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Sehnsucht, Fussball, Bier – Zwanzig Jahre «mia san mia»
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Gruppenfoto auf der Luzerner Allmend mit FCL-Trainer Markus Babbel (Bild: Raphael Frey).

Exotischer Luzerner Bayern-Fanclub Sehnsucht, Fussball, Bier – Zwanzig Jahre «mia san mia»

7 min Lesezeit 03.10.2015, 17:00 Uhr

Es gibt was zu feiern: 20 Jahre FC Bayern-München Fanclub Vierwaldstättersee. Was sich wie die Geschichte eines Heimwehvereins anhört, hat viel mehr mit Fernweh zu tun und ist vor allem eine Liebeserklärung an München, den Fussball – und den FC Luzern.

Fussballfankultur ist neben vielem anderen auch immer ein Umgang mit kollektiven Wünschen und Träumen. Meisterschaftstitel, Cup-Pokal oder Klassenerhalt – was immer diese Träume und Wünsche sind, sie werden gemeinsam erhofft und erbittet, genauso wie Misserfolge gemeinsam verkraftet und verarbeitet werden. Es geht aber nicht in erster Linie darum, sich einen Fussballverein auszusuchen, der mit Erfolg gesegnet ist, damit die eigenen Wünsche möglichst oft in Erfüllung gehen. Die meisten Fans werden zu Fans, weil sie da leben, wo sie leben. Der Verein ist ein Teil einer regionalen Kultur, zu der sich auch der Fan zählt.

So wird innerhalb der Zentralschweiz ein grosser Teil der Fussballbegeisterten zum Fan des FC Luzern. Als einziger Super-League-Verein weit und breit wird er die lokale Projektionsfläche von Sehnsüchten und Wünschen hiesiger Fussballherzen, welche Saison für Saison gespannt mitverfolgen, was auf und neben dem Fussballplatz so alles passiert.

Verlockende Bundesliga

Gerade mit dem ganzen Drumherum werden die lokalen Schranken durchbrochen und Luzern wird Teil der Fussballschweiz, ja sogar der Fussballwelt. Alain Wiss geht nach St. Gallen, Adrian Winter nach Amerika, dafür kommt Sebastian Schachten aus St. Pauli. Nico Brandenburger kommt voraussichtlich für ein Jahr aus Gladbach und Borussia Dortmund, Kaiserslautern und die U21 vom Liverpool FC kamen je für ein Testspiel zu Besuch.

Ein besonderes Augenmerk gilt dabei auch der deutschen Bundesliga, aus welcher immer wieder grosse Namen und Vereine mit Luzern zu tun hatten. Ottmar Hitzfeld beendete 1983 seine Karriere als Spieler auf der Allmend, bevor er sieben Mal als Trainer (BVB/Bayern) die Bundesliga gewann und Wiggerl Kögl wurde vor seinem Wechsel nach Luzern 1996 sechs Mal deutscher Meister (VfB/Bayern). Aber auch unser Meistertrainer Friedel Rausch wurde 1977 mit Schalke 04 Vizemeister und der HSV, das Urgestein der deutschen Bundesliga, war der Gast beim Einweihungsspiel der Swissporarena.

Fernab der Konkurrenz die zweite Liebe

Gerade da die Clubs der Bundesliga in keiner direkten Konkurrenz zum FC Luzern stehen, scheint es so, als sei der eine oder andere Luzern-Fan von den grossen deutschen Namen wie Borussia Dortmund, Schalke 04 oder dem FC Bayern-München schon mal fasziniert. Durch diese Faszination entsteht ein Interesse. Zuerst checkt man die Resultate, geht dann mal ins Pub das eine oder andere Spiel schauen und schlussendlich hat es einem den Ärmel reingenommen und man ist Fan einer Mannschaft, die ihre Heimspiele hunderte Kilometer vom eigenen Zuhause austrägt.

Ähnlich ging es auch Seppi Bucheli mit dem FC Bayern-München. Dabei war er als Bub in den 60ern vor allem FCL-Fan und erinnert sich gerne daran, wie er vor dem Radio die Resultate und Spielberichte seines Vereins mitverfolgte. Mit dem ersten grossen Sackgeld ging es dann Anfang der 70er-Jahre zum ersten Mal von Wolhusen nach Luzern ins Allmendstadion.

