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Wirte ärgern sich über Subventionen für Libelle
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Die neue Quartierbeiz «Libelle» sorgt bei einigen Gastronomen im Maihofquartier für Ärger. (Bild: Andrea Zimmermann)

Luzerner Quartierbeizen spüren Konkurrenz Wirte ärgern sich über Subventionen für Libelle

5 min Lesezeit 01.11.2014, 12:59 Uhr

Während sich im Maihof viele über die neue Quartierbeiz Libelle freuen, sorgt diese bei einigen Gastronomen in der Umgebung für Ärger und Existenzängste. Stein des Anstosses sind die Subventionen und eine Defizitgarantie, welche die Libelle angeblich erhält und ohne die es der Gastronomiebetrieb schwierig hätte, sich zu behaupten. «Alles nur ein Missverständnis», erklärt Franziska Kramer, Geschäftsführerin der Libelle.

In der Gastronomieszene im Luzerner Maihofquartier brodelt derzeit die Gerüchteküche. «Es ist immer wieder dasselbe», lacht Peter Burri. Angeblich würde der Maihöfli-Wirt auf Ende Jahr den Kochlöffel hinschmeissen. «Ich werde alle paar Jahre von Leuten auf solche Gerüchte angesprochen und frage mich, woher das kommt», meint Burri weiter. So sei schon oft erzählt worden, dass er ein zweites Projekt aufnehmen oder ins Stadtzentrum ziehen würde.

Die neuste Gerüchtewelle begann nach der Eröffnung der Libelle im Mai dieses Jahres. Die neue Quartierbeiz an der Maihofstrasse ist für gewisse Gastronomiebetriebe aus der näheren Umgebung eine harte Konkurrenz und sorgt bei einigen Wirten für Ärger und Existenzängste.

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Gerüchte über Subventionen und eine Defizitgarantie

«Ich finde die Libelle bereichert das Quartier», sagt Burri, der das über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Restaurant Maihöfli nun bereits seit 17 Jahren betreibt. Für ihn sei die neue Quartierbeiz auch keine Konkurrenz und schon gar kein Grund aufzuhören. Man verfolge völlig unterschiedliche Konzepte. «Die Libelle bringt neue Leute ins Quartier», meint Burri und betont, dass er dadurch keine Stammgäste verloren habe.

Hinter vorgehaltener Hand ärgern sich andere Wirte jedoch darüber, dass die Libelle subventioniert würde und von der Trägerin der Beiz, dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk Zentralschweiz (SAH), für die ersten drei Jahre eine Defizitgarantie erhalten habe. So wurde dies auch in einem Artikel der «Neuen Luzerner Zeitung» im vergangenen Juli öffentlich gemacht, was die Gerüchteküche zusätzlich angeheizt hat.

Einige Wirte werfen der neuen Quartierbeiz vor, dass sie ohne die Subventionen und die Defizitgarantie einen schwierigen Stand auf dem freien Markt hätte. Zudem könne es kaum profitabel sein, einen Gastronomiebetrieb mit so vielen Angestellten zu betreiben. Die Libelle beschäftigt neben den elf Festangestellten derzeit auch acht Personen, die IV-Leistungen oder wirtschaftliche Sozialhilfe beziehen und durch ihre Beschäftigung im Restaurant und eine entsprechende Schulung auf den «normalen» Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollen.

«Wir können beweisen, dass wir den Betrieb so führen können», sagt Franziska Kramer, die Geschäftsführerin der Libelle. «Und der Erfolg gibt uns recht.» Tatsächlich besitzt die neue Quartierbeiz an der Maihofstrasse eine grosse Ausstrahlungskraft und kann sich nicht über ausbleibende Gäste beklagen.

«Man weiss nie, was morgen kommt»

Anders sieht dies ein paar Häuser weiter im Café-Restaurant Cherry aus. «Für uns ist es schon seit ein paar Jahren schwierig, trotz unseres guten Standorts», erzählt Snezana Dzajic. Die Bosnierin betreibt das Restaurant seit 15 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann, ohne zusätzlich eingestelltes Personal. «Seit die Libelle da ist, ist es für uns noch schlimmer geworden. Für unser Überleben ist jeder einzelne Gast wichtig», so die Wirtin. An gewissen Tagen sei das Restaurant voller Gäste, an anderen wiederum fast leer.

