Beruf & Bildung
Risikofaktor Migrationshintergrund

Diese Jugendlichen haben in Luzern eine zu tiefe Abschlussquote

Die Luzerner Regierung will, dass mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund eine Matura oder eine Berufslehre abschliessen. (Bild: Alexis Brown/Unsplash)

Im Kanton Luzern schliessen nur drei von vier Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die im Ausland geboren sind, eine Matura oder Berufslehre ab. Das will der Kanton ändern, wie aus einem neuen Bericht hervorgeht. Doch tut er dafür genug? Kaum.

Die Luzerner Regierung präsentiert ihren neuen Planungsbericht über die weitere Entwicklung der Volksschule, der Gymnasien und der Berufsbildung (zentralplus berichtete).

Unter anderem fasst die Luzerner Regierung auch die Abschlussquote aller 25-Jährigen ins Auge, die eine Ausbildung zur Matura oder eine Berufslehre begonnen haben. Zurzeit liegt diese Quote im Kanton Luzern bei 95,6 Prozent. Von den Jugendlichen mit Migrationshintergrund weisen aber deutlich weniger einen Abschluss vor. Bei den 25-Jährigen, die in der Schweiz geboren wurden, liegt die Quote bei 90,7 Prozent. Bei den 25-Jährigen mit Migrationshintergrund, die im Ausland geboren sind, weisen nur 76 Prozent eine Matura oder eine abgeschlossene Berufslehre vor.

Regierung will Deutschkenntnisse fördern

Der Luzerner Regierung genügt das nicht: Sie definiert als Ziel, die Abschlussquote aller 25-Jährigen im Kanton Luzern auf 98 Prozent zu erhöhen. Die Lösung sieht die Regierung darin, Deutsch als Zweitsprache mit einem alle Schulstufen übergreifenden Konzept künftig noch stärker zu fördern. Nach dem Abschluss auf der Sekundarstufe II sollen möglichst alle Lernenden mindestens über das Deutsch-Niveau B2 verfügen, damit ihnen auch Weiterbildungen offenstehen.

Jugendliche sind schnell überfordert

Doch warum ist die Abschlussquote bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund überhaupt so tief? Das fragen wir Hamit Zeqiri. Er ist seit rund sieben Jahren Geschäftsführer von Fabia, dem Kompetenzzentrum Migration. Jugendliche, die während der Schullaufbahn migrieren, sind mit diversen Herausforderungen konfrontiert, sagt Zeqiri.

«Bei der Förderung von Deutschkenntnissen anzusetzen ist richtig, reicht aber nicht ganz.»

Hamit Zeqiri, Fachstelle Fabia

Vieles sei «plötzlich» anders: die Sprache, das Land, das Schulsystem, das Umfeld. «Mit all diesen Herausforderungen ist ein Teil der Jugendlichen überfordert und kann das vorhandene persönliche Potenzial leider nicht ganz ausschöpfen», schlussfolgert Zeqiri.

Zugezogene über das Schulsystem aufklären

Der Sozialarbeiter spricht von einer paradoxen Situation: «Einerseits haben wir einen Viertel der Jugendlichen, die im Ausland geboren sind und die keinen Abschluss schaffen. Anderseits besteht ein Überangebot an Lehrstellen. Die vorhandenen Synergien werden nicht optimal genutzt.» Gleichzeitig werden jedes Jahr Tausende von Fachpersonen aus dem Ausland geholt.

«Bei der Förderung von Deutschkenntnissen anzusetzen ist richtig, reicht aber nicht ganz», sagt Zeqiri im Hinblick auf die Pläne der Luzerner Regierung. Es sei enorm wichtig, eingewanderte Familien verstärkt aufzuklären. «Insbesondere am Anfang ist es ganz zentral, dass neu Zugezogene gut über das Leben in der Schweiz und insbesondere über das Schulsystem Bescheid wissen», sagt er. «Viele Menschen kennen beispielsweise das duale Schulsystem nicht gut.»

Hamit Zeqiri Fabia Luzern
Hamit Zeqiri, der Geschäftsführer von Fabia Luzern. (Bild: Marjana Ensmenger)

Lehrer trauen Jugendlichen mit Migrationshintergrund weniger zu

Zudem müssten Lehrpersonen, Arbeitgeberinnen und die Öffentlichkeit stärker sensibilisiert werden. So sagte Bildungsexperte Andrea Lanfranchi kürzlich gegenüber der «NZZ am Sonntag», dass unter anderem auch die Erwartungshaltung der Lehrpersonen gegenüber Kindern mit Migrationshintergrund eine Rolle spiele. «Sie unterschätzen teilweise deren Potenzial und trauen ihnen weniger zu – also leisten diese schliesslich weniger. Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, bekannt auch als Pygmalion-Effekt.»

Und weiter: «Es gibt hingegen auch umgekehrte Beispiele, die zeigen, wie Lehrpersonen durch Ermutigung und Bestätigung viel mehr aus solchen Kindern herausholen können, als man vermutet hätte.»