Ein wenig Ressentiment und eine Reise

Erst etwas später habe man sich dann für den ausländischen Fussball interessiert, wobei der FC Bayern-München bei seinen Freunden immer etwas «unten durch» musste, erzählt Bucheli. Deshalb nahm er schon früh Partei für den etwas weniger beliebten Verein. Er habe interessiert die Resultate verfolgt und spätestens als Stift, bei seiner ersten Reise nach München, sich in diese Stadt mit ihren Biergärten und dem italienisch anmutenden Dolce Vita verliebt.

Dabei sei er aber lange vor allem Fan von Luzern geblieben. Die 70er-Jahre mit dem Hin und Her von der Nati A in die Nati B und wieder zurück sei eine spannende Zeit gewesen, in der man sehr viel mitgelitten habe, und mit den 80ern sei dann der Aufschwung gekommen, der zum ersten und bis anhin einzigen Meistertitel geführt hat. Die 80er waren aber auch die Zeit, in denen Bucheli seine zweite Reise nach München antrat, die ihn nie wieder richtig losliess.

«Von da an wars um mich geschehen», erzählt er. München wurde zu einer Art zweiter Heimat. Bier, Land und Leute hatten es ihm dermassen angetan, dass ihn das Fernweh selten lange in Ruhe liess und es ihn in regelmässigen Abständen zurück nach München zog.

Zwei Resultate und ein erster Verein

Aber auch der Fussball hatte es Bucheli angetan und fast schon philosophisch stellt er fest: «Dass ich auch Fan vom FC Bayern bin, habe ich gemerkt, als ich, egal wo auf der Welt ich war, nur noch zwei Resultate pro Wochenende wissen wollte, das vom FCL und das vom FC Bayern.»

1991 entstand dann der erste Bayernfanclub der Schweiz mit dem Namen Helvetia 91, dem Bucheli beitrat und wo er Patrik Blees kennenlernte, mit dem er sich von Anfang an blendend verstand, was kein Wunder sei, meint Bucheli, da sie beide ein ausgeprägtes Faible für Bier, München und Fussball hätten.

Vierwald- oder Bierwaldstättersee

Von diesem Zeitpunkt an fuhren die beiden oft mit Freunden und Verwandten auch ausserhalb des Fanclubs an die Heimspiele in München und als der Fanclub zu bröckeln begann, beschlossen Blees und Bucheli 1995 die Gunst der Stunde zu nutzen und ihren eigenen Verein zu gründen.

So kam es, dass sich die beiden in diesem Sommer gemeinsam an die Bar im Hotel Flora setzten und bis tief in die Nacht an der Umsetzung ihres Beschlusses arbeiteten. Es muss bereits am etwas fortgeschrittenen Abend gelegen haben, erzählt Bucheli schmunzelnd, als man sich entschied, die Anmeldeunterlagen beim FC Bayern-München zu bestellen. Dabei hätte man sogar beinahe noch den vorher ausgesuchten Namen BFC (Bayern Fanclub) Vierwaldstättersee in BFC Bierwaldstättersee umgeändert.

Wiggerl Kögl und die ersten Jahre

Der FC Bayern-München schrieb vor, dass der Verein mindestens 25 Mitglieder stellen musste, um sich als offiziellen Fanclub zu bezeichnen, was aber angesichts der Gruppe, die bereits regelmässig an die Spiele fuhr, und des Fakts, dass zu jener Zeit mit Ciri Sforza und Alain Sutter zwei Schweizer in München spielten, keine allzu grosse Hürde darstellte. So riefen im Oktober 28 Gründungsmitglieder den Verein ins Leben.

Nach der Gründung war eines der ersten grossen Highlights des Vereins wieder eine eng mit dem FC Luzern verbundene Geschichte. Der ehemalige Bayernstar und sechsmalige Bundesligagewinner Ludwig «Wiggerl» Kögl stand zwischen 1996 und 1999 bei den Luzernern unter Vertrag, was der BFC Vierwaldstättersee nutzte, um sich zum ersten Mal mit einem lebendigen Bayernidol zu treffen, das den Mitgliedern einen Abend lang Rede und Antwort stand.

