel sichert die Polizei auf dem Bundesplatz den Abmarsch der FCZ-Fans Richtung Bahnhof. Im Hintergrund zu sehen sind FCZ-Fans, die in Richtung FCL-Fans provozieren.

Nach dem Spiel sichert die Polizei auf dem Bundesplatz den Abmarsch der FCZ-Fans Richtung Bahnhof. Im Hintergrund zu sehen sind FCZ-Fans, die in Richtung FCL-Fans provozieren.

(Bild: zvg)

Verständnis für die Jugend

Stäger will aber nicht alle Fans in den gleichen Topf werfen. «Die allermeisten verhalten sich anständig. Es sind immer nur ein paar wenige, die den Fussball als Plattform für Gewalt missbrauchen.» Zwischen den Zeilen lässt der FCL-Präsident aber auch ein gewisses Verständnis für die heutigen Jugendlichen durchblicken. «Sich auszulassen und Grenzen auszuloten, ist heute schwieriger als früher.»

«Sich auszulassen und Grenzen auszuloten, ist heute schwieriger als früher.»

Ruedi Stäger, FCL-Präsident

Luzerner provozierten mit Bierwurf

Wenn es «klöpft», dann normalerweise immer ausserhalb des FCL-Stadions. Am Montagnachmittag aber kletterten drei FCZ-Anhänger aus ihrem Gästesektor und gingen dort auf FCL-Fans los. Seelenruhig und von den diversen herumstehenden Sicherheitsleuten unbehelligt, spazierten sie zurück und liessen sich feiern. Warum hat der FCL dies zugelassen? Sicherheitschef Marcel Hodel wehrt sich: «Aus dem FCL-Sektor warf jemand Bier zu den Zürchern rüber.» Dann sei ein Streit entbrannt, in dessen Folge drei FCZ-Supporter die Angelegenheit via Faustrecht klären wollten. Man habe das Problem aber schnell klären können.

Doch warum nun liess der FCL die Zürcher einfach gewähren, anstatt sie aufzuhalten? Wo es sich laut Stäger doch bloss um jugendliche «Lausbuben» gehandelt hat? Marcel Hodel weiss es. Und er präzisiert, dass es sich bei den Dreien nicht um «normale» Fans gehandelt hat, sondern dass diese als gewaltbereit bekannt waren.  «Und es ist nicht die Aufgabe unserer Stewards, sich solchen Personen in den Weg zu stellen.» Dafür seien sie auch gar nicht ausgebildet.

Besser filmen statt einschreiten?

In dieser Situation entschied man sich, die Täter im Nachhinein mittels Videoüberwachung zu identifizieren und anzuzeigen, so Hodel. Das dürfte im vorliegenden Fall kein Problem sein: Auf Fotos, die im Internet zugänglich sind, sind sie einwandfrei zu erkennen. Zudem hat am Montag auch die Swiss Football League ihre Hightech-Detektive im Stadion filmen lassen. Allerdings nur im Stadion, nicht ausserhalb. Dazu wäre ein Gesuch nötig gewesen, ein solches ging aber nie bei der Stadt ein – überhaupt noch nie.

Stäger sagt, man sei zuversichtlich, dass die Männer identifiziert und verurteilt werden könnten. Und er ergänzt: «Hätten wir die Männer festgehalten, hätte es am Montag im Stadion wohl grössere Ausschreitungen gegeben. Dann wären wohl noch viel mehr FCZ-Fans aus ihrem Sektor geklettert. Das wollten wir mit allen Mitteln verhindern. Im Zweifelsfall setzen wir auf Deeskalation.»

«Hätten wir die Männer festgehalten, hätte es am Montag im Stadion wohl grössere Ausschreitungen gegeben.»

Ruedi Stäger, FCL-Präsident

In der vierjährigen Geschichte der Swissporarena kam es laut Stäger erst zweimal zu kurzen Scharmützeln im Stadioninneren – beide Male gegen den FCZ.

Security schnappt Pyromanen

Nur zugucken wenns Ärger gibt, tut der FCL jedoch beileibe nicht. So hat die Sicherheitscrew erst diesen Montag einen FCZ-Anhänger beim Eingang mit Pyro-Fackeln erwischt. Ein anderer wurde beim Überklettern der Sektorentrennung angehalten, zudem fand man bei ihm Drogen. Die beiden Männer wurden laut Sicherheitschef Marcel Hodel nach Absprache mit der Polizei kurz in die Arrestzelle gesteckt und danach den Gesetzeshütern übergeben. Ihnen droht je ein zweijähriges Stadionverbot. «Wir benutzen die Arrestzellen mittlerweile regelmässig», sagt Hodel.

So sieht eine der drei Stadionzellen von innen aus.

So sieht eine der drei Stadionzellen von innen aus.

(Bild: Luca Wolf)

Genützt hat die Aktion freilich nur bedingt: Die Zürcher schmuggelten trotzdem Pyros ins Stadion und fackelten sie ab. Verletzt wurde jedoch niemand – wie laut Stäger im FCL-Stadion überhaupt noch nie jemand durch Pyros verletzt wurde. In anderen Stadien aber kam dies schon vor, wenn auch äusserst selten.

«Ich stelle Zunahme von Gewalt fest»

Wie geht’s nun weiter? Stäger sagt Beunruhigendes: «Ich stelle vermehrt eine Zunahme von Gewalttaten im Fussball fest.» Trotzdem sei er zuversichtlich, dass man, wie bis anhin, weiter gut mit den eigenen Fans zusammen arbeiten könne. Man werde auch nach dem neusten Vorfall mit den Fans den Dialog suchen. Dabei sei auch die Fanarbeit ein wichtiger Partner, der gute Arbeit leiste. Nur mit Dialog, so der Präsident, könne man das Problem anpacken. Weil aber ständig neue, junge Fans hinzukämen und dafür die älteren ausscheiden würden, sei dieser Prozess nie abgeschlossen und müsse kontinuierlich gepflegt werden.

Happiger Vorwurf: Ist Luzern Schuld an den Krawallen?

Diesen Dienstagabend hat sich Raymond Feuillet, der Fanarbeiter des FC Zürich bei zentral+ gemeldet. Und was er sagt, hat Sprengkraft. Demnach hätten die FCZ-Fans ausdrücklich gewünscht, per Bus in die Swissporarena und zurück transportiert zu werden. So wie das meistens läuft mit den Gästefans. Jedoch habe man von den Luzerner Behörden eine abschlägige Antwort erhalten und sei angewiesen worden, zu Fuss zu gehen. Mit welcher Begründung, weiss Feuillet nicht.

Würde dies zutreffen, gerieten der Kanton Luzern und die Luzerner Polizei in Erklärungsnot. Denn Polizeisprecher Urs Wigger hat gegenüber zentral+ gesagt: «Den FCZ-Fans wurde bereits im Vorfeld des Spiels zugesagt, dass sie zum Stadion gehen dürfen.» Dürfen – also haben sie das gewollt. Hätten die FCZ-Fans die Busse genommen, wäre es nach dem Spiel nie zu solch heftigen Ausschreitungen gekommen. Nur weil die Zürcher nach dem Spiel vom Stadion zum Bahnhof gelaufen sind – oder eben laufen mussten – konnten die beiden Fanlager im Bereich Voltastrasse aufeinander los gehen. Die Stellungnahme der Polizei steht noch aus.

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