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«Vielleicht sollte man Weihnachten einfach lockerer nehmen!»
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Die Kirche und ihr Hirte: Ruedi Beck vor der 1’200 Jahre alten Hofkirche. (Bild: hae )

Luzerner Hofkirche-Pfarrer Ruedi Beck vor Ansturm «Vielleicht sollte man Weihnachten einfach lockerer nehmen!»

5 min Lesezeit 24.12.2017, 05:38 Uhr

Weihnachten beschert den Kirchen volle Ränge. Als besonders stimmig gelten in der Region die Weihnachtsmessen in der himmlisch geschmückten Luzerner Hofkirche. Pfarrer Ruedi Beck weiss, ob die Gottesdienste dann anders sind oder die Menschen einfach empfänglicher für Emotionen und Göttliches. Und der Geistliche hat auch Geschenktipps.

zentralplus: Ruedi Beck, wie feiern Sie das Weihnachtsfest?

Ruedi Beck: Jedes Jahr anders. Letzte Weihnachten war ich mit einer Grippe im Bett (lacht). Ich konnte die Gottesdienste nicht in der Kirche feiern, dafür alleine in Ruhe beten und meditieren. Das war auch sehr schön.

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zentralplus: Die Gottesdienste werden an Weihnachten regelrecht überrannt. Weshalb ist für viele Menschen die Adventszeit so speziell?

Beck: Bei vielen ist es wohl die Erinnerung an früher, an die Kindheit. Weil man Weihnachten immer grossartig und emotional feierte. Bei anderen ist es vielleicht das Weihnachtsessen, wenn die ganze Familie zusammenkommt.

zentralplus: Und dann geht man gemeinsam in die Kirche.

Beck: Genau. Für viele steht für einen Moment der gesamte Betrieb still. Denn es herrscht ja vorher eine heftige Betriebsamkeit während der Adventszeit. Und jetzt ist es plötzlich still. Diese Ruhe ist aber auch eine grosse Herausforderung. Dieser massive Tapetenwechsel ist etwas sehr Besonderes.

«Das Fest muss schön sein, man möchte in Frieden zusammenstehen und Schnee sollte es auch noch haben. Aber die Erwartungen werden dann oft bitter enttäuscht.»

zentralplus: Werden dann viele auch bescheiden oder gar demütig?

Beck: Das hab ich noch nicht gemerkt. (lacht) Ich habe eher den Eindruck, dass während dieser Zeit viele Menschen grosse Erwartungen haben: Das Fest muss schön sein, man möchte in Frieden zusammenstehen und Schnee sollte es auch noch haben. Aber die Erwartungen werden dann oft bitter enttäuscht. Dann gibt es vielleicht doch Demut …

zentralplus: Müssten wir lockerer an Weihnachten herangehen?

Beck: Ich halte das für mich so, ja. Das fällt mir einfacher. Dann wird man überrascht.

zentralplus: Wieso gehen viele Menschen nur zu Weihnachten in die Kirche?

Beck: Da liegen die Motivationen ganz unterschiedlich: einerseits, weil die Kirche so schön mit vielen Kerzen geschmückt ist. Andere können wieder einmal die Religiosität zusammen mit ihren Familienmitgliedern feiern. Wieder andere, weil sie das Geheimnis von der Menschwerdung Gottes spüren wollen. Und so die Nähe Gottes erfahren können. Es gibt auch diejenigen, die wegen der Musik kommen. Andere können vielleicht keine Feier selber zu Hause gestalten – die werden dann von der Kirche beschenkt.

zentralplus: Sie liefern Menschen eine besinnliche Feier auf dem schön geschmückten Serviertablett?

Beck: Ja, das ist vielen eine Hilfe. Und ich mache das sehr gerne. Damit es aber wirklich schön wird, muss sich jeder auch einbringen, mitsingen, mitbeten. Der Weihnachtsgottesdienst ist ja nicht kompliziert, sondern wie alle anderen Gottesdienste. Ostern hingegen hat eine ganz eigene Liturgie mit dem Osterfeuer, der Osterkerze, den vielen Lesungen. An Weihnachten ist einfach die Uhrzeit besonders – und die Lieder: 23 Uhr der klassische Mitternachtsgottesdienst, das «Stille Nacht».

Immer freundlich und positiv: Pfarrer Ruedi Beck in seinem Büro.

Immer freundlich und positiv: Pfarrer Ruedi Beck in seinem Büro.

(Bild: hae)

zentralplus: Wissen Sie schon, was Sie predigen werden?

Beck: Nein. Wir haben drei grosse Gottesdienste: am 24. um 17.15 Uhr, abends ein Singspiel besonders für Kinder und Familien, in der Nacht mit Solisten und dem Haydn-Ensemble, wo ich dieses Jahr predige. Und am 25. gibt es dann den Festgottesdienst, ebenfalls mit dem Haydn-Ensemble und der Capella der Hofkirche sowie der Predigt von Claudia Nuber, der Pastoralassistentin.                                                                                              

zentralplus: Was bedeutet das für Sie: eine volle Kirche?

