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Unverhofft schwanger: zwischen Furcht und Rettung
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Nadja (26) und Stephanie (22) – zwei junge Frauen, die mit ihrer frühen Schwangerschaft zu kämpfen hatten.   (Bild: ida)

Zwei junge Luzerner Mütter erzählen Unverhofft schwanger: zwischen Furcht und Rettung

7 min Lesezeit 03.06.2018, 12:03 Uhr

Plötzlich schwanger und mit keinem Bein fest im Leben – genau das haben zwei junge Luzerner Frauen erlebt. Sie erzählen von ihren Sorgen, der früheren Drogensucht und Depressionen – und weshalb ihre ungewollte Schwangerschaft ihnen wohl das Leben gerettet hat.

«Ich bin heute überzeugt, dass ich erneut in der Gosse gelandet wäre, wenn ich nicht mit 18 Jahren ein Kind erwartet hätte», erzählt Stephanie (22). «Ich hätte erneut zu Drogen gegriffen.»

Stephanie ist eine von 89 Frauen, die von MiA-Innerschweiz, einem Projekt der Albert Koechlin Stiftung, betreut wurde. MiA richtet sich an junge Mütter ohne Erstausbildung zwischen 16 und 25 Jahren. Ziel des Projekts ist es, junge Frauen auf die Arbeitswelt und ihre Lebenssituation vorzubereiten – in welcher sie Beruf, Ausbildung und Familie vereinbaren müssen.

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MiA veröffentlichte nun den Film «Dreiwelten – das Leben junger Mütter in Ausbildung». Dieser zeigt einen Einblick in die Lebenswelt junger Mütter und die Herausforderungen, mit denen sie täglich konfrontiert werden. zentralplus traf zwei junge Frauen, die in dem Film mitwirkten und die aus ihrem Leben erzählen.

Aus dem Elternhaus getrieben

Mit 17 Jahren wird Stephanie das erste Mal schwanger. Sie entscheidet sich, das Kind abzutreiben – denn Stephanie ist damals drogenabhängig. Sie trinkt und kifft, greift zu härteren Drogen. Mit der familiären Situation habe sie immer zu kämpfen gehabt. «Mit Drogen wollte ich alles ausblenden, hatte einen vernebelten Blick.»

«Im ersten Moment dachte ich mir, dass ich das Kind nicht behalten kann.»

Stephanie, junge Mutter

Kurz darauf schmeissen ihre Eltern sie aus der Wohnung. Stephanie lebt auf der Strasse, erlebt einen Absturz nach dem anderen. Sie realisiert, dass ihr Leben so nicht weitergehen kann, und liefert sich freiwillig in eine Klinik ein. Als sie selbst am Nullpunkt ist, lernt sie ihren Partner kennen – den Vater ihres zukünftigen Kindes.

Die 18-Jährige merkt, als sie im Service arbeiten geht, dass ihre Periode überfällig ist. Sie macht einen Schwangerschaftstest, der positiv ausfällt. Erneut schwanger – ein Schock. Sie sperrt sich in der Toilette ein und weint. Ein Gefühl der totalen Hilflosigkeit überkommt sie. «Im ersten Moment dachte ich mir, dass ich auch dieses Kind nicht behalten kann.» Doch als sie ihrem Partner davon erzählt, nimmt er sie in den Arm und sagt, dass sie es gemeinsam schaffen werden. Und das gibt ihr Halt.

Wenn die heute 22-Jährige zurückblickt, schiessen Tränen in ihre Augen. Die junge Frau mit den feuerroten Haaren zittert: «Ein zweites Mal abtreiben konnte ich nicht. Mir wie auch dem Kind gegenüber nicht.»

Gemischte Gefühle

Stephanie wird während ihrer Schwangerschaft stets von gemischten Gefühlen begleitet. Einerseits spielt Erstaunen mit, dass ein Leben in ihrem Bauch heranwächst. Zugleich auch die Angst, zu versagen und mit der Situation komplett überfordert zu sein. «Ich stand selbst nicht einmal mit beiden Füssen auf dem Boden. Und bald musste ich Verantwortung für einen Menschen übernehmen.»

