Für ihn ist die Gitarre das lebendigste Instrument überhaupt: Richard Koechli. (Bild: hae)
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Für ihn ist die Gitarre das lebendigste Instrument überhaupt: Richard Koechli. (Bild: hae)

Luzerner spielt herrlich lebendig gegen den Tod der Gitarre an

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Richard Koechli tourt seit Jahrzehnten als Gitarrist, Sänger und Songschreiber, eröffnet Festivals und spielt Stimmungen zu Filmen. Weil er seinen Instrumenten die emotionalste Musik entlockt, klampft er wacker gegen den anstehenden Tod der Gitarre an – heulend und jauchzend.

Mathias Haehl

Da sitzt er auf seinem bunten Sofa im Luzerner Hinterland, vor sich vier seiner rund fünfzehn Gitarren. Liebevoll streichelt Richard Koechli seine Relish, eine dieser edlen Gitarren aus Sempacher Fabrikation (zentralplus berichtete). Lustvoll lässt er seine Hände über die Saiten streichen, entlockt dem Holzkorpus melancholische Töne, dann streift er mit dem Flaschenhals (bottleneck) über den Lauf – man hört die Schwermut des Blues. Und geniesst. Bei Egolzwil ist die Welt noch in Ordnung.

«Meine Helden waren früher Mark Knopfler, J. J. Cale, Ry Cooder und Eric Clapton», sagt der Luzerner Gitarrist. «Ich trage ihre Musik in meiner DNA. Weil dieses Quartett in mir einst das Feuer auslöste, mein Leben mit Musik zu bestreiten.» Er hört deren Alben immer wieder gerne und hat auch die ganz alten Blueser studiert. Doch wenn Koechli selber auftritt oder ins Studio geht, pflegt er seinen eigenen Stil: «Ich will keine Parodie dieser Götter sein, sondern meine eigene Geschichte erzählen.»

«Jäher Tod der Gitarre? Ach was, das kann ich nicht glauben.»

Richard Koechli, Luzerner Musiker

Doch es herrscht Götterdämmerung, denn die Jugend frönt in den Tanzschuppen dem Hip-Hop und der elektronischen Musik, salopp und sehr technisch EDM (Electronic Dance Music) genannt. Geht es nach den Leitmedien der Musikbranche, steht der Gitarre der jähe Tod bevor, und legendäre grosse Instrumentenbauer wie Gibson sind bedroht.

Richard Koechli zu Hause auf seinem Sofa, in der Hand eine Luzerner Relish-Gitarre.
Richard Koechli zu Hause auf seinem Sofa, in der Hand eine Luzerner Relish-Gitarre. (Bild: hae)

«Ach was, das kann ich nicht glauben», sagt der 56-jährige Koechli. Dazu lässt er seine Relish aufheulen, er steht auf und streicht liebevoll über seine anderen Saiteninstrumente, die im Ständer darauf warten, ebenfalls vom Luzerner Bluesmeister gespielt zu werden.

Konzert im Schweizerhof

Richard Koechli übt und spielt fleissig in diesen Tagen: Schliesslich hat er sein achtes Album «Parcours» veröffentlicht, und am 29. März findet im Luzerner Hotel Schweizerhof am «Spring Blues Night»-Festival die Plattentaufe statt. Koechli hat schon oft bei den Hotelier-Brüdern Patrick und Michael Hauser gespielt, sei es anlässlich der diversen hochkarätigen Festivals in der Stadt, des Blue Balls oder des Lucerne Blues Festivals.

«Richard Koechli ist für mich einer der besten Musiker der Schweiz.»

Kari Bründler, Präsident des Lucerne Blues Festivals

Weshalb Koechli tatsächlich der «Luzerner Bluesmeister» ist, unterstreicht Kari Bründler, Präsident des Lucerne Blues Festivals: «Mich fasziniert an Richi Koechli, wie er den Zugang zum Blues sucht und findet. Er spielt die alten ursprünglichen Songs aus der Entstehungszeit dieser Rootsmusik und bringt diese mit seinem virtuosen Stil in die heutige Zeit. Zudem findet er den Zugang nicht nur über die Musik, sondern auch über seine Bücher. Koechli ist für mich einer der besten Musiker der Schweiz.»

Hier sieht man Richard Koechli live und im Interview:

Das haben auch viele andere Bands erkannt und spannen den Luzerner immer wieder für Alben oder Tourneen ein: Polo Hofer selig tat das, Blues Max tut es immer noch, aber auch der Luzerner Reto Burrell oder die Sängerin Lilly Martin (live am 16. Juni in Hitzkirch).

Zutiefst berühren

Doch am liebsten spielt Koechli in seiner einstigen Heimatstadt: «Luzern hat den Blues, es ist eine Stadt der traditionellen Rockmusik.» Umso schöner, dass es hier zwei so hochkarätige Festivals gibt, die auf Koechlis gefühlvolle Musik setzen. Eine Musik, in der die Gitarre den wichtigsten Part hat.

