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Zehn Jahre später: Die Groupie-Euphorie bleibt aus
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Man darf aufatmen: Wake-Leadsänger Thomas Büchis Stimme funktioniert noch immer einwandfrei. (Bild: gu )

Wake tauft neue Platte «Harbor of Waste» Zehn Jahre später: Die Groupie-Euphorie bleibt aus

4 min Lesezeit 21.01.2018, 10:46 Uhr

Die Zuger Band Wake gab letzten Sommer ein Comeback am Rock The Docks. Am Samstag feierte die nach zehn Jahren wiedervereinte Band in der Galvanik mit «Harbor of Waste» Plattentaufe. Das Fazit: solider Rock, durchaus. Doch etwas Drive blieb über die Jahre auf der Strecke.

Damals, 2002, türmten wir illegalerweise vom Pfadi-Wochenende, verliessen nächtens unsere nach Rauch riechenden Schlafsäcke, um auf leisen Sohlen durch den Steinhauserwald zu eilen und dann wenig später mit dem Velo gen Industrie 45 zu blochen, nur um das Wake-Konzert, das dort gespielt wird, um keinen Preis zu verpassen.

Und auch wenn unser Verschwinden später bemerkt und deutlich missbilligt wurde, kann man mit voller Inbrunst sagen: Es hat sich gelohnt. Und wie. Denn wie hätten wir auf Thomas Büchis starke Stimme, die aufregenden Gitarrenriffs, die eingängigen Melodien und die auch für uns Teenies verständlichen Texte verzichten können? Wir waren Fans, ach was, wir schrammten knapp am Groupie-Dasein vorbei, hatten während all der gesehenen Konzerte Herzklopfen. Nicht nur vom wilden Tanzen. Kam niemand mit, so reiste man gar mutterseelenallein ans Openair Bischofszell, nur um die Zuger Band nicht zu verpassen.

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Stellt sich erneut ein Groupie-Gefühl ein?

Und dann – irgendwann – verschwanden die Teenager-Jahre, die Tendenz zum vollkommenen Fan-Dasein versickerte im Erwachsenwerden und mit ihm auch die konsequente Präsenz an jedem einzelnen Wake-Konzert. Bis irgendwann auch Wake versickerte. In den eigenen Lebensentwürfen der Zuger Musiker, die plötzlich ebenfalls erwachsen geworden waren. Doch nun, oh Freude, finden die Freunde nach zehn Jahren wieder zurück (zentralplus berichtete). Und bringen gleich ein Album heraus. Und weil wir neugierig sind, ob uns Wake noch immer von den Socken hauen kann, gehen wir hin, in die Galvanik, und hören uns «Harbor of Waste» live an.

Noch bevor jedoch die wiedervereinte Band auf die Bühne tritt, beehren «Motor» das Publikum. Martin Flückiger und Aldo Caviezel, zwei Männer mit starken Stimmen, umgarnen das Publikum mit herrlich bluesigen Stücken auf Englisch, Bern- und Zugerdeutsch.

Die Fans von früher kommen auch heute

Das Publikum ist zahlreich erschienen. Täuscht es oder sind viele Gesichter darunter, die man auch vor 15 Jahren an den Wake-Konzerten antraf? Und da kommen sie, Wake, mit neuer Platte und in alter Formation. Mit Schlagzeuger Pascal Vidi, den Gitarristen Thomas Bonati und Christoph Seiler, Bassist Sandro Glanzmann sowie Leadsänger Thomas Büchi. Vor der Bühne tummeln sich eine Menge Kinder mit Ohrenschützern. Unschwer zu erkennen sind es wohl jene der Bandmitglieder.

Wake legt los mit «Lord on Parole». Und man kann aufatmen. Das ist nach wie vor solider Rock, der da von den fünf Herren geboten wird. Büchis Stimme «verhebt» nach wie vor, ist kräftig, klar. Nach wie vor erinnert sie an Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder. Und auch alle anderen Bandmitglieder beherrschen ihre Instrumente nach wie vor. Und doch wirkt die Musik anfangs etwas verhalten. Es scheint, als würde die Spielfreude von der Nervosität im Zaum gehalten.

Politischer, dafür weniger eingängig

Und wenn auch die neue Musik von Wake durchaus einen gewissen Wiedererkennungseffekt hat, haben sich die Songs verändert. Im Lied «Harbor of Waste» etwa schwingt eine neue, bewusst monotonere Note mit, die man bisher so nicht kannte von der Zuger Band. Politischer sind sie zudem geworden, wie «Fake Hands» verrät. Ein Song, der sich klar gegen den amerikanischen Präsidenten richtet. Und der deutlich weniger eingängig ist wie frühere Songs der Band.

So weiss das Publikum denn insbesondere auch ältere Songs wie etwa «Chromosome» zu schätzen, bei denen das wohlwollende Kopfnicken deutlich zunimmt und bei denen sich auch die Bandmitglieder auf der Bühne wohler zu fühlen scheinen.

Zurück zu altbekannter Entspanntheit

Ein Intermezzo folgt, die Platte wird getauft, um nicht zu sagen im Champagner ersäuft, bevor die Band mit «Humble Man» erneut zum Spiel ansetzt. Hier spürt man deutlich, dass Wake einen gesetzteren Kurs fährt. Weniger wild als früher. Überlegter? Wahrscheinlich. Dafür auch mit weniger Drive. Gegen Schluss findet die Band jedoch immer mehr zu altbekannter Entspanntheit und Harmonie zurück und vom Zuschauerraum aus wird klar, dass die da oben auf der Bühne ziemlich viel Spass haben.

Ein gutes Gefühl bleibt. Und die Hoffnung, dass der Band neben Familien, Kindern und Jobs weiterhin noch etwas Zeit bleiben möge, um leidenschaftlich Musik zu machen. Und diese auch vor Publikum zu zeigen. Denn selbst wenn die Band beim ehemaligen Groupie keine Euphorie mehr auslösen kann, ist die Band durchaus sehenswert.

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