Wirtschaft
«Coronafreie Blase» in den Beizen

Corona-Erholung: Luzerner Gastro boomt, Detailhandel ächzt

An schönen Herbsttagen waren die Terrassen der Luzerner Beizen gut besucht. (Bild: ewi)

Der Schock der Corona-Pandemie war sowohl für die Gastronomie als auch für den Detailhandel ähnlich gross. Die Erholung verläuft in den beiden Branchen in Luzern jedoch unterschiedlich. Auch weil sich die Luzerner nach sozialen Kontakten, aber nicht nach überfüllten Läden gesehnt haben.

Die Corona-Pandemie und insbesondere die Lockdowns trafen die Beizen und die Läden hart. Zuerst mussten sie ihre Betriebe komplett schliessen. Und durften sich danach nur zögerlich und unter Berücksichtigung strenger Auflagen langsam wieder an den Normalzustand annähern.

Aber was heisst hier Normalzustand? Noch immer hat uns die Corona-Pandemie fest im Griff und dominiert unseren Alltag – zurzeit wieder besonders stark. In allen Läden gilt eine Maskenpflicht und ins Restaurant kommt man nur mit gültigem Covid-Zertifikat. Entsprechend spannend ist die Frage, wie es den Luzerner Beizen und Läden in der aktuellen Situation geht und welche Erwartungen diese für die nähere Zukunft haben.

Als Stimmungsbarometer im Kanton Luzern dient der Konjunkturbericht des Luzerner Statistikportals Lustat. Dieses erfasst all Quartal die Geschäftslage von Detailhandel und Gastgewerbe sowie deren Aussichten fürs nächste halbe Jahr. Und obwohl beide Branchen durch Corona ähnlich stark eingeschränkt waren, ist die Gefühlslage in der Gastronomie besser als im Detailhandel.

Zwar ist die Luzerner Innenstadt an diesem Samstag voller Menschen. Doch den Massen und den Black-Friday-Aktionen zum Trotz: Während sich die Geschäftslage in der Gastronomie im letzten Quartal erneut verbessert hat, ist sie im Detailhandel gesunken. Wie kann das sein? zentralplus hat beim Experten nachgefragt.

Sehnsucht nach sozialen Kontakten

Stefan Lüthi ist an der Hochschule Luzern Dozent für Regionalökonomie. Als solcher ist er nah dran am Konjunkturverlauf in unserer Region und kennt die Stimmungslage der lokalen Betriebe.

«Man fühlt sich wie in einer coronafreien Blase. Das ist nach der langen Durstrecke für viele ein Erlebnis.»

Stefan Lüthi, Dozent Hochschule Luzern

Er sagt, dass sich die Menschen nach bald zwei Jahren Pandemie-Modus nach Normalität und sozialen Kontakten sehnen. «Mit Zertifikat geht diese Sehnsucht im Restaurant in Erfüllung: Ins Restaurant eintreten, Zertifikat zeigen und Maske ab.» Danach könne man sich im Restaurant ganz normal bewegen – wie vor der Pandemie also. «Man fühlt sich wie in einer coronafreien Blase. Das ist nach der langen Durststrecke für viele Kundinnen ein Erlebnis.»

Detailhandel kämpft gegen Online-Boom

Anders präsentiere sich die Situation im Detailhandel. Die Menschen hätten während der Pandemie gelernt, ihre Einkäufe online zu tätigen. Sie hätten gemerkt, dass der Online-Handel eigentlich ganz praktisch ist. «Im Gegensatz zu physischen sozialen Kontakten kann man das Einkaufen ins Internet verschieben.» Das sei der Vorteil von Restaurants. Dieses Erlebnis können die Menschen nicht durch das Internet ersetzen.

«Zudem ist es nicht sehr angenehm, mit Maske und anlaufender Brille stationär einkaufen zu gehen», ergänzt der Regionalökonom. Hinzu kommt, dass viele Leute grosse Menschenmengen und überfüllte Läden, wie etwa am Samstag in einem Kleidergeschäft, meiden würden. In Restaurants hingegen lassen sich die Besucherströme geordneter lenken – und das Gefühl von Enge somit vermeiden.

Negativer Effekt des Covid-Zertifikats bleibt aus

Die Daten zur Konjunktur von Lustat überraschen auch insofern, weil für Restaurants seit Mitte September eine Zertifikatspflicht gilt. Gross war damals die Aufregung in gewissen Kreisen der Gastro-Branche, die heftige Umsatz-Einbussen erwarteten (zentralplus berichtete). Die Ergebnisse der Lustat-Analyse scheinen diese Befürchtungen zu widerlegen.

«Die Restaurants haben gemerkt, dass die Kunden mit Zertifikat auch wirklich kommen.»

Stefan Lüthi, Dozent Hochschule Luzern

Entsprechend optimistisch sind auch die Aussichten der Luzerner Gastronomie für das nächste halbe Jahr. Stefan Lüthi erklärt, dass der Mensch als soziales Wesen einen Treffpunkt brauche – und diesen im Restaurant findet: «Die Restaurants haben gemerkt, dass die Kunden mit Zertifikat auch wirklich kommen, und dass man das Ganze relativ einfach organisieren kann.»

Optimistisch auf die nächsten sechs Monate blicken gemäss Lustat auch die Detailhändler. Diese Zuversicht dürfte mit dem bevorstehenden Weihnachtsgeschäft zusammenhängen, welches für die Branche besonders wichtig ist (zentralplus berichtete). Bei den derzeit steigenden Corona-Fallzahlen ist dieser Optimismus allerdings fragil. Für die Restaurants kann sich die aktuelle Corona-Situation aber auch als kurzfristiger Vorteil erweisen. So sagt Stefan Lüthi: «Die Leute wollen nach langer Durststrecke alle wieder einmal auswärts essen. Oder wollen es nochmals machen, bevor der nächste Lockdown kommt.»

Zur Methodik:

Die Daten von Lustat basieren auf den Erhebungen der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Diese Stelle befragt all Quartal rund 11’000 Unternehmen in der Schweiz zu ihrer Geschäftslage und ihren Erwartungen. Für aussagekräftige kantonale Ergebnisse wurden die Luzerner Stichproben der Branchen Industrie, Detailhandel, Baugewerbe und Gastgewerbe aufgestockt. Die meisten Fragen in der Befragung sind qualitativer Natur.

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