Stephanie wollte nie eigene Kinder, hielt nie ein Baby in ihren Armen – bis zum Tag der Geburt ihrer Tochter Samantha. Jahrelang ist sie vom Sozialamt abhängig. Ihre Sozialbetreuerin macht sie auf MiA aufmerksam. Doch bevor sie eine Lehre in Angriff nehmen kann, realisiert Stephanie, dass sie noch nicht bereit ist – denn das Loslassen ihrer Tochter, die damals ein halbes Jahr alt war, fällt ihr schwer. «Ich musste erst in die Rolle als Mutter hineinwachsen.»

«Ich stand nicht einmal selbst mit beiden Füssen auf dem Boden. Und bald musste ich Verantwortung für einen Menschen übernehmen.»

Stephanie

Stephanie nimmt sich diese Zeit. 2016 meldet sie sich erneut bei MiA an – und beginnt 2017 eine Lehre als Malerin. Sie lernt Gleichgesinnte kennen. Frauen, die ähnliche Schicksalsschläge erlitten haben. Sie merkt, dass sie nicht alleine ist. Und das gibt ihr Kraft.

Hier gibt’s den Trailer zum Film «Dreiwelten – das Leben junger Mütter in Ausbildung» zu sehen. (Produktion: MiA, Schnitt: Anna Gallati):

Sich selbst nicht vergessen

Die schwierigste Herausforderung sei es nach wie vor, alles unter einen Hut zu bringen. Familie, Beruf, Schule – und dabei sich selbst nicht zu vergessen. «Ich bin nicht nur eine Mutter», so Stephanie. «Ich bin eine junge Frau mit Bedürfnissen.» Einerseits gibt es die Familie, die Beziehung Mutter-Tochter, Vater-Tochter, aber auch die Beziehung von Stephanie zu ihrem Partner. Es sei ein Knackpunkt, mit dem sie auch heute noch zu kämpfen habe.

«Die Freiheit draussen gibt mir im Leben nicht so viel wie meine Familie zu Hause.»

Stephanie

Nach wie vor schmerze es, wenn sie zur Arbeit fahre und sich von ihrer Tochter verabschieden müsse. Als Teenager wollte sie von ihrem eigenen Zuhause flüchten. Nun zieht es die junge Mutter in ihre eigenen vier Wände zu ihrer Familie. «Die Freiheit draussen gibt mir im Leben nicht so viel wie meine Familie zu Hause.»

Blickt die 22-jährige Stephanie heute zurück, ist sie stolz, finanziell unabhängig zu sein und ihr Leben in den Griff bekommen zu haben. Sie ist glücklich, eine eigene Familie zu haben.

Die heute 22-jährige Stephanie bekam ein Kind, als sie selbst nicht mit beiden Füssen im Leben stand.

Die heute 22-jährige Stephanie bekam ein Kind, als sie selbst nicht mit beiden Füssen im Leben stand.

(Bild: ida)

Ärztin hat zur Abtreibung geraten

Auch Nadja (26) musste sich durch ihr Leben boxen. 2011 geht die damals 19-Jährige mit Bauchschmerzen zum Arzt. Als ihre Gynäkologin ihr sagt, dass sie schwanger ist, fällt sie aus allen Wolken. Nadja wollte nie Kinder, verhütete immer sorgfältig. Da sie sich in keinem festen Arbeitsverhältnis befindet, empfiehlt ihre Ärztin, das Kind abzutreiben. Nadja verlässt die Praxis, denn ihre Entscheidungen möchte sie alleine treffen.

«In meiner Familie sind Kinder das Wichtigste. Ich war fast gezwungen, mein Kind zu behalten», erzählt Nadja. Mit dem Vater ihres Kindes führt sie eine On-Off-Beziehung, bis sie endgültig einen Schlussstrich zieht: «Mein Partner war ein Kind. Und ich musste erwachsen werden, Verantwortung für ein neues Leben tragen.»

«Ich war fast gezwungen, mein Kind zu behalten.»

