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Wie in Luzerner Schulen über Homosexualität aufgeklärt wird
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Lehrpersonen sind beim Aufklärungsunterricht extrem frei – auch wenn vieles im Lehrplan 21 geregelt ist. (Bild: Sharon McCutcheon/Unsplash)

Schwulen- und Lesbenverein sieht Handlungsbedarf Wie in Luzerner Schulen über Homosexualität aufgeklärt wird

8 min Lesezeit 4 Kommentare 04.02.2020, 05:00 Uhr

Zu Zeiten, in denen Homosexuelle im Nachtleben brutal verprügelt wurden, stellt man sich die Frage: Wie läuft das mit dem Sexualkundeunterricht an Schulen? Nicht ideal, ist eine Schwulen- und Lesbenorganisation überzeugt.

Sexualkundeunterricht in einem 1’000-Seelen-Kaff, fünfte Primarschule: Ich erinnere mich gut. Von Bienchen und Blümchen war da nie die Rede. Unser Lehrer zeigte sogar an einer anatomischen Puppe, wie man einen Tampon einführt und wie er richtig sitzt. Und ich weiss noch, wie unser Lehrer uns nach Synonymen der weiblichen und männlichen Genitalien fragte. Mein Sitznachbar hielt die Hand in die Luft und rief lauthals «Schnäbi». Er lachte so laut, dass er nach Luft schnappen musste, sein Kopf knallrot anlief. Alle lachten mit ihm.

Aber dass es nicht nur Männlein und Weiblein gibt, die miteinander was haben, von Homosexualität, davon war zumindest in der Primarschule nie die Rede. Das soll heute nicht mehr so sein, denn im Lehrplan 21 der Volksschule heisst es: «Schülerinnen und Schüler können sexuelle Orientierungen nicht diskriminierend benennen.» Verbindliche Inhalte: Hetero- und Homosexualität. Doch wird man dem an Luzerner Schulen auch gerecht?

Organisation sieht «absolut Handlungsbedarf»

Die Rektorin der Volksschule Stadt Luzern, Vreni Völkle, kann die Frage nicht schlüssig beantworten. Die Erfahrungen in der Arbeit mit dem Lehrplan 21 fehlen, antwortet sie.

«Ich schätze, dass sich die meisten Lehrpersonen mit dem Thema nicht wohl oder sicher genug fühlen.»

Laura Pestalozzi vom Verein GLL – das andere Schulprojekt

Klarere Worte findet Laura Pestalozzi. Sie ist Co-Leiterin vom Verein GLL – Gleichgeschlechtliche Liebe Leben. Die Organisation besucht Schulen in der Deutschschweiz, um Jugendlichen «direkte Begegnungen mit LGBT-Menschen» zu ermöglichen. Dabei besucht eine Gruppe von Lesben, Schwulen und Elternteil eines bi- oder homosexuellen Kindes Schulklassen der Sekundarstufe 1.

Pestalozzi sieht «absoluten Handlungsbedarf», wenn es ums Aufklären von LGBT-Themen geht: «Ich schätze, dass sich die meisten Lehrpersonen mit dem Thema nicht wohl oder sicher genug fühlen.»

Wenn selbst die Lehrer Fragen stellen

Das zeige sich zum einen, dass Schulen externe Angebote wie das von GLL – das andere Schulprojekt und S&X – der sexuellen Gesundheit Zentralschweiz – zu Hilfe ziehen. Zum anderen seien Lehrer teilweise mit dem Thema überfordert. Oftmals hätten sie selber kaum oder keine Berührungspunkte zu Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen und wissen «sehr wenig über die Thematik», sagt Pestalozzi.

Lehrpersonen, die sich zu den Workshops setzen, seien teilweise «extrem unsicher». Nicht nur für Schülerinnen und Schüler ist es oftmals dass erste Mal, dass sie einem Schwulen oder einer Lesbe gegenüber sitzen – sondern auch für Lehrpersonen. «Und dann stellen auch sie uns Fragen», sagt Pestalozzi.

Werden die Jugendlichen im Stich gelassen?

Wenn überhaupt an Schulen Zeit für Aufklärung bleibe, werde sie oft für heteronormative Themen genutzt. «Vielen Lehrpersonen und Schulleitungen ist nicht bewusst, dass in jeder Klasse durchschnittlich ein bis drei LGBQ-Jugendliche sitzen. Und in jedem Schulhaus durchschnittlich ein Transkind zur Schule geht», fährt Pestalozzi fort.

