Kultur
Chancen und Risiken des Projekts

Luzerner Theater: Wollen die Luzerner diesen Bau verstehen?

Stadtpräsident Beat Züsli hätte es nicht für möglich gehalten, dass das alte Theater stehen bleiben könnte. Entsprechend freut er sich über das Siegerprojekt. (Bild: Michael Flückiger)

Auf deutschen Theaterbühnen herrscht Götterdämmerung und Publikumsschwund. Doch es fragt sich: Kann das neue Theater Luzern diesem Abwärtstrend als flexibles Mehrspartenhaus widerstehen?

Das Siegerprojekt zum Neuen Theater Luzern denkt das Alte ins Neue. Auf der einen Seite knüpft es mit dem alten Theaterbau am kollektiven Gedächtnis und Theatererleben der Bevölkerung an. Auf der anderen Seite weist es mit dem charakteristischen neuen Anbau auch mutig in die Zukunft. Obwohl es überrascht, dass der Altbau in den Neuen integriert wird und damit erhalten bleibt: Das Projekt ist unbestritten von visionärer Sprengkraft.

Dass dies die Luzerner Bevölkerung aufwühlt und Diskussionen entflammt, liegt auf der Hand. So wie in unseren Kommentarspalten. Denn es greift durch seine architektonische Einbettung zwischen altem Theater und der Jesuitenkirche konfrontativer ins Bild der Altstadt ein, als damals das neue Kultur- und Kongresszentrum (KKL) mit dem Stadtbild rund um den Bahnhof kontrastierte.

Ob sich die Bevölkerung von der Begeisterung der Stadt mitreissen lässt, wird sich spätestens mit der Volksabstimmung für das Bauprojekt und den Baukredit über rund 120 Millionen Franken weisen. Die Diskussion ist lanciert. Doch dessen ungeachtet ist unbestritten: Die Aussengestaltung, die dank grossen Fenstern einen offenen Dialog zwischen Drinnen und Draussen ermöglicht, ist zwar wichtig. Doch das Projekt muss auch betrieblich funktionieren und die Inszenierungen müssen mithilfe kluger Intendanten und engagierter Kunstschaffenden das Publikum erreichen.

Erreicht die inhaltliche Ästhetik das Publikum?

«Das Projekt ist ein kulturpolitisches Bekenntnis. Wir verfügen über das einzige professionelle Theater der Zentralschweiz und wollen die Zentrumsfunktion für die Grossregion wahrnehmen», sagt der Luzerner Stadtpräsident Beat Züsli (SP). Der Schirmherr des Projekts Neues Luzerner Theater hat den Jurierungsprozess aktiv begleitet und unterstreicht mit seinem Engagement die grosse Bedeutung des Projekts für die Stadt Luzern. Zudem ist Züsli selber Architekt und kann somit mit den Ansprechpartnern auf Augenhöhe diskutieren.

Die momentane Luzerner Theaterdiskussion ist auch im Kontext einer Grundsatzdebatte zur Zukunft des Schauspiels auf deutschen Bühnen überhaupt zu sehen: An vielen Schauspielhäusern im deutschsprachigen Raum herrscht wegen halbvoller Säle grosse Ernüchterung. Mit der Corona-Pandemie allein ist der Einbruch nicht zu erklären.

Dahingegen verfügt Luzern – dem tendenziell überalterten Publikum zum Trotz – nach wie vor über gute Auslastungen. Vor Corona lag die Quote bei beachtlichen 80 Prozent. 70 Prozent des Publikums kommt aus Stadt und Agglomeration Luzern, 30 Prozent von auswärts. Das Haus ist damit breit abgestützt, die Zentrumsleistung ist damit nachgewiesen.

Ungutes Omen? Zürcher Schauspielstätten in der Krise

Im Gegensatz zu Luzern sind es in Zürich die Einspartenhäuser wie Schauspielhaus und Schiffbau, die aktuell in der Kritik stehen. Pius Knüsel zum Beispiel, ehemaliger Direktor von Pro Helvetia, sprach jüngst in der NZZ gar davon, dass die Schauspielhäuser redimensioniert werden müssten. Das Theater habe als Leitmedium der gesellschaftlichen Debatte, wie es noch in den 70er Jahren der Fall war, ausgedient.

Theaterschaffende versuchen, sich mit provokativen Experimenten gegenseitig zu übertreffen. Gleichzeitig neigen Regisseuren gerne dazu, Stoffe zu zerstückeln. Was Knüsel stört: Darunter leiden die Identifikationsmöglichkeiten mit greifbaren Figuren. Auf diese Weise seien deren ambivalentes und dadurch zutiefst menschliches Erleben und Durchleiden weder fass- noch nachvollziehbar. Ein Theater, das nicht mehr an der Erlebniswelt des Publikums anknüpft und diese kreativ aufzuarbeiten versteht, droht seine Daseinsberechtigung zu verlieren.

Dank Mehrspartenhaus am Puls der neuesten Entwicklungen

Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen, ist auch Beat Züsli wichtig. Doch das hänge, wie er meint, wesentlich von den Intendanten ab. Er sieht im Projekt für das neue Luzerner Theater mit seinen verschiedenen Sparten unter einem Dach eine Chance, welche den traditionellen grossstädtischen Einspartenhäusern für Schauspiel abgeht.