Beck: So voll wie an Weihnachten ist sie tatsächlich selten. Am Sonntag um 11 Uhr ist sie oft auch gut gefüllt. Wenn zum Beispiel der Luzerner Konzertchor singt, ist die Hofkirche sehr gut besucht. Es passen 700 Menschen rein.

zentralplus: Das ist ja wie die volle Schüür, die Rockhalle auf Tribschen!

Beck: Ich freue mich natürlich, wenn die Kirche gut besetzt ist. Aber auch, wenn die Leute aktiv mitmachen. Und besonders freut mich, wenn es Leute hat, die ich schon etwas kenne und die sich auch gegenseitig wahrnehmen.

zentralplus: Viele kommen aber dennoch einfach zum Konsumieren; sie empfinden nichts Religiöses, geniessen aber die Opulenz der Kirche. Stört Sie das?

Beck: Nein, aber das klingt mir zu negativ. Ich würde es eher ins Positive drehen und sagen: Diese Menschen lassen sich beschenken, sich emotional mitreissen.

zentralplus: Können Sie damit auch neue Schäflein für die Kirche gewinnen?

Beck: Das ist nicht mein Ziel.

zentralplus: Was dann?

Beck: Ich freue mich, wenn Menschen die wunderbare Botschaft der Liebe Gottes aufnehmen und erfahren. Und dann freue ich mich, wenn diese Menschen diese Botschaft weitergeben.

«Geschenke würden mich sehr stressen.»

zentralplus: Weihnachten ist auch das Fest der Liebe, des Schenkens. Und hier die Gretchenfrage: Wie haben Sie es mit dem Schenken?

Beck: (Lacht) Ich mache keine Geschenke. Das würde mich sehr stressen. Ich habe die Geduld nicht, mir fehlt auch die Zeit dafür. Aber ich schenke meine Zeit, meine Aufmerksamkeit. Und meine Liebe und Kraft, so gut ich es kann.

Pfarrer der ältesten Luzerner Kirche

Ruedi Beck (53) ist seit Anfang September 2016 Pfarrer von St. Leodegar im Hof in Luzern. Dies ist die älteste Pfarrei in der Stadt Luzern; ihre Spuren reichen bis ins Jahr 735/736 zurück, als am Ort der heutigen Hofkirche ein Kloster gestiftet wurde. Der 1963 geborene Theologe wuchs in Lenzburg AG auf und erlangte 1983 die Matura an der Kantonsschule Aarau (Typus A). 1983 bis 1989 studierte er Theologie in Luzern und Freiburg und schloss mit einer Diplomarbeit in Fundamentaltheologie ab. Vor seinem Engagement in Luzern war Beck ab 2003 Pfarrer in Kleinbasel.

zentralplus: Wie ist denn das Image der Kirche heute?

Beck: Was meinen Sie mit Image?

zentralplus: Zum Beispiel die Macht der Kirche.

Beck: Ja, Macht hat die Kirche immer, jeder Mensch hat sie ja auch. Wir achten aber darauf, diese Macht nicht zu fest zu missbrauchen. In der Hofkirche kommen wöchentlich zu den vier Gottesdiensten insgesamt rund 1’000 Menschen zum Feiern, Beten, Hören – das hat ja letztlich auch mit Macht zu tun.

«Auch wenn ein Kind in der Kirche schreit, hat das seinen Platz.»

zentralplus: Fühlen Sie sich auch mächtig? Sie sind ja der Hirte der grössten Stadtkirche. Wie ist die Bilanz Ihrer 15 Monate in Luzern?

Beck: Die Jesuiten- und Franziskanerkirche sind ebenso gross, und am grössten ist die St.-Karli-Kirche. Die Zeit hier in Luzern war für mich bisher eine tolle Zeit voller Entdeckungen, es waren grossartige Begegnungen mit engagierten Menschen. Eindrücklich, wirklich. Ich bin dafür dankbar, auch für den Aufbau von Gemeinschaft und Nachbarschaft. Es gibt so viele verschiedene Leute, die mithelfen. So viele Familien leben hier; ich dachte, dass in der Stadt mehr gesetztere Menschen leben. Die Menschen hier sind sehr flexibel, gar nicht traditionell. Auch wenn ein Kind in der Kirche schreit, hat das seinen Platz. Und dann die musikalische Qualität …

zentralplus: … wir sind eine Musikstadt!

Beck: … genau, das ist für mich ein Privileg, hier wirken zu dürfen.

St. Leodegar, der Schutzheilige der Stadt Luzern, bewacht das Pfarrhaus von Ruedi Beck.

St. Leodegar, der Schutzheilige der Stadt Luzern, bewacht das Pfarrhaus von Ruedi Beck.

(Bild: hae)

zentralplus: Welches ist die Wirkung der dominanten Kirche als mächtiges Gebäude?

Beck: Sie spricht zu den Menschen.

zentralplus: Dann braucht es Sie ja gar nicht mehr …

Beck: Stimmt. Der Raum spricht länger als ich. Ich werde eines Tages gehen, aber diese Kirche hat eine Geschichte von mehr als 1’200 Jahren.

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