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Warum die künftige Intendantin richtiggehend bedrängt wurde
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Ina Karr kommt als neue Intendantin vom Staatstheater Mainz nach Luzern. (Bild: zvg/Ingo Höhn )

Ina Karr: Über Umwege ans Luzerner Theater Warum die künftige Intendantin richtiggehend bedrängt wurde

6 min Lesezeit 17.04.2019, 16:33 Uhr

Ina Karr wird auf 2021 neue Intendantin am Luzerner Theater. Es spricht viel für die gebürtige Stuttgarterin, die zuerst gar nicht wollte. Sie war nach über 60 abgelehnten Bewerbungen die richtige Frau am richtigen Ort. «Die absolute Wunschkandidatin», schwärmt man beim Luzerner Theater.

So klein das Luzerner Theater im deutschsprachigen Raum ist – für Ina Karr ist es ein Begriff: «Ich kenne Luzern nicht als Touristin, sondern als Theatergängerin.» Sie habe in ihrer Studienzeit und als sie am Nationaltheater Mannheim tätig war, regelmässig hier Produktionen besucht.

Und sie hat Schweizer Wurzeln, ihre Grossmutter wohnte am Thunersee. «Der See und die Berge sind mir sehr vertraut», sagt sie. Aber sie ist natürlich nicht wegen der schönen Aussicht gekommen.

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Das Luzerner Theater ist ein Haus im Wandel. Gerade das war ein Punkt, den Ina Karr dazu bewogen hat, sich für den Intendanten-Posten zu entscheiden: «Um-, An- oder Neubauten sind immer spannend für Theater, Theater sollte immer in Bewegung bleiben», sagt sie. Die jetzige Chefdramaturgin für Oper in Mainz kommt auf die Saison 2021/22 nach Luzern und ersetzt Benedikt von Peter (zentralplus berichtete).

Unverhofft zur Wunschkandidatin

Der Entschluss von Ina Karr kam spät – und die Ausgangslage war ziemlich speziell: Ina Karr hatte zuerst gar nicht vor, sich selber zu bewerben, sondern war Teil der neunköpfigen Findungskommission, um die über 60 Bewerbungen zu prüfen. Doch es war kein passender Name darunter, der die hohen Ansprüche an die Verantwortung eines Dreispartenhauses erfüllt hat. Und so wurde Ina Karr letztlich selber gefunden – auch für Stiftungsratspräsidentin Birgit Aufterbeck eine Überraschung: «Wir haben unsere absolute Wunschintendantin mitten unter uns gefunden.»

«Ich wurde aktiv und mehrfach angesprochen und habe angefangen, darüber nachzudenken», sagt Karr. Sie ist schliesslich aus dem Gremium ausgetreten, um sich offiziell als Kandidatin zur Verfügung zu stellen. Es sei ein später, aber logischer Schritt gewesen. «Ich wurde intensiv gebeten und aufgefordert, mich zu bewerben», sagt sie lachend.

Aufterbeck bestätigt: «Wir haben Frau Karr wirklich bedrängt, das muss man deutlich sagen.» Die Kommission wollte sie also unbedingt – und es hat geklappt: Ina Karr wurde einstimmig gewählt, ihr Vertrag läuft zunächst bis zur Spielzeit 2025/26. Bereits 1987 wurde der deutsche Regisseur Horst Statkus mit Umweg über die Findungskommission zum neuen Direktor am Luzerner Theater gewählt.

Ina Karr über ihre neue Aufgabe:

 

Frauen fördern

«Ina Karr ist klug, zielstrebig und warmherzig, sie habe bereits die Mitarbeiter am Luzerner Theater persönlich überzeugt», freut sich Aufterbeck. Die designierte Intendantin hat sich am Mittwochmorgen der Belegschaft vorgestellt, bevor sie vor die Medien trat.

Karr ist die erst die zweite Frau nach Barbara Mundel als künstlerische Leiterin. «Wir wollten in der letzten Runde mindestens eine Frau, aber der Entscheid fiel nicht im Sinne einer Quote, sondern ist rein der Kompetenz geschuldet», sagt Aufterbeck.

Karr selbst sagt zum Thema: «Mir ist es wichtig, Frauen zu fördern. Im Theater wie auch in vielen anderen Bereichen gibt es Bedarf, das zu tun.»

Das Theater erneuern

Benedikt von Peter wurde 2014 noch mit der Aussicht einer Salle Modulable gelockt. Wenn Ina Karr in zwei Jahren anfängt, wird das Projekt für ein neues Theater an der Reuss wohl schon fortgeschritten sein – das wird den Beginn ihrer Intendanz prägen. Es wird – neben einem spannenden Programm – ihre Aufgabe sein, die Erneuerung des Theaters voranzutreiben.

«Ich komme aus Mehrspartenhäusern, und das mit grosser Überzeugung.»

Ina Karr, designierte Intendantin

«Ich werde sicher meine Expertise und meine Erfahrung einbringen, an vielen Häusern sind momentan genau diese Prozesse im Gang», sagt sie, aber für Details sei es noch zu früh.