«Es darf nicht sein, dass die Herkunft eine so grosse Rolle spielt. Das findet ja auch die Regierung. Ihre Lösung des Problems ist aber recht bescheiden.»

Urban Sager, SP-Kantonsrat

So schlussfolgert auch Zeqiri, dass eine stärkere Sensibilisierung sinnvoll wäre. Er verweist auf diverse Studien, die das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung belegen. «Die mangelnden Sprachkenntnisse wirken sich negativ aus auf den gesamten Eindruck, den Lehrpersonen und Arbeitgebende von einer Person haben.»

Kritik hagelt's von der SP Luzern

Auch der Luzerner SP genügt der Vorschlag der Regierung nicht. Sie kritisiert, dass es die Regierung verpasse, die geforderte Erhöhung mit spezifischen Massnahmen zu konkretisieren. «Dass ein Viertel aller Jugendlichen, die im Ausland geboren sind, über keinen Abschluss verfügen, regt zum Nachdenken an», sagt SP-Kantonsrat Urban Sager auf Anfrage. «Es darf nicht sein, dass die Herkunft eine so grosse Rolle spielt. Das findet ja auch die Regierung. Ihre Lösung des Problems ist aber recht bescheiden.»

Die Sprache sei zweifellos einer der zentralen Punkte, um Chancengerechtigkeit herzustellen. Ein stärkeres Engagement in der frühen Sprachförderung begrüsst Urban Sager deswegen explizit. Doch wie Hamit Zeqiri findet auch er: «Nur reicht das alleine nicht, um allen Menschen im Kanton Luzern mit dem notwendigen Potenzial einen Abschluss zu ermöglichen.»

Sager fordert zusätzliche Massnahmen. Beispielsweise eine bessere Sensibilisierung auf unser Schulmodell. Oder bei einzelnen Jugendlichen mit Migrationshintergrund genauer hinzuschauen, warum sie in den Programmen scheitern.

Wie genau diese Massnahmen aussehen könnten, kann Sager schwer sagen, das Thema sei komplex. «Es braucht eine vertiefte Analyse, um herauszufinden, wo die Ursachen genau liegen und mit welchen Mitteln diese bekämpft werden könnten. Ich hätte mir gewünscht, dass die Regierung das bereits gemacht oder zumindest in Aussicht gestellt hätte.»

SP-Kantonsrat Urban Sager. (Bild: zvg)

Kanti Reussbühl unterstützt mit Förderprogramm zugezogene Schülerinnen

Sager erwähnt auch ein Förderprogramm der Kantonsschule Reussbühl. Dieses richtet sich insbesondere an Schüler mit Migrationshintergrund, die genügend Potenzial und Motivation für das Gymnasium mitbringen, von ihren Eltern aber (finanziell) nicht genügend unterstützt werden können. Der SP-Kantonsrat fordert: «Das vorbildliche Förderprogramm der Kantonsschule Reussbühl muss auf alle Kantonsschulen erweitert werden.»

Wie Rektorin Annette Studer schreibt, sei das Förderprogramm laufend weiterentwickelt worden. So hat die Kanti ab dem zweiten Programmjahr ein individuelles Nachhilfeangebot und ein Tutorium für die Maturaarbeit eingeführt.

Das Kernstück des Förderprogramms bildet ein individuelles Coaching durch eine erfahrene Lehrperson. Daneben besuchen die Schülerinnen einen Förderkurs in Deutsch und Mathematik. Zweimal wöchentlich erhalten Schüler der 1. bis 3. Klasse betreute Lernlektionen und bei Bedarf Nachhilfe von Maturandinnen.

Annette Studer zieht eine positive Zwischenbilanz. Insgesamt profitierten seit dem Programmstart im Januar 2020 zirka 70 Schülerinnen vom Förderprogramm. «Die Förderprogrammteilnehmerinnen und -teilnehmer werden bei ‹Chance KSR› in ihrer persönlichen Entwicklung gefördert, ihre Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit werden bestärkt und im Rahmen von Nachhilfeunterricht und zusätzlichen Deutschkursen werden sie auch fachlich unterstützt.»

Recht geben ihr auch die Zahlen: Zwischen 89 und 94 Prozent aller Schüler, die am Förderprogramm teilgenommen haben, haben das Schuljahr auch erfolgreich gemeistert.

Annette Studer, die Rektorin der Kantonsschule Reussbühl. (Bild: zvg)
Verwendete Quellen
  • Planungsbericht über die weitere Entwicklung der Volksschule, der Gymnasien und der Berufsbildung im Kanton Luzern
  • Medienmitteilung der SP Kanton Luzern
  • Telefonat mit Urban Sager
  • Schriftlicher Austausch mit Hamit Zeqiri
  • Schriftlicher Austausch mit Annette Studer
  • Medienbericht der «NZZ am Sonntag»
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