Ein Bild aus alten Zeiten: Patrik Blees (von links), Ludwig «Wiggerl» Kögl und Seppi Bucheli.

Ein Bild aus alten Zeiten: Patrik Blees (von links), Ludwig «Wiggerl» Kögl und Seppi Bucheli.

(Bild: zVg)

Zwanzig Jahre «mia san mia»

Andere Highlights sind sicherlich die Spiele, die sich der Fanclub seit nunmehr 20 Jahren gemeinsam anschaut, sei es im Olympiastadion, in der Allianzarena oder auch mal zusammen vor dem Fernseher. Auch das Sommerfest, das jährlich auf dem heiligen Rasen des FC Wolhusen abgehalten wird, gehört sicherlich dazu, wobei dessen gemütliche Atmosphäre, die Grilladen und das Bier für manch einen fast wichtiger scheinen als der Fussball selber. So ist beispielsweise Raphael Frey (27) den Bayern sicherlich nicht abgeneigt, seine grosse Liebe aber ist der HC Davos. Irgendwie sei er aber vor zwei Jahren in den Verein gestolpert und fühle sich hier seither wohl.

Gruppenfoto vom Sommerfest des Fanclubs (Bild: Raphael Frey).

Gruppenfoto vom Sommerfest des Fanclubs (Bild: Raphael Frey).

Um an diesem Sommerfest noch einen draufzulegen, hat man extra den FC Luzern angefragt, ob nicht der ehemalige Bayernspieler und heutige FCL-Trainer Markus Babbel Lust und Zeit hätte, sich der Feier anzuschliessen. Das hat leider nicht geklappt. Dafür hat der FC Luzern auf seine Art reagiert und dem Fanclub auf den Geburtstag vierzig Eintrittskarten für das Spiel gegen die Grasshoppers spendiert. Wobei den Fotografen, der die Fotos für die Webseite schiesst, das Fotoshooting mit Markus Babbel am meisten gefreut hat – denn wo sonst kriegt man schon mal so einen Prominenten vor die Linse gestellt?

Sprachlos mit Babbel

Es sei aber auch ein ganz besonderes Geschenk für ihn, verrät Bucheli, während er stolz die Mitgliedskarten beider Vereine (FCL und FC Bayern) zeigt. Die vierzig Karten waren schnell weg, was bei sechzig aktiven Mitgliedern keine Überraschung ist, und so stand am letzten Sonntag bei herrlichem Fussballwetter eine Wand aus Bayern- und Luzern-Fans auf der Allmend. Bis auf wenige Ausnahmen unterstützten sie lautstark den Ex-Bayern und sein neues Team, auch als dieser noch vor der Halbzeit die Trainerbank zugunsten eines Tribünenplatzes verlassen musste.

Shakehands zwischen Gründungsmitglied Seppi Bucheli und FCL-Trainer Markus Babbel (Bild: Raphael Frey).

Shakehands zwischen Gründungsmitglied Seppi Bucheli und FCL-Trainer Markus Babbel (Bild: Raphael Frey).

Nach einer spannenden Partie mit nicht ganz glücklichem Ausgang liefen die vierzig Bayern-Fans geschlossen durch den Spielereingang auf den Rasen, wo noch wenige Minuten zuvor der FCL gespielt hatte. Gespannt warteten sie alle, bis er auftauchen würde, und als Babbel dann kam, wusste irgendwie keiner so recht, was sagen. Viel zu reden gab es nicht, aber ein Foto mit dem BFC-Vierwaldstättersee, welches den Mitgliedern als grossartige Erinnerung an das 20. Jubiläumsjahr erhalten bleiben wird.

Gruppenfoto auf der Luzerner Allmend mit FCL-Trainer Markus Babbel (Bild: Raphael Frey).

Gruppenfoto auf der Luzerner Allmend mit FCL-Trainer Markus Babbel (Bild: Raphael Frey).

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