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Während 30 Jahren auf der Suche nach Vampiren und Werwölfen
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Macht sich nach der Pensionierung im Ausland auf die Suche nach Werwölfen und Vampiren: Der Luzerner Kurt Lussi. (Bild: bic)

Luzerner Mythenforscher wurde in Wolhusen fündig Während 30 Jahren auf der Suche nach Vampiren und Werwölfen

6 min Lesezeit 08.12.2018, 05:33 Uhr

Magie, Mythen, Vampire und Werwölfe: 30 Jahre lang suchte der Luzerner Kurt Lussi im Auftrag des historischen Museums Luzern nach solchen Erzählungen. Gefunden hat er bis zur Pensionierung aber nur eine der Sagenfiguren: Einen Mann aus Wolhusen, der als Werwolf verurteilt und hingerichtet wurde.

Wieso entstehen Geschichten über Magie, Fabelwesen, Vampire und Werwölfe? Und was sagen sie über den Glauben der Menschen zur Entstehungszeit der Mythen aus? Dies sind Fragen, die sich der Ruswiler Kurt Lussi bei seiner Arbeit stellt. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Religion, Volksglaube und Volksmagie und als Kurator arbeitete Lussi im historischen Museum Luzern. Nun geht er in Pension.

Seine 30-jährige Auseinandersetzung und Erkenntnisse hat er in seinem neuen Buch «Mythisches, Magisches, Makabres» zusammengefasst. Darin geht es um den Glauben an Dämonen, Vampire, Werwölfe und unruhige Totengeister – und wie sie das Leben der Menschen prägten.

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Aus naheliegenden Gründen machte sich Lussi jedoch nicht auf die Pirsch, um irgendwo lebende Werwölfe und Vampire zu finden. Vielmehr geht es ihm darum, Quellen zu sichten und mit den Menschen zu sprechen, die solche Legenden und Sagen erzählen und ihm die Orte zeigen, wo sie sich zugetragen haben sollen.

Ein Werwolf namens Breitenmoser

Aufgrund seines Auftrages setzte sich Lussi insbesondere mit dem Kanton Luzern auseinander. Trotz seiner jahrelangen Suche konnte er in den Quellen im Kanton Luzern nur einen einzigen Werwolf finden. Vampire gab es gar keine. Diese Mythen entstanden auf dem Balkan und hätten den Weg kaum nach Westeuropa gefunden. «Sie gründeten in einem tief verwurzelten Volksglauben in dieser Region», erklärt Lussi diesen Umstand.

«Im 17. Jahrhundert lebte im Gebiet um Wolhusen aber ein Mann namens Breitenmoser, der als Werwolf verurteilt und hingerichtet wurde», sagt Lussi. «Er hatte gestanden, sich in einen Wolf verwandelt zu haben.» Das Geständnis sei ihm wohl unter Folter abgerungen worden, so der Forscher. Oft mussten Menschen wie Breitenmoser als Sündenböcke für Katastrophen und Elend herhalten, nicht selten litten sie unter psychischen Krankheiten.

Kröte aus Wachs aus dem 20. Jahrhundert: Das Tier war Sinnbild für die Gebärmutter und wurde von Frauen mit Unterleibsbeschwerden als Votivgabe in Kirchen dargebracht.

Kröte aus Wachs aus dem 20. Jahrhundert: Das Tier war Sinnbild für die Gebärmutter und wurde von Frauen mit Unterleibsbeschwerden als Votivgabe in Kirchen dargebracht.

(Bild: zvg/Sibylle Gerber)

Dass man in diesem Zusammenhang an Phänomene wie Dämone oder Werwölfe glaubte, hatte gemäss Lussi damit zu tun, dass Geisteskrankheiten noch nicht als solche bekannt waren. «Vielmehr glaubte man, dass jemand von einer bösen Macht oder Magie besessen war, wenn er sich abnormal verhielt.»

Solche Elemente einer Gesellschaft bilden also den kulturellen Untergrund für diese Geschichten. «Daraus erwachsen dann unterschiedliche Vorstellungen, um gewisse unerklärliche Dinge erklärbar zu machen», fasst Lussi seine Erkenntnisse zusammen.

Buchvernissage

Kurt Lussi: «Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister», hrsg. von Christoph Lichtin, Historisches Museum Luzern.
Vorträge und Präsentation des neuen Buches: Samstag, 8. Dezember 15.00 Uhr, Historisches Museum Luzern.

In Frankreich stark verbreitet

«In der Schweiz war das Phänomen Werwolf generell nicht sonderlich stark verbreitet. Zu einer Häufung solcher Fälle kam es zu dieser Zeit aber in Frankreich», erzählt Lussi. Gerichtsakten würden zeigen, dass Beschuldigte von Richtern jedoch häufig freigesprochen wurden – mit der Begründung, dass einfach eine Veränderung des Gehirns stattgefunden habe.

«Statt diese Leute zu verurteilen, wurden sie dann in ein Kloster gesteckt, in der Hoffnung, dass die Krankheit durch das Gebet verschwindet.» Es habe bei den Richtern damals also bereits eine gewisse Rationalität geherrscht, erklärt Lussi.

