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Monique Frey: Die Grüne, die sich keinen Maulkorb verpassen lässt
  • Politik
Monique Frey bei der Schnippeldisco beim Schweizerhof. Hier wurden 200 Kilogramm gerettetes Gemüse gerüstet. (Bild: ida)

Luzerner Ständeratskandidatin im Porträt Monique Frey: Die Grüne, die sich keinen Maulkorb verpassen lässt

7 min Lesezeit 09.09.2019, 04:39 Uhr

Sie bezeichnet sich selbst als eine laute Politikerin: Grünen-Kantonsrätin Monique Frey. Nun kandidiert die 53-Jährige für den Ständerat. Weshalb sie ins Stöckli will – und zu Hause in Emmen zeitweise eine Schafherde hütet.

Der Stadtschreiber lief bei einer Budgetdebatte rot an, als eine junge, wilde Grüne Gelder für Selbstverteidigungskurse für Frauen forderte. Wohl etwas verdutzt oder gar peinlich berührt aufgrund des frischen Windes, den fünf neu gewählte Vertreterinnen und Vertreter der Grünen in die Gemeinde Brugg brachten. Das war vor 30 Jahren, als Monique Frey im Einwohnerrat von Brugg im Kanton Aargau sass.

Als wir die heute 53-Jährige im «Lokal» beim Historischen Museum treffen, liegen dunkle Wolken über der Stadt. Frey sitzt an einem Tisch, vor ihr liegt der «Blick». Auswärts lese sie diese Zeitung jeweils. Hie und da nippt Frey an ihrem frisch gepressten Fruchtsaft, den sie zuvor ohne Plastiktrinkhalm an der Theke bestellt hat.

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Seit 2008 sitzt Frey für die Grünen im Luzerner Kantonsrat. Nun strebt sie einen Wechsel unter die Bundeskuppel ins Stöckli an.

Debattieren statt Smalltalk

Erschöpft nach 30 Jahren Politisierens ist Frey nicht. Das zeigt sich auch im Gespräch: Bei persönlichen Fragen driftet Frey immer wieder in politische Debatten ab. «Ich diskutiere viel. Und gerne», sagt sie denn auch. Von Smalltalk hält sie nicht viel. Frey debattiert lieber über die Finanzpolitik.

Das zeigte sich auch vor kurzem an der Schnippeldisco beim Schweizerhof. Während kiloweise gerettetes Gemüse gerüstet wurde, ertappt man Frey dabei, wie sie mit Händen debattierte und zeitweise das Rüstmesser fallen liess.

Multikulturell aufgewachsen

Aufgewachsen ist Frey im multi-kulturellen Birr im Kanton Aargau, wo ihre Eltern in einer grossen Wohnüberbauung wohnten. Ein grosser Konzern baute damals sein Produktionswerk in Birr. Arbeiter zogen mit ihren Familien aus der ganzen Schweiz und Europa dahin, so auch Freys Eltern aus dem Bernbiet. Sie engagierten sich im Gemeindeaufbau, beispielsweise in der Organisation des Club International, wo sich die Alteingesessenen und die Zugezogenen trafen.

Frey war in einer Schulklasse, in der fast die Hälfte der Klassenkameraden ausländische Wurzeln hatte. Das wurde ihr aber erst bewusst, als darüber diskutiert wurde und sie den Anteil Ausländer in ihrer Klasse zählte. Für sie war es völlig normal. «Wir waren ein einziger, bunt vermischter Haufen Kinder.»

Freys Vater war ein SVP-Mann

Frey kam bereits von Kindsbeinen an mit Politik in Berührung. Ihr Vater sass für die SVP im Gemeinderat, die Mutter war als Redaktorin für die politische Berichterstattung tätig. «Immer wieder bin mir ich mit meinem Vater in die Haare geraten», sagt Frey heute.

Es sei schwierig zu beantworten, wie viel an Werten die Eltern ihren Kindern mitgeben. Die Grüne weiss: Die politische Einstellung ist es bei ihr nicht. Wohl aber, aktiv zu sein und sich zu engagieren. Und das nicht nur nach der Arbeit innerhalb der eigenen vier Wände, sondern in einer grösseren Gemeinschaft.

Geprägt von Tschernobyl und Ölkrise

Der Ursprung von Freys Engagement ist mit bestimmten Ereignissen verknüpft: «Meine Person und mein Treiben sind geprägt durch den kalten Krieg, die Ölkrise in den 70er-Jahren und die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986.»

Viele könnten sich das heute gar nicht mehr vorstellen, dass die Wolken voll mit radioaktiven Abfällen in die Schweiz zogen. «Wir mussten in den Häuser bleiben, durften nicht in den Sandkästen spielen und keine Pilze essen.»

«Wir eckten an, doch das war uns egal: Wir wollten unsere Politik machen.»

Monique Frey, Luzerner Ständeratskandidatin

Aus der AKW-Bewegung sei eine immer breitere, ökologische Bewegung entstanden. In den 80er-Jahren gründete Frey gemeinsam mit anderen die Grünen in Brugg. 1989 trat die Partei zum ersten Mal an – und holte sich prompt fünf Sitze im Einwohnerrat.