Die Vorstellungen zum Theater der Zukunft waren auch ein wichtiges Kriterium der Findungskommission. Karr hat schon bewiesen, dass sie eine Frau für den Wandel ist: In Mainz wie auch in Oldenburg war sie an den dortigen Theatern für eine Neuausrichtung zuständig. «An beiden Häusern mit grossem Erfolg», so Aufterbeck.

Die designierte Intendantin Ina Karr (rechts) mit Stiftungsratspräsidentin Birgit Aufterbeck Sieber.

Die designierte Intendantin Ina Karr (rechts) mit Stiftungsratspräsidentin Birgit Aufterbeck Sieber.

(Bild: jwy)

Überzeugt von Dreispartenhäusern

Wie auch Vorgänger von Peter hat Ina Karr Musikwissenschaften studiert, beide kommen aus dem Musiktheater – und beide arbeiteten zuletzt im Opernbereich an einem deutschen Mehrspartenhaus. Von Peter leitete die Sparte Oper am Theater Bremen, Karr ist seit 2014 Chefdramaturgin für Oper am Staatstheater Mainz.

«Ich schätze seine Arbeit, er schätzt meine.»

Die künftige Intendantin über den jetzigen Intendanten

«Ich komme aus Mehrspartenhäusern, und das mit grosser Überzeugung. Die Sparten prägen ein Theater», sagt die designierte Intendantin. Gerade an einem Haus wie dem Luzerner Theater sei es wichtig, dem Ganzen ein Gesicht zu geben – dass man die Sparten zusammen denke und einen gemeinsamen Geist versprühe.

Für Birgit Aufterbeck ist klar: «Ina Karr hat für alle darstellenden Künste klare Vorstellungen, sie profiliert Sparten und verzahnt sie künstlerisch.»

Sie kennt ihren Vorgänger

In der Ära Benedikt von Peter sei das Luzerner Theater in Deutschland stärker wahrgenommen worden. «Der Aufbruch und die Öffnung sind gelungen, das ist ein tolles Gut, das ich weiterführen will», sagt Karr.

Wer ist Ina Karr?

Die gebürtige Stuttgarterin war Dramaturgin und Projektleiterin für zeitgenössische Musik und Musiktheater. Die 50-Jährige arbeitete am Nationaltheater Mannheim, wurde Operndirektorin am Oldenburgischen Staatstheater und schliesslich 2014 Chefdramaturgin für die Oper am Staatstheater Mainz. Sie war 2018 an den Salzburger Festspielen tätig, sie publiziert in Fachmagazinen und ist immer wieder als Jury-Mitglied tätig.

Aber die Dramaturgin Ina Karr wird im Gegensatz zu von Peter nicht selber Regie führen, sondern in erster Linie dafür sorgen, die spannenden Namen ins Haus zu holen. Und da dürfte sie mit ihrer Vernetzung für einige Überraschungen sorgen. Auch dies war eines der Hauptkriterien für die Wahl: «Ina Karr vermag profilierte Künstlerpersönlichkeiten für Luzern gewinnen, beste Zutaten für ein spannendes Programm», so Aufterbeck.

Trotz Theaterneubau, trotz anderem Hintergrund: Es wird keinen Bruch geben mit der Ära von Peter. Der jetzige und die künftige Intendantin kennen sich schon länger gut: «Wir schätzen uns sehr, ich schätze seine Arbeit, er schätzt meine», sagt Karr. Darum werde auch der Übergang harmonisch verlaufen, seine Vision werde weiterleben.

Den offenen Weg, den Benedikt von Peter eingeschlagen hat – sei es bezüglich neuen Räumen und einer neuen Offenheit gegenüber der freien Szene und anderen Partnern, will Karr fortsetzen: «Es gibt hier starke Partner, es ist eine lebendige kreative Szene, das gefällt mir sehr und diesen Weg will ich fortsetzen.» Auch das Kinder- und Jugendtheater als wichtigen Teil will sie fortsetzen: «Sie haben ein Recht auf Kunst, und zwar als Publikum der Gegenwart, nicht nur in Zukunft. Sie sind uns jetzt wichtig.»

Ina Karr kommt als neue Intendantin vom Staatstheater Mainz nach Luzern.

Ina Karr kommt als neue Intendantin vom Staatstheater Mainz nach Luzern.

(Bild: zvg/Ingo Höhn)

Das Theater verteidigen

Karr hat jetzt zwei Jahre Zeit, ein Luxus, wie sie sagt. Man darf gespannt sein, welche künstlerische Handschrift sie entwickelt und mit welchem Team sie ans Luzerner Theater kommt. «Wir brauchen für die Sparten starke Leute und ich umgebe mich gerne mit starken Leute und halte das auch aus», sagt sie.

Nun will sie in Luzern ankommen, ihre «Anker werfen und hineinhorchen». Schauen, was die Luzerner beschäftigt: «Nur wenn man selbst für etwas brennt, kann man andere damit anstecken.»

Sie wolle sich in Zukunft für ein starkes Theater in Luzern starkmachen: «Da grosse Gut des Theaters ist, dass es erstmal zweckfrei ist, ein Möglichkeitsraum für Fantasie, für Themen. Das will ich verteidigen.»

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