Ein Produkt des Krieges

Insbesondere kriegerische Auseinandersetzungen hätten zur Enstehung der Werwolf-Legenden geführt. «Die Mega-Katastrophe des 30-jährigen Krieges von 1618 bis 1648 trug einen wesentlichen Teil zur Mythenbildung bei», sagt Lussi. Hunderttausende Soldaten seien auf den Schlachtfeldern liegen geblieben und nicht bestattet worden. «Ein gefundenes Fressen für die Wölfe, die sich dadurch stark vermehrten», so Lussi. 

«Als der Krieg vorbei war und die teils fast komplett entvölkerten Landstriche wieder besiedelt wurden, gab es zu wenig Nahrung für Mensch und Wolf. Die Wölfe begannen in der Folge, die Menschen anzugreifen», erzählt Lussi, obwohl sie das sonst nicht tun würden. Die Legende war geboren. Aus heutiger Sicht jedoch kann deren Enstehung teils aus wissenschaftlich-biologischer Sicht erklärt werden.

Schluckbild mit Heiligen: Bei einer Krankheit oder einem Leiden wurde das Bild des dafür «zuständigen» Heiligen herausgetrennt und heruntergeschluckt.

Schluckbild mit Heiligen: Bei einer Krankheit oder einem Leiden wurde das Bild des dafür «zuständigen» Heiligen herausgetrennt und heruntergeschluckt.

(Bild: zvg/Sibylle Gerber)

Kaum Geschichten aus der Schweiz

Dass es in der Schweiz kaum Geschichten über Vampire und Werwölfe gibt, hat auch damit zu tun, dass sie in der Neuzeit selten in Konflikte involviert war. Hier seien eher gemässigte Vorstellungen entstanden, sagt Lussi. «Es muss immer eine Not kommen. Das war bei uns aber weniger der Fall, auch wenn es natürlich immer wieder Hungersnöte gab.»

Speziell sei in diesem Zusammenhang die Situation in der katholischen Innerschweiz. «Sie war lange eine Art Reservoir, wo sich viele traditionelle Elemente erhalten konnten.» Nach aussen war die Zentralschweiz sehr verschlossen und Entwicklungen wie die Reformation und die Gegenreformation hätten den Weg nicht bis hierhin gefunden, schildert Lussi.

Magische Komponenten hatten also auch hier eine Rolle gespielt, entsprechende Handlungen hätten sich bis weit in die Moderne gehalten, so Lussi. «Ich erinnere mich an Leute, die vor einem Gewitter die Gebäude mit Weihwasser bespritzten, um Schäden zu verhindern. Auch wenn in der Bibel nichts von solchen Handlungen steht.» Es handle sich dabei um magische Handlungen unter einem religiösen Deckel, die Grenzen zwischen religiösem Glauben und Magie seien oft fliessend.

Von der Privatwirtschaft ins Museum

Vieles über Volkskultur und den Glauben an Magie hat Lussi auf einer Safari in Kenia gelernt. «Ich habe gemerkt, dass unsere früheren Vorstellungen von Magie und Hexen in Afrika bis heute existieren.» So gebe es in Kenia nach wie vor Hexenverfolgungen. «100 bis 120 Personen sollen deshalb jährlich ums Leben kommen», sagt Lussi.

Lussi ist Quereinsteiger – vielleicht sogar ein Aussteiger, wie er selber von sich sagt. Vor seiner Anstellung beim historischen Museum hatte er verschiedene gut bezahlte Jobs in der Privatwirtschaft. «Auf meinen Geschäftsreisen habe ich mich immer für die Kulturen und deren Hintergründe und Enstehung interessiert.» Etwa für die Frage, wieso es in New York teils italienischer zu und her gehe als mancherorts in Italien.

Die Hanfhechel: ein Werkzeug, mit dem Hanffasern gekämmt wurden. Sie diente zur Abwehr des «Toggeli», einem Geist, der sich nachts auf die Brust hockt und den Atem raubte.

Die Hanfhechel: ein Werkzeug, mit dem Hanffasern gekämmt wurden. Sie diente zur Abwehr des «Toggeli», einem Geist, der sich nachts auf die Brust hockt und den Atem raubte.

(Bild: zvg/Sibylle Gerber)

Jetzt gehts ins Ausland

Mysterien und ungelöste historische Rätsel haben es Lussi schon früh angetan: «Ich wollte schon immer mehr über die Titanic und die Legenden und Geschichten rund um ihren Untergang erfahren und verstehen, was damals wirklich passierte.» Deshalb ist er selber einmal mit einem Schiff nach New York gereist.

Nach seiner Pensionierung kann Lussi nun vermehrt ins Ausland reisen, um seine Forschung weiter voranzutreiben. Vor allem nach England – von hier stammt ein grosser Teil der Dracula-Literatur – nach Frankreich und in den Balkan werde es ihn verschlagen. «Dort werde ich mich nun vertiefter mit Vampiren und Werwölfen auseinandersetzen. Etwas, das ich aus den genannten Gründen in der Schweiz bislang nicht tun konnte», sagt Lussi. Langweilig wird es ihm auch nach seiner Pensionierung sicher nicht.

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