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Der Bandleader mit «manisch-depressivem Selbstbewusstsein»
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«Wie ein pubertierendes Kind, das alles aufsaugt»: Musiker Timo Keller. (Bild: jwy)

Timo Keller: Der Kopf hinter der Band Hanreti Der Bandleader mit «manisch-depressivem Selbstbewusstsein»

5 min Lesezeit 16.01.2016, 17:30 Uhr

Es läuft rund für die Luzerner Band Hanreti und ihren Sänger Timo Keller: Sie haben den wichtigsten Luzerner Musikpreis gewonnen. Ein neuer Song mit den Hip-Hoppern GeilerAsDu hat das Zeug zum Hit – und ein neues Album steckt in der Pipeline. Wer ist der kreative Kopf dahinter?

Gimma öffnet den Umschlag. Die proppenvolle Schüür lauscht und ist gespannt wie ein Flitzebogen. Der Bündner Gast liest den Namen des Gewinners – und ist ratlos. «Ich kann das nicht aussprechen …» – «Sag es so, wie es steht!», hilft der Moderator, was Gimma tut: «Hanreti». So geschehen Anfang Januar am Kick-Ass-Award vom Radio 3fach (zentral+ berichtete).

Hanreti – wahrscheinlich war Gimma nicht der Einzige, der den Namen nicht kannte. Denn seit wann gewinnt «Alternative Funk» (siehe Box) die Gunst des Publikums, wie Hanreti ihren Sound beschreiben? Kommt hinzu: Der diesjährige Kick-Ass-Award-Song «The Thrill Is Gone» ist ein Cover. Genauer: ein Jazzstandard, bekannt geworden durch BB King.

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Gleichzeitig ist es nur auf den ersten Blick überraschend, dass Hanreti abräumten. Denn hinter der Band stecken Vollblutmusiker. Neben Timo Keller (u.a. Gesang, Gitarre, Piano) sind das Mario Hänni (Schlagzeug), Rees Coray (Bass) und neu Jery Sigrist (Gitarre).

Lieber unterproduziert als perfekt

Bandleader Timo Keller ist ein umtriebiger, bestens vernetzter Schaffer in der hiesigen Kultur. Er arbeitet Teilzeit im Treibhaus Luzern und betreibt daneben ein eigenes Studio: das Studio vom Dach. Er produzierte einige spannende Bands: Weekend Phantom, Japrazz oder den Amerikaner Peter Broderick mit Luzerner Musikern – und natürlich die eigene. Im Studio produzierte er zusammen mit Silvio Zeder und anderen aufwendige Konzert-Sessions, die man auf Youtube findet.

«Wenn es uns Spass macht, macht es auch anderen Leuten Spass.»

Als wir Timo Keller zum Gespräch treffen, ist er eben von einer wöchigen Deutschlandtour zurück. Vom Gewinn des Kick-Ass-Awards erfuhren sie in Stuttgart – und waren so überrascht wie andere auch. «Sonst wären wir kaum dann auf Tour gegangen», sagt Timo Keller. Wie erklärt er sich den Sieg? «Man muss sehen, was für ein kleines Küchlein Luzern ist, und wir sind mittendrin.»

Nach einer durchgefeierten Nacht in Stuttgart sagen wir danke, fahren hundemüde nach Dresden und freuen uns auf den Wurzelpeter. Vielen dank für den Support, welchen wir dieses Jahr von dir bekommen haben!

Posted by Hanreti on Donnerstag, 7. Januar 2016

 

Mit ihrem Lo-Fi-Sound – mit dem «Unterproduzierten», wie Keller es nennt – werden Hanreti wohl nie die grosse Masse abholen. Es ist Liebhabermusik, die sich gängigen Konventionen versperrt. Aber sie entspricht dem Zeitgeist. «Es gibt viele, die meine Sichtweise von Musik teilen», sagt Keller. «Wenn es uns Spass macht, kann es auch anderen Leuten Spass machen.» Auf ihrem Album spürt man die Liebe zum Sound, zum Verschrobenen, zu alten Instrumenten.