«Es ist unberechenbar geworden. Man weiss nie, wie viele Mahlzeiten man vorbereiten soll.» Dennoch sind dem Wirtepaar einige treue Stammgäste geblieben. «Wir kommen regelmässig hierher», sagt Jakob Meierhans beim gemütlichen Nachmittags-Jass. «Man muss schon weit suchen, bis man ein Restaurant findet, wo man so herzlich willkommen geheissen wird», fügt seine Frau Lisbeth hinzu. Es seien vor allem der charmante Service und die gute Küche, welche sie seit Jahren regelmässig aus Ebikon ins Cherry führen würden.

Neue Ideen brauchen Geld

Für die schwierige wirtschaftliche Situation des Betriebs will Snezana Dzajic jedoch nicht unbedingt die Libelle verantwortlich machen. «Die Quartierbeiz von früher gibt es längst nicht mehr. Es ist alles viel anonymer und distanzierter geworden. Heute sind den Leuten andere Dinge wichtiger geworden.» Aber auch das Rauchverbot habe es für den Gastronomiebetrieb nicht einfacher gemacht. «Wir müssten einfach modernisieren», meint Dzajic. «Aber für neue Ideen braucht man Geld.» Doch das Geld für neue Investitionen fehlt dem Ehepaar. Trotzdem versuche man irgendwie, zu überleben.

Angesichts der Existenzängste, die bei der Familie Dzajic derzeit einen grossen Raum einnehmen, wie auch dem Ärger anderer Wirte, stellt sich die Frage, was tatsächlich hinter den Gerüchten um eine «subventionierte Konkurrenz» durch die Libelle steht. «Dieses Missverständnis kursiert schon seit längerem», meint Franziska Kramer. Daher habe man auch ein klärendes Gespräch mit einigen Wirten aus der Nachbarschaft geführt. Man versuchte ihre Bedenken ernst zu nehmen und die offenen Fragen zu klären. «Die Gemeinden bezahlen einen finanziellen Beitrag für die Qualifizierung der Teilnehmenden. Das Ziel der Mitarbeit in der Libelle ist die anschliessende Integration in den normalen Arbeitsmarkt. Diese Unterstützung ist somit keine Subventionierung und keine Defizitgarantie, sondern das Bezahlen einer Dienstleistung», betont Kramer.

Libelle muss selbsttragend geführt werden

Der Gastro- und der Integrationsbereich seien in der Libelle strikt getrennt, wobei zwei verschiedene Kostenrechnungen geführt würden. «Wir müssen genau gleich rechnen, wie alle anderen Betriebe auch», so Kramer. «Der Gastronomiebetrieb muss selbsttragend geführt werden, ansonsten müssten wir dicht machen.» Damit meint Kramer nicht nur die Beiz sondern auch das Integrationsangebot der Libelle, das es ohne eine funktionierende Restauration nicht geben könnte.

Dafür, dass dies von Anfang an klappt, habe man von der Zürcher Drosos-Stiftung eine dreijährige Anschubfinanzierung für das Arbeitsintegrationsprogramm erhalten. Für die Programm-Mitarbeiter, die vom Sozialamt oder der IV zugewiesen werden, erhält die Libelle pro Person einen Beitrag von der entsprechenden Stelle. «Dieser fliesst jedoch vollumfänglich in die Qualifizierung, Betreuung und Bildung der Programm-Mitarbeitenden», so Kramer. Diese erhalten in den Schulungsräumen der Libelle Deutschunterricht, eine Gastro-Fachschulung und ein Job Coaching, was es ihnen nach drei bis sechs Monaten ermöglichen soll, eine Stelle auf dem primären Arbeitsmarkt zu finden.

«Dieses Konzept hat sich bis jetzt bewährt», meint Kramer und ist sich sicher, dass dieses auch ohne Anschubfinanzierung weiterhin gut funktionieren wird. Etwas weniger optimistisch bezüglich der Zukunft ist man im Café-Restaurant Cherry. «Ehrlich gesagt, sehe ich nicht mehr, dass es für uns weitergeht», so Dzajic wehmütig.

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