«Wir haben vermutlich Dinge gefordert, die andere unangebracht fanden. Wir eckten an, doch das war uns egal: Wir wollten unsere Politik machen.»

Mit dem Velo unterwegs. (Bild: ida)

Auszeit vom Politisieren

Das politische Engagement hatte auch Einfluss auf die Studiums- und Berufswahl. Frey studierte Agronomiewissenschaften an der ETH in Zürich, «damals das einzig grüne Studium». Nach der Dissertation nahm sie sich eine Auszeit von der Politik. In einer Wohngemeinschaft lernte Frey ihren heutigen Partner kennen, 1998 kam ihre gemeinsame Tochter zur Welt.

Als Frey eine Stelle bei der Caritas in Luzern bekam, zog das Paar 2005 nach Emmen in den Unter-Grundhof. Noch heute arbeitet Frey bei der Caritas als Fachberaterin im Bereich Ernährungssicherheit und Märkte. Zeit fürs Politisieren konnte sie sich erst wieder nehmen, als ihre Tochter in die Schule kam.

Schafe hüten: Das Hobby Freys

Auch heute noch lebt Frey mit ihrer Familie im Unter-Grundhof, wo es viel Grünfläche gibt. Sogar Schafe weiden da. Frey kümmert sich abwechselnd mit vier anderen Familien um die Tiere. Sie gibt den Schafen Wasser, säubert die Weiden und flickt Zäune. Im Sommer muss sie heuen, denn die Schafe sind auf der Alp. Auch Wandern und Velotouren stehen auf der Freizeitliste Freys.

Gefrühstückt werde jeweils mit der ganzen Familie. Und auch am Esstisch wird diskutiert: Freys Partner ist Umweltingenieur, er bringe sie auf den neusten Stand, wenn es um den Energiebereich gehe.

Schafhirtin in Teilzeit:

Durch den Kanton gestrampelt

Freys Partner unterstützt sie beim Wahlkampf. Im Sommer klapperte das Paar auf einer Velotour alle 83 Gemeinden unseres Kantons ab. Freys persönlicher Auftakt in den Wahlkampf (zentralplus berichtete).

«Vor 20 Jahren galten die Grünen noch als absolut jenseitig.»

Monique Frey

Zwar sei sie nur selten direkt angesprochen worden, aber es sei über sie gesprochen worden. Beispielsweise in einem Restaurant in Schötz: «Eine Gruppe am anderen Tisch sah mein Velo, und diskutierte daraufhin, wie viel sie Auto fahren und ob sie den Motor laufen lassen, wenn sie vor einer roten Ampel stehen.»

Bauern müssen miteinbezogen werden

Auch Frey stellte sich viele Fragen. Was die Leute auf dem Land über die Grünen denken. Oder: «Wie können wir den Bauern erklären, dass die grüne Politik auch eine Politik für sie ist? Eine nachhaltige Politik, die den Fokus nicht nur auf Mobilität legt, sondern auf den Erhalt einer ökologischen Landschaft.»

Nach wie vor haben die Grünen auf dem Land nur wenig Verbündete. Dennoch spricht Frey von einer Annäherung, die es gegeben habe. «Vor 20 Jahren galten die Grünen als absolut jenseitig.» Nun habe sich das Bewusstsein stark verändert. Dazu trägt die Schwedin Greta Thunberg bei, die ein Jahr lang nicht tatenlos die Schulbank drücken will, sondern den Klimawandel bekämpfen möchte. In der Schweiz zog es Tausende Menschen, die fürs Klima demonstrierten, auf die Strassen. Auch in Luzern (zentralplus berichtete).

«Vor zwei, drei Jahren gab es noch einige, die dachten, dass der Klimawandel totale Illusion ist», sagt Frey. Heute nicht mehr: «Und das ist mit ein Grund, weshalb die Grünen heute nicht mehr als Aussenseiter wahrgenommen werden.»

Weshalb nun ins Stöckli, Frau Frey?

Drei Dinge treiben Frey nun ins Stöckli. Zum einen die Klimafrage. Auch ist Frey überzeugt, dass eine Frau in den Ständerat gehört. Und weiter: «Ich finde es dringend nötig, den Luzerner Blickwinkel im Bundesbern zu vertreten. Jemand, der weiss, was im eigenen Kanton und den Gemeinden läuft.» Laut Frey hätten viele Räte, die für Luzern unter der Bundeskuppel sitzen, den Kantonsblick verloren. Gleichzeitig plädiert sie für mehr Solidarität zwischen den einzelnen Kantonen.

«Ich bin eine laute Politikerin», sagt Frey über sich selbst. «Im Rat probiere ich, klare Worte zu finden.» Auch wenn es teilweise frustrierend sei, dass sich gerade bezüglich des Klimawandels Dinge nur schleppend ändern würden, sei sie nicht müde. «Frustriert wäre ich, wenn ich nichts mehr sagen dürfte, Minderheitsrechte beschränkt würden und nur noch Parteien mit einem bestimmten Wähleranteil in den Rat kämen.»

Monique Frey im Video:

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