Der Bandleader und Komponist war schon an vielen Bluesfestivals zu Gast.
Der Bandleader und Komponist war schon an vielen Bluesfestivals zu Gast. (Bild: hae)

Der Musiker weiss, wovon er spricht: «Mit einer Gitarre kann man die Leute immer noch zutiefst berühren, sie ist ein äusserst emotionales Instrument.» Koechli verweist darauf, dass die Finger auf den Saiten jeweils den persönlichen Klang ausmachen. «Man erkennt doch sofort, wenn Carlos Santana, Eric Clapton oder David Gilmour spielen – da hat jeder einzelne sein eigenes Timbre.»

«Ganz wenige grosse Stilisten haben enorm wichtige Trends geprägt.»

Richard Koechli

Im Gegensatz zum Klavier, wo die Taste den Hammer betätigt und dann erst die Saite angeschlagen wird, geniesst die Gitarre den direkten Kontakt zum Künstler. «Saiteninstrumente muss man individuell anschlagen, dann kommt noch das individuelle Material dazu – diese Akustik-Gitarre, eine handgemachte Palomas, gibt es nur in einer Ausführung, nämlich meiner.»

«Dazu kommen noch die unendlichen Klangkombinationen des Verstärkers und allfälliger Effektgeräte.» Koechli ist fasziniert, wenn er erzählt: «Die Vielfalt ist enorm, und dennoch haben ganz wenige grosse Stilisten enorm wichtige Trends geprägt. Und das soll jetzt vorbei sein?»

Handgemachtes von Ed Sheeran

Sofort sind wir im Gespräch bei Ed Sheeran, der solo mit seiner Klampfe die grössten Hallen der Welt füllt und im Sommer gleich zweimal das Letzigrund-Stadion verzaubern wird (3. und 4. August). Richi Koechli: «Sheeran beweist, dass Handgemachtes immer noch einen Markt findet. Das Schöne daran: Er ist ein total normaler Typ, trinkt auch gern mal ein Glas zu viel ...»

Dass einer wie Sheeran den Spirit des Strassenmusikers aufrecht erhält, darüber lässt sich neidlos freudig sein. Und das tut auch Richard Koechli: Er spielt immer, als sei es der schönste und gleichzeitig traurigste aller Tage. In solcher Musik kann man sich herrlich suhlen.

Doch der Druck ist gross: Dem kinderlosen Koechli reicht sein Musikmachen knapp zum Überleben, er ist froh, dass er auch noch mit seinen Büchern Erfolg hat. Vor allem in Deutschland haben sich viele seiner mittlerweile fünf Lehrbücher für angehende Gitarristen bestens verkauft: «Mehr als 50'000 Stück sind es seit 1997, gepusht von einem grossen Verlag. Ich gelte mittlerweile als Gitarrenautor», sagt Koechli mit einem Schmunzeln.

Stones: Pimmel-Wettstreit

Er geht zu seinem Regal, in dem Biografien stehen: die vom Bluesvater B. B. King, die er liebt. Oder die von Rolling-Stones-Kämpe Keith Richards, bei deren Lektüre er eine Hassliebe empfand: «Mir gefallen die Anekdoten mit den Stones – aber ich habe Mühe damit, dass er sich als Junkie mit Herzblut hochstilisiert und seitenweise darüber philosophiert, wer jetzt den grösseren Pimmel hat, er oder doch Mick Jagger.»

«Ich liebe die Melodie-Verliebtheit von Mark Knopfler.»

Kindisches Machozeugs! Gehört zwar immer mal wieder auch zur Branche. Doch Richard Koechli kennt die Geschichte der Musik, des Blues – und hat kürzlich auch selber eine Biografie verfasst, über die Chicago-Legende Tampa Red. Titel: «Der vergessene König des Blues».

Wer Koechli einmal bei einer mitternächtlichen Heimfahrt nach einem seiner gefeierten Konzerte erlebt hat, lauscht gerne seinem Storytelling: «Ich liebe die Archaik eines Blind Willie Johnson, die Melodie-Verliebtheit von Mark Knopfler, die ungeheure Leidenschaft von Stevie Ray Vaughan.»

Live die schönsten Stories

Aber die schönsten Geschichten, die erzählt Koechli in seinen Songs und auf seiner Gitarre. Wenn er zart über die Saiten streicht ... Im Schweizerhof ist das wieder in der Region zu erleben, dann wird Koechli mit seiner Blue Roots Company die Musik der Vergangenheit in die Gegenwart holen.

Wie das ist? Ältere Männer mit holzigen Gitarren spielen den Blues, diese berührend traurige November-Musik aus den Baumwollfeldern der Mississippi-Region, mit Geschichten aus dem Hier und Jetzt. Man darf sich freuen.

Der Blues macht ihn melancholisch: Richard Koechli.
Der Blues macht ihn melancholisch: Richard Koechli. (Bild: hae)

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