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Warum sind diese Artisten so schrecklich schön?
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Ein wenig Zirkus, ein wenig Dinner, ein wenig LSD-Trip: Das «Broadway Variété» ist mit seinem neuen Programm «La Strasse» auf Tournee.  (Bild: zvg)

Das «Broadway Variété» gastiert in Zug Warum sind diese Artisten so schrecklich schön?

3 min Lesezeit 04.06.2016, 17:00 Uhr

Das «Broadway Variété»: Das ist dort, wo sich der Gast dreieinhalb Stunden zwischen LSD-Trip, Zirkusmanege und Hochzeitsessen bewegt. Und wo man plötzlich merkt, dass man Schildkröten mag. zentralplus ist dreieinhalb Stunden abgetaucht.

Den ganzen Tag den Debatten lauschen, die da im Zuger Kantonsrat auf uns einprasseln (zentralplus berichtete), das macht müde und die Birne matschig. Doch der nächste Termin steht an. Und wie sich herausstellt, ist dieser das perfekte Gegengift für die politberichterstattungsstrapazierten Gehirnwinden.

Seit Jahren hält der ganze Tross des Broadway Variétés in Zug am See und verführt die Besucher während dreieinhalb Stunden in grotesk-fröhlich-verzerrte Sphären. Das Entspannungscüpli vor der Vorstellung hätte man sich also sparen können. Denn hier wird man so unverhofft in den Plot verwickelt, dass selbst die peinliche Berührtheit, die fast jeder Schweizer in sich trägt, im Keim erstickt wird.

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«Buuuuuh» tönt’s aus dem Publikum

Das brandneue Programm heisst «La Strasse – echt abgefahren» und verspricht nicht zu viel. Wir feiern rumänische Hochzeit. Die Braut? Gwendolin, eine reichlich überschminkte, ziemlich überdrehte und nicht unsympathische Schrulle. Die Sippe? Der Bustarella-Clan. Wilde Fahrende mit einer Tendenz zur Hyperaktivität. Der Gespons? Ja, hier beginnt der Klamauk. Der passende Ehemann, der fehlt nämlich noch.

Mit Musik beginnt er, mit Musik endet er auch wieder, der Abend im «Broadway Variété».   (Bild: zentralplus)

Mit Musik beginnt er, mit Musik endet er auch wieder, der Abend im «Broadway Variété».   (Bild: zentralplus)

Die Broadway-Crew hat leichtes Spiel. Das Publikum ist wohlwollend, wild und auch ziemlich kauzig. Etwa die alte Frau, die laut «Buuuuuh!» ruft, als ein griesgrämiger verstockter Herr, der notabene zum Spiel dazugehört, die Party tilgen will. Oder die Zuschauerin, die losgackert, sobald sich auf der Bühne etwas tut. Wahrscheinlich sind die meisten nicht zum ersten Mal hier.

Man fühlt sich wohl unter der Gürtellinie

Hier wird Klamauk veranstaltet

Das «Broadway Variété» hat bereits eine lange Geschichte auf dem Buckel. 1947 wurde die familiengeführte Schaubude «Imperiale» in «Broadway» umgetauft. Die Bühne wurde mehrmals weiterverkauft und gehört nun seit 2011 Luca Botta, Raphaël Diener und Max Läubli. Seither gibt es jährlich eine neue Produktion. Dieses Jahr heisst sie «La Strasse – Echt abgefahren».

Bis und mit 25. Juni gastiert das Spiel- und Verzehr-Theater noch in Zug bei der Villa Siehbach, danach zieht die Gruppe weiter auf den Luzerner Sonnenberg, wo zwischen 30. Juni und 30. Juli Aufführungen stattfinden.

Wir treten ins Zelt, die Tische sind edel gedeckt. Irgendwie scheinen hier alle alles zu machen. Wer vorhin musizierte, bringt jetzt die Getränke, Luca Botta, einer der drei Broadway-Direktoren und vorher an der Kasse zu finden, hat sich mittlerweile zum machoiden Clan-Oberhaupt gemausert. Wenn er spricht, gilt es, gut zu lauschen. Er ist ein wahrhaftiger Sprachakrobat, verdreht Worte, dass es nur so eine Freude ist, und zack, ist man plötzlich tief unter der Gürtellinie angelangt, wo sich das Publikum sichtlich wohlfühlt. Nun gut, mittlerweile wurden auch bereits einige Gläser Rotwein ausgeschenkt und der erste Hunger ist dank der Vorspeise gedämpft. Und alles geht Schlag auf Schlag. Musik folgt auf Comedy folgt auf Akrobatik und auf Jonglage.

Es ist ein Zirkus, zweifellos. Nur schmutziger, weniger abgeschliffen, ungekünstelter und ohne unlustige Witze. Und auch weniger perfekt.

Die laute Vertilgung eines Salatblattes

«Warum sind diese Darsteller immer so schön?», flüstert eine Besucherin verwundert und kann den Blick nicht von den zwei Artistinnen wenden, die sich zwischen Komik und Eleganz bewegen. Erst recht verfällt das Publikum der Riesenschildkröte Adamo, die mittlerweile zum Aushängeschild des «Broadway Variété» geworden ist. «Habt ihr langweilig?», will sie wissen, als sie endlich am Rand der Bühne angekommen ist. Mit französischem Akzent, versteht sich, und nach der ziemlich lauten Vertilgung eines Salatblattes. Das Publikum seufzt ob so viel Herzerwärmung.

Warum diese Artisten so schön sind

Und dann gibt’s den LSD-Trip zum Nulltarif: Ein halbiertes Velo befördert die schwebende Braut per Seilbahn über die Köpfe der Gäste hinweg. Diese betreibt zeitgleich das Mini-Riesenrad, auf dem die zwei Musikanten hocken, und diese wiederum bringen das Ein-Pferd-Karussell in Schwung. Das alles, während die Schildkröte auf ihrem Panzer hockt und Klarinette spielt.

Und plötzlich weiss man, warum es hier so schön ist. Bei all der Professionalität ist nichts wirklich perfekt. Hinter jeder Akrobatennummer, bei jedem Lied, in jedem Witz steckt ein Hauch von Improvisation. Und das ist wichtig, einfach damit man merkt, ach, das sind ja normale Menschen. Ausser, dass alle so schrecklich schön sind.

 

Wir nehmen’s vorweg: Die Liebe siegt. Gwendolin ist glücklich.   (Bild: zentralplus)

Wir nehmen’s vorweg: Die Liebe siegt. Gwendolin ist glücklich.   (Bild: zentralplus)

 

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