Sie kennt keine lesbischen, bisexuellen und schwulen Jugendliche, die bei ihrem Coming-Out-Prozess von Schulsozialarbeitenden oder Lehrpersonen unterstützt worden seien. Werden die Jugendlichen von den Schulen im Stich gelassen? Pestalozzi verneint nicht. «Oder das Thema kommt in der Schule einfach nicht zur Sprache. Ich glaube, dass vielen Lehrpersonen nicht bewusst ist, dass es sich bei Homosexualität um einen zwingenden Inhalt im Lehrplan21 handelt.»

Lehrpersonen im Fokus

Ist dem so? Wir haben bei einer 30-jährigen Sekundarlehrerin, die in der Agglomeration unterrichtet, nachgefragt. Ob und wie in Klassen über Homosexualität gesprochen wird, hängt massiv von der Klassenlehrperson ab. «Es ist weniger eine Frage des Lehrplans oder der Ausbildung, sondern wie du als Mensch gestrickt bist.»

«Wenn ein Lehrer das Thema nicht behandeln will, dann lässt er es weg – und niemand merkt es.»

Luzerner Sekundarlehrerin

Zwar sei das Thema obligatorisch. Dennoch kann sie sich gut vorstellen, dass gewisse Lehrer das Thema vom Stundenplan streichen. «Wenn ein Lehrer nicht übers Thema sprechen will, lässt er es weg – und niemand merkt es.» Niemand kontrolliert, ob der Lehrplan diesbezüglich umgesetzt wird. Sie hat das Gefühl, dass gerade jüngere Lehrpersonen mit dem Thema vertrauter seien, offener denken.

Sie kennt mehrere Fälle an ihrer Schule, die sie als «Erfolgsgeschichten» bezeichnen würde. Ein homosexuelles Paar wurde an der Schule mit Unterstützung der Lehrperson problemlos in den Klassenverband integriert. Einmal habe ein Junge habe sich zu den Mädchen gesetzt und seinen Traummann beschrieben.

Extra Lektionen über sexuelle Orientierung geplant

Sexualaufklärung ist Teil des Unterrichtsfachs Lebenskunde. Einen Jahresplan macht die Sekundarlehrerin dafür nicht. Es sei «extrem wichtig», sensibel auf die Klasse und die jeweiligen Umstände zu reagieren. «Wenn beispielsweise ein Schimpfwort über Homosexuelle fällt, drängt sich das Thema automatisch auf.»

Die Lehrerin hat für ihre Klasse zwei Doppelstunden alleine übers Thema sexuelle Orientierung geplant. Sie spreche das Thema auch im Geschichtsunterricht an. Oder wenn es um Vorurteile und Menschenwürde geht oder Jugendliche lernen sollen, sich selbst und andere zu akzeptieren. «Man kann LGBT thematisieren, ohne es immer direkt beim Namen zu nennen.»

Fachstelle besucht am meisten Schulen auf dem Land

Die Fachstelle «S&X – Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz» führt selbst auch Schulbesuche in Luzern und Obwalden durch. Pro Woche sind es derzeit fünf bis sechs, sagt die Geschäftsleiterin Marlies Michel. S&X unterstützt den Verein GLL – das andere Schulprojekt finanziell über Projekt- und Spendengelder. Bereits jetzt schon nehmen sie Buchungen entgegen fürs nächste Schuljahr.

Bei den Unterrichtsangeboten von S&X besucht eine Sexualpädagogin gemeinsam mit einem Sexualpädagogen eine Klasse. Lehrpersonen buchen verschiedene Module, je nachdem, bei welchen Themen sie Unterstützung wünschen. Verhütung sei am meisten gefragt.

Jugendliche stellen Fragen, wenn es Thema in sozialen Medien ist

Und wie sieht’s mit LGBT-Themen aus? «Sowohl implizit wie explizit sprechen die Pädagogen das Thema sexuelle Vielfalt immer wieder an.» Wenn von Beziehungen gesprochen werde, würden immer auch gleichgeschlechtliche Konstellationen erwähnt.

«Trans-Identität wird meines Wissens eher am Rande thematisiert.»

Marlies Michel, Geschäftsleiterin S&X – Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz

«Die sexuelle Vielfalt ist im professionellen sexualpädagogischen Unterricht Standard-Thema», ist Michel überzeugt. «Trans-Identität wird meines Wissens eher am Rande thematisiert.» Zudem sei es abhängig davon, «wie aktuell das Thema» gerade sei: «Wenn in den Medien, vor allem auch in den sozialen Medien davon berichtet wird, beschäftigt das Jugendliche. Dann stellen sie im Unterricht Fragen dazu.»