Reggae, ausgerechnet Raggae …

Die gängigen Genres und Schubladen waren gestern, heute sind sie unwichtig. Bei Hanreti ist das sehr gut zu hören: Sprechgesang trifft auf verträumte Kopfstimme, Gitarrenriffs auf effektgeladene Spielereien. Grenzen zerfliessen, jeder hört raus, was er will. Timo Keller erzählt: «Nach einem Gig in Deutschland wollten die Zuschauer Zugaben, wir spielten Zugaben, sie wollten noch mehr – letztlich spielten wir etwa vier Stunden. Wir jammten uns durch jegliche Genres und spielten sogar Reggae, obwohl wir Reggae hassen.» Hanreti scheint eine Band zu sein, bei der aus dem Moment heraus alles möglich ist.

«Hip-Hop ist für mich wie die erste Freundin: Sie bleibt extrem wichtig, obwohl sie nicht mehr da ist.»

Eine neue Seite von Hanreti zeigt der eben veröffentlichte Song «One», den sie mit den Luzerner Hip-Hoppern GeilerAsDu veröffentlichten – ein durchaus kritisches Stück: «Riiss die Schnorre uf, scheiss uf de Shitstorm. Ei klari Message: Refugees welcome!»

 

Die Kollaboration mit den Hip-Hoppern überrascht nicht. Timo Keller war vor Hanreti sein Leben lang Hip-Hopper, für ihn der Ursprung seines musikalischen Wirkens: «Hip-Hop ist für mich wie die erste Freundin, die bleibt extrem wichtig, obwohl sie nicht mehr da ist.»

Alternative Funk?

Was hat es eigentlich mit dieser Stilbezeichnung auf sich, mit der Hanreti ihren Sound beschreiben? Laut Timo Keller ein Kunstwort: «Wenn man eh in keine Schublade passt, definiert man eine eigene.» Etwas, das es gar nicht gibt – und auch rein nichts mit Funk zu tun hat. «Ich wollte einfach den dümmstmöglichen Namen als Bezeichnung suchen, den es gibt», sagt er schmunzelnd.

Nächstes Konzert von Hanreti: Freitag, 29. Januar, Im Schtei, Sempach

Heute ist es vor allem die Arbeitsweise, die Mentalität des Hip-Hops, die blieb: «Wir nehmen irgendeinen Stil, der uns interessiert, und machen Hanreti draus – dieser Aspekt von Hip-Hop ist immer noch stark präsent.»

«Mich interessiert einfach extrem viel Verschiedenes», sagt er. «Ich komme mir vor wie ein pubertierendes Kind, welches das erste Mal Rockmusik hört und alles aufsaugt.»
Es ist nicht nur Timo Keller selbst, sondern auch der Hip-Hop, der sich in Luzern öffnet – Indie-Rocker hören heute Moskito, Berührungsängste waren gestern.

Gedanklich immer einen Schritt voraus

Die Band Hanreti sprudelt vor Ideen – und auf denen will Timo Keller nicht sitzen bleiben, er will die «Dateileichen auf dem Computer loswerden», wie er es ausdrückt. «Früher hatte ich ein manisch-depressives Selbsbewusstsein: An einem Tag fand ich’s geil, am nächsten scheisse, heute will ich die Sachen teilen, das tut mir gut», sagt er.

So gesehen darf man einiges erwarten von Hanreti und Timo Keller in nächster Zeit. Die zweite Platte ist in der Pipeline, kein Jahr nach dem Debüt «Alt F», und wird wohl im Herbst erscheinen. Und Hanreti will in Deutschland noch mehr Fuss fassen. In Gedanken ist Timo Keller aber schon einen Schritt weiter – bei der übernächsten Platte. Und man kann eines mit Sicherheit sagen: Sie wird ganz anders tönen, als es Hanreti heute tut. «Wir sind ein Melting Pot von lustigen Ideen, die rausmüssen», sagt er. Dass sie Fans vor den Kopf stossen damit – gekauft.

Hören Sie hier 5 Songs von Hanreti vom Album «Alt F» (Little Jig, 2015):

 

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