Er unterstreicht, dass heute die Grenzen zwischen Sparten wie Musik, Tanz, Theater oder auch Jugendtheater, immer mehr zerfliessen. Das Neue Luzerner Theater sei so konzipiert, dass es diese Entwicklungen aufnehmen kann. «Wir haben alles an einem Ort und können dank der klugen Innengestaltung effizient mit den Möglichkeiten spielen.»

Opernsaal als bestimmender Faktor für den Bau

«Grösser als 600 Plätze haben wir den grossen Saal gar nie haben wollen», sagt Züsli. Der heutige Saal bietet Platz für 480 Personen. Angelegt für die Oper mit Orchestergraben und Seitenbühne ist dieser bestimmend für das Gesamtvolumen des neuen Hauses. «Anders als bis anhin können wir damit auch aufwändigere Musiktheater realisieren. Gleichzeitig können wir dank der zusätzlichen beiden kleineren Säle sehr flexibel auf die Resonanz im Publikum reagieren. Wenn etwas weniger Zuspruch findet als erhofft, können wir es unkompliziert in eine kleinere Spielstätte verlegen.»

Dass für ihn die Flexibilität und Multifunktionalität des Hauses wesentlich ist, damit sich die darstellenden Künste Theater, Tanz und Musiktheater unter einem Dach durchdringen können, ist spürbar: «Der Bau ist zudem so konzipiert, dass wir mit zukünftigen Entwicklungen Schritt halten können», gibt Beat Züsli zu bedenken.

Die Durchlässigkeit zwischen Innen- und Aussenraum sieht er als grosses Plus. Dank leichter Zugänglichkeit und direktem Dialog ist die Bevölkerung mehr als bisher am betrieblichen Geschehen beteiligt.

Musiktheater könnte zur tragenden Säule werden

Besonders am Herzen liegt ihm die Musik. In diese Kernkompetenz des Luzerner Kulturbetriebes setzt er Hoffnungen. Nicht ganz unberechtigt: «Dass Luzern als Musikstadt mit KKL und Lucerne Festival zusätzlich ein Musiktheater braucht, das seinen Namen verdient, war erfreulicherweise nie umstritten», hält er fest.

Neu werden dadurch aufwändigere Opernaufführungen möglich, die weit über die Zentralschweiz hinaus Aufmerksamkeit erlangen könnten. In Zürich ist das Opernhaus aktuell ein grosser Publikumsmagnet. Im Gegensatz zur provokativeren, gesellschaftspolitisch aufgeladenen Kunstform Schauspiel, das Grenzen auslotet und das Publikum entzweien kann, dürfte das Musiktheater in Luzern ein traditionell bürgerliches und treues Publikum ins Haus locken. Wovon auch Aufführungen in Schauspiel und Tanz profitieren könnten.

Züsli sieht generell grosse Chancen für ein gutes Publikumsecho: «Die Leute suchen vermehrt einen Gegenpol zum digitalen Medienkonsum. Die direkte Begegnung und das authentische Erlebnis werden wieder wichtiger.» Das Projekt mit einem offenen Haus für die breite Bevölkerung trägt diesem Bedürfnis Rechnung.

Publikum will ernst genommen werden

Eines gilt es dabei aus kritischer Warte anzumerken: Wollen die darstellenden Künste überleben, müssen sie das Publikum über alle Sparten hinweg ernst nehmen. Die Darbietungen müssen bei den Leuten ankommen. Ein nachdenklich stimmendes Beispiel: Vor Jahren trat anlässlich der Operette «Die Antilope» zu Beginn eine Frau mit den Worten vor das Publikum: «Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie das Stück nicht verstehen. Wir verstehen es auch nicht.»

Ob dies allenfalls bloss als Provokation gemeint war? Solche Bankrotterklärungen können zum Bumerang werden. Von der Regie ist zu erwarten, dass sie weiss, was sie da spielen lässt und vor allem auch, weshalb sie es tut. Nur wer sich selber und sein Kunstschaffen ernst nimmt, kann das Publikum auch wirklich berühren und zum Wiederkommen animieren.

Juryentscheid im Rathaus ausgestellt

Mit ihrem Entscheid für das architektonisch visionäre Projekt «überall» wollen die Stadtverantwortlichen die Bevölkerung ernst nehmen. Die 128 eingereichten Projekte haben sie akribisch geprüft. Das Resultat der Entscheidungsfindung legen sie nachvollziehbar vor.

In der Kornschütte können nun alle Interessierten nicht nur das Siegerprojekt besichtigen, sondern auch die besten elf Gegenprojekte sichten. Erst in der Gegenüberstellung treten die Vorteile des Siegerprojekts hervor (zentralplus berichtete). Dass Stadtpräsident Beat Züsli als Schirmherr zum Neuen Luzerner Theater ausdrücklich zum Besuch der Ausstellung einlädt, liegt auf der Hand.

Ob das Siegerprojekt die Unterstützung der Mehrheit der Stimmbevölkerung erhält, ist längst nicht in trockenen Tüchern. Doch die Vorarbeit ist mit der erforderlichen Gründlichkeit gemacht. Der Jury-Entscheid zeugt auf jeden Fall von Courage. Jetzt liegt der Ball bei der Bevölkerung. Jede und jeder darf mitdiskutieren.

Verwendete Quellen
  • Pressekonferenz Projekt für ein Neues Theater Luzern
  • Gespräch mit Beat Züsli
  • Interview NZZ mit Pius Knüsel vom 14.12.
  • Telefonat mit Pius Knüsel

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