Die Schulbesuche von S&X dauern in der Regel drei Lektionen. Ein eigenes Modul für sexuelle Orientierung und Trans-Identität gibt es nicht. «Im Rahmen von drei Lektionen über Trans-Identität zu sprechen und kein Wort über Verhütung und sexuelle Infekte zu verlieren, wäre auch falsch», sagt Michel. Es sei aber wichtig, diese Themen mitzudenken und auch mitzuerwähnen. Auch dann, wenn die Themen nicht direkt im Fokus stehen.

Von Schule zu Schule anders

LGBT-Themen hätten auch viel mit der grundsätzlichen Haltung der Schule zu tun. Die sexuelle Vielfalt müsste vermehrt in der gesamten Unterrichtsgestaltung miteinfliessen. Und das bereits ab der Unterstufe.

Pestalozzi stimmt ihrer Vorrednerin zu, dass Schulen einen «enormen Beitrag» leisten können. «Für LGBT-Jugendliche ist ein Coming-Out in der Schule nach wie vor eine riesige Hürde. Oftmals findet es erst nach der Schule statt.» Das Wissen über LGBT-Themen habe in den letzten Jahren «ein bisschen zugenommen». «Letztendlich kommt es auf das Schul- und Klassenklima an, ob Offenheit und Neugier vorgelebt wird. Und ob sie vorlebt, dass alle okay sind, so wie sie sind.»

Braucht’s mehr Massnahmen?

Pestalozzi schätzt, dass die Anfrage nach Schulbesuchen in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird. 2017 waren es in der Deutschschweiz 116 Schulbesuche, ein Jahr darauf 133. Letztes Jahr besuchte GLL – das andere Schulprojekt 170 Schulen. Ein Grossteil davon in Luzern, Zug und Obwalden. Rund 60 Mitglieder arbeiten ehrenamtlich. Die zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen der LGBQ-Organisationen sind knapp. «Wir fragen uns, wie wir die von uns seit 20 Jahren übernommene Aufgabe in Zukunft organisieren können.»

Laut Pestalozzi sind griffigere Massnahmen nötig, als LGBQ-Themen nur im Lehrplan 21 festzulegen. Es sei «dringend notwendig», Aufklärung und Informationen zu sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität auf politischer Ebene zu verankern. «Und sie sollen Bestandteil der Ausbildung an allen Pädagogischen und Sozialen Hochschulen werden – und zwar nicht nur als kurzer Input in einem drei-jährigen Studienlehrgang.»

Wie die PH Luzern künftige Lehrpersonen vorbereitet

An der PH Luzern werden die künftigen Lehrerinnen und Lehrer für Themen wie Liebe und Sexualität vorbereitet. Erich Lipp ist Fachleiter und Dozent für Lebenskunde. Er sagt: «Es ist die Aufgabe von Lehrpersonen, sexuelle Orientierung gemäss Lehrplan 21 im Unterricht zu thematisieren und dabei auch auf Aspekte wie Diskriminierung einzugehen.»

An sechs Halbtagen beschäftigen sich die Studierenden im 6. Semester mit der Sexualpädagogik, unter anderem mit der sexuellen Orientierung. Dabei lernen sie auch verschiedene Fachstellen wie elbe, S&X und GLL – das andere Schulprojekt kennen. «Selbstverständlich werden auch Intersexualität und Geschlechts-Identität bei uns thematisiert», sagt Lipp.

Jetzt gerade unterrichte er die Studierenden der PH Luzern im 3. Semester zum Thema «Aufgaben der Klassenlehrperson und Gemeinschaft». In diesem einwöchigen Kurs vermittelt er unter anderem Unterrichtsideen zu Themen wie Geschlechts-Identität und sexuelle Orientierung. Das Modul Sexualpädagogik vertiefe diese Themen im späteren Studium noch.

«Mädchen aus anderen Klassen kamen zur mir, weil sie mit den Fragen nicht zu ihrem männlichen Lehrer wollten.»

Luzerner Sekundarlehrerin

Reicht das, dass Lehrpersonen kompetent und sicher zum Thema unterrichten können? «Das ist immer Ansichtssache, man könnte wohl in vielen Bereichen immer noch mehr machen», sagt Lipp. Die Schule habe viele Aufgaben und der Lehrplan 21 sei «ziemlich umfassend». Aber LGBT-Themen haben im Studienplan der PH Luzern ihren festen Platz. Aufgabe der PH sei es, die Studierenden in «gebührendem Mass fürs Thema zu sensibilisieren und ihnen konkrete Inputs sowie weiterführende Ideen mit auf den Weg zu geben».

Jugendliche suchen sich selbst Zugang

Die Luzerner Sekundarlehrerin findet es schwierig, Sexualaufklärung in Bezug auf LGBT-Themen zu standardisieren wie beispielsweise den obligatorischen Besuch beim Schulzahnarzt. Die Inhalte des Sexualkundeunterrichts würden bei den Lernenden etwas auslösen. Es kämen viele Fragen, es entstehe viel Gesprächsstoff. «Ich kann nicht institutionalisiert den Jugendlichen während einer Lektion etwas über sexuelle Orientierung vermitteln, ohne diesen Input sorgfältig vor- und nachzubereiten. Es ist in unserer Verantwortung als Lehrpersonen, dass wir aufzufangen vermögen, was wir auslösen.»

Die Lehrerin ist überzeugt, dass sich Jugendliche Zugang zu den Infos suchen, wenn sie diese brauchen und wollen. «Auch schon kamen Mädchen aus anderen Klassen zur mir, weil sie mit den Fragen oder Anliegen nicht zu ihrem männlichen Lehrer wollten.»

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4 Kommentare
  1. Ingo, 05.02.2020, 10:10 Uhr

    Homosexuelle Schüler sind mitnichten ein „Promillebereich“ und haben genauso ein Recht aufgeklärt und ihre Pubertät genauso sorglos zu durchleben und genauso gleichwertig behandelt zu werden, wie die anderen auch! Und ja, für manche homosexuelle Jugendliche ist dies eine „existentielle Schicksalsfrage“ und kann auf die Noten gehen, wenn sie keinen zum Reden haben, sich verstecken müssen, keine Vorbilder haben, in der Schule als nicht-existent abgetan werden oder gemobbt werden. Die Schule soll die Schüler in ihrer Entwicklung begleiten und stärken und nicht brechen!

  2. Dunning-Kruger, 04.02.2020, 07:35 Uhr

    Es ist bildungstechnisch absolut legitim, sinnvoll und nachvollziehbar, dass Themen wie z.B. „Trans-Identität“ nur am Rande thematisiert werden. Erstens ist die Schule mitunter gerade für die Herausbildung einer Identität (und nicht der Förderung des Verständnisses für eine Nicht-Identität) des unmündigen Staatsbürgers verantwortlich (schliesslich herrscht Schulpflicht und keine Wahlfreiheit). Zweitens richtet sich die Gesellschaft traditionell und nach soziologisch-sozial absolut nachvollziehbaren Beweggründen und Kriterien im Regelfall an der Mehrheitsgesellschaft aus. Dies wird vorallem aus der demokratischen Notwendigkeit und Tradition heraus gespiesen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum marginalisierbare Probleme einer verschwindend kleinen Minderheit im Hundertstel-Promille-Bereich ein derartiges Gewicht erhalten sollen. Man darf solche Themenbereich nicht verhindern – soll sie aber auch nicht aufblasen, nur weil in Interessenverband dies fordert. Für mich persönlich ist es offenkundig, dass mit genau solcher Methodik der gesellschaftliche Determinismus von Grund auf angegriffen und zerstört werden soll und nachher, nachdem die gesellschaftlichen Verhältnisse „verflüssig“ wurden, ein völlig neues Welt- und Menschenbild etabliert werden soll. Ich fände es gut, wenn die Gesellschaft in solch grundlegenden und existenziellen Schicksals-Fragen (die in erster Linie auch die Kinder betreffen) mittels einer Abstimmung erstmal befragt werden, ob sie solchen Veränderungen überhaupt offen gegenüberstehen. Da man dieses Bedürfnis offenkundig aber ignoriert, kennen die Konstrukteure solcher bahnbrechender gesellschaftlichen Veränderungen die Antwort ja bereits und wissen um den Unwillen der Mehrheitsgesellschaft, die Welt bedingungslos und ungefragt auf den Kopf gestellt zu bekommen!

    1. Max, 04.02.2020, 12:26 Uhr

      Solche Kommentare zeigen, dass diese Aufklärung dringend notwendig ist.

    2. Ram Dass, 04.02.2020, 18:17 Uhr

      Max, können Sie auch argumentieren, weshalb?