Nadja, junge Mutter

«Ich war schon immer das schwarze Schaf in meiner Familie», erklärt sie. In der Schule wird sie gemobbt. An ihrem 18. Geburtstag gibt man Nadja die Vollmacht über ein Konto, auf dem mehr als 6’000 Franken sind. Das Geld wird in Alkohol, Tattoos und Piercings investiert. Auch von Ritalin ist sie damals abhängig, schnupft es regelmässig. Eine Ausbildung hat Nadja nie absolviert, während Jahren ist sie vom Sozialamt abhängig. Ihr Betreuer schickt sie in ein Programm, drei Jahre lang erledigt sie dieselben Arbeiten. Sie merkt, dass sie das nicht glücklich machen wird – und will aus dem Teufelskreis ausbrechen.

Schwere Depressionen

Während ihrer Schwangerschaft ist sie glücklich. Als der Bauch endlich wächst, sie die ersten Tritte ihres Kindes spürt, wird sie von Glücksgefühlen überhäuft – blendet jedoch vieles aus. Denn Nadja leidet seit Jahren an schweren Depressionen, auch an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Im Juli 2012 geht Nadja mit starken Wehen ins Spital. «Ich lief wie eine angeschossene Meersau», meint sie heute lachend. Nach der Geburt ihrer Tochter holen ihre Depressionen sie jedoch immer wieder ein.

Sie ist komplett mit der Situation überfordert, baut sich immer wieder eine Schutzmauer auf, aus der sie nur schwer wieder ausbrechen kann. An das erste Jahr ihrer Zeit als Mutter kann sich Nadja kaum erinnern. Sie geht viel in den Ausgang, konsumiert Alkohol und Cannabis. Hauptsächlich kümmert sich die Mutter von Nadja um das Kind. «Ich hätte meine Tochter kaputt gemacht, bevor sie etwas von der Welt gesehen hätte.»

«Ich habe mein eigenes Kind in den Armen gehalten. Ich habe mich selbst gesehen, wie ich es an die Wand werfe.»

Nadja

Als ihre Tochter Elena zwei Monate alt ist, hat sie erneut einen Nervenzusammenbruch. Ihre Tochter hat Nadja seit dem ersten Tag geliebt. Aber die Depressionen machen ihr schwer zu schaffen und die junge Mutter stösst immer wieder an ihre Grenzen: «Ich habe mein eigenes Kind in den Armen gehalten. Ich habe mich selbst gesehen, wie ich es an die Wand werfe», Nadja hält kurz inne. «Das ist mit Abstand das Grausamste, was sich eine Mutter vorstellen kann.»

Nadja spielt auch mit dem Gedanken, mit ihrem eigenen Leben abzuschliessen. «Ohne meine Mutter gäbe es wohl mich wie auch meine Tochter nicht mehr.»

Gefühle zulassen

Vor drei Jahren will Nadja ihr Leben definitiv umkrempeln. Sie möchte sich selbst und ihrer Tochter etwas gönnen, unabhängig werden. Als sie auf die Gemeinde geht, findet sie eine Broschüre von MiA. Im selben Jahr wie Stephanie beginnt sie 2016 ihr MiA-Jahr. Nun absolviert sie eine Lehre als Logistikerin und baut sich ihr Leben langsam auf.

Nadja ist ehrgeizig, denn sie möchte sich selbst, aber insbesondere auch ihrer Tochter etwas leisten. «Wäre ich jetzt schon mit meiner Ausbildung fertig, könnte ich in die Papeterie gehen, in der sich meine Tochter eine Schultheke aussuchen könnte. Ich könnte diese an der Kasse bezahlen – aber momentan kann ich das schlichtweg noch nicht finanzieren.»

Nadja bereut keine einzige Minute, die sie mit ihrer Tochter verbringen kann. Immer wieder – auch im Streit – sagt sie ihr, wie sehr sie sie liebt.

Ohne ihre Mutter hätte Nadja wohl mit ihrem Leben, wie mit dem Leben ihres Kindes abgeschlossen.

Ohne ihre Mutter hätte Nadja wohl mit ihrem Leben sowie mit dem Leben ihres Kindes abgeschlossen.

(